Soziale Führungspersonen erneut unter Beschuss

Dez 28, 2020

Von Lisa Alvarado

Stunden, nachdem die Justiz die sofortige Freilassung der drei in der vergangenen Woche festgenommenen sozialen Führer verfügte, sprach einer von ihnen mit VerdadAbierta.com und erläuterte einige der von der Staatsanwaltschaft gegen ihn vorgebrachten Argumente und beharrte auf seiner Unschuld. Die ask! hat Teile des spannenden Interviews übersetzt[1].

Die Nachricht kam wie eine kalte Dusche für die Menschenrechtsorganisationen. Teofilo Acuña, Adelso Gallo und Robert Daza waren nach mehreren Operationen der Nationalpolizei in den Städten Villavicencio, Barranco de Loba und Pasto festgenommen worden.

Die drei sozialen Führer, die dem Nationalen Agrarkoordinator Kolumbiens (CNA) und dem Kongress der Völker (Congreso de los Pueblos) angehören, wurden von der Staatsanwaltschaft 174 der spezialisierten Direktion gegen kriminelle Organisationen (Decoc) beschuldigt, den Unterstützungsnetzwerken der ELN-Guerilla anzugehören, wofür eine Akte im Gericht in der Stadt Popayán eröffnet wurde.

Nachdem sie vor einem Gericht der Stadt Pasto vorgestellt wurden, damit vor diesem Gericht die Festnahmen legalisiert werden konnten und definiert werden konnte, ob sie ins Gefängnis müssen oder nicht, ordnete dieses gestern Abend die sofortige Freiheit von Acuña, Gallo und Daza an, nachdem es in Betracht gezogen hatte, dass sie keine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

Stunden, nachdem er den Ort der Festnahme in Pasto verlassen hatte, sprach Robert Daza mit VerdadAbierta über seinen Fall und den seiner beiden Kameraden, der von Menschenrechtsorganisationen als „falsches jurisitisches Positiv“ (falsos positivos juridicos) betrachtet wird. Damit versucht die Regierung, soziale Führer einzuschüchtern, ein Risiko, das sich zu den systematischen Morden in diesem Jahr hinzugesellt (120 Opfer nach den Aufzeichnungen der UNO, und 296, die von Indepaz berichtet werden).

VerdadAbierta (VA): Warum, glauben Sie, findet diese Strafverfolgung statt?

Robert Daza (RD): Weil es eine Stigmatisierung unserer Organisationen gibt, des Kongresses der Völker, des Nationalen Agrarkoordinators; wegen der Arbeit, die auf nationaler Ebene im Nationalen Agrarstreik, im Kaffeestreik geleistet wurde und wird; auch wegen der Führung des Kampfes zur Verteidigung des Territoriums, besonders in Nariño, gegen diese Monstrosität der transnationalen Bergbauunternehmen.

Und auch wegen der Verhandlungen, die während der Cumbre Agraria stattfanden, und wegen der Führung und Leitung der ganzen Arbeit, die von der Bauernbewegung für die Rechte der Bauernschaft geleistet wurde, die sie [die Regierung] nicht anerkennen wollen und die uns dazu zwingt, auf die Straße zu gehen, und Lobbyarbeit in den Ministerien zu betreiben.

Also, ich denke, das ist störend für einen Staat, der versucht, die Realität der Bauernschaft zu verbergen, die Tragödie, die wir Bauern leben, und der ihre Rechte jeden Tag ignoriert. Wir waren immer in akademischen Foren, in den Medien, haben immer unsere Rechte gefordert. Ich habe den Eindruck, dass sie uns in gewisser Weise aufhalten oder stoppen wollen, weil wir diesen Staat ärgern, der nicht dem institutionellen Auftrag nachkommt, Rechte zu garantieren, insbesondere für die Bauern.

VA: Wird durch diesen Strafprozess, den Sie weiterhin durchführen müssen, Ihre Führungsrolle beeinträchtigt, werden Sie sie weiterhin so ausüben, wie Sie es bisher getan haben?

RD: Beeinflusst, nein. Im Gegenteil, es geht um die Feinabstimmung und die Schärfung des Profils. Denn ich habe gestern Abend meinen Freunden und meiner Familie erzählt, dass meine Mutter mir die Möglichkeit gegeben hat, mit großer Anstrengung Agronomie zu studieren, und dass Gott mir die Gabe der Führung gegeben hat, um den Dienst an der Landbevölkerung über alles zu stellen. Einen Ruf von Gott kann man also nicht aufgeben.

Ich werde diese Arbeit weiterhin machen, nicht wegen meines persönlichen Egos oder so, sondern weil es ein legitimer Job ist, ein Job, nach dem die Leute fragen. […]

VA: Wir möchten, dass Sie uns erzählen, wer Robert ist und wie seine Führungsrolle entstanden ist.

RD: Ich bin ein Bauer, der in der Nariño-Bergkette geboren wurde. Ich hatte die Möglichkeit, Agronomie zu studieren, weil meine Mutter mir die Möglichkeit gab, zu studieren. Später, als ich schon im Berufsleben stand, habe ich noch einen weiteren Beruf erlernt, einen Abschluss in Umweltbildung und Gemeindeentwicklung. Als Student hatte ich die Gelegenheit, den Marsch der Bota Caucana zu begleiten, wo ich Leute vom CIMA (Comité de Integración del Macizo Colombiano) traf.

Später, aufgrund meiner Lebensumstände, lebte ich schließlich ab 1994 in San Pablo, und dort, im Macizo Colombiano, wurde ich mehr in die Bauernkämpfe einbezogen. Als Campesino-Führer bin ich mit dem Klang der CIMA-Mobilisierung und allen Menschen im südlichen Cauca und nördlichen Nariño gewachsen.

Meine Geschichte des Kampfes dauert nicht von 2012 bis jetzt, wie es die Untersuchung der Staatsanwaltschaft darstellt. Ich bin seit den 1990er Jahren hier, als wir in den nördlichen Gebieten von Nariño, vor allem in San Pablo und San Lorenzo, damit begannen, mit Vorschlägen zur Umwelterziehung und ökologischen Kultur zu arbeiten.

Und dann, mit dem Streik von 1999, all die Kämpfe, die gegen den Grossbergbau gewonnen wurden, um den Bergbauunternehmen nicht zu erlauben, in den nördlichen Teil von Nariño einzudringen; und die bäuerliche Organisation rund um das Thema Agrarökologie, denn wir sind daran interessiert, dass die Menschen die bäuerliche Landwirtschaft und die lebenswichtigen Elemente dieser Landwirtschaft, wie das Saatgut, nicht verlieren.

Genau in diesen Bauernstreiks haben wir zum Ausdruck gebracht, dass die Regierung nicht die Erlaubnis geben darf, dass das Saatgut zum Sklaven wird, zum Eigentum der transnationalen Firmen. Das sind die Kämpfe, die wir Hand in Hand mit der Gemeinschaft unternommen haben.

Der Kaffee- und der Agrarstreik waren nicht meine Initiative, sondern die Leute kamen zu mir und sagten: „Wir brauchen dich, damit du uns begleitest und uns beim Agrarstreik unterstützt“.

Wir bildeten die Mesa de Paz in Nariño, aber zu dieser Zeit wurde auch die Mesa Única Nacional gebildet, die später per Präsidialdekret und mit dem gesamten Agrargipfel anerkannt wurde. Dies sind also die Kämpfe, die stattgefunden haben.

Ich habe anderthalb Jahre als Berater von Senator Alberto Castilla in Agrarfragen gearbeitet, aber auch hier war ich in die Arbeit mit der Gemeinde, zu der ich gehöre, eingebunden, weil ich glaube, dass Führungskräfte dort sein sollten, wo die Gemeinde ist. Wenn ich in Bogotá geblieben wäre, denke ich, dass ich entwurzelt worden wäre und mein Profil verloren hätte; dann muss man zurück gehen, um sich neu zu positionieren, um sich mit dieser eigenen Energie zu füllen und dann wieder zurückzukommen.

Sicherlich muss ich jetzt mit diesen Scherereien, verzeihen Sie mir den Ausdruck, die mir die Generalstaatsanwaltschaft verursacht, wieder die Mittel finden, um mein Profil zu schärfen und nach irgendeinem nationalen Szenario suchen, das mir auch Selbstschutz gewährt. Bei so einer Anklage kommt plötzlich auch die Angst um das eigene Leben.

VA: Was haben Sie in den Argumenten des Staatsanwalts für den Antrag auf Ihre Verhaftung beobachtet?

RD: Diese Beharrlichkeit, mich mit irgendwelchen Beweisen in Verbindung bringen zu wollen, die sie bei irgendwelchen militärischen Operationen gefunden haben, und das deutet für sie darauf hin, dass ich irgend ein Typ (fulano) von dieser sogenannten Massenkommission (Comisión de Masas) bin, ich glaube, sie sagten… ja, ich glaube, das war der Name. Und das Beharren darauf, zu zeigen, dass das, was ich tue, als sozialer Führer, ein Befehl oder ein Plan der ELN ist. Sie zeigen es daran, oder beharren eher darauf, dass es seit 2012 sei, seit dem Agrargipfel, aus den bäuerlichen Territorien, aus dem Volkskongress, sie sprechen sogar über die CNA.

Sie erwecken den Eindruck, dass wir diese Organisationen infiltrieren und dass wir Menschen beeinflussen, kriminelle Handlungen zu begehen. Die Behauptung, die der Staatsanwalt an einer Stelle explizit aufstellt, dass die Streiks und der soziale Protest Angriffe auf die Rechtsstaatlichkeit seien, stimmt nämlich nicht, weil das Recht auf sozialen Protest in der Verfassung verankert ist.

Und die andere Sache, die sie nicht in die Beweisführung einbringen, ist, dass die CNA seit 1994 existiert, lange bevor sie sagen, wir seien Infiltrierende. Eigentlich sind wir Gründer und Mitbegründer der CNA. Ebenso sind wir Gründer und Mitbegründer des Volkskongresses, der im Jahr 2010 gegründet wurde.

Wir sind nicht erst gekommen, als diese Organisationen schon funktionierten, sondern wir waren dabei, als sie mit all den Ausdrücken der Mobilisierung, die stattgefunden haben, geboren worden. Wie wollen sie sagen, dass wir etwas unterwandert haben, wo wir doch mit vielen nationalen Führern bei der Gründung dabei waren? Sie haben nicht die Kapazität, ihre Argumente gut zu untermauern. Wir benutzen legitime Wege, um uns für das Wohlergehen von Gemeinschaften einzusetzen und unsere Rechte zu verteidigen.

VA: Vor einem Jahr haben Sie die Silvesterfeierlichkeiten im Alto Llano gefeiert. Wie werden die Feierlichkeiten in diesem Jahr, nach dieser harten Erfahrung, verlaufen?

RD: Mit Freude und der Verbundenheit mit der Gemeinschaft. In diesem Moment wartet die Gemeinde des Dorfes darauf, mich zu empfangen und ein Gebet zur Jungfrau vom Strand (Virgen de la Playa) zu sprechen. Gott zu danken, das ist es, was wir jetzt am Ende des Jahres tun wollen. Ebenso, dort zu sein und dem Leben und unserem Herrn Jesus Christus zu danken, dass wir am Leben sind und das hat uns nicht daran gehindert, weiterhin Führungspersonen zu sein.

[1] https://verdadabierta.com/somos-molestos-para-el-estado-lider-social-robert-daza/