Samen der Hoffnung – Das Schweizer Multitrack-Friedensförderungsprogramm in der Praxis

Dez 2, 2019

Von Lisa Alvarado und Stephan Suhner

Mitte November hatte die ask! Besuch von zwei Menschenrechtsverteidigerinnen aus Kolumbien. Diana Luz Barrios Márceles von COLEMAD und Yesica Blanco Lozano von Sembrandopaz waren im Rahmen des Friedensförderungsprogramms des EDA in Zusammenarbeit mit 10 Schweizer NGOs während einer Woche in Genf und in Bern unterwegs, mit dem Ziel, der Schweiz zu zeigen, wie die Situation in Kolumbien momentan aussieht. Dabei wurden Treffen unter anderem mit dem EDA, an der UNO und an der Geneva Peace Week organisiert.

Ask: Yessica und Diana, was ist der Hintergrund eurer Reise in die Schweiz?
Yessica: Es geht darum, über das Multitrack Friedensförderungsprogramm Semillas de Esperanza zu informieren, das von einem Konsortium aus zehn Schweizer Nichtregierungsorganisationen und dem EDA verantwortet wird. Unsere Reise wurde gemeinsam mit dem Konsortium beschlossen, um in der zweiten Phase des Friedensförderungsprogramms die öffentliche Meinung und politische Akteure in der Schweiz darüber zu informieren. Deshalb kam es zu Treffen an der UNO sowie bei der Schweizer Regierung und zu öffentlichen Veranstaltungen. Das Programm endet gemäss aktueller Planung im September 2020. Wir wollen deshalb auch aufzeigen, was dank dem Programm erreicht werden konnten und hoffen, auch über September 2020 hinaus auf Unterstützung aus der Schweiz zählen zu können.
Diana: Es geht auch darum, auf die grossen Herausforderungen bei der Implementierung des Friedensabkommens hinzuweisen und über die Lage in den Regionen, in denen das Programm arbeitet, zu berichten. Häufig herrscht international die Meinung vor, in Kolumbien herrsche jetzt Frieden, aber bis zu einem wirklichen Frieden ist es noch ein langer Weg. Ebenso wollen wir aufzeigen, wie wir – auch dank der Unterstützung aus der Schweiz – bei allen Schwierigkeiten doch verschiedene Instrumente des Friedensprozesses vermehrt nutzen können.

Ask: Bleiben wir doch zuerst bei der Lage Kolumbiens und beim Stand des Friedensabkommens. Wie präsentiert sich die Lage diesbezüglich?
Yessica: Die Regierung von Präsident Duque zeigt keinen Willen, das Friedensabkommen umzusetzen. Es gab zwar durch die Entwaffnung und Wiedereingliederung der FARC in gewissen Regionen einen Rückgang der Gewalt, aber nicht überall. In vielen Gebieten gibt es weiterhin Gewaltakteure, illegale Wirtschaftszweige und Korruption. Die Regierung antwortet meist mit noch mehr Militarisierung auf die Gewalt, was aber aus unserer Sicht eine untaugliche Strategie ist, insbesondere wenn die Straflosigkeit weiterbesteht. Mehr soziale Investitionen und eine integrale Umsetzung des Abkommens wären zielführender. Wir haben aber eine Regierung, die uns stigmatisiert und nicht zuhört. Die Umsetzung scheitert aber schon an mangelnder Finanzierung, viele Komponenten des Abkommens haben schlicht zu wenig Geld, um zu funktionieren. Das Abkommen ist eine schöne akademische Arbeit, und eine Einigung zwischen der Regierung und der FARC. Es ist aber keine Einigung mit den verschiedenen Sektoren der Zivilbevölkerung, unsere Partizipation war ungenügend. Zudem müssen wir das Abkommen für die konkrete Anwendung in den Regionen übersetzen, überlegen wie wir es nutzen können.
Diana: Das ist ein wichtiger Punkt. Zum Beispiel ist das Abkommen in Genderaspekten weltweit etwas vom Besten, aber auf nationaler Ebene wird praktisch nichts davon umgesetzt. Die Teilhabe der Frauen an den Entscheidungen bezüglich Frieden ist klar ungenügend. Partizipation der Frauen erschöpft sich häuft darin, die Anzahl Frauen an einer Informationsveranstaltung zu zählen, wie wenn wir Gegenstände wären. Wenn aber die Frauen beim Aufbau von Frieden ausgeschlossen werden, fehlen 50% der Bevölkerung. Ohne die Inklusion der Frauen kann es keinen umfassenden Frieden geben. Auch zwei weitere wichtige Aspekte des Friedensabkommens weisen in der Umsetzung grossen Rückstand auf: die integrale Agrarreform und die Umsetzung des Übereinkommens zu Drogen. Ohne grosse strukturelle Veränderungen im Landbesitz und in der ländlichen Entwicklung und ohne Überwindung der Drogenökonomie wird es ebenfalls keinen nachhaltigen Frieden geben.

Ask: Bevor wir auf das Friedensförderungsprogramm und eure konkrete Arbeit zu sprechen kommen: hat das Friedensabkommen aber doch auch schon positive Veränderungen in euren Regionen gebracht?
Yessica: Ja klar. Wie gesagt gibt es verschiedene Instrumente, die wir nutzen können. Die Herausforderung war, diese Instrumente kennen zu lernen, zu wissen wie wir sie nutzen können, das Abkommen quasi für die Basis, mit der wir arbeiten, zu übersetzen und zu interpretieren. Da hätten wir uns von der Zentralregierung wesentlich mehr Unterstützung erhofft. Ein Stück weit ist auch die Angst weg, sich zu äussern, sich einzubringen. Das ermöglicht es, neue Räume zu besetzen, die Partizipation zu fördern und erleichtert unsere Arbeit.
Diana: Das hat sich gerade in den Lokalwahlen vom 27. Oktober gezeigt. Es wurde befürchtet, dass die Regierung und mit ihr die Parteimaschinerie gewinnen wird. Dabei war es aber so, dass viele WählerInnen sich für unabhängige Kandidaten entschieden haben. Es gab auch eine höhere ländliche Stimmbeteiligung, diese stieg von 41% auf 61%, da es in vielen Regionen keine Kooptation mehr gibt durch bewaffnete Akteure. Und bei allen Einschränkungen bezüglich Genderpolitik ist es doch so, dass sich Frauen heute eher getrauen, ihre Stimme zu erheben, für ihre Rechte einzustehen. Es gibt mehr Bewusstsein über die Wichtigkeit der Partizipation, die Frauen müssen sich die Partizipationsräume zu eigen machen, um Veränderungen zu erreichen.

Ask: Nun zum eigentlichen Friedensförderungsprogramm, könnt ihr uns dieses in seiner Struktur und Funktionsweise erklären?
Diana: Wie gesagt wird das Programm gemeinsam vom EDA und 10 Schweizer NGO mit Caritas als Leadagency verantwortet. Im Caritas-Büro in Kolumbien gibt es eine Koordinatorin, die die Umsetzung des Programms mit den beiden Partnerorganisationen Colemad und Sembrandopaz koordiniert. Momentan befinden wir uns in der zweiten Dreijahresphase, diese läuft im September 2020 aus. Es handelt sich um ein sogenanntes Multitrack-Programm, das auf der Basis der Gemeinschaften genauso funktioniert wie auf Ebene des Gesamtstaates und International. Dabei spielt die Schweizer Botschaft in Bogotá eine wichtige unterstützende Rolle. Das Programm hat drei Pfeiler: den gemeinsamen Pfeiler 1, wo z.B. ein Follow-up über die Implementierung des Friedensabkommens gemacht wird, wo die Botschaft die Schutzmechanismen der Gemeinschaften stärkt und wir gemeinsam Kommunikationsmittel haben. Dann gibt es den zweiten Pfeiler, Teilhabe für die gute Regierungsführung, von Sembrandopaz und den dritten Pfeiler, ländliche Gemeinschaften, Frauen und Jugendliche als Akteure der Veränderung, der von Colemad verantwortet wird.

Ask: Könnt ihr uns nun je eure eigene Arbeit innerhalb des Friedensprogramms aufzeigen?
Yessica: Sembrandopaz arbeitet vor allem in den Montes de Maria mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen, mit Frauen, Jugendgruppen, ethnischen Minderheiten, Gemeinschaftsräten, mit Schulen und den Kirchen. Wir engagieren uns insbesondere für ein friedliches Zusammenleben, wozu wir mit praktisch allen Akteuren des Territoriums zusammenarbeiten. Es geht darum, eine nachhaltige Friedenskultur aufzubauen. Wir sehen uns dabei als Mediator zwischen der Zivilbevölkerung und den staatlichen Institutionen. Unsere thematische Arbeit umfasst Wirtschaft für das gute Leben, Versöhnung mit der Umwelt, Kunst/Kunsthandwerk, Ethik und Spiritualität sowie Dialog und Gewaltfreiheit. In Bezug auf die Wirtschaft für das gute Leben fördern wir die Überwindung von Armut und Hunger, da diese den Raubbau am Territorium begünstigen und so der Umwelt schaden. Wir fördern Nachhaltigkeit und eine ökologische Landwirtschaft sowie einen lokalen Ökotourismus. Wir schützen den Wald und Quellgebiete und arbeiten dafür beispielsweise mit Dienstverweigerern zusammen. Im Bereich Kunsthandwerk fördern wir das Recycling. So stellen Frauen z.B. aus gebrauchten Trinkwasserbeuteln Taschen und andere Accessoires her.

Ask: Du hast vorhin erwähnt, wie Vertrauen aufgebaut werden musste und wie das Friedensabkommen für die Region interpretiert werden musste. Welchen Beitrag leistet ihr dazu konkret?
Yessica: Es geht darum, die Arbeit mit der Zivilgesellschaft zu stärken, in die Bildung der Staatsbürger zu investieren und Brücken zwischen den Gemeinschaften und den Akteuren des Territoriums zu bilden. Wir arbeiten mit Opfergemeinschaften und versuchen die Fragmentierung der Zivilgesellschaft aufgrund des Konfliktes zu überwinden. Dialoge helfen für die Vertrauensbildung, wir nennen sie Dialoge zwischen Verschiedenartigen. Ein bewusstes Rollenverständnis der Zivilgesellschaft ermöglicht eine bessere Kommunikation mit Behörden und anderen Akteuren, wozu wir die Bürgerversammlungen (ágoras ciudadanas) stärken. Obwohl jede Region Kolumbiens sehr unterschiedlich ist, ist Kolumbien ein sehr zentralistischer Staat, was zu ungenügender Teilhabe und Kommunikation führt. Die bewaffneten Akteure haben den jeweiligen Regionen und deren BewohnerInnen den Stempel aufgedrückt, was zu gegenseitigem Misstrauen führte. Die Agoras fördern den Dialog zwischen unterschiedlichen Akteuren und stärken die Teilnahme der Bevölkerung. Die politische Partizipation der Basisgemeinschaften konnten wir so klar erhöhen, was sich u.a. in der bewussten Teilnahme und Stimmabgabe bei den Lokalwahlen Ende Oktober zeigte.
Ask: Diana, worin liegen eure Schwerpunkte im Friedensförderungsprogramm?
Diana: Es geht um die Ermächtigung der Bürger, ausgehend von der spezifischen Situation der Frauen. Die Stimme und die Rolle der Frauen in der Friedensförderung ist ein wichtiges Thema für uns, ebenso das wirtschaftliche Empowerment und der Verbleib im Territorium. Das Territorium soll wieder produktiv werden, um es so zu schützen. Dazu entwickelten wir das Konzept der multifunktionalen selbstgenügenden Räume (Espacios multipropositos autosuficientes EMAS). Wir betreiben strategische Prozessführung und politisches Lobbying, verbinden Forschung und Aktion und setzten uns für das Empowerment der Frauen ein. Wir arbeiten in vier Departementen der Karibikregion und rund 50 lokalen Frauenorganisationen. Wir haben einen Genderfokus und arbeiten mit Frauen als Opfer des Konfliktes. Es geht dabei um kollektive Wiedergutmachung, um Landrückgabe und Einforderung der Rechte. Im Endeffekt geht es um Zugang, Nutzung und Kontrolle über Landbesitz. Frauen haben historisch wenig Zugang zu Land.
Ask: Wie setzt ihr das wirtschaftliche Empowerment der Frauen konkret um?
Diana: Ich habe vorhin die mangelnde Umsetzung des ersten Punktes der Friedensvereinbarung erwähnt, die integrale Landreform. Unter anderem sieht der erste Punkt die Erarbeitung eines multifunktionalen Katasters vor, um ein Mapping für die Formalisierung des Landbesitzes zu machen, aber dieses Kataster wurde nicht realisiert. Der alternative Zensus, den Colemad umsetzen will, hilft diese Informationen zu erarbeiten, da der Staat nicht weiss, wie viele Kleinbäuerinnen es gibt, und wie deren Situation und deren Lebensbedingungen sind. Der Censo rural alternativo con enfoque de género hat also zum Ziel, statistische Daten zu erheben über die Lebensrealität der Kleinbäuerinnen, da es von staatlicher Seite kaum Informationen gibt, so dass auch keine angepassten Politiken möglich sind. Frauen haben bis heute wenig Mitsprache bei den Entscheidungsfindungen, sind kaum Grundbesitzerinnen und bekommen keine Kredite. Es gibt eine Feminisierung der Armut. Unser alternativer Zensus wird partizipativ erarbeitet und ein Pilotprojekt der Umsetzung erfolgt 2020.
Unser Genderansatz bedeutet, auch mit den Männern zu arbeiten, da sonst neue Ungleichgewichte entstehen. Wir holen das Wissen und die Erfahrung der Männer gezielt ab. Das war nicht leicht, da es in der Karibik viel Machismo gibt. Die Männer waren auf dem Land immer die Chefs, es galt also auch viele Vorurteile zu überwinden, um den Frauen Raum geben zu können.
Ask: Was habt ihr in euren konkreten Arbeiten vor allem dank der Unterstützung des Friedensförderungsprogramms erreicht?
Diana: Das Friedensprogramm hat die Teilnahme der Frauen an der Friedensagenda erweitert. Früher gab es Angst, teilzunehmen, heute ist die Teilnahme gestärkt. Seitens des kolumbianischen Staates fehlt der Wille, die Rechte zu sichern, es gibt keine institutionalisierten Kanäle für den Dialog. Es gibt kein Budget für die Verwirklichung der Rechte der Frauen, um die historische Diskriminierung der Frauen zu überwinden. Es gibt auch keine Artikulierung zwischen den nationalen und regionalen Entscheidungen und Programmen. Lokale Behörden können keine Entscheidungen fällen in Bezug auf wichtige Themen wie die Landreform. Die Begleitung durch das Schweizer Programm war strategisch, es hat unsere Agenda unterstützt und unseren Forderungen und Mobilisierungen Öffentlichkeit geschafft. So konnte erreicht werden, dass der Staat Antworten geben muss, z.B. bei der Landrestitution und der Wiederherstellung von Rechten. Das Friedensförderungsprogramm hat die Distanz zwischen den ländlichen Weilern und Bogotá verkürzt.
Ein konkretes Beispiel: Colemad unterstützt eine Gruppe von Frauen, die Opfer waren und in einem Landrückgabeprozess stecken. Ihr Land ist immer noch von anderen Akteuren besetzt, im Rahmen des Restitutionsprozesses sind sie bedroht worden und der Staat bietet keinen adäquaten Schutz. So entschlossen sie sich, an die Schweizer Botschaft zu gelangen, die dann half, die Rechte beim kolumbianischen Staat einzufordern. Plötzlich ging es sowohl bei Schutzmassnahmen wie auch den juristischen Prozessen vorwärts.
Yessica: Die komplexe Struktur des Friedensprogrammes ist sein Vorteil. Es brauchte zwar Zeit, die vielen Akteure und das dahinter liegende Potential zu erkennen, aber das ist nun überwunden. Es fördert den Dialog zwischen lokalen Akteuren der Zivilgesellschaft mit den Behörden respektive Institutionen und es fördert gegenseitiges Lernen und Dialoge zwischen Unterschiedlichen. Das Programm half uns, uns besser zu strukturieren und auf verschiedenen Ebenen zu arbeiten. Es gibt eine konkrete Arbeitsplanung und eine effektive Begleitung durch Schweizer NGOs und die Botschaft bei Risiken in den Territorien. Das Friedensprogramm verstärkt unsere Stimmen und macht sie sichtbar, es gibt unseren Aktionen politische Unterstützung. Der kolumbianische Staat achtet nun mehr auf uns und bewegt sich.
Noch gibt es keinen Frieden. Wir haben eine Vision darüber und mit dem Programm haben wir Konzepte und Routen erarbeitet. Man kann es so sagen: Es wurde ausgesät, aber die Samen müssen weiter gegossen werden, noch gibt es keine Ernte. Die Internationale Zusammenarbeit kann noch nicht weggehen, für eine gute Ernte muss weiter gegossen und gedüngt werden.
Diana: Ich kann dem nur beipflichten. Wir hoffen sehr, dass wir über September 2020 hinaus auf Schweizer Unterstützung zählen können. Die mit dem Konsortium erreichten Synergien, den Schutz, den das Programm für unsere Partner bietet, sowie der erleichterte Zugang zu staatlichen Institutionen sind von grossem Wert. Viele Elemente der drei Pfeiler haben bedeutsame Fortschritte erreicht, sind aber noch nicht selbsttragend und wären ohne (finanzielle) Unterstützung aus der Schweiz gefährdet.