03/01/12

Lokale Gemeinschaften leiden unter der offensiven Bekämpfung des Goldbergbaus durch die Regierung Santos

01.03.2012 | von Mario Huber und Annette Wallimann

Infolge des Anstiegs des Goldpreises in den letzten Jahren werden in Kolumbien Anstrengungen aller Art zur Goldgewinnung unternommen. Am Goldbergbau sind heute drei verschiedene Akteursgruppen beteiligt. Erstens registrierte Grossunternehmen, welche im Besitz der entsprechenden Bergbautitel in grossem Rahmen den legalen und industriellen Goldabbau betreiben. Zweitens existiert ein immer noch überwiegender, informeller Sektor, in welchem die lokale Bevölkerung, in traditionellen kleinen Schürfbetrieben ihren täglichen Broterwerb durch Goldwaschen bestreitet. Drittens gibt es im informellen Sektor immer mehr illegale Akteure, darunter die sogenannten bacrims (Bandas Criminales, Nachfolger der aufgelösten Paramilitärs), welche von der Aussicht auf schnellen Profit angelockt werden und sich mit Gewalt Zugang zu den Goldreserven verschaffen und mit schwerer Ausrüstung ganze Flussläufe plündern. Dies geschieht ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung, Gesetzte, Standards oder die Natur. Im 2010 stammten gerade Mal 14 Prozent der Goldproduktion aus legal registrierten Betrieben.

Der informelle Goldbergbau hat je nach eingesetzter Technik verheerende Auswirkungen auf die Natur. Insbesondere die organisierten Banden setzen oft Chemikalien wie Zyanid und Quecksilber ein, um das enthaltene Gold aus der aus dem Flussbett entnommenen Erde herauszulösen. Durch die grossflächige Umgrabung und die Freisetzung der giftigen Stoffe werden die Wasserläufe verseucht, die Ufervegetation zerstört und es bleibt eine verschmutze, verwüstete, schlammige Landschaft zurück.[1]

Bekämpfung der Bandas Criminales

Der kolumbianischen Regierung ist sowohl die Tätigkeit der traditionellen informellen Schürfer als auch der Goldbergbau durch die kriminellen Banden ein Dorn im Auge. Beide Aktivitäten gelten als illegal, da die Akteure ohne Bewilligung agieren. Während die Behörden angeben, eine Formalisierung des traditionellen informellen Abbaus zu unterstützen und voranzutreiben, hat sie den Minen der bacrims und auch den durch andere Gewaltakteure betriebenen Minen, etwa der FARC, den Kampf angesagt. Zu dieser Strategie äusserte sich Präsident Juan Manuel Santos unter anderem im Januar dieses Jahres, bei einem Besuch der Gemeinde Norosí im nördlichen Departement Bolivar. Das Departement Bolivar gilt als eine vom informellen Goldabbau besonders betroffene Region. Die Zeitung El Universal zitiert den Präsidenten wie folgt:

"Eine unserer militärischen und politischen Absichten gilt dem grossen illegalen Bergbau. Diesen werden wir bekämpfen mit allem was in unserer Macht steht. In einigen Regionen des Landes werden bereits entsprechende Operationen durchgeführt und ausserdem es wird eine permanente Durchführung entsprechender Aktionen geben."[2]

Santos bestätigte ausserdem die Bestrebungen der Regierung, in Dialog mit den kleinen und mittleren traditionellen Bergbautätigen zu treten, und sie bei ihrer Formalisierung zu unterstützen. Ausserdem wies er darauf hin, dass neben der grossen Umweltschäden auch insbesondere Kinder und Jugendliche von der Problematik des illegalen Bergbaus betroffen seien, die statt die Schule zu besuchen, mittels informeller Schürftätigkeiten versuchten, etwas Geld zu verdienen.[3] In Bolivar konnten so bereits im vergangenen Jahr einige Fälle aufgedeckt und Maschinerien beschlagnahmt werden. Das Gouverneursamt gab im Oktober 2011 bekannt, dass im Süden Bolivars über 200 Bagger zur grossflächigen Abtragung von Flussbetten im Einsatz sind, welche Land- und Wasserressourcen zerstören. Bei den Besitzern dieser Geräte handle es sich um Akteure die teilweise kriminellen Banden oder der Guerilla nahe stünden und nicht nur die natürliche Umwelt der betroffenen Regionen, sondern auch die Gesundheit der Bevölkerung und sogar Menschenleben für ihre Geschäfte riskieren würden.[4]

Seit Beginn des Jahres 2011 wurden auch im Süden des Departements Córdoba, in San Jorge sowie in Bajo Cauca (Antioquia) verschiedene Operationen im Auftrag der Nationalregierung durchgeführt. Laut den Angaben der Polizei wurden zwischen Januar und Oktober in den besagten Gebieten unter dem Einsatz von Sondereinheiten in 94 illegalen Minen interveniert und 347 Bergleute festgenommen. Auf diese Weise soll nicht nur gegen den illegalen Bergbau vorgegangen werden, sondern auch der Geldhahn der kriminellen Banden abgedreht werden.[5] Es gilt allerdings zu bedenken, dass aus rechtlichen und praktischen Gründen eine eindeutige Unterscheidung der besagten Gruppen schwierig ist. So muss vermutetet werden, dass die Regierung den gesamten informellen Goldabbau bekämpft, kleine Betriebe inklusive, unter anderem auch um die Interessen der industriellen Goldproduktion und der grossen Bergbaukonzerne zu bedienen. Dies ist zumal der Fall, wenn Gebiete mit Bergbautätigkeit in kleinem Rahmen an etablierten Firmen tituliert werden, womit die bereits anwesenden, informellen und kleinen Bergbauunternehmungen plötzlich zu Dieben werden, weil das Goldvorkommen mit der Titulierung automatisch der Firma gehört.

Norte del Cauca: Der traditionelle Bergbau wird verdrängt und kriminalisiert

Die zwei folgenden Beispiele für die Verschachtelung von Konflikten rund um die Goldthematik stammen aus der Region des nördlichen Cauca. Zahlreiche Titel über das Goldvorkommen im Norden des Departements wurden hier vor vier Jahren durch multinationale Unternehmen beantragt. Ausserdem zieht dasselbe Vorkommen auch die illegalen Banden an. Das Goldfieber ist erwacht. Die lokalen Gemeinschaften, Indigene oder Afrokolumbianer vereint, wehren sich gegen beide Arten von Goldbergbau auf ihrem Territorium. Sie wollen ihre natürlichen Ressourcen vor der Ausbeutung schützen und ausser eines partiellen, traditionellen Bergbaus, wie er teilweise auch von ihren Vorfahren betrieben wurde, keinerlei Goldabbau tolerieren. Aber die Gemeinschaften stehen von vielen Seiten unter grossem Druck und geraten immer wieder zwischen die Fronten des bewaffneten Konfliktes, da sie sich weder auf die Seite der Armee schlagen, noch für bewaffnete Gruppierungen Partei ergreifen. Nun wird befürchtet, dass sich der Konflikt um ihr Territorium durch die verschiedenen Interessen am Goldvorkommen aufheizt, ähnlich wie man dies im Kontext des Drogenhandels kennt.

So stellt die Goldgewinnung beispielsweise für die afrokolumbianischen Gemeinschaften von La Toma in der Gemeinde Suárez seit mehr als 400 die Haupteinkommensquelle dar. Der informelle Bergbau ist ein fester Teil der traditionellen Subsistenzwirtschaft. Die Einwohnerinnen und Einwohner lehnen die Beteiligung von grossen Firmen am Goldbergbau auf ihrem Territorium entschieden ab und stellen sich gegen die strategischen Wirtschaftslokomotiven der Regierung Santos. Trotzdem hat die Regierung Bergbautitel an grosse Unternehmungen ausgestellt, ohne die afrokolumbianischen Gemeinschaften zu konsultieren. Die Firmen erhoben im 2009 Anspruch auf die Goldvorkommen und forderten die Gemeinschaften dazu auf, ihre handwerklichen Abbautätigkeiten in den entsprechenden Fördergebieten aufzugeben. Erst nach langwierigen Verhandlungen konnten die Gemeinschaften ihr Recht auf Selbstbestimmung als afrokolumbianische Gemeinschaft geltend machen.

Ein anderes Beispiel ereignete sich am Fluss Mondomo, welcher die Gemeinden Caldono und Santander de Quilichao trennt, wo Bulldozer illegaler Bergmänner gekommen sind. Die Bevölkerung forderte sie auf, die schädliche Extraktion zu unterlassen und informierte auch Polizei, Armee und Behörde. Trotz wiederholten Aufforderungen ist lange Zeit nichts passiert. Erst nachdem sich letzten Herbst rund 600 Indigene gemeinsam mobilisierten, konnten sie die illegalen Goldschürfer zum Rückzug zwingen. Für weite Teile des Flusses war es jedoch schon zu spät. Diese sind verwüstet geblieben. Zudem fürchtet sich die Bevölkerung weiterhin vor dem Einschreiten der FARC, welche ebenfalls mit den illegalen Bergmännern assoziiert ist.[6]

Solche Vorfälle im Zusammenhang mit der Vergabe von Bergbautiteln an grosse Unternehmen sind nicht unüblich und werden sich in Zukunft vermutlich wegen der wirtschaftlichen Ziele der Regierung mit erhöhter Intensität wiederholen. Handelt es sich bei der lokalen Bevölkerung um Gemeinschaften ohne Sonderstatus aufgrund einer spezieller ethnischer Zugehörigkeit, ist es für die grossteils ausländischen Firmen umso leichter, den kleinen, informellen Bergbau aus den titulierten Fördergebieten zu vertreiben. Dies geschieht nicht nur im Falle von Goldvorkommen in Flüssen, sondern auch im Falle von kleinen, informellen Minen, in denen verschiedene Minerale traditionell gefördert werden.

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[1] Siehe Dossier der ASK 2011 zur Problematik des kolumbianischen Goldbergbaus und Handels. Zum Download unter: http://www.askonline.ch/themen/wirtschaft-und-menschenrechte/bergbau-und-rohstoffkonzerne/gold/informeller-goldbergbau/

[2] "Uno de nuestros objetivos de alto valor militar y policial es la gran minería ilegal y esa la vamos a combatir con todo lo que está a nuestro alcance. Ya en algunas zonas del país se están haciendo acciones y aquí también vamos a hacer las acciones pertinentes" [...].

[3] El Universal vom 6. Januar 2012: http://www.eluniversal.com.co/cartagena/bolivar/santos-anuncio-ofensiva-contra-la-mineria-ilegal-59750

[4] El Universal vom 6. Oktober 2011: http://www.eluniversal.com.co/cartagena/bolivar/detectadas-mas-de-200-retroexcavadoras-ejerciendo-mineria-ilegal-47202

[5] El Universal vom 18 Oktober 2011: http://www.eluniversal.com.co/monteria-y-sincelejo/sucesos/la-policia-capturo-18-personas-por-mineria-ilegal-49041

[6] La Silla Vacía vom 14. Februar 2012: http://www.lasillavacia.com/historia/la-fiebre-por-el-oro-le-llevo-una-nueva-guerra-al-norte-del-cauca-31273

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

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www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com