«Es ist nicht das erste Mal, dass schwangere Frauen und Kinder in einer Militäraktion sterben»

Mai 4, 2022

Von Lisa Alvarado

Ende März gab es im Putumayo laut verschiedenen Quellen ein Massaker. Laut Verteidigungsminister Molano und Präsident Duque handelte es sich keinesfalls um ein Massaker, sondern um eine erfolgreich durchgeführte Militäraktion. Zeugenberichte und verschiedene, sich widersprechende Aussagen des Militärs stehen sich gegenüber.

Journalisten der Zeitschriften Vorágine, El Espectador und Revista Cambio reisten nach Puerto Leguízamo, um die Geschehnisse zu rekonstruieren, die am 28. März 2022 für mindestens elf Tote gesorgt hatten. Vor Ort entschieden sie, dass diese Geschichte zu wichtig ist, um als Konkurrenten jeder seine Version der Geschichte zu rekonstruieren und sie beschlossen kurzerhand, ihre Kräfte zu vereinen. So sammelten sie gemeinsam rund 30 Zeugenaussagen, Fotos und Videos und schrieben dann damit je ihre Artikel[1]. Aus den gesammelten Informationen ergibt sich, dass offenbar die Militäroperation Mahlon 4 am 17. März startete, wo das Militärkommando gegen Drogenschmuggel und internationale Bedrohungen CONAT[2] (Teil der Flugangriffsdivision) ihren Vormarsch starteten, um nach Alto Remanso zu gelangen. Dort vermuteten sie alias Bruno und alias Managua, zwei Finanzchefs der Drogenbande ‘Comandos de la frontera’, die aus etwa 400 Mitgliedern besteht, darunter ehemalige Mitglieder der 48. Front der FARC, Exparamilitärs, Expolizeibeamte, Exmilitärs, etc. Sie operieren vor allem in den ländlichen Zonen des Valle de Guamez, San Miguel und Puerto Asís, sowie teilweise auf der anderen Flussseite in Ecuador. In der gleichen Region kontrolliert eine FARC-Dissidenz (Frente Carolina Ramírez) die Flüsse Yurilla, Capucha, Mecaya und Putumayo, wo mit Koka beladene Schiffe verkehren. Die beiden Gruppen sind verfeindet.

Nachdem die fünf Militäreinheiten fast eine Woche unterwegs waren, kamen sie am 25. März zu dem Punkt in der Nähe des Dorfes Alto Remanso, wo Bruno und Managua vermutet wurden. Sie waren aber nicht da, also bewegen sich die Truppen weiter. Am Tag danach beginnt in Alto Remanso ein Bazar und Fussballturnier. Das Ziel ist es, mit dem eingenommenen Geld ein Stück Strasse zu zementieren. Das Militär erreicht Alto Remanso und beschliesst, bis am Montag mit ihrer Operation zu warten, damit weniger Zivile vor Ort wären. Am Sonntag, 27. März geht das Fest und Turnier weiter. Am Montagmorgen um 6 Uhr kommen dann Militärs in schwarzer Kleidung (als Mitglieder der FARC-Dissidenz verkleidet) zur Küche des Bazars, stellen sich als Guerilleros vor und schliessen sieben Zivile im Gebäude ein. Laut Zeugenberichten beginnen um 6:45 Schüsse zu fallen. Laut dem Militär beginnen die Schüsse um 7:20 Uhr, nachdem ein Scharfschütze einen Mann identifiziert hatte, der alias Bruno sehr ähnlich sah. Dies war allerdings nicht alias Bruno, sondern offenbar der Präsident der ‘Junta de Acción Comunal’, Divier Hernández Rojas. Er stirbt sofort. Der Gouverneur der indigenen Gemeinde Bajo Remanso, Pablo Panduro Coquinche, liegt angeschossen über eine halbe Stunde auf dem Fussballfeld, bevor auch er stirbt.

«Sie (die Armeesoldaten) eröffneten das Feuer von oben, von unten, von allen Seiten… die Menschen waren in der Mitte, einer rannte, der andere rannte, in dem Durcheinander starben viele Zivilisten, Menschen, die ins Wasser fielen, Menschen, die im Fluss massakriert wurden und versuchten zu fliehen, und sie wurden getötet.»[3] Soweit eine Zeugenaussage.

Je nach Bericht sind ungefähr fünf Mitglieder der Drogenschmuggelbande ‘Comandos de Frontera’ unter den Zivilen, die die Schüsse erwidern. Ein Soldat wird dabei verletzt. Nach 9 Uhr kommen Helikopter und Motorboote, die Verstärkung für das Militär bringen. Danach ziehen die Militärs ihre schwarzen Kleider aus und tauschen sie gegen ihre Uniformen. Sie befehlen allen Zivilpersonen, sich auf dem Fussballfeld mit dem Rücken zu den Toten hinzusetzen und bewachen sie mit Gewehren. Nachdem das Militär Verletzte identifiziert und Tote eingewickelt hat, kommt gegen Mittag die Untersuchungseinheit der Staatsanwaltschaft (CTI) in einem Helikopter des Militärs angeflogen. Am späteren Nachmittag wehren sich die Bewohner*innen von Alto Remanso und in einem Video ist zu sehen, wie sie die Militärs fragen, weshalb sie den Tatort verfälscht und ein Gewehr neben den toten Körper von Pablo Panduro gelegt hätten. Das Militär und die CTI verlassen den Ort gegen Abend. Am Tag darauf verlassen viele Bewohner*innen aus Angst das Dorf und fahren nach Puerto Leguízamo und Puerto Asís. Drei Tage später, am 1. April, kommt die Staatsanwaltschaft nach Alto Remanso, ebenfalls in einem Helikopter des Militärs, und am 2. April begehen drei Militärgeneräle den Tatort, ebenso soziale Organisationen. Der verantwortliche Staatsanwalt bestätigt, dass der Tatort manipuliert wurde. Beispielsweise beweisen drei Fotos, dass der 16-jährige Brayan Santiago Pama zuerst von dem Ort, an dem er gefallen war, weggezogen wurde. Im zweiten Bild sieht man ihn in einem Boot der Marine, neben einem anderen Toten und im dritten Bild hat er plötzlich ein Gewehr auf sich liegen.

Die elf Millionen Pesos (rund 2800 CHF), die während den ersten zwei Tagen des Bazars bereits zusammengekommen waren und die dazu dienen sollten, abgelegene Fincas mit dem Gemeindezentrum zu verbinden, wurden vom Militär konfisziert. Ebenso die 36 Millionen (rund 9000 CHF), die ein Gemeindebewohner bei sich hatte, weil er eben seine Finca verkauft hatte. Die Militärs sagten ihm, dass sie ihn verhaften könnten für den Besitz von so viel Geld, und dass sie ihm als Alternative anbieten, dass er den Geldkoffer auf den Boden legen könne und ohne sich umzuschauen weglaufe.

Natürlich taten auch Militär und Regierung ihre Versionen der Geschehnisse öffentlich kund. Der Erste war der Generalmayor Edgar Rodríguez Sánchez, der Kolumbien verkündete, dass 15 angebliche Mitglieder der bewaffneten Gruppe, die zur ‘Segunda Marquetalia’ gehörten (Comandos de la frontera, die wie oben beschrieben nicht nur aus ehemaligen FARC-Mitgliedern bestehen), «neutralisiert»[4] wurden. Dieser Mann wird in 32 Fällen mit 56 Opfern von ‘falsos positivos’ von der JEP untersucht.

Die offizielle Version des Verteidigungsministers lautet, dass es sich um eine Militäroperation gegen alias Bruno und alias Managua handelte.

Als Journalisten die Staatsanwaltschaft fragten, weshalb sie erst vier Tage nach der Operation am Tatort ankamen, bekamen sie die schriftliche Antwort, dass logistische Schwierigkeiten und klimatische Bedingungen es nicht erlaubten, früher in Alto Remanso anzukommen. Die Journalisten, die selbst teilweise aus Bogotá anreisten, ebenso wie mehr als zehn Menschenrechtsorganisationen, waren jedoch vor der Staatsanwaltschaft vor Ort.

 

Es heisst manchmal, im Krieg seien alle Mittel erlaubt. Konfliktparteien beschuldigen sich gegenseitig, unmenschliche Kriegsmethoden zu benutzen, brutale Bestien zu sein und dass der Gegner die alleinige Verantwortung für den Krieg trägt, währenddem man selbst für eine gute Sache kämpft. Diese angeblichen Tatsachen werden mittels diverser Medien, heute häufig auch übers Internet, verbreitet. In diesem Fall wird besonders die Zeitung Semana angeklagt, die Version des Militärs ohne Hinterfragung wiederzugeben.[5] Auf sozialen Medien werden die Journalisten der oben genannten Zeitschriften als Kommunisten, FARC-Sympathisanten und Ideologen beschimpft.[6] Es gibt einige Inkonsistenzen in der Darlegung der Tatsachen durch die Militärs. Während Militärgeneral Zapateiro Mitte April gegenüber der Zeitung RCN die spontane Aussage machte, dass es nicht das erste Mal sei, dass in einer Militäroperation schwangere Frauen und Kinder sterben[7], beharrt das Militär und Verteidigungsminister Molano weiterhin auf der Aussage, dass keine Zivilen in die Operation verwickelt waren.[8]

Ich frage mich, gibt es menschliche Kriegsmethoden? Und was für ein Interesse haben Kleinbauern und Indigene, die vom Staat ignoriert am Ufer des Putumayos wohnen, eine falsche Version der Ereignisse zu schildern? Sie haben keinen Vorteil davon, sich in ein besseres Licht zu rücken. Sie bekommen möglicherweise nicht einmal mit, was alles über sie in den nationalen Medien verbreitet wird. Doch leider zeigt die Geschichte Kolumbiens, wie gefährlich, ja sogar tödlich Stigmatisierungen sein können und deshalb ist es auch so wichtig, dass möglichst von der Regierung unabhängige Journalisten und auch Zivilpersonen mithelfen, ein klareres Bild zu zeichnen von Geschehnissen, die in Regionen passieren, die normalerweise vom Staat vergessen werden.

 

[1] https://www.elespectador.com/colombia-20/conflicto/militares-disfrazados-de-guerrilleros-y-otras-denuncias-en-el-operativo-militar-en-putumayo/

https://voragine.co/el-operativo-del-ejercito-manchado-con-sangre-de-civiles/

https://cambiocolombia.com/articulo/conflicto/la-linea-de-tiempo-de-la-matanza-de-puerto-leguizamo

[2] Diese Militäreinheit wurde erst vor gut einem Jahr als Antwort auf die steigende Zahl illegaler Gruppierungen im Land gegründet. Die Mitglieder dieser Militäreinheit sind allesamt zwischen 23 und 35 Jahre alt und gehören zu den am besten ausgebildeten Soldaten Kolumbiens. Sie benutzen Taktiken der NATO und des Militärs der USA. Es ist die gleiche Einheit, die in vor Kurzem auch andere gesuchte Bandenmitglieder wie alias Guacho, alias Jhonier und alias Uriel stellten. https://cambiocolombia.com/articulo/conflicto/putumayo-quienes-son-los-hombres-de-negro

[3] https://www.elespectador.com/opinion/columnistas/beatriz-vanegas-athias/puerto-leguizamo-duque-va-desnudo/

[4] Wie eine Kolumnistin des El Espectador sehr richtig fragt: Ist der Tod nicht die letzte Möglichkeit, einen Delinquenten zu ‘neutralisieren’? In Kolumbien gibt es schliesslich keine Todesstrafe. Trotzdem scheint es für die staatlichen Sicherheitskräfte die einzige Umgangsform zu sein. https://www.elespectador.com/opinion/columnistas/yolanda-ruiz/yolanda-ruiz-cada-muerto-es-semilla-de-mas-violencia/

[5] Artikel von Semana, der die Version des Militärs darstellt: https://www.semana.com/nacion/articulo/las-evidencias-que-demostrarian-que-se-trato-de-un-bazar-cocalero-de-las-disidencias-de-las-farc-en-altos-del-remanso-y-no-de-la-comunidad/202227/

Kritik daran: https://www.elespectador.com/opinion/columnistas/nicolas-rodriguez/bazar-cocalero/

[6] https://voragine.co/periodistas-que-investigan-operativo-del-ejercito-son-victimas-de-senalamientos-peligrosos/

[7] Übrigens, was soll das denn bedeuten? Soll das eine Rechtfertigung oder etwa eine Entschuldigung sein?

[8] “Am Montag waren keine Menschen im Dorf, sie waren nicht auf dem Fußballplatz, sie haben nicht getanzt, sie waren nicht auf einem Basar, sie waren nicht in irgendeine Aktivität verwickelt. Unsere Gruppen beobachteten, dass sechs Mitglieder der bewaffneten Struktur in Richtung des Kais gingen”. (Übersetzung durch die ask!) https://voragine.co/las-contradicciones-y-vacios-en-la-version-del-ejercito-sobre-operativo-en-putumayo/