29.01.2019

Verbreitung und territoriale Kontrolle illegaler bewaffneter Organisationen

29.01.2019 | Von Fabian Dreher

Das Institut für Friedens- und Entwicklungsstudien Indepaz untersucht seit 2006 die Verbreitung und Struktur der illegalen bewaffneten Organisationen in Kolumbien. Ihr neuster Bericht über die Entwicklungen im ersten Halbjahr 2018 zeigt die zunehmende Konsolidierung der territorialen Kontrolle durch Narcoparamilitärs, FARC-Folgeorganisationen und Guerillas.

 

Seit der Demobilisierung der Paramilitärs der AUC ab 2006 beobachtet die NGO Indepaz die Verbreitung illegaler bewaffneter Organisationen sowie die Auswirkungen ihrer territorialen Kontrolle. Die im Dezember 2018 publizierte Studie[1] bildet die Situation im ersten Halbjahr 2018 ab und stützt sich auf Informationen von staatlichen Stellen und Behörden wie der Polizei, der Armee, der Staatsanwaltschaft, der Menschenrechtsombudsstelle aber auch Informationen aus den Medien und von sozialen Organisationen und schlussendlich auch eigene Feldrecherchen.

 

Der Bericht unterteilt die illegalen bewaffneten Organisationen in drei Kategorien: Narcoparamilitärs, Gruppen die nach der Demobilisierung der FARC gegründet wurden und andere Guerillas wie z.B. ELN und EPL. Die am weitesten verbreitete Organisation sind dabei die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC, auch unter dem Namen Clan del Golfo bekannt), die 2018 in 225 der 1101 Gemeinden sowie in 22 von 32 Departementen Präsenz zeigten. Weitere narcoparamilitärische Gruppierungen wie Los Puntilleros, Los Rastrojos, etc. sind vor allem lokal und in wenigen Gemeinden aktiv. Gemeinsam sind diesen Organisationen das Streben nach der Kontrolle von Territorium und Bevölkerung sowie die Beteiligung an den Einnahmen illegaler Ökonomien. Nicht zu den narcoparamilitärischen Organisationen rechnet Indepaz die Águilas Negras, da diese weder über eine permanente Organisation noch klare  Führungsstrukturen verfügen. Ebenso streben sie nicht nach territorialer Kontrolle und Beteiligung an den Gewinnen illegaler Ökonomien sondern Verbreiten mittels Todesdrohungen gegen PolitikerInnen, Bewegungen, Gemeinschaften, soziale Führungspersonen und MenschenrechtsverteidigerInnen Angst in der Bevölkerung.

 

FARC-Folgeorganisationen sind nach dem Bericht in 73 Gemeinden, das ELN in 136 Gemeinden und das EPL in neun Gemeinden (vor allem im Departement Norte de Santander) präsent. Gegenüber 2017 konzentrierten sich die FARC-Folgeorganisationen und die Guerillaverbände auf weniger Gemeinden, erwähnenswert ist vor allem die neue Präsenz des EPL im Cauca. Im Bericht nimmt Indepaz auch eine Schätzung der Stärke der illegalen bewaffneten Organisationen vor, verweist dabei aber auf die Schwierigkeiten der Erhebung. Indepaz rechnet den narcoparamilitärischen Gruppierungen etwa 3000 Personen, den FARC-Folgeorganisationen etwas 2500, dem ELN 2000 und dem EPL etwa 250 Personen zu. Der Bericht bezeichnet nur ca. 300 der 2500 Angehörigen von FARC-Folgeorganisationen als „Dissidente“ die sich dem Friedensabkommen nicht angeschlossen haben. Weitere ca. 900 seien „Rückfällige“ (reincidentes), die sich oft aus Enttäuschung oder unter Druck den Folgeorganisationen angeschlossen haben. Etwa 1300 seien neu rekrutierte KämpferInnen.

 

Indepaz teilt die FARC-Nachfolgeorganisationen in drei Kategorien ein: Dissidente, wiederbewaffnete Gruppierungen für illegale Geschäfte (grupos Rearmados para Negocios Ilegales, RNI) sowie Sicherheitsgruppen des Drogenhandels und Mafias (Grupos de Seguridad del Narcotráfico y Mafias, GSNM). Auch wenn die Regierung Kolumbiens und die neue Partei der FARC die FARC-Nachfolgeorganisationen einheitlich als GAOR (Grupos Armados Organizados Residuales) bezeichnen, berufen sich vor allem frühe Dissidente FARC-Mitglieder auf die politischen und gesellschaftlichen Ideale der ehemaligen Guerilla. Die Klassierung von Indepaz hilft, das Phänomen der FARC-Nachfolgeorganisationen differenziert zu betrachten und zu bekämpfen. Gemäss dem Bericht von Indepaz sind die FARC-Nachfolgeorganisationen heute in 65 Prozent weniger Gemeinden präsent als früher die FARC-EP. Auf Grund der Neuordnung der territorialen Kontrolle hat in diesen Gebieten jedoch die Gewalt deutlich zugenommen. Diese Neuordnung ist noch nicht abgeschlossen, auch die Bildung einer neuen Guerilla als FARC-Folgeorganisation auf nationaler Ebene ist möglich. Verschiedene dissidente Fronten sowie dissidente ehemalige FARC-Führungspersonen wie zum Beispiel „alias Gentil Duarte“ verfolgen eine entsprechende Strategie.

 

Der Bericht betont, dass auch Angehörige der staatlichen Sicherheitskräfte (Polizei, Armee, etc.) weiterhin an illegalen Aktivitäten teilnehmen, sei es aus strukturellen Gründen oder weil sie von den illegalen Ökonomien profitieren. Ihre Verwicklung mit dem bewaffneten Konflikt ist ein wichtiger Faktor für die Beharrlichkeit der Kriminalität und damit des bewaffneten Konflikts in vielen Regionen Kolumbiens.

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21.12.2018

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Sie organisierte Film- und Diskussionsabende, Pubquizze und ein Jass- und Tichuturnier und hielt anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags Predigten in katholischen und reformierten Kirchen.

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