01/04/10

Energía Austral in Aysén: Umstrittenes Wasserkraftwerk von Xstrata in Patagonien

04.01.2010 | Stephan Suhner

Das Projekt von Xstrata, das Wasserkraftwerk Energía Austral, geht auf Noranda, ein kanadisches Bergbauunternehmen, zurück. Noranda wollte in den 90er Jahren in der Region Aysen in chilenisch Patagonien ein Aluminiumschmelzwerk errichten, das Werk Alumysa. Noranda wurde dann von Falconbridge übernommen, welche wiederum im August 2006 von Xstrata übernommen wurde. Xstrata hat dadurch Nutzungsrechte über Boden und Wasser erlangt, die es nun mit drei Wasserkraftwerken in Wert setzen will. Am Río Cuervo nennt Xstrata 6000 Hektaren ihr eigen. Alumysa hatte die Wasser- und Landnutzungsrechte damals auf betrügerische Art und Weise erhalten und damit ein Geschäft gemacht, das dem chilenischen Staat nur Schulden einbrachte. Das Projekt Central Hidroeléctrica Cuervo von Energía Austral soll dereinst eine installierte Kapazität von 640 MW haben und würde im Jahr durchschnittlich 3750 GWh Strom generieren. Zusätzlich plant Energía Austral zwei weitere Kraftwerke am Rio Blanco und am Rio Condor. Kann das Projekt Rio Cuervo gebaut werden, würden dann die beiden Stauwerke am Rio Blanco und am Rio Condor folgen, und dann – so die Befürchtung lokaler Umweltschützer - würde auch die früher schon geplante Aluminiumschmelze errichtet, mit neuen Umweltverschmutzungen. Eine 2200 Km lange Hochspannungsleitung würde den generierten Strom in die Konsumzentren des Nordens leiten. Es wäre die längste Hochspannungsleitung der Welt und würde eine weitestgehend intakte Naturlandschaft zerschneiden! Endesa, der spanische Energiemulti, plant in der selben Region ein noch grösseres Kraftwerksprojekt als Xstrata, HydroAysen. Experten bezeichnen es als den grössten Umweltkonflikt Chiles.

Das Kraftwerksprojekt scheitert momentan aber noch an einer ungenügenden Umweltverträglichkeitsstudie. Die Region des Rio Cuervo ist eine weitgehend intakte Naturregion von unvorstellbarem Wert. Bewohner der Region fürchten negative Auswirkungen auf die Umwelt, auf den Wasserhaushalt der Flüsse und auf den Fischfang im Aysen – Fjord. Xstrata – Energía Austral präsentierte 2007 eine erste Umweltverträglichkeitsstudie, die jedoch wegen diversen Mängeln zurückgewiesen wurde. U.a. fehlten relevante Informationen und die Umweltgesetzgebung wurde nicht korrekt berücksichtigt. Seit August 2009 läuft die Evaluation der überarbeiteten Umweltverträglichkeitsstudie durch die Regionale Umweltkommission, ein Zusammenschluss von 20 Organisationen und Amtsstellen. Allein in den zwei Monaten, seit die Evaluation begann, wurden schon über 700 Anmerkungen und Kritiken an der Umweltverträglichkeitsstudie angebracht. Kritisiert wird beispielsweise, dass die von EnergíaAustral verwendete Datenbasis für die Umweltverträglichkeitsstudie ungenügend gewesen sei und keine vollständige Baseline erhoben wurde. Mit dem Projekt am Río Cuervo würden z.B. die beiden Seen Muellín und Yulton vereint, und das Unternehmen führt als Argument für die Unbedenklichkeit dieser Massnahme an, dass diese Seen vor Tausenden von Jahren zusammenhängend gewesen seien. Heute sind es jedoch unabhängige und unterschiedlicheÖkosysteme, was das Argument von Xstrata als absurd entlarvt.

Zudem würde viel Land mit wertvollen Ökosystemen überflutet, z.B. grosse Moore, die für das ökologische Gleichgewicht des ganzen Tales wichtig sind. Die Regionale Wasserbehörde befürchtet das Aussterben von verschiedenen Tier- und Pflanzenarten, die extrem selten sind und nur in wenigen Gebieten Patagoniens vorkommen. Ebenso würde dem Río Cuervo viel zu wenig Restwasser gelassen, mit unbekannten Folgen für die Fischerei und den Aysén – Fjord.

Im Flusstal des Cuervo sind 13 touristische Attraktionen registriert, und die Umweltverträglichkeitsstudie sagt nichts darüber aus, welche und wie diese vom Staudammprojekt betroffen wären. Projektgegner sehen den einträglichen Ökotourismus gefährdet. Durch das Vorhaben von Xstrata würde jegliche heutige und zukünftige Nutzung des Rio Cuervo verunmöglicht. Die zivilgesellschaftliche Koalition Aysen – Reservat für das Leben hat in einem offenen Brief an die Umweltbehörden und an die chilenische Regierung Anfang Dezember 2009 erneut gefordert, diese Studien nicht zu akzeptieren und den Projekten von Energía Austral und HydroAysen die Genehmigung nicht zu erteilen.

Zudem gibt es in der Nähe aktive Vulkane und das Gebiet ist eine seismisch aktive Erdbebenzone. Die Anwohner haben Zweifel, ob die Dämme einem stärkeren Beben standhalten würden und befürchten Flutwellen. Diese Befürchtungen werden vom International Rivers Network bestätigt. Zudem besteht in der vulkanologisch aktiven Zone auch ein grosses Risiko von Aschen – Schlammlawinen, was zu einer Flutwelle im Stausee führen könnte. In der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu Schlammlawinen mit vulkanischer Asche, Geröll und Wasser. Der Stausee würde die Risiken verstärken.

Seit bald 20 Jahren arbeiten Anwohner und NGOs an einer zivilgesellschaftlichen Alternative zum Staudamm- und Wasserkraftprojekt: Aysen – Reservat für das Leben. Die bisherige nachhaltige Wirtschaft und Lebensweise, insbesondere der Mapuches, soll erhalten und gefördert werden. Fischfang und naturnahe Landwirtschaft sollen zusammen mit Ökotourismus die Lebensgrundlage bilden. Die einmalige Landschaft soll den zukünftigen Generationen erhalten bleiben. Die Initianten des Projekts Aysen – Reservat für das Leben (Aysen – Reserva de Vida) arbeiten auch in der Kampagne „Patagonia sin Represas“, Patagonien ohne Staudämme, mit. Die Kampagne wehrt sich gegen mehrere geplante Staudämme in ganz Patagonien. Chile hat einen rasant steigenden Stromverbrauch und eine baldige befürchtete Versorgungslücke. Die vielen Staudämme und Wasserkraftwerke sollen diese Stromlücke schliessen helfen, so ihre Verfechter aus Wirtschaft und Regierung. Auch die meisten Lokalregierungen befürworten die Kraftwerke als vermeintliche Entwicklungspole.

Die Organisationen der Zivilgesellschaft und die Umweltorganisationen kritisieren die geplanten Wasserkraftwerke von Xstrata und anderen Unternehmen. Das Argument, damit lasse sich die aktuelle Energieknappheit beseitigen, lassen sie nicht gelten, da diese Staudämme erst 2015 Strom liefern werden. Derzeit seien alternative Anlagen in fortgeschrittener Planung oder im Bau, die das aktuelle Stromdefizit in kürzerer Zeit beheben würden. Zudem gebe es viele einfachere, weniger schädliche Alternativen, um Strom zu gewinnen, wie Solar- und Windenergie, Geothermik und Gezeitenkraftwerke sowie kleine Wasserkraftwerke.

Die Kritiker dieser gigantischen Wasserkraftwerke führen aber noch ein anderes Argument ins Feld: der dort produzierte Strom würde nicht in erster Linie den chilenischen BürgerInnen und Energiekonsumenten zu Gute kommen, sondern der Schwerindustrie und dem Bergbau, nicht zuletzt Xstrata selbst. Der Kupferbergbau verschlingt gigantische Mengen an Strom: nur 25% des chilenische Stromverbrauches werden von Privathaushalten gebraucht, 75% wird in der Industrie eingesetzt, v.a. im Bergbau und bei der Verhüttung der Erze. Das erklärt das Interesse Xstratas, sich selbst mit Strom versorgen zu können. In der Nähe der Wasserkraftwerke soll auch die schon von Noranda geplante Aluminiumschmelze errichtet werden. Xstrata hat Chile als eines der wichtigen Expansionsländer auserkoren, v.a. um die Position in Kupfer zu stärken. Mit dem Projekt Energía Austral, mit dem an den drei Flüssen Río Cuervo, Río Blanco und Río Condor elektrische Energie gewonnen werden soll, könnte Xstrata ihre strategische Position abzusichern. Um die Energie zu den Minen und Schmelzwerken im Norden Chiles zu transportieren, sind Hochspannungs-Überlandleitungen von 2000 km Länge notwendig, einer neuer Weltrekord. Dabei zerschneiden sie bisher völlig unberührte Naturlandschaften. 5000 Masten, jeder 50 Meter hoch, würden die Kabel tragen.

Die Gegner des Kraftwerkprojektes von Xstrata fühlen sich bisher nicht ernst genommen. Sie beklagen sich, dass Xstrata – Energía Austral nicht auf ihre Bedenken eingehe und kein wirklicher Dialog stattfinde. Xstrata hat eine ganz andere Sichtweise: Die Staudämme und Kraftwerke würden neue Arbeitsplätze schaffen, in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit. Zudem würde die Energieversorgung langfristig billiger. Gerade in der Region Aysen sei die Energie knapp und teuer, würden die Einwohner immer noch auf Holz zurück greifen. Dies führe zu fortschreitender Abholzung. Xstrata – Energía Austral verspricht demgegenüber, sich für den Umweltschutz einzusetzen, in dem sie die Aufforstung fördern und Studien über die Biodiversität finanzieren werde. Auch werde die Infrastruktur verbessert und das Potential des Tourismussektors erhöht. Energía Austral legt auf ihrer Webseite Wert darauf, dass sie die Bevölkerung permanent einbeziehe, dass das Projekt partizipativ geplant werde, um auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen. Hört man sich die Klagen der lokalen Kraftwerksgegner an, kann man diesen Beteuerungen nur schwer Glauben schenken. Am 12. Oktober 2009 war eine chilenische Umweltaktivistin an einer Kundgebung gegen Xstrata in Zug dabei und versuchte, mit Firmenverantwortlichen reden zu können. Eine klare Antwort auf ihre Anliegen hat sie bis heute nicht erhalten.

Bleibt zu hoffen, dass diese Kraftwerksprojekte durch die lokale Bevölkerung gestoppt werden können. Die schlampig durchgeführten Umweltverträglichkeitsstudien sollten auch für die Behörden ein Warnfinger sein, diese unberührte Natur so zu belassen wie sie ist. Es kann nicht sein, dass Tausende von Kilometer von den Kupferminen entfernt die Umwelt ebenfalls zerstört wird, um Strom für die Minen und die Schmelzen zu generieren!

Die offizielle Webseite des Projektes: www.energiaaustral.cl
Die Webseite der Projektgegner, die ein Reservat für das Leben planen:
aysenreservadevida.blogspot.com
Kampagne Patagonien ohne Staudämme: http://www.patagoniasinrepresas.cl

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

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www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com