Fleischkonsum, Abholzung und (un)nachvollziehbare Zusammenhänge

Apr 1, 2021

Von Lisa Alvarado

Über das Thema Fleischkonsum wird in Europa und auch in der Schweiz schon seit einigen Jahren kritisch diskutiert. Soja aus Brasilien als Tierfutter für Schweizer Vieh ist ein Stichwort. Doch auch direktere Zusammenhänge wie die Abholzung von Primärwald um Viehweiden zu schaffen spielen eine wichtige Rolle. Doch obwohl es viele wissenschaftliche Studien gibt, die solche Zusammenhänge aufzeigen, ist es heute immer noch schwierig, ganze Lieferketten nachvollziehbar zu überwachen. Und die Firmen geraten unter zunehmenden Druck. 

Am 4. März 2021 präsentierten Indigene aus dem brasilianischen und kolumbianischen Amazonas zusammen mit französischen und US-amerikanischen NGO [1] eine Klage vor dem Gericht in Saint-Etienne, Frankreich, und zwar gegen die Casino-Gruppe, ein globaler Detailhandelsriese. Der Grund dafür ist der Verkauf von Rindfleisch, das mit Abholzung und Landraub in Brasilien und Kolumbien in Verbindung gebracht wird.
Im Rahmen des im März 2017 verabschiedeten französischen Sorgfaltspflichtgesetzes, das in Frankreich ansässige Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern dazu verpflichtet, angemessene und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um schwerwiegende Menschenrechts- und Umweltverstöße in ihrer gesamten Lieferkette zu verhindern, fordern die indigenen Gruppen eine Entschädigung für die Schäden, die an ihren traditionellen Gebieten entstanden sind, und für die Auswirkungen auf ihre Lebensgrundlagen. Dies ist das erste Mal, dass eine Supermarktkette wegen Abholzung und Menschenrechtsverletzungen unter diesem Gesetz («loi sur le devoir de vigilance» auf Französisch) vor Gericht kommt. 

 

Fany Kuiru Castro, Direktorin der Nationalen Organisation der indigenen Völker des kolumbianischen Amazonasgebietes (OPIAC), eine der anklagenden indigenen Organisationen, zeigt anhand des indigenen Volkes der Nukak in Guaviare die Auswirkungen der Viehwirtschaft. Um mehr Weideflächen zu schaffen, werden grosse Waldflächen abgeholzt, welche traditionell von den Nukak genutzt wurden. Die Bevölkerung der Nukak wurde in den letzten Jahren durch dieses Eindringen in ihr Territorium stark dezimiert. Indigene auf der ganzen Welt betonen immer wieder ihren Bezug, aber auch ihre Abhängigkeit von ihrem Territorium. Ihre Identität ist verbunden mit geographisch spezifischen spirituellen Orten, die von ausländischen Investoren, mit Erlaubnis der nationalen Regierung, ignoriert und abgeholzt werden. Dazu kommt, dass ihre Jagdgründe kleiner werden, wodurch eine wichtige Nahrungsquelle eingeschränkt wird. Ausserdem bringen Holzfäller häufig Krankheiten, Prostitution und Alkohol in abgelegene Gegenden, wie es das Gebiet der Nukak ist. „Wir fordern einen Plan zur Überwachung der Lieferkette, damit sichergestellt werden kann, dass kein Glied im Fleischproduktionsprozess die Rechte der indigenen Völker verletzt“, so Kuiru Castro.

 

Bei der Klage in Frankreich geht es im Fall Kolumbien um die Exito-Gruppe, welche zur angeklagten Casino-Gruppe gehört. Die bekannte Supermarktkette hat Filialen im ganzen Land, und bezieht auch Fleisch aus dem eigenen Land. Auf Nachfrage der Zeitung El Tiempo antwortete die Exito-Gruppe, dass sie Pioniere seien in der Umsetzung einer nachhaltigen Fleischproduktion, und dass sie 100% ihrer Anbauflächen (mehr als 37’000 ha) ihrer 39 Lieferanten überwachen, «weshalb das gesamte Fleisch, das in unseren Geschäften verkauft wird, von Farmen stammt, die sich für den Erhalt der natürlichen Ökosysteme einsetzen.» So hat die Firma letztes Jahr auch das Label GANSO eingeführt, welches Produkte mit sogenannten Nachhaltigkeitsattributen auszeichnet und die es momentan in 5 Filialen des Carulla FreshMarket zu kaufen gibt.
Doch obwohl das Monitoringsystem der Exito-Gruppe zusammen mit dem WWF und weiteren Umweltorganisationen erstellt wurde, beinhaltet es einige Lücken. So wird beispielsweise nur die letzte Phase (Mastphase) der Rinderzucht überwacht. Das heisst, es kann nicht sichergestellt werden, dass die Produkte keine Abholzung oder Verletzung der Menschenrechte bedeuten, da die anderen Phasen gar nicht überwacht werden. 

 

Und es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb diese überaus positive Aussage von Exito mit Vorsicht zu geniessen ist. Denn während die Lieferkette in Brasilien tatsächlich einigermassen nachvollzogen werden kann [2], fehlen in Kolumbien die dazu nötigen Informationen. Laut Javier Ortiz, Direktor des Tropical Forest Alliance (TFA) ist es in Kolumbien unmöglich zu wissen, welcher Supermarkt Fleisch verkauft, das von Flächen kommt, die zuvor entwaldet wurden, weil diese Nachverfolgung schlicht nicht gegeben ist. «Ich würde gerne wissen, woher sie [die Éxito-Gruppe] die Informationen bekommen, um zu wissen, woher das Fleisch von Éxito kommt, denn bisher weiß das niemand, und genau daran arbeiten wir mit den Unternehmen und dem Staat, denn in Kolumbien gibt es keine Rückverfolgbarkeit der Viehbestände.» sagt Ortiz. Sie seien daran, die Informationen über Entwaldung, die vom kolumbianischen Landwirtschaftsinstitut (ICA) bearbeitet werden, mit denen des Instituts für Hydrologie, Meteorologie und Umweltstudien (IDEAM) zu kreuzen. Das sei die einzige Möglichkeit, herauszufinden, wo Vieh auf ehemals bewaldeten Flächen gehalten werde. Doch hier tauche bereits ein erstes Hindernis auf. Das ICA hält seine Informationen streng geheim, seien diese doch vertraulich und teils höchst sensibel, weshalb sie nicht einmal mit anderen Regierungsstellen geteilt werden. Weshalb die Daten teils sensibel seien, ist nicht bekannt.
Trotzdem sieht Ortiz die Exito-Gruppe durchaus als für die Umwelt engagiert. So ist sie denn Teil der freiwilligen Abkommen für «Null-Abholzung» [3] und auch sonst laut Ortiz sehr engagiert, eigene Analysen ihrer Lieferanten durchzuführen, um zu verstehen, wo die Schwachpunkte in ihren Lieferketten liegen könnten. 

 

Leider reicht freiwilliges Engagement in den allermeisten Fällen nicht aus, und eine Aussage der Casino-Gruppe zeigt klar die Wichtigkeit der Klage in Frankreich. In einer Antwort an die Kläger teilt die Casino-Gruppe mit, dass sie es «aufgrund der geringen Anzahl an Berichten, die Rinder als Treiber der Abholzung in Kolumbien in Verbindung bringen» nicht für relevant halten, das Land in den Geltungsbereich ihres Sorgfaltspflichtplans aufzunehmen.
Mit dieser Aussage versucht sich die Casino-Gruppe klar aus der Verantwortung zu ziehen. Denn wie bereits weiter oben dargelegt, liegt der Grund für die geringe Anzahl Berichte darin, dass das ICA seine Daten nicht öffentlich macht. Das heisst aber nicht, dass gar keine Daten vorhanden sind. Es gibt durchaus viele Berichte die bezeugen, dass Kolumbien eine der höchsten Entwaldungsraten der Welt hat, und Viehzucht dabei die Hauptursache ist. 

 

Wenn die Klage vom Gericht in Saint-Étienne, dem Sitz der Casino-Gruppe, angenommen wird, könnte der Fall frühestens in einem Jahr vor Gericht gehen. Laut dem Anwalt Sebastien Mabile von Seattle Avocats wollen sie mit diesem Prozess erreichen, dass das Unternehmen „einen neuen Plan mit geeigneten Maßnahmen beschließt, um die Abholzung bei der Lieferung von Rindfleisch im Amazonasgebiet zu stoppen“. Darüber hinaus fordern die Kläger eine „Entschädigung für erlittene Schäden“ in Höhe von mehr als drei Millionen Euro für die vertretenen indigenen Gemeinden und 10.000 Euro für jede Klägervereinigung als Anerkennung des „moralischen Schadens“.

 

 

Dieser Artikel basiert auf folgenden Quellen:

https://www.asso-sherpa.org/amazon-indigenous-communities-and-international-ngos-sue-supermarket-giant-casino-over-deforestation-and-human-rights-violations 

https://www.eltiempo.com/vida/medio-ambiente/acusan-a-cadena-de-supermercado-francesa-de-deforestar-en-colombia-570783 

https://www.semana.com/actualidad/articulo/demandan-a-grupo-casino-en-francia-por-deforestacion-en-la-amazonia/59763/ 

https://elpais.com/clima-y-medio-ambiente/2021-03-03/indigenas-de-colombia-y-brasil-demandan-a-una-cadena-de-supermercados-francesa-por-la-deforestacion-de-la-amazonia.html 

https://www.dw.com/es/amazonas-organizaciones-ind%C3%ADgenas-denuncian-a-cadena-de-supermercados-francesa/a-56788449 

Kommentar der Regiogruppe Luzern:

Wir empören uns, dass die KVI Gegner*innen damit argumentieren konnten, dass die Schweiz das erste Land mit einer solchen Regelung wäre. Doch eigentlich zeigt gerade dieser Artikel, dass die anderen Länder bereits in der Umsetzung des KVI Anliegens sind. Wir sind überzeugt, dass es Sinn macht, solche Anliegen wie diejenige der Indigenen im Land der Mutterkonzerne anzuprangern. Genau dieses Beispiel bestätigt dies wieder.

Ein Artikel zum Vergleich zum Thema Konzernverantwortung aktuell aus der Schweiz:

 

 

 

[1] Die Kläger bestehen aus den indigenen Dachorganisationen des brasilianischen und des kolumbianischen Amazonas (COIAB und OPIAC), der indigenen Organisationen des Pará (FEPIPA) und des Mato Grosso (FEPOIMT), der pastoralen Landkommission (CPT) und den NGO Canopée, Envol Vert, France Nature Environnement, Mighty Earth, Notre Affaire à Tous und Sherpa.
[2] Die Analyse des Center for Climate Crime Analysis (CCCA) zeigt, dass die Casino Gruppe regelmässig Fleisch von drei Schlachthöfen bezogen hat, die dem Fleischriesen JBS gehören. Diese drei Schlachthöfe bezogen Rinder von 592 Lieferanten, die zwischen 2008 und 2020 für die Entwaldung von mindestens 50’000 ha verantwortlich waren. Das ist eine Fläche fünfmal so gross wie Paris.
[3] Dies sind Abkommen, die getragen werden von der Tropical Forest Alliance (TFA), dem UNO-Programm für Entwicklung, der New Yorker Erklärung über Wälder und dem kolumbianischen Runden Tisch über nachhaltige Viehhaltung. Laut dem kolumbianischen Umweltministerium hat die Regierung mit Unterstützung der TFA eine Reihe von freiwilligen Vereinbarungen zwischen Wirtschaftssektoren angeführt, in denen sie sich verpflichtet haben, den Abholzungs-Fußabdruck ihrer Lieferketten zu eliminieren; so entstanden die „Acuerdos cero deforestación“, eine Strategie, die zum Erhalt stehender Wälder beitragen und verhindern soll, dass landwirtschaftliche Rohstoffe ein Faktor der Abholzung sind, und die es den Verbrauchern ermöglicht, Null-Abholzungs-Produkte auf dem Markt zu erkennen. Solche freiwilligen Abkommen gibt es bisher in den Sektoren Palmöl, Milchwirtschaft, Viehhaltung und Kakaoanbau. Quelle: https://www.minambiente.gov.co/index.php/acuerdos-cero-deforestacion