11/10/14

Die Folgen der Goldinitiative aus menschenrechtlicher Perspektive

10.11.2014 | von Stephan Suhner

Seit die SVP-nahe Goldinitiative zur Rettung des Schweizer Goldes eingereicht wurde, ist viel über die Rolle und Unabhängigkeit der Schweizer Nationalbank und über die richtige Wahrungspolitik debattiert worden. Im Wesentlichen verlangt die Initiative, dass die SNB mindestens 20% ihrer Aktiven in Gold halten muss, dass alles Gold in der Schweiz gelagert werden muss und dass das einmal gekaufte Gold nicht wieder verkauft werden darf. Im Rahmen der internationalen Finanzkrise und zur Stützung des Frankenkurses hat die SNB ihre Bilanz durch Fremdwährungskäufe massiv aufgebläht. Der aktuelle Goldbestand von 1040 Tonnen entspricht bei einer Bilanzsumme von 500 Milliarden Franken knapp 8% der Aktiven, das heisst die SNB müsste bei einer Annahme der Initiative ihren Goldbestand wertmässig um etwa 50-60 Mia. Franken erhöhen. Beim aktuellen Goldpreis entspricht dies einer Menge von rund 1500 Tonnen. Das heisst die Schweiz müsste innerhalb von fünf Jahren Gold im Umfang von einem Drittel bis der Hälfte der aktuellen weltweiten Jahresnachfrage kaufen, respektive bis zu drei Vierteln der Produktion eines ganzen Jahres. Diese Menge entspricht der Produktion der 7 grössten goldproduzierenden Länder von 2013 (China, Australien, USA, Russland, Südafrika, Peru und Kanada).[1] Einige Kommentatoren und Politiker stellten immerhin fest, dass dies erneut zu einem starken Anstieg des Goldpreises führen und die Preisspekulationen angesichts der bekannten und fixen Nachfrage der Schweiz anheizen könnte. Niemand hat jedoch die Frage gestellt, woher dieses Gold kommen würde und was ein erhöhter Goldpreis in den Abbauregionen auslösen könnte.  

Goldbergbau hat erschreckende Umwelt- und Menschenrechtsbilanz

Der Goldbergbau ist weltweit verantwortlich für Hunderte von Konflikten zwischen Minenunternehmen und betroffenen Gemeinschaften, wobei es zu schweren Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Toten kommt. Zehntausende von Indigenen und Kleinbauern und -bäuerinnen werden für Goldminen aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben. Goldminen werden immer mehr im Tagebau betrieben, wodurch wertvolles Kulturland oder Wälder verloren gehen, Erosion gefördert und die Landschaft zerstört werden. Die Minen mit den riesigen Abraumhalden und Rückhaltebecken verseuchen die Umwelt mit Zyanid und Quecksilber, verschmutzen Flüsse und Böden und führen zu schweren Gesundheitsschäden.

Die Mine Yanacocha in Peru, die bisher grösste Goldmine Lateinamerikas wenn nicht gar der Welt, produzierte auf dem Höhepunkt im Jahr 2006 3.33 Millionen Unzen Gold, ungefähr 100 Tonnen, danach fiel die Produktion rasch auf die Hälfte. Die Schweiz müsste also bei Annahme der Goldinitiative die Produktion von 10-20 Jahren der Mine Yanacocha aufkaufen. Der Goldgehalt der Mine sank im Laufe der Produktion von 1 Gramm Gold pro Tonne Gestein auf 0.5 Gramm Gold pro Tonne. D.h. die Mine setzte für die Goldproduktion jährlich 100 und mehr Millionen Tonnen Gestein um. Das entspricht jedes Jahr mindestens der vierfachen Menge des Aushubes des 57 km langen Gotthard-Basistunnel (24,7 Mio. Tonnen Gestein). Für den zusätzlichen Goldbedarf der Schweiz bei Annahme der Goldinitiative müssten also bis zu eineinhalb Milliarden Tonne Gestein oder 60 Mal der Gotthard-Basistunnelaushub verarbeitet werden. Weltweit werden jährlich über 180‘000 Tonnen Zyanid zur Goldgewinnung eingesetzt, d.h. knapp 100 Tonnen Zyanid pro Tonne gewonnenes Gold (Jährliche Goldproduktion von 2200 Tonnen). Eine reiskorngroße Menge des Giftes reicht aus, um einen erwachsenen Menschen zu töten.

Unerwünschte Folgen der Schweizer Goldnachfrage

Wenn nun die SNB bei einer Annahme der Initiative tatsächlich in beträchtlichem Umfang Gold dazu kaufen müsste, würde dies die weltweite Nachfrage um sicher 10% pro Jahr erhöhen und die Spekulation mit dem Goldpreis anheizen.[2] Was ein rasch steigender Goldpreis bedeutet, wurden während der Währungs- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre deutlich. Viele Länder erlebten in den letzten Jahren durch den gestiegenen Goldpreis einen richtigen Goldrausch, so z.B. Mexiko, Peru und Kolumbien. Die Erwartung an längerfristig hohe Goldpreise führte zur Konzessionsvergabe über Millionen von Hektaren Land, Land das der Landwirtschaft dient und häufig im Besitz kleinbäuerlicher, indigener Gemeinschaften ist. Diese ohne vorgängige Konsultation erfolgte Konzessionsvergabe  an meist multinationale Bergbaukonzerne führte in allen Ländern zu massiven Protesten der betroffenen Bevölkerungsgruppen, die um ihr Territorium und ihre Existenzgrundlage fürchten. Diese Proteste werden meistens gewaltsam unterdrückt. Die Anzahl und Heftigkeit der sozialen Konflikte hat zugenommen, 2012 gab es in Peru 31 mit Bergbau in Zusammenhang stehende Konflikte. Gemäss dem Menschenrechtsbüro der  peruanischen Regierung ereigneten sich 2010 362 soziale Konflikte. Rund die Hälfte der sozialen Konflikte stehen in Zusammenhang mit sozialen oder Umweltproblemen, wovon wieder die Mehrheit einen Zusammenhang mit Bergbau aufweist. Immer heftiger wurde auch die Gewalt in den sozialen Konflikten. Zwischen Januar 2006 und Juli 2013 kamen bei sozialen Konflikten 230 Personen ums Leben, 2‘312 wurden in diesen Auseinandersetzungen verletzt. Herausragendes Beispiel dafür ist das Projekt Conga des Newmont-Konzerns, dessen Gold übrigens zu einem grossen Teil von der schweizerischen Valcambi raffiniert wird.[3]

In Kolumbien führten mehrere Faktoren zu einem Bergbauboom. In den 2000er Jahren hat Kolumbien seine Bergbaugesetzgebung „modernisiert“, d.h. Unternehmensfreundlicher gemacht, und neue Institutionen geschaffen, und ab 2005 hat sich die Sicherheitslage markant verbessert. Als dann die hohen Rohstoffpreise dazu kamen, löste dies ein regelrechter Bergbauboom aus. Die Konzessionsvergabe stieg exponentiell an, ein grosser Teil für Goldminen, die z.T. spekulativer Art sind. Millionen von Hektaren Land wurden konzessioniert, ohne dass darauf mal konkret Gold abgebaut wird, aber die potentiellen Goldlagerstätten verbunden mit den hohen Preisen brachten den Investoren erkleckliche Aktiengewinne. Für die lokale Bevölkerung bedeutet dies Unsicherheit bezüglich ihres Landbesitzes, Militarisierung des Territoriums, im schlimmsten Fall Morde und Vertreibungen, bevor eine einzige Unze Gold gewonnen wurde. Zwischen 1990 und 2001 wurden in Kolumbien 1‘889 Bergbautitel vergeben, 157 pro Jahr. Im Jahr 2010 gab es schon 8‘928 Konzessionen und 20‘000 Konzessionsanträge über 22 Millionen Hektaren Land, rund ein Fünftel der Landesfläche. Die Konzessionen wurden ohne Rücksicht auf Naturparks, Hochmoore (Páramos), Indigene Reservate etc. vergeben.

Schattenseite des Booms: Illegaler Goldabbau, Umweltzerstörung und Kriegsfinanzierung

Der steigende Goldpreis hat in Kolumbien in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts zu einem bisher nie da gewesenen Produktionsanstieg bei Gold geführt. Die Produktion stieg von rund 10 Tonnen pro Jahr  auf über 50 Tonnen pro Jahr, eine Verfünffachung in wenigen Jahren. Der grösste Teil des Produktionsanstieges geht auf das Konto des mittelgrossen, mechanisierten Goldabbaus mit schweren Maschinen, die entlang von Flüssen alluviales Gold ausbeuten. Diese rasch entstehenden und mobilen Minen sind durch die gestiegenen Goldpreise besonders hochgeschnellt, und deren Ursprung ist häufig dubios, illegale und mafiaähnliche Strukturen stehen dahinter.

Der Goldabbau erlaubt auch den illegalen bewaffneten Gruppen, Geld zu waschen und ihre Aktivitäten zu finanzieren. Innert weniger Wochen tauchen in einem Fluss plötzlich Dutzende von schweren Maschinen auf und durchwühlen das Flussbett nach dem wertvollen Metall. Genauso schnell wie sie gekommen sind, ziehen sie auch wieder weiter und lassen sich von der Regierung nur schwer kontrollieren und bekämpfen. V.a. illegale bewaffnete Akteure setzten auf Gold zur Finanzierung ihrer Aktivitäten, es kam zu Verlagerungen von Drogenanbau zu Goldabbau, da Gold ein legales Produkt ist und es durch die hohen Preise zusätzlich attraktiv wurde. Mit dem einsetzenden illegalen Goldrausch stieg aber auch die Gewalt in Gemeinden mit Goldabbau merklich an, während sie in derselben Zeit in Gemeinden ohne Goldabbau abnahm. Gleichzeitig mit dem steigenden Goldpreis stiegen auch die Morde an! (siehe dazu obenstehende Grafik)[4]

Die Zunahme handwerklichen Kleinbergbaus in den Jahren mit hohem Goldpreis ist markant, und mit dem kleinhandwerklichen Bergbau steigt auch die (unsachgemässe) Verwendung von Quecksilber. Kolumbien weist die weltweit grösste Verschmutzung pro Kopf mit Quecksilber auf, jährlich gehen 50-100 Tonnen des giftigen Metalls unkontrolliert in die Umwelt.  In einer der Hauptproduktionszonen von Gold in Antioquia, in Segovia und Remedios, liegt die Quecksilberverschmutzung bis zu 1000 Mal über den Grenzwerten.[5] 

Fazit

Die obigen Ausführungen zeigen, wie problematisch die Auswirkungen der Goldinitiative auf Goldproduzenten wie Kolumbien sein können. Die Forderungen der Initiative verbessern die wirtschafts- und währungspolitischen Rahmenbedingungen der Schweiz kaum, verringern vielmehr den Handlungsspielraum der Schweizerischen Nationalbank. Die durch die erzwungenen Goldkäufe verursachte Preissteigerung wird aber den Preis und damit den Goldabbau verstärken, mit schwerwiegenden Folgen für die Umwelt und die Gesundheit und die Menschenrechte betroffener Gemeinschaften. Nur illegale Minen, die ohne langwierige Bewilligungen operieren, können von Preisausschlägen voll profitieren. Es wäre wiedersinnig, wenn die Schweiz mit der Annahme dieser Initiative gerade den illegalen, umweltzerstörenden und gewaltförderndem Goldabbau fördern würde. Deshalb gilt es, am 30. November ein NEIN in die Urne zu legen!

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[1] http://goldinvestingnews.com/43146/2013-top-gold-producing-countries.html

[2] https://publication.sgresearch.com/en/1/0/216985/149351.html?sid=7039111d752162da91ba96ce328a175a

[3] www.gfbv.ch/de/news___service/gfbv_mitteilungen/

[4] http://focoeconomico.org/2012/05/08/el-siguiente-boom-ilegal-en-colombia-mineria-ilegal-y-violencia/

[5] http://www.oem.com.mx/laprensa/notas/n1706526.htm


Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com