02/21/12

Glencore-Xstrata International: Die Fusion birgt ein grosses Imagerisiko für die Schweiz und die Entstehung eines Kohlemonopols in Kolumbien

21.02.2012 | von Annette Wallimann

Die seit Langem erwartete Bekanntmachung der Fusion der beiden Zuger Konzerne Glencore und Xstrata fand in den letzten Wochen ein grosses Medienecho. Der mögliche Zusammenschluss wurde in der Schweizer Presse unter anderem mit „Mega-Fusion“ oder „Elefantenhochzeit“ betitelt. Aus der Sicht der Menschenrechtsarbeit ist durch die Zusammenlegung eine zunehmende Machtakkumulation durch den entstehenden multinationalen Rohstoffriesen in den jeweiligen Produktionsländern sowie das Voranschreiten von Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der im Bergbausektor gängigen Selbstregulierungsnormen zu befürchten.

Medienberichten zur Folge droht auch eine Vormachtstellung des Fusionsprodukts mit dem Namen „Glencore Xstrata International“ auf dem Rohstoffmarkt. Wie die „Zeit Online“ am 9. Februar schrieb, sind die Preise von Metallen und anderen Rohstoffen nicht bloss von den Dynamiken des Wettbewerbs abhängig, sondern können von grossen Akteuren gesteuert, sprich künstlich verknappt werden[1]. Im Falle eines Zustandekommens der beabsichtigten Fusion, entsteht ein Megakonzern, welcher einen grossen Teil des weltweiten Marktes für Kohle-, Kupfer- und Zink unter sich vereint. Ausserdem würde dieser die gesamte Wertschöpfungskette der metallischen Produkte, von der Förderung über den Transport bis zur Vermarktung abdecken. Während Xstrata in 20 Ländern Nord- und Südamerikas, Europas, Afrikas Asiens und Australiens hauptsächlich Bergbau tätig ist, deckt Glencore bereits heute über 30 Länder auf der ganzen Welt ab und ist neben dem Abbau von Mineralien und Metallen auch in der Produktion und dem Handel von Agrargütern sowie der Energiegewinnung wie dem Öl-Handel tätig. Nicht nur Rohstoffgewinnung sondern auch deren Transport und Vermarktung gehören zum Kerngeschäft Glencores. Laut der NZZ vom 7. Februar ist deshalb noch nicht sicher, dass die Wettbewerbsbehörden dem Geschäft zustimmt, sei doch zum Beispiel die angestrebte Fusion der beiden Bergbaukonzerne Rio Tinto und BHP Billiton im Jahr 2010 am Widerstand der Kartellbehörden gescheitert[2].

Mit wirtschaftlichen Projekten in weltweit 33 Ländern und 130‘000 Beschäftigten besässe der neue Konzern etwa 100 Minen und die landwirtschaftlichen Anlagen der beiden Konzerne umfassten 270'000 Hektaren gepachtete oder eigene landwirtschaftliche Nutzfläche[3]. Fachkreise befürchten nicht nur die weitere Zunahme des „Land-Grabbings“ durch den Schweizer Multi, sondern gar die Bedrohung der Nahrungssicherheit durch das Voranschreiten der Kommerzialisierung von Lebensmitteln und anderen Rohstoffen[4]. Mit einem Marktwert von 90 Milliarden US Dollar wäre der neue Konzern „Glencore-Xstrata International“, der noch dieses Jahr entstehen soll, das umsatzstärkste in der Schweiz angesiedelte Unternehmen. Der Konzernchef würde laut den bisherigen Fusionsgesprächen der CEO von Xstrata, Mick Davis, während der bisherige Chef von Glencore, Ivan Glasenberg, als dessen Stellvertreter agierte[5]. Gemäss einer Einschätzung der Erklärung von Bern, übernimmt Xstrata auf diese Weise in der Öffentlichkeit die Führung des neuen Konzerns und profitiere dadurch von Xstratas Saubermann-Image. Im Hintergrund bleibe die Kontrolle des Konzerns jedoch bei den bisherigen Glencore-Haupteigentümern und damit bei Ivan Glasenberg und dem übrigen Kader von Glencore, welches heute bereits 80 Prozent an Glencore International besitzt. Die Erklärung von Bern hofft deshalb, dass die Glencore-Verantwortlichen die Fusion als Chance nutzen, die Nachhaltigkeit ihrer Operationen zu verbessern. Besorgniserregend sei die Tatsache, dass ein Schwerpunkt der zukünftigen Rohstoffproduktion auf den riskanten und konfliktreichen Produktionsstätten Glencores in Kasachstan, Äquatorialguinea, der Demokratischen Republik Kongo und Kolumbien liegen würde. Länder, die von Xstrata bisher aus Image-Gründen gemieden worden seien[6]. Allein im Jahr 2009 war die Tochterfirma Prodeco in Kolumbien wegen Umweltverschmutzungen, ungesetzlicher Abfallentsorgung und fehlendem Umweltmanagement in der Kohleproduktion mit 700‘000 US Dollars gebüsst[7] und erst vor kurzem, nämlich am 27. Januar dieses Jahres, musste Glencore in Kolumbien eine weitere Busse von umgerechnet 250‘000 Franken einstecken, weil sie es unterlassen hatte, innerhalb der vorgegebenen Zeit mehrere Tochterfirmen der Gruppe zu registrieren.[8]

Swissaid fordert angesichts der sich abzeichnenden Fusion, und der dadurch drohenden Konzentration solcher Regelverstösse, die Schweizer Politik zum Handeln auf. Mit dem neuen Konzern verschärfe sich das bereits existierende Labyrinth von Aktivitäten und Tochterfirmen im Rohstoffsektor. Vor allem brauche es mehr Transparenz, denn die nicht-kontrollierbaren Tätigkeiten der Konzerne schaden gemäss Swissaid sowohl der Bevölkerung in den betroffenen Ländern als auch dem Image der Schweiz. Swissaid betont deshalb die Wichtigkeit der Einführung verbindlicher Regeln bezüglich Umweltstandards und Menschenrechte.[9] In Lateinamerika sind Glencore und Xstrata heute in zahlreichen Ländern, darunter Kolumbien, Argentinien, Bolivien, Chile, Paraguay und Peru tätig. Auch hier spielte die Arbeitsteilung der bisherigen Schwesterkonzerne gut zusammen: Die Geschäftspraktiken Glencores und das Vorgehen bei Übernahmen waren bei Glencore immer rücksichtsloser als bei Xstrata. Während sich Xstrata in Peru beim Aufbau der Kupfermine „Las Bambas“ um einvernehmliche Lösungen für die Bevölkerung und die Umwelt bemüht, scheut Glencore auch nicht davor zurück, in das Schmelzwerk von Doe Run in „La Oroya“ zu investieren; einer der meist verschmutzen Orte der Welt. In Bolivien geriet Glencore in die Schlagzeilen, als die Regierung Morales ein Schmelzwerk von Glencore verstaatlichte, welches der Zuger Rohstoffhändler unter dubiosen Umständen vom ehemaligen Präsidenten Gonzalo Sanchez de Losada abkaufte. Auch Glencores Investitionen in Agrotreibstoffe stossen in verschiedenen südamerikanischen Ländern auf Wiederstand. Doch auch Xstrata ist nicht gefeit vor Konflikten: In Argentinien beispielsweise kam es erst vor einigen Tagen wieder zu Protesten von Bergbaugegnern gegen die Mine „Bajo La Alumbrera“, an der Xstrata mit 50 Prozent beteiligt ist. Und in Chile protestieren Umweltaktivisten gegen ein am Rio Cuervo gelegenen Wasserkraftwerk der Xstrata-Tochter Energía Austral in Patagonien, das wertvolle Ökosysteme überfluten würde. Wie sich die Fusion auf die gemeinsamen Aktivitäten und auf die Situation der Bevölkerung sowie die Umweltproblematik auswirkt, ist im Moment noch schwer absehbar. Skepsis ist jedoch angebracht.

Auch die kolumbianische Presse verfolgt die Verhandlungen zwischen Xstrata und Glencore mit grossem Interesse. Für Kolumbien würde der Zusammenschluss von Glencore und Xstrata die Entstehung der grössten Kohleproduzentin und Exporteurin des Landes bedeuten. Im Departement La Guajira besitzt Xstrata neben der australischen BHP Billiton und der britischen Anglo American momentan einen Drittel des grössten Steinkohletagebau der Welt Namens „El Cerrejón“. Glencore besitzt mit vier Minen der Tochterfirma Prodeco Group im Departement Cesar, dem eigenen Kohlehafen an der Küste von Santa Marta und zahlreichen ambitiösen Expansionsplänen bereits eine bedeutende Stellung im boomenden Kohlegeschäft. Laut der kolumbianischen „La Republica“ würde der neue Konzern den bisherigen Marktführer Drummond übertreffen und insgesamt 50 Prozent der Kohleexporte Kolumbiens kontrollieren.[10] Sowohl „El Cerrejón“ als auch die Prodeco Gruppe stehen im Zusammenhang mit Umweltverschmutzungen und Menschenrechtsverletzungen immer wieder in nationaler und internationaler Kritik. Verschiedene Gerüchte zirkulieren ausserdem um die Übernahme weiterer Minen in Kolumbien durch Glencore-Prodeco. Im Gespräch ist so die mögliche Akquisition des Kohlegeschäfts von Anglo American oder der Kauf der benachbarten Kohlenminen von Drummond im Departement Cesar.

Noch sind die Fusionspläne der beiden Mutterkonzerne Glencore und Xstrata in der Schweiz von den Aktionären nicht abgesegnet worden. Laut zahlreicher Pressemeldungen hat sich bei den britischen Xstrata-Teilhabern „Standard Life Investments“ und „Schroeders“ Widerstand gegen Glencores Angebot von 41 Milliarden Dollar für die fehlenden Xstrata-Aktien gebildet. Diese Teilhaber besitzen Zusammen 3,6 Prozent der Xstrata-Aktien und könnten, falls es ihnen gelingt weitere Allianzen zu bilden, eine Fusion verhindern. Da Glencore bereits 35 Prozent an Xstrata besitzt, reichen bereits 16,4 Prozent der Xstrata-Aktionäre aus, um eine Zusammenlegung vorerst abzulehnen[11]. Dies würde bedeuten, dass Glencore ein neues Angebot unterbreiten müsste. Neuigkeiten können wohl von der Generalversammlung Xstratas am 4. Mai in Zug erwartet werden.


[1] Zeit Online am 9. Februar 2012: http://www.zeit.de/2012/07/Rohstoffe-Glencore,

[2] NZZ Online am 7. Februar 2012: http://www.nzz.ch/_1.14855046.html

[3] Swissinfo.ch am 8. Februar 2012: http://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/Der_Mega-Konzern_Glenstrata_weckt_Aengste.html?cid=32088128

[4] Food Crisis and the Global Land Grab: http://farmlandgrab.org/post/special/17966

[5] Siehe u.a. Tagesanzeiger Online am 7. Februar 2012: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/XstrataAktionaere-stemmen-sich-gegen-MegaFusion/story/22371434

[6] Erklärung von Bern am 7. Februar 2012: http://www.evb.ch/p25019853.html

[7] Reuters am 25. Februar 2011: http://www.reuters.com/article/2011/02/25/us-glencore-idUSTRE71O1DC20110225

[8] Siehe ASK am 2. Februar 2012: http://www.askonline.ch/themen/wirtschaft-und-menschenrechte/bergbau-und-rohstoffkonzerne/glencore-in-kolumbien/busse-von-supersociedades/

[9] Swissaid: http://www.swissaid.ch/de/glencore_xstrata_fusion

[10] La República am 3. Februar 2012: http://www.larepublica.co/node/421.

[11] Handelszeitung am 6. Februar 2012: http://www.handelszeitung.ch/unternehmen/megafusion-glencore-bessert-offenbar-angebot-nach

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

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