Es geht in die zweite Runde

Mai 31, 2022

Von Lisa Alvarado

Gustavo Petro und Rodolfo Hernandez kommen in die zweite Runde. Das ist mal eine Überraschung! Nicht unbedingt Petro, der fast als gesicherter Kandidat für die zweite Runde galt, aber Rodolfo Hernandez, ehemaliger Bürgermeister von Bucaramanga, der nach den Wahlen im März nicht mal in die Umfragen aufgenommen wurde und erst in den letzten Tagen überhaupt in den Prognosen auftauchte. Die allermeisten Voraussagen hielten ‘Fico’ Gutierrez oder dann Sergio Fajardo für Kandidaten, die es in die zweite Runde schaffen könnten.

Fast 22 Millionen Kolumbianer*innen haben gestern gewählt, das entspricht einer Wahlbeteiligung von knapp 55%. Und wie sie gewählt haben, die Kolumbianer*innen! Gegen das Establishment, für einen Wandel. Und zwar den radikalen Wandel. Die Wahlergebnisse zeigen deutlich die Unzufriedenheit mit der Regierung Duque, dem Uribismus und allgemein der politischen Elite, welche das Land bisher regiert hatte. Mit Petro und Hernandez kommen zwei Kandidaten in die zweite Runde, die beide mit der traditionellen Elite brechen. Es ist das erste Mal in der Geschichte seit es dieses System der zwei Runden in Kolumbien gibt, dass die traditionellen Parteien (Konservative und Liberale) nicht in die zweite Runde gelangen. Besonders Hernandez als Parteiloser und mit wenig Kampagnengeld verkörpert einen Hass gegen die traditionelle politische Elite.

Gustavo Petro erhielt 40% aller Stimmen, was zwar weit weg war von seinem Ziel, bereits in der ersten Runde zu gewinnen, ihn aber mit Abstand auf erster Position in die zweite Runde bringt. Damit hat er auch deutlich die Schwelle der 30% überschritten, die die Linke üblicherweise unter sich vereint. Er hat 2.7 Millionen Stimmen mehr als noch im März erhalten. Im Vorfeld der Wahlen am 29. Mai wurde in den sozialen Medien vor allem dem Pacto Histórico grosse Chancen auf den Sieg angerechnet, ja schon fast als sicher bewertet. Allerdings wurde auch davor gewarnt, sich nicht zu früh zu freuen.[1] Das Erscheinen von Rodolfo Hernandez hat ihm jetzt nämlich die Sicherheit genommen, auch die zweite Runde zu gewinnen.

Hernandez ist definitiv eine grosse Überraschung. Er kommt mit 6 Millionen Stimmen (28%) in die zweite Runde und hat damit sowohl Federico Gutierrez wie auch Sergio Fajardo hinter sich gelassen. Der 77-jährige Bauunternehmer kommt aus einer weissen Familie aus Piedecuesta, Santander. Sein Vater war Schneider, seine Mutter hatte in den 1970er Jahren eine Hacienda mit Zuckermühle (trapiche), auf wessen Grund Rodolfo später 800 Häuser baute.[2] Hernandez ist zwar schon seit den 1990er Jahren in der Politik tätig, schien sich aber immer mehr für sein Bauunternehmen zu interessieren als für die Politik. Trotzdem wurde er 2015 Bürgermeister von Bucaramanga. Das Resultat war sehr überraschend, und es stellte sich dann heraus, dass er die Wahl gewann, weil er Zettel verteilt hatte, worauf er Wohnungen und Arbeitsplätze versprach, falls er gewählt würde. Das Versprechen hielt er aber nie. Während seiner Zeit als Bürgermeister zeigte sich Hernandez sehr bürgernah, indem er jede Woche Live-Sendungen auf Facebook abhielt. Seine Diskurse zeichneten sich dabei immer wieder durch Spontaneität und manchmal auch heftige Ausbrüche aus. Der grösste Skandal ergab sich aber, als er versprach, das Abfallproblem von Bucaramanga zu lösen, wobei er sich in einen Korruptionsfall verstrickte, der auch seinen Sohn involvierte.

Seine Haltung zum Friedensabkommen ist nicht unbedingt so klar. Sowohl sein Vater wie auch seine Tochter wurden von Guerillagruppen entführt. Sein Vater von der FARC, seine Tochter 2004 vom ELN und sie wurde seither nie wieder gesehen. Hernandez hat zwar Nein gewählt beim Plebiszit in 2016, aber er hat gesagt, dass er das Friedensabkommen verteidigen wird und auch bereit ist, mit dem ELN zu verhandeln.[3]

 

Doch zurück zu den Wahlen vom Sonntag. Die Niederlage von Federico Gutierrez ist für die politische Klasse Kolumbiens sicher die schlimmste Strafe, die grösstenteils vereint hinter ihm gestanden ist. Und was wird jetzt in der zweiten Runde am 19. Juni passieren? Darüber wird schon fleissig diskutiert. Ein Artikel der Zeitschrift Silla Vacia[4] spricht Hernandez die Favoritenrolle zu, weil dieser zwar in der ersten Runde viel weniger Stimmen erhielt als Petro, es für ihn als Überraschungskandidat in der zweiten Runde aber einfacher sein wird, an Stimmen zu gewinnen. Petros 40% sind viel fixer als Hernandez’ 28%. Denn jetzt wo Gutierrez und Fajardo aus dem Spiel sind, gibt es viele ‘freie’ Stimmen, wovon viele aber schon aus Prinzip sicher nicht Petro wählen werden. Hernandez hat zudem bereits gestern in allen Departementen wo das ‘Nein’ beim Plebiszit im Jahr 2016[5] gewonnen hat, oder anders ausgedrückt in der ‘Nation Uribe’, gewonnen (ausser Antioquia, Quindio und Risaralda). Verschiedene Unternehmen empfahlen, drängten oder nötigten sogar ihre Mitarbeitenden in der ersten Runde, ihre Stimme Federico Gutiérrez oder jedenfalls nicht Gustavo Petro zu geben. Das Spektrum reicht von Mails, die eine bestimmte Wahl suggerieren über Drohungen, Mitarbeiter*innen zu entlassen, die für Petro stimmen bis zu Bestechung in Form von Essensgutscheinen für Wahlveranstaltungen von ‘Fico’.[6] All diese Formen sind illegal. Auch die US-amerikanische Regierung schien sich, wenig überraschend, in den Wahlkampf einzumischen. Bei einer Rede des Botschafters Philip Goldberg sagte dieser, dass sie Informationen über eine mögliche Finanzierung der russischen und venezolanischen Regierungen hätten. Obwohl keine Namen genannt wurden, bezog sich der Botschafter dabei offensichtlich auf den Wahlkampf Petros mit der, wenn auch indirekten, immer wieder aktuellen Anschuldigung von Kommunismus. Der Diplomat äusserte seine Besorgnis auf eine mögliche Einmischung anderer Länder (konkret Russland, Venezuela und Kuba), während die eigene Einmischung dabei keine Sekunde hinterfragt wurde.[7]

 

Auf jeden Fall wird es eine noch nie gesehene zweite Runde, weil sowohl Petro als Oppositionskandidat wie auch Hernandez als Parteiloser die politische Elite zwingen werden, sich für etwas anderes als das immer Gleiche zu entscheiden.

Strategisch wird sich Petro wohl jetzt für die zweite Runde als die ‘institutionelle’, verantwortliche und sichere Wahl präsentieren, gegenüber dem ‘Schuss in die Luft’, den Hernandez darstelle. Er wird ihn auch versuchen als neuen Repräsentanten der politischen Rechten zu präsentieren. Ausserdem wird er versuchen, Hernandez’ Bild des Antikorrupten ins Wanken zu bringen.

Hernandez’ bisher praktisch einziges Versprechen war, mit der ‘robadera’ (Räuberei) der politischen Elite zu brechen.

 

 

Die Informationen in diesem Artikel stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus folgenden Artikeln:

https://www.semana.com/nacion/articulo/entre-gustavo-petro-y-rodolfo-hernandez-quien-gobernara-a-colombia/202232/

https://www.elespectador.com/politica/elecciones-colombia-2022/petro-hernandez-un-mensaje-de-rechazo-a-la-vieja-clase-politica/

https://www.lasillavacia.com/historias/silla-nacional/petro-y-rodolfo-un-voto-masivo-contra-el-establecimiento/

https://amerika21.de/2022/05/258319/petro-und-hernandez-stichwahl-kolumbien?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=weekly

 

[1]https://www.nodal.am/2022/04/elecciones-presidenciales-2022-encandilados-por-carlos-alberto-gutierrez-marquez/

[2] https://www.lasillavacia.com/historias/silla-nacional/una-incognita-llamada-rodolfo/

[3] https://www.elespectador.com/colombia-20/conflicto/de-pablo-escobar-a-la-guerrilla-asi-afecto-el-conflicto-a-petro-rodolfo-fico-y-fajardo-elecciones-2022/

[4] https://www.lasillavacia.com/historias/silla-nacional/petro-y-rodolfo-un-voto-masivo-contra-el-establecimiento/

[5] Bei diesem Plebiszit ging es darum, ob das Friedensabkommen zwischen der Regierung Santos und den FARC von der Bevölkerung auch gewollt und akzeptiert wird.

[6] https://amerika21.de/2022/05/258136/kolumbien-noetigung-firmen-gegen-petro?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=weekly

[7] https://amerika21.de/2022/05/258070/kolumbien-usa-greifen-wahlkampf-ein?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=weekly