Wenn Unschuldige den Krieg Anderer führen

Aug 17, 2021

Von Kyle Jhonson et al, übersetzt von Lisa Alvarado

Im Pazifikdepartement Nariño bieten bewaffnete Gruppen Minderjährigen im Alter von 15, 16 und 17 Jahren Führungspositionen an, um sie anzulocken. Diese neuen Anführer verkörpern laut einem Artikel[1] der Zeitung El Espectador die schlimmsten Auswirkungen der Zwangsrekrutierung. Dieser Artikel ist eine Übersetzung des Artikels auf Spanisch.

 

Die Verschlimmerung der beiden wichtigsten bewaffneten Konflikte in der Pazifikregion Nariños hat ein solches Ausmaß erreicht, dass die Gemeinden in manchen Fällen lieber Minderjährige zum Militär schicken, um zu sehen, ob diese sie aufnehmen, als sich von den bewaffneten Gruppen rekrutieren zu lassen: Waffen sind also ohnehin Option A und Option B.

Der Streit zwischen der 30. Front und der mit der AGC (Autodefensas Gaitanistas de Colombia) und dem Westlichen Block Alfonso Cano verbündeten Frente Oliver Sinisterra (FOS) betrifft die Zivilbevölkerung stark, vor allem in Gemeinden wie Roberto Payán, Magüí Payán, Olaya Herrera und El Charco. Der Konflikt zwischen Los Contadores und der FOS terrorisiert die ländliche Gegend von Tumaco. Die Intensität dieser Konflikte hat das „Bedürfnis“ der Gruppen erhöht, die im Kampf Getöteten zu ersetzen.

Die 30. Front, FOS und Alfonso Cano sind allesamt Dissidentengruppen der FARC. Die erste gehört zum „Western Coordinating Command“, einem Dachverband von Dissidentengruppen, die sich untereinander koordinieren, obwohl unklar ist, wie. Die Alfonso Cano gab im Dezember 2020 offiziell ihre Zugehörigkeit zur Zweiten Marquetalia bekannt, die von Ivan Marquez angeführt wird. Die AGC, die auch als Clan del Golfo bekannt sind und deren Kommandant Matamba kürzlich in Santander gefangen genommen wurde, sind mit der FOS verbündet und konnten daher in das Gebiet eindringen; sie sind nicht mit der Zweiten Marquetalia verbunden, wie die Regierung kürzlich behauptet hat.

 

An der Pazifikküste von Nariño haben alle diese Gruppen Jugendliche rekrutiert, und zwar mit lockenden Angeboten. Früher, in Orten wie Magüí Payán, El Charco und Roberto Payán, „wurde den Rekruten zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Pesos (aktuell gut 400 CHF) bezahlt. Jetzt gibt es Angebote zwischen 3,5 und 3,8 Millionen Pesos (aktuell ca. 900 CHF)“, sagte eine sachkundige Quelle. „Sie zahlen ihnen so viel, um Kanonenfutter zu sein, um sich dem Krieg zu stellen.» So viel Geld hat eine große Anziehungskraft in einer Gegend, in der Armut die Realität für die große Mehrheit der Bevölkerung ist.

Darüber hinaus werden Minderjährige im Alter von 15, 16 und 17 Jahren mit Führungspositionen angelockt. Tatsächlich ist ein Kommandant der 30. Front in El Charco nur 17 Jahre alt. In Magüí Payán ist ein anderer FOS-Kommandant nicht älter als 18 Jahre. Das ist neu, denn früher durchliefen die jungen Männer in der Regel ein internes Beförderungsverfahren, in dem sie nach ihrer Tätigkeit als Boten oder Späher zum Beispiel in den Rang eines Quartiermeisters aufsteigen konnten. „Früher hat man ihnen zuerst kleine Dinge gegeben, dann Geld, und dann hat man ihnen eine Waffe gegeben. Jetzt gibt es gleich Geld und Waffen, und sie sagen ihnen, dass sie die Führung übernehmen und [mit dem Geld] die Häuser ihrer Mütter reparieren können“, sagt eine soziale Führerin aus einem Viertel, deren Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen werden.

Diese neuen bewaffneten Anführer kennen weder die Grundlagen des humanitären Völkerrechts, noch wissen sie über die Organisationen Bescheid, die in diesem Gebiet präsent sind und sich seit Jahrzehnten dort befinden, noch verstehen sie die minimalen Regeln des Krieges. „[…] Sie verstehen so grundlegende Dinge nicht, wie Schulen nicht anzugreifen, und was man jetzt in vielen ländlichen Gegenden der Pazifikküste von Nariño sieht, sind zerstörte Schulen“, sagt eine Person vor Ort, die wir zu ihrer Sicherheit nicht zitieren.

Die Auswirkung dieses Mangels an Wissen über die minimalen Regeln des Krieges, teilweise aufgrund der beschleunigten Rekrutierung ist, dass es eine Entmenschlichung des Konflikts in der Region gibt. Außerdem wird es dadurch noch schwieriger, eine Mediation durchzuführen. Dies war früher möglich, weil diejenigen, die die Gruppen anführten, in diesen Fragen gebildeter waren und besser über die politische Situation informiert waren.

 

In Tumaco neigen die Gruppen dazu, mehr mit Gewalt als mit Angeboten zu rekrutieren. Eine Gemeindeleiterin sagt, dass in Dörfern wie La Variante, La Espriella oder Tangareal „alle acht Tage Gruppen von Minderjährigen ankommen. Die Botschaft lautet: Väter, die sich nicht um ihre Kinder kümmern, haben sich nicht zu beschweren, wenn die Kinder weggenommen werden.» Sie sagt sogar, dass sie in der letzten Zeit vor ihrer Vertreibung mit den Eltern eines 17-jährigen Jungen zum Kommandanten einer Gruppe ging, um ihn zu bitten, ihn nicht wegzunehmen. „Sie antworteten, dass sie Verstärkung brauchen und dass diejenigen, die nicht ‘aufpassen’, rekrutiert werden“, so die Gemeindeleiterin, die vertrieben wurde, weil sie versuchte, die Rekrutierung von Minderjährigen zu verhindern.

 

Die Situation ist so ernst, dass die Strategie der Gemeinden manchmal darin besteht, gefährdete Jugendliche zum Wehrdienst zu schicken, um zu verhindern, dass sie von bewaffneten Gruppen rekrutiert werden. Mit anderen Worten: Um zu verhindern, dass sie am Ende die Waffen der einen tragen, tragen sie die Waffen der anderen. Alles andere – Bildung oder (informelle) Arbeit – ist in diesen Fällen keine Option. „Die Kinder werden sich für den Dienst zur Verfügung stellen, auch wenn sie wissen, dass sie nicht angenommen werden, weil sie noch nicht alt genug sind. Aber entweder das oder sie werden von illegalen Gruppen rekrutiert“, sagt ein sozialer Führer. Es ist eine Situation, die an die schwierigsten Jahre der bewaffneten Konfrontation zwischen Paramilitärs und Guerilla erinnert, als Familien jedem bewaffneten Akteur ein Kind schickten, um Schutz zu suchen.

 

In Tangareal, einem Dorf an der Straße von Tumaco nach Pasto, wo der Krieg zwischen Los Contadores und der FOS tobt, wurden in diesem Jahr mindestens drei Minderjährige entführt, und Los Contadores haben versucht, noch weitere zu rekrutieren. Tatsächlich stellten sich drei Minderjährige, um nicht rekrutiert zu werden, bei der Armee vor, aber zwei wurden abgewiesen. Einer landete in Bogotá, der andere blieb im Dorf und wurde ebenfalls kürzlich rekrutiert. Verschiedenen Quellen zufolge zwingt die FOS entlang der Straße, in den Dörfern und Städten in der Nähe von Llorente Minderjährige unter 14 Jahren dazu, an jeder Sitzung des Gemeinderats (JAC) teilzunehmen, um sie zu zählen und die „Geeigneten“ zu rekrutieren. Dies geschieht auch in der Gegend von Alto Mira und Frontera, wo mehrere Familien aus Angst, dass die bewaffneten Gruppen – FOS und Los Contadores – ihre Kinder rekrutieren, weggegangen sind.

In Tumaco-Vierteln wie Nuevo Milenio, so berichtet eine andere Person, die es aus erster Hand weiß, sind die Mitglieder des Alfonso Cano Westblocks unzufrieden, wenn sie nicht mindestens ein Kind pro Haushalt bekommen, die mehrere haben. Es ist auch üblich, dass arbeitslose Minderjährige mit Mitgliedern der bewaffneten Gruppen, die einige der Stadtteile kontrollieren, „zusammenarbeiten“, was das Risiko erhöht, dass sie später rekrutiert werden.

Anzeigen gegen gewaltsame Rekrutierungen sind minimal im Vergleich zur wahren Dimension des Problems. Einerseits erstatten die Menschen keine Anzeige, weil dies von den Gruppen als ein Vergehen angesehen wird, das sie das Leben kosten könnte; andererseits ist die Sicherheitslage so ernst, dass Institutionen wie das Büro des Ombudsmanns oder das kolumbianische Institut für Familienfürsorge (ICBF) oft nur die Gemeindehauptstädte erreichen können, während sich das Problem vor allem auf die ländlichen Gebiete konzentriert.

Ein Beweis für diese Untererfassung ist, dass zwischen März und September letzten Jahres, laut den Zahlen des Büros des Ombudsmannes vom April 2021 – die die Auswirkungen der Pandemie auf Rekrutierungsprozesse messen – nur zwei Fälle von Rekrutierung in Nariño registriert wurden, von nur 83 landesweit gemeldeten. Und obwohl Tumaco nie die Liste der Gemeinden verlässt, die in dieser Angelegenheit für eine drohende Gefahr priorisiert werden, führt die Warnung nicht zu einer Reduzierung des Phänomens.

Die Dunkelziffer zeigt sich auch in den Zahlen des ICBF, denn nach deren Angaben ist sogar ein Rückgang zu verzeichnen: von 149 rekrutierten Minderjährigen im Jahr 2018 ging es auf 97 im Jahr 2019 und 71 im Jahr 2020, wobei es genügend Grund zu der Annahme gibt, dass während der Pandemie das Gegenteil passiert ist. Tatsächlich wurden nach Angaben der Coalico (Coalición contra la vinculación de niños, niñas y jóvenes al conflicto armado en Colombia) im Jahr 2020 mindestens 222 Kinder Opfer von Rekrutierung oder waren gefährdet, rekrutiert zu werden.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die verschiedenen bewaffneten Konflikte in der pazifischen Region Nariño bald enden werden: Keine Gruppe ist bereit, auch nur einen Zentimeter ihres Territoriums aufzugeben, und alle sind bereit, um das gesamte Gebiet zu kämpfen. Und so benachteiligt wie sie sind, werden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weiterhin Zielscheibe für die Rekrutierung nicht nur für den Krieg, sondern jetzt auch für dessen Führung sein.

 

Dieser Artikel stimmt einen nachdenklich und besorgt in Zeiten, wo alle Augen auf die grossen Städte gerichtet sind. Doch eigentlich ist klar, dass auch während in den Städten für ein besseres Leben protestiert wird der Konflikt auf dem Land unvermindert weitergeht. Es zeigt die Dringlichkeit, dass die Regierung etwas unternimmt, und dass wir aus der Ferne unser Bestes tun, die Regierung unter Druck zu setzen und die kolumbianische Zivilgesellschaft dabei unterstützen in ihrem Kampf, gehört zu werden.

 

 

[1] https://www.elespectador.com/colombia-20/conflicto/narino-una-guerra-entre-ninos/