10/15/04

Auf Holcims und Nestlés Spuren in Kolumbien - Ein Reisebericht

15.10.2004 | Stephan Suhner

Vom 23. Juli bis zum 8. August 2004 weilte ich zusammen mit dem Dokumentarfilmer und Journalisten Frank Garbely in Kolumbien, um für zwei Reportagen zu den Schweizer Firmen Nestlé [1] und Holcim zu recherchieren. Diese Reise bot mir Gelegenheit, neue Orte in Kolumbien kennen zu lernen und die Recherchearbeit zu diesen beiden Firmen zu vertiefen. Der vorliegende Monatsbericht gibt einige Eindrücke dieser Reise wieder.

Unsere Reise durch Kolumbien führte uns einerseits zu den drei Produktionsstandorten von Nestlé in Kolumbien, Bugalagrande in der Nähe von Cali, Dos Quebradas in Risaralda und Valledupar in Cesar. An den drei Standorten konnten wir mit Arbeitern und Gewerkschaftern über die verschiedenen Arbeitskonflikte und Drohungen durch Paramilitärs sprechen. In Bugalagrande war auch die Verwendung verunreinigter oder abgelaufener Produkte sowie der abrupte Rückzug Nestlés aus den Milchkäufen in der Region ein Thema. Es ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass es weder in den Fabriken noch am Hauptsitz in Bogotá möglich war, mit den Verantwortlichen von Nestlé zu sprechen. Frank konnte nach der Rückkehr in die Schweiz ein kurzes Interview mit Herrn Duvoisin, Nestlé-Direktor in Kolumbien bis Juli 2004, führen. In Bezug auf Holcim besuchten wir deren Zementfabrik in Nobsa und sprachen mit Bewohnern des Dorfes, die sich gegen die Verbrennung von unbrauchbaren Landwirtschaftschemikalien im Zementofen wehren. In Bogotá führten wir längere Gespräche mit der Firmendirektion und mit Vertretern der Bergbauarbeitergewerkschaft SINTRAMINERCOL und besuchten ein Gebiet mit Kiesgruben in den südlichen Armenvierteln Bogotás, wo die lokale Bevölkerung durch die Abbauaktivitäten der Zementfirmen und durch Überschwemmungen grossen Gefahren ausgesetzt ist.

Von Donnerstag 29. Juli bis Montag 2. August besuchten wir die drei Nestlé-Fabriken. In Bugalagrande standen verschiedene Treffen mit Gewerkschaftern und Arbeitern der Nestlé-Fabrik sowie mit zwei Milchtransporteuren und einem Viehzüchter auf dem Programm. Nestlés Rohstoffpolitik hat dort verschiedenen Sektoren Kopfzerbrechen bereitet. So erzählten ältere, heute pensionierte Arbeiter, wie Nestlé in der Anfangszeit der 1950er Jahre praktisch alle Rohstoffe lokal gekauft habe, ausser was nicht lokal produziert werden konnte. So hätte es in der Umgebung viele Hühnerfarmen gegeben, die die Fabrik für die Bouillonherstellung beliefert hätten. Seit einigen Jahren würde Nestlé jedoch ein Konzentrat aus den USA importieren. Durch diese und ähnliche Verlagerungen sei die lokale Wirtschaft immer wieder empfindlich getroffen worden. Bei den Milchkäufen gab es in den letzten Jahren nach Aussagen von Bewohnern Bugalagrandes auch Probleme. Nestlé habe vorübergehend in der Gegend Frischmilch gekauft und unter den Bauern grosse Hoffnungen geschürt. Nach eineinhalb Jahren habe Nestlé aber plötzlich beschlossen, keine Milch mehr in der Region zu kaufen, womit sie viele Kleinunternehmer und Viehzüchter in eine wirtschaftliche Krise gestürzt habe.

Willkürliche Einkaufs- und Landwirtschaftspolitik Nestlés

José*, einen Transporteur, trafen wir vor seinem bescheidenen Geschäft, einer einfachen Autowaschanlage. Er schilderte uns seine Erfahrung mit Nestlé: „Eines Tages wurde ich von der Nestlé kontaktiert und gefragt, ob ich ihnen Bauern vermitteln könne, die bereit seien, Milch an Nestlé zu verkaufen. Die Bauern hatten in der Regel Verkaufsabsprachen mit anderen Firmen, so dass es nicht immer leicht war, sie dazu zu bringen, nun Nestlé zu beliefern. Nestlé machte jedoch verschiedene Versprechungen: Sie werde Produktionsmittel bereit stellen, günstige Kredite vergeben usw. Das gute Angebot von Nestlé hat die Leute schliesslich überzeugt. Es kam grosser Optimismus auf, die Bauern vergrösserten die Herden und investierten in Weiden und Ställe. Nach etwa eineinhalb Jahren teilte Nestlé plötzlich mit, dass es keine Arbeit mehr gebe, da sie keine Milch mehr in der Umgebung kaufen werde. Während der Dauer der Zusammenarbeit war Nestlé eine korrekte Arbeitgeberin, was z.B. die Bezahlung anbelangt, aber sie hatte ihre Versprechen in keinem Punkt eingehalten.“

Jairo*, ein weiterer Milchtransporteur, erzählte uns folgendes: „Nachdem ich von Nestlé das Angebot erhielt, für sie Milchkannen von entlegeneren Bauernhöfen einzusammeln, kaufte ich einen Lastwagen. Einen schriftlichen Vertrag mit Nestlé hatte ich zwar nicht, aber eine konkrete mündliche Vereinbarung. Plötzlich teilte Nestlé mit, dass sie keine Milch mehr abkaufen werde und sie meine Transporte nicht mehr brauche. Eine Erklärung dafür erhielt ich nicht. Den Lastwagen habe ich aber noch nicht abbezahlt, erst knapp die Hälfte, und so habe ich nun beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten. Mein Glück ist, dass ich das Fahrzeug bei der Feuerwehr von Bugalagrande auf Kredit relativ günstig kaufen konnte. Sie haben für meine Situation Verständnis und akzeptieren, dass ich die Raten nicht jeden Monat bezahlen kann. So komme ich mit Gelegenheitstransporten durch. Wenn ich das Fahrzeug bei einem offiziellen Händler gekauft hätte, wüsste ich nun nicht, was ich tun würde.“ *

Nach den Gesprächen mit den beiden Transporteuren begaben wir uns zur Hacienda El Danubio, wo uns Luis Fernando Arias, der Schwager des vor kurzem verstorbenen Besitzers Eduardo Escobar, empfing. Herr Arias schildert die Situation auf dem modernen Viehzuchtbetrieb wie folgt: „Vor einigen Jahren plante Nestlé, in der Region grössere Mengen Frischmilch zu kaufen. Mein Schwager wurde von Nestlé angefragt, ob er auf seinem Viehzuchtbetrieb eine grosse Milchsammelstation einrichten und betreiben könne, in der die Milch der umliegenden Bauernhöfen gesammelt und gekühlt zwischengelagert werden kann. Mein Schwager stieg auf dieses Geschäft ein und schloss mit Nestlé einen Vertrag über fünf Jahre ab. Mein Schwager hat im Jahr 2001 umfangreiche Investitionen getätigt für Installationen, um die Milch aus den Behältern der Bauern zu pumpen, sie herunterzukühlen und in Tanks zu lagern. Zudem wurde ein grosszügiges Labor eingerichtet, um Nestlé die optimale Qualität zu garantieren. Die Lebensmittelkontrollbehörde INVIMA hat die ganze Anlage als ausgesprochen hygienisch zertifiziert. Weiter hatte Don Eduardo auch einen mobilen Tankwagen gekauft, um die Milch gekühlt der Nestlé–Fabrik zu liefern. Zudem hat mein Schwager Don Eduardo – wie viele andere Viehzüchter der Region auch – den Viehbestand erhöht, um die Nachfrage Nestlés befriedigen zu können. Plötzlich, vor ein paar Monaten, hat dann Nestlé den Vertrag für beendet erklärt. Sie werde keine Milch mehr kaufen. Nestlé hat uns keine Entschädigung gezahlt und auch keine Alternativen angeboten.

Wir haben von Nestlé keine Erklärung erhalten, sie haben sich einfach vom Vertrag zurückgezogen. Wir unsererseits sind absolut sicher, den Anforderungen Nestlés punkto Milchmenge, Qualität und Liefertermine vollumfänglich entsprochen zu haben. Wir haben uns absolut nichts zu Schulden kommen lassen. Wir können darüber nur spekulieren, weshalb Nestlé auf illegale Weise diesen Vertrag aufgelöst hat. Interne Probleme bei Nestlé, eine Veränderung am Markt oder ein Managementwechsel können Ursache dieses abrupten Wechsels gewesen sein. Wir sind jedoch der Ansicht, dass Politikänderungen Nestlés Drittpersonen nicht in dieser Art und Weise betreffen sollten.

Wir überlegen uns nun rechtliche Schritte gegen Nestlé, oder eine aussergerichtliche Einigung wegen diesem Vertragsbruch. Damit können wir vielleicht einen Teil der getätigten Investitionen zurückgewinnen. Wie ihr gesehen habt, stehen die Einrichtungen alle still, und wir haben den Viehbestand reduzieren müssen. Früher gab es hier viel mehr Leben, wir beschäftigten über fünfzig Arbeiter, heute nur noch um die 20. Wir können den ökonomischen und finanziellen Schaden verkraften, aber viele Kleinbauern stehen vor dem Ruin; viele Familien lebten von der Arbeit, die wir ihnen geben konnten. Zudem schuf unser Betrieb auch viele indirekte Arbeitsplätze. Nun ist alles kaputt gemacht durch diesen unverständlichen Entscheid der Nestlé. Der plötzliche Stopp der Milchkäufe ist für die ganze Region gravierend, da viele Personen von den Milchlieferungen und von den angebotenen Arbeitsplätzen abhängig waren. Nestlé ist der einzige grössere Arbeitgeber in der Umgebung, und sollte Nestlé z.B. die Fabrik schliessen, hätte dies verheerende Konsequenzen, eine Verarmung der ganzen Region, mehr Gewalt und sozialen Zerfall. “

Herr Duvoisin sagte dazu gegenüber dem Westschweizer Fernsehen TSR, dass sie in der Region Bugalagrande mit etwa 160 Bauern Abnahmeverträge und mit einem Unternehmen einen Vertrag zur Milchlagerung gehabt hätten. Die Verträge mit den Bauern seien über mehrere Monate aufgekündigt worden und Nestlé habe geholfen, neue Käufer zu finden. Der Vertrag mit dem Unternehmer sei bis zum Ablauf weitergeführt worden. Von einer widerrechtlichen Kündigung könne keine Rede sein[2].

Entlassungen, die unter die Haut gehen

Am 2. Tag konnten wir mit mehreren ehemaligen Nestlé-Arbeitern sprechen, die im Dezember 2002 entlassen wurden, vermutlich als Repressalie gegen die Gewerkschaft, die von Nestlé beschuldigt wird, Klagen über abgelaufenes Milchpulver in Umlauf gebracht und damit das Geschäft geschädigt zu haben. Die Entlassungen erfolgten in zwei Blöcken, einige am 13., die anderen am 17. Dezember 2002. Übereinstimmend schilderten die betroffenen Arbeiter, wie sie an jenem Tag einzeln zum Personalchef gerufen wurden und dieser ihnen das Kündigungsschreiben mit dem Satz unter die Nase hielt: „Ab morgen arbeitest du nicht mehr hier, unterzeichne deine Kündigung.“ Viele der betroffenen Arbeiter waren weit über 10 Jahre bei Nestlé tätig und wurden ohne konkreten Kündigungsgrund fristlos entlassen, wie dies durch das Gesetzt Nr. 50 von 1990 leider erlaubt wird. Generell schilderten uns die Arbeiter, wie sie sich durch diese überraschende Entlassung massiv verunsichert, ja wertlos und verstossen fühlten. Kaum einer hat wieder eine vergleichbare feste Stelle gefunden. Einige halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, andere versuchen kleine Geschäfte aufzubauen, von Hähnchenmast bis zu Bustransporten. Die Familien waren durch die finanziellen Einbussen massiven Spannungen unterworfen, einige mussten sich wegen psychischen Problemen in Behandlung begeben. Nebst diesen Gemeinsamkeiten schilderte aber jeder auch sein ganz persönliches Schicksal. So kämpfte Alberto dagegen, dass man seine Tochter mitten im Schuljahr von der Schule werfen wollte, da Nestlé über den Gesamtarbeitsvertrag die Schule mitfinanzierte, und dies nun dahin fiel. Die Tochter von Carlos konnte ihr Universitätsstudium nicht aufnehmen, Pablo hatte kaum das Geld, um den gebrochenen Arm seines Sohnes operieren zu lassen. Carlos, der über 20 Jahre bei Nestlé arbeitete und deshalb eine hohe Abgangsentschädigung erhielt, wurde nachher erpresst und musste einen Grossteil der Abgangsentschädigung einer Bande bezahlen. Andrés hatte eine krebskranke Mutter und deshalb bei Nestlé wegen den teuren Behandlungskosten Schulden. Er dachte, dass dies der Entlassungsgrund sei und wollte mit Nestlé über den Rückzahlungsmodus verhandeln. Nestlé sagte jedoch, dass es nichts damit zu tun habe und sie ihn sowieso entlassen würden.*

Am Freitag Nachmittag fuhren wir weiter nach Pereira, wo im Vorort Dos Quebradas eine weitere Nestlé–Fabrik, die Biskuitherstellerin La Rosa steht. Die Fahrt war sehr reizvoll, entlang von ausgedehnten Zuckerrohrfeldern und immer den Nevado del Tolima vor Augen. Auf halber Wegstrecke kamen wir am grössten Weinhersteller, Grajales, vorbei und kauften am Strassenrand herrliche Trauben. Wenige Kilometer vor Pereira kamen wir dann unvermittelt in die Kaffeeanbauzone. In Pereira erhielten wir denn auch zuerst einen hochspannenden Vortrag von Aurelio Suarez von Unidad Cafetera über die internationale und kolumbianische Kaffeepolitik. Die Wiedergabe dieser exzellenten Analyse würde aber diesen Rahmen sprengen; wir werden das Interview separat publizieren.

Am Samstag morgen erhielten wir dann einen Einblick in die Probleme der Fabrik La Rosa. Einerseits stehen für November und Dezember 2004 auch in La Rosa Verhandlungen zur Erneuerung des GAV an, und die Gewerkschaft befürchtet Schlimmes. So sagt Nestlé nach Aussagen der lokalen Gewerkschaftsvertreter, La Rosa sei die am wenigsten rentable Fabrik der Gruppe, obwohl sie z.B. die tiefsten Löhne der drei Fabriken zahlt. Wegen dieser von der Firmenleitung geltend gemachten mangelnden Rentabilität würden auch praktisch nie alle Produktionslinien laufen, oder höchstens vorübergehend, unter Zuhilfenahme von Temporärarbeitern. Viele Arbeiten würden auch ausgegliedert. Die Arbeiter befürchten nun, dass Nestlé massive Kürzungen am Gesamtarbeitsvertrag fordern werde, und sonst allenfalls zu ähnlichen Massnahmen wie bei Cicolac in Valledupar greifen könnte, wo allen Arbeitern eine vorzeitige Entlassung aufgezwungen wurde. Zudem zirkulieren Gerüchte, wonach La Rosa in ein Joint Venture mit General Mills eingebracht werden soll.

Weiter informierte uns der Arbeitsmediziner Dr. Velásquez über die Ergebnisse einer Untersuchung, die er ursprünglich im Auftrag des Arbeitsministeriums durchführte. Dazu arbeitete Dr. Velásquez ein Jahr lang in der Fabrik. Seine Ergebnisse sind alarmierend. Etwa 80% der Belegschaft leide an Beschwerden, die durch die Arbeit verursacht würden. Die Arbeitsplätze seien alles andere als ergonomisch, kleine ArbeiterInnen müssten sich extrem strecken, grosse dauernd mit gebeugtem Rücken arbeiten, und viele ArbeiterInnen müssten sehr unnatürliche (Dreh-)Bewegungen machen. Zudem sei sicher auch der Arbeitsrhythmus an den Fliessbändern zu hoch, weil diese schneller eingestellt wurden, respektive immer weniger Leute die selbe Arbeit verrichten müssen. Am häufigsten sind Probleme der Wirbelsäule und im Schulter-/Nackenbereich, aber auch in den Handgelenken. Zudem leiden relativ viele an Gehörschäden. Zudem ist die körperliche Verfassung einer Mehrheit der Arbeiterinnen schlecht, was die Anfälligkeit für Arbeitskrankheiten zusätzlich erhöht. Gemäss den Aussagen von Dr. Velásquez habe La Rosa die notwendigen Massnahmen, um diese „Epidemie“ an Arbeitskrankheiten zu beheben, noch nicht ausreichend ergriffen, obwohl auch hohe krankheitsbedingte Abwesenheiten die Produktion beeinträchtigten. Zudem sei seine Arbeit dann vom Auftraggeber zurückgewiesen worden, da das Resultat nicht den „Erwartungen“ entsprochen habe, und man habe ihn gebeten, in seiner Studie zu einem „günstigeren Resultat“ zu kommen. Nestlé in Vevey nahm zu diesem Bericht dahingehend Stellung, dass er nicht auf wissenschaftlichen Kriterien beruhe und das Ministerium einen neuen Bericht durch jemand anderen habe erstellen lassen. Auch Nestlé habe eine Studie erstellt, aus der hervorgehe, dass nur 14 Personen gelegentliche Beschwerden hätten.

Unsichere Zukunft für die Arbeiter in Valledupar

Am Samstag Nachmittag besuchten wir noch eine malerisch gelegene Kaffeefinca, bevor es dann am Abend nach Bogotá zurück ging. Gleich am Sonntag Morgen flogen wir weiter nach Valledupar, dem dritten Standort Nestlés in Kolumbien. Eine Bruthitze von gegen 40 Grad Celsius erwartete uns, als Alfonso Barón uns am Flughafen empfing. Er ist das letzte Gewerkschaftsmitglied von SINALTRAINAL bei Nestlé, nachdem im September 2003 praktisch alle gut 180 Arbeiter bei Cicolac einer „freiwilligen“ vorzeitigen Beendigung des Arbeitsverhältnisses bei CICOLAC zugestimmt hatten. Nestlé köderte sie gemäss Aussagen von Betroffenen damit, ihnen die volle bisher gültige Entschädigung mit einem 30%igen Zuschlag auszubezahlen und ihnen alle Schulden zu erlassen (z.B. aus dem Wohnbaufonds, wegen Gesundheitsleistungen etc.). Wer diesem Paket nicht zustimme, werde ebenfalls entlassen, aber gemäss neuem Recht mit einer deutlich geringeren Entschädigung und ohne Schuldenerlass. So haben schlussendlich alle unterschrieben, ausser Alfonso von Gewerkschaftsvorstand. Die bisherigen Arbeiter wurden durch Temporärarbeiter ersetzt, die über Adecco angeheuert wurden und zu einem Mindestlohn arbeiteten. Die Gewerkschaft bei diesem Nestlé–Betrieb wurde damit praktisch zerschlagen. Cicolac produziert heute als Joint Venture zwischen Nestlé International und der neuseeländischen Fonterra unter dem Namen Dairy Partners Americas Manufacturing Colombia. Alfonso erklärte uns, dass er zwar immer noch angestellt sei und seinen Lohn beziehe, dass es ihm aber verboten sei, die Fabrik zu betreten oder mit den heutigen Angestellten zu reden. Er habe einen „Arbeitsplatz“ in einer Garage erhalten, wo ein Werkzeugpult steht, der gelernte Mechaniker aber keinerlei Arbeiten zu erledigen hat. Alfonso vermutet, dass man ihn durch Untätigkeit weich klopfen wolle, damit er auch kündige.

Ein Arbeiter, der schon unter Cicolac beschäftigt war, und der nach der „freiwilligen“ Entlassung vom 17. September 2003 wieder eingestellt wurde, um als Vorarbeiter die neuen Arbeitskräfte zu instruieren, erzählte uns über die Arbeitsbedingungen bei DPA Manufacturing Colombia. Die gegen 200 Temporärangestellten hätten Anfangs September 2003 zu arbeiten begonnen, um die Tätigkeiten zu erlernen, die sie dann ab dem 18. September 2003 ausführen mussten. Sie erhielten zu Beginn alle den Mindestlohn von 332'000 Pesos (etwa 150 Franken). Im Februar 2004 habe es deswegen unter der Belegschaft Proteste gegeben. Zwei Jugendliche, die mehr Lohn verlangt hätten, seien entlassen worden; danach habe das Unternehmen aber drei Lohnstufen eingeführt: 450'000 Pesos für die grosse Mehrheit und 580'000 und 620'000 Pesos für etwas qualifiziertere Arbeiter. Mit dem offiziellen Start des Joint Ventures DPA hätten nun alle Temporärarbeiter unbefristete Arbeitsverträge erhalten, die Löhne seien aber wieder um ein paar Tausend Pesos gesenkt worden. Es gebe keinen Gesamtarbeitsvertrag, sondern lediglich ein sogenanntes Kollektivabkommen, das aber nur wenige Vorteile biete. Die tiefen Löhne würden nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren, weshalb die neue Belegschaft hauptsächlich aus jungen, ledigen Schul- und Technikumabgängern bestehen würde, die noch bei den Eltern lebten. Zudem sei es verboten worden, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Aus Angst vor Entlassungen würden sich nun auch tatsächlich alle ruhig verhalten, trotz verbreiteter Unzufriedenheit.

Holcim von mehreren Seiten unter Beschuss

Mehrere Tage verbrachten wir auch auf den Spuren der Geschäftstätigkeit von Holcim. Durch Vertreter der Bergbaugewerkschaft SINTRAMINERCOL wurden wir auf drei mögliche Problembereiche hingewiesen: Einerseits habe Holcim beabsichtigt, in ihrem Zementofen in Nobsa hochgiftige landwirtschaftliche Chemikalien zu verbrennen, was jedoch dank der entschiedenen Proteste der lokalen Bevölkerung habe vermieden werden können. Weiter hätten die Anwälte von Holcim und anderen Firmen, die Anwaltskanzlei Martínez & Córdoba Asociados, die neue Bergbaugesetzgebung geschrieben und diese Gesetzgebung dann auch noch reglementiert,[3] was einen massiven Interessenkonflikt darstelle und klar durch die kolumbianischen Gesetze verboten sei. Obwohl der Gesetzesentwurf in öffentlichen Foren und im Kongress ausführlich debattiert worden sei, hätten die Lobbyisten der Firmen im letzten Moment wesentliche Artikel abgeändert oder erst neu eingebracht, so dass sie fast unbemerkt angenommen wurden. Holcim stellte im Gespräch energisch in Abrede, den Gesetzgebungsprozess in irgendeiner Form beeinflusst zu haben. Als dritten Problembereich stellte Francisco Ramírez, der Präsident von SINTRAMINERCOL, grosse Kiesgruben im Süden von Bogotá, in den Armenvierteln von Ciudad Bolivar, dar. Holcim beutet dort zusammen mit der mexikanischen Zementfirma CEMEX und mit dem kolumbianischen Unternehmen Fundación San Antonio, Sand und Kies als Zuschlagstoffe für den Beton aus. Mitten im Wohngebiet seien riesige Gruben ausgehoben worden, die bei einem Hochwasser des Río Tunjuelo im Mai 2002 überflutet worden seien und den umliegenden Bewohnern grosse Probleme bereitet hätten. Zusammen mit Menschenrechtsorganisationen beobachtet SINTRAMINERCOL auch aufmerksam die Menschenrechtssituation in Ciudad Bolivar. SINTRAMINERCOL ist daran, eine Karte zu erarbeiten, wo sie alle Morde einzeichnet. Auf der Karte erscheinen diese Morde dann wie ein Kreis um diese Kiesgruben. Zudem hätten gemäss Aussagen der lokalen Bevölkerung die Paramilitärs die Bevölkerung zu Versammlungen einberufen und ihnen dort mitgeteilt, dass sie „hier sind, um die Sicherheit der Firmen sicherzustellen.“ Die Nachforschungen der NGOs über diese Situation laufen noch weiter, und handfeste Beweise für eine Zusammenarbeit der betroffenen Firmen mit Paramilitärs (z.B. Finanzierung) gibt es nicht.

Am Mittwoch 27. Juli 2004 fuhren wir in Begleitung von Francisco Ramírez, einer Studentin, die ihre Diplomarbeit über die Verschmutzung der „Baggerseen“ schreibt, sowie eines Anwohners eines betroffenen Viertels früh morgens in den Süden Bogotás. Um einen Überblick zu gewinnen, fuhren wir eine steile Strasse den Hügel hoch, wobei die Häuser immer ärmlicher wurden und wir zuletzt vor ein paar Karton- und Plastikhütten anhielten, die von Vertriebenen erst vor wenigen Tagen errichtet worden waren. Das Panorama war eigenartig: Die drei grossen Seen, die nach der Überschwemmung der Kiesgruben entstanden, glitzerten in der Morgensonne. Wenn man nicht wüsste, wie übel diese Seen riechen und welche Schäden sie anrichten, könnte man denken, es sei für die Bewohner ein willkommenes Erholungsgebiet. Auffallend war auch, wie alle Hänge ringsherum grosse Einschnitte aufwiesen, wo ebenfalls Baumaterialien abgebaut werden: Steine und Lehm für Ziegel. Oscar, unser Begleiter vom Viertel „Kennedy“ erklärte, dass sehr unsachgemäss abgebaut werde und die Abbautätigkeit die Hänge destabilisiere. Es sei zu befürchten, dass bei starken Regenfällen diese instabilen Hänge ins Rutschen kämen und so ganze Siedlungsgebiete mitreissen könnten. Francisco ergänzte das Panorama um eine weitere besorgniserregende Entwicklung: Firmen wie Holcim hätten es geschafft, im Bergbaukodex einen Artikel einzufügen, der den Abbau im Siedlungsgebiet gestattet und es ermöglicht, Häuser und Überbauungen zu enteignen, indem man die Bergbauaktivitäten als von öffentlichem Interesse und allgemeinem Nutzen deklariert. Anstatt diese widerrechtliche Aktivitäten endlich zu stoppen, sei geplant, einen „parque minero“ zu errichten, der mehrere Überbauungen umfassen würde. Der Paramilitärische Druck auf die Bevölkerung lasse sich auch damit erklären. Die Häuser und Hütten sollten so möglichst billig enteignet werden.

Nach diesem schaurigen Panorama begaben wir uns in die beiden meistbetroffenen Viertel, Kennedy und Yaqui. Unter Oscars Führung sahen wir einige beschädigte Häuser an. Die beiden Viertel entstanden ab den 60er Jahren und wurden inzwischen legalisiert. Nebst den eigentlichen Kiesgruben führten auch Stollen in den Berghang hinein, um Material abzubauen, d.h. bis unter die Häuser. Durch die Überschwemmung dringt nun das Wasser über diese Stollen in den Untergrund und weicht diesen auf, weshalb er sich zu senken begonnen hat. Zudem dringt die Feuchtigkeit vom Boden her in die Häuser ein und es entstehen Risse. Einige Häuser sind einsturzgefährdet. Zudem arbeiten grosse Maschinen in unmittelbarer Nähe der Häuser; die Vibrationen führen zu zusätzlichen Rissen. Die Bewohner hatten schon verschiedentlich verlangt, dass die Zementfirmen die Maschinen abschalten oder zumindest verschieben. Das einzige, was die Firmen getan hätten, sei eine hohe Mauer zu bauen, damit die Anwohner das Unheil nicht mehr sehen, beschweren sich die Bewohner. Immerhin sei das extrem verschmutze Wasser in den drei Seen behandelt worden, so dass die Geruchsbelastung und die Mückenplage abgenommen habe. Die grösste Gefahr droht den direkten Anwohnern und auch den Hundertausenden von Bewohnern weiter unten von einem erneuten Hochwasser: Die Tatsache, dass das Hochwasser vom Mai 2002 in die grossen Kiesgruben strömen konnte, hat schlimmere Überschwemmungen in den Wohnquartieren verhindert. Dieser Puffer ist nun aber mit Wasser gefüllt. Ein erneutes Hochwasser wie im Mai 2002 würde also ungehemmt in die Wohnviertel strömen und könnte grossen Schaden anrichten.

Die Mitverantwortung für die Naturkatastrophe wird hin und her geschoben

Im weiteren Gespräch mit betroffenen Anwohnern – u.a. konnten wir zwei Gemeinde­versammlungen beiwohnen, an denen über die Probleme und Lösungsmöglichkeiten diskutiert wurde – und mit Vertretern von Holcim wurde klar, dass über die Schuldfrage und Verantwortung einerseits und über die Lösungsmöglichkeiten andererseits kaum in einem Punkt Einvernehmen herrscht. Die Bewohner wollen insbesondere, dass die Firmen ihre weiteren Aktivitäten einstellen, und sehen in ihrer Ohnmacht auch in den Firmen die Hauptschuldigen. Die Pläne der Firmen, um diese Probleme zu lösen, lehnen sie ab oder misstrauen ihnen. Als wir Holcim mit den Eindrücken aus Ciudad Bolívar konfrontierten, stellten sie die Dinge deutlich anders dar. Holcim sieht sich primär selbst auch als Geschädigter. Seit über 50 Jahren würde an jener Stelle Sand und Kies abgebaut und Holcim verfüge seit über 30 Jahren über eine gültige Abbaubewilligung. Damals sei die Umgebung noch gar nicht besiedelt gewesen, und nur durch die fehlende Stadtplanung der Regierung seien ringsherum Wohnquartiere entstanden. Das Hochwasser sei in seiner Dimension einmalig gewesen, und Holcim habe auf Geheiss des Umweltamtes von Bogotá den reissenden Fluss mit den eigenen Maschinen in ihre Kiesgruben umgeleitet, um weitere Überschwemmungen in Wohnquartieren zu verhindern. Eigentlich müsste Holcim vom Staat Schadenersatz verlangen. Sie seien aber bereit, aktiv an einer Lösung mitzuarbeiten. Die Direktionssekretärin zog schöne Pläne hervor, die die Sanierung Schritt für Schritt erklärten. Einerseits soll weit oben im Páramo, wo die Hochwasser entstehen, ein Staubecken gebaut werden, das bei intensiven Niederschlägen als Ausgleichsbecken funktionieren kann. Zudem soll der Fluss Tunjuelo entlang der Hauptverkehrsachse in einen Kanal umgeleitet werden. Danach könnten – so die Pläne von Holcim – die drei Seen langsam leergepumpt werden. Dies müsse langsam geschehen, da sonst die durchtränkten Uferböschungen abzurutschen drohten. Danach werde Holcim das Gelände renaturalisieren, den ursprünglichen Flussverlauf wieder herstellen und den Materialausbau damit beenden. Dieses Gelände werde dann der Stadt Bogotá übergeben, die darauf einen Park mit Bibliotheken usw. erstellen könne.

Dieses grosszügige Sanierungsangebot Holcims und der bereitwillige Verzicht auf den weiteren Materialabbau erstaunen doch etwas. Etwas früher im Gespräch hatte nämlich Holcim noch betont, wie wichtig diese Kiesgruben seien, da Ciudad Bolívar der einzige Ort in Bogotá sei, wo Rohstoffe für Baumaterial gewonnen werden könnten. Sonst müsste man es von den mehr als 200 km entfernten Llanos herbeischaffen, was wirtschaftlich unmöglich sei. Die NGOs und Bürgerinitiativen widersprechen diesen Darstellungen Holcims denn auch scharf und halten nicht viel von schönen Plänen des Schweizer Unternehmens. So stimme es nicht, dass es nur an der momentanen Abbaustelle Baumaterialien gebe. Man könne Baumaterialien sehr gut in der Nähe Bogotás gewinnen, ohne bewohnte Gebiete in Mitleidenschaft zu ziehen. Ebenso sei es zynisch, wenn Holcim jegliche Verantwortung an der Überschwemmung von sich weise. Es treffe zwar zu, dass die Behörden durch Planungsfehler und Schlamperei an der Misere mitverantwortlich seien. Gerade die Umweltbehörde Bogotás, das DAMA, habe aber verschiedentlich Verstösse der drei Firmen gegen Abbauvorschriften gerügt. Das Hochwasser von Mai 2002 sei zwar ein Jahrhundertereignis gewesen, es sei aber davon auszugehen, dass derartige Extremereignisse häufiger würden. Erschwerend sei dazu gekommen, dass der Flusslauf des Tunjuelo durch die Abbauaktivitäten stark sedimentiert gewesen sei und die Firmen zudem den mäandrierenden Flusslauf begradigt hätten, um mehr Raum für den Kiesabbau zu gewinnen, was die Bremswirkung der Mäander zerstört habe. Zudem hätten die Firmen den Mindestabstand zwischen Kiesgrube und Flussbett missachtet, was dann dazu geführt habe, dass in einem ersten Schritt ein Damm bei der Kiesgrube der Fundación San Antonio gebrochen sei. Richtig sei, dass wegen den anhaltenden Niederschlägen Holcim den Fluss auf Befehl der Umweltbehörde in ihre Kiesgrube abgeleitet habe. Trotzdem trage Holcim eine Mitverantwortung. Wenn nun Holcim offeriere, einen Kanal zu bauen, um den Fluss umzuleiten, so sei dies nicht uneigennützig, sondern erlaube ihr, weiter Material abzubauen. Und zudem würden die Pläne eines „Parque Minero“ klar gegen das Versprechen Holcim sprechen, den Abbau beenden zu wollen. Die betroffene Bevölkerung setzt nun stark auf die neue Stadtregierung von Lucho Garzón und hofft, die unter früheren Administrationen weit gediehenen Pläne Holcims in ihrem Sinne ändern zu können.

Bis hierher konnte erst ein Überblick über die Problematik gegeben werden. Viele Dokumente warten noch auf die Auswertung, um Verantwortlichkeiten klarer zu benennen. Die Bevölkerung hat in der Zeit seit dem Besuch in Ciudad Bolívar weiter für die Rettung ihrer Viertel gekämpft. Die ASK wird versuchen, einen Beitrag zu leisten, damit nach dieser von Schweizer Wirtschaftsinteressen mitverursachten Naturkatastrophe endlich eine für die betroffene Bevölkerung befriedigende Lösung gefunden werden kann.

Aus Platzgründen wird an dieser Stelle darauf verzichtet, auf die Frage der Chemikalienverbrennung im Zementofen in Nobsa einzugehen. Dieses gut recherchierte Thema wird Gegenstand eines separaten, demnächst auf unserer Homepage erscheinenden Berichtes sein.

[1] Die Reportage zu Nestlé ist am Sonntag, 17. Oktober 2004 in der Sendung Mise au Point des Westschweizer Fernsehens TSR1 ausgestrahlt werden. Sie kann im Internet unter www.miseaupoint.ch unter Archives angeschaut werden.

[2] Wir werden versuchen, in dieser Frage weitere Informationen zu erhalten, wie die Verträge der Bauern mit Nestlé genau aussahen und wie sie von Nestlé beendet wurden.

[3] In Kolumbien ist es üblich, dass ein Gesetz die betreffende Materie im Groben regelt, und dass die betroffene Behörde in einem Dekret die genau Anwendung des Gesetzes festlegt.

* Namen aus Sicherheitsgründen geändert.

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com