03/04/13

Der erste Hunger ist gestillt, doch noch ist keine Lösung der Ernährungskrise in Sicht

04.03.2013 | von Dominique Rothen

Wie im Newsletter vom 6.2.2013[1] berichtet wurde, hatte sich die Situation im Dorf „El Hatillo“ derart zugespitzt, dass sie Ende Januar bekannt gegeben haben, sich in einer Hungerkrise zu befinden. Nachdem zuerst die staatlichen Stellen und die Firmen auf die prekäre Situation aufmerksam gemacht wurden, haben FIAN und ask einen Brief[2] an den Präsidenten Juan Manuel Santos verfasst, um der Dringlichkeit der Lage Nachdruck zu verleihen. Gleichzeitig haben die ask zusammen mit Pensamiento y Acción Social (PAS) und dem Centro de Investigación y Educación Popular (CINEP) die Medien zu einer humanitäre Mission eingeladen. Für den geplanten Tag (23. Februar) ist zwar niemand gekommen, und die Situation des Dorfes konnte nicht wie gewünscht im ganzen Land sichtbar gemacht werden. Doch zwei Journalisten haben sich dem Thema angenommen, so war ein Vertreter von Chasquis eine Woche vor Ort und Alfredo Molano Bravo hat im El Espectador einen umfassenden Artikel[3] über die Situation in der Region und el Hatillo veröffentlicht.

Erste Reaktionen
Nachdem sich zu Beginn der Krise die staatlichen Stellen gegenseitig den Ball zugespielt und sich die Firmen in Schweigen gehüllt haben, ist inzwischen Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Das Departement Cesar hat am 15. Februar eine Delegation nach El Hatillo geschickt, angeführt von der Mutter des Gouverneurs. Sie wurde begleitet von Ärzten, Ernährungsspezialisten und Journalisten. Während Kinder und SeniorInnen auf Unterernährung untersucht wurden, ist die Mutter des Gouverneurs von Haus zu Haus gegangen, um ein Lebensmittelpaket abzugeben. Doch leider hat diese Aktion, die auf den ersten Blick gut und hilfreich erscheint, schlussendlich mehr Probleme als Lösungen mit sich gebracht: Die Aktion war nicht mit den Führungsleuten des Dorfes koordiniert, auch nicht, nachdem sich diese der Koordinatorin der Aktion genähert und ihre Hilfe angeboten haben. Es wurde in fast allen Häusern ein Paket abgegeben, unabhängig davon, ob in diesem Haus zwei oder zwölf Personen wohnen und ca. 15 Häuser wurden gänzlich vergessen. Zudem hat sich herausgestellt, dass viele der Lebensmittel abgelaufen oder gar verdorben waren und einige Reispakete mit Würmern befallen waren. Zudem war das Verhalten der Mutter des Gouverneurs sehr unanständig und respektlos, so hat sie lautstark kommentiert, dass die Frauen im Dorf ja sehr wohlbeleibt seien und sie schon viel ärmere Dörfer gesehen hätte.

Die Ärzte und Ernährungsspezialisten haben bei 15 von 120 Kindern Symptome von Unterernährung festgestellt. Bis zum heutigen Tag liegt El Hatillo kein schriftlicher Bericht dieses Besuchs vor und es sind seitens des Departements offenbar auch keine weiteren Interventionen geplant. Schlussendlich hat diese Aktion Konflikte geschürt und die Leute fühlten sich nicht ernst genommen, denn sie hatten sich nicht über Unterernährung beklagt, sondern über fehlendes Essen. Wenn diese Situation nicht schnell in Angriff genommen wird, wird die Zahl der Unterernährten jedoch unweigerlich steigen.

Am 19. Februar wiederum ist der Bürgermeister mit einer Delegation im Dorf aufgetaucht. In einer spontanen Sitzung mit VertreterInnen des Dorfes hat er sich über die Schreiben beklagt, welche ihn von internationalen Organisationen erreicht haben, denn er als Bürgermeister könne gegen die Allmacht der Firmen nicht viel ausrichten. In dieser Sitzung hat er sich trotzdem dazu verpflichtet, sein soziales Team ins Dorf zu schicken, um die Situation zu analysieren. Dieses Versprechen hat er prompt umgesetzt. Mündlich haben die Sozialarbeiterinnen und die Psychologin bestätigt, dass die BewohnerInnen von El Hatillo in sehr prekären Verhältnissen leben. Doch auch in diesem Fall steht der schriftliche Bericht noch aus und es ist nicht klar, ob und was für Massnahmen das Bürgermeisteramt treffen wird.

Übergangsplan
Die Firmen, welche vorerst gar nicht reagiert hatten, präsentierten dem Dorf am 21. Februar den Übergangsplan, welchen das Dorf schon seit Monaten eingefordert hatte. Dieser beinhaltet nebst den eingeforderten Komponenten (dazu gehören beispielsweise Landwirtschafts-projekte, Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit/Arbeit, und Bildung) auch die  Nahrungsmittelabgabe während vier Monaten für alle Familien, welche überhaupt kein Einkommen haben. Zur Zeit sind das 84 der 130 Familien, welche in El Hatillo wohnen. Mit dieser Abgabe wurde am 2. März begonnen.

Mit dieser Massnahme soll die Situation vorübergehend beruhigt werden, während die anderen Komponenten des Übergangsplans in die Tat umgesetzt werden sollen, denn für die Führungsleute des Dorfes ist es absolut klar, dass Nahrungsmittelabgabe nur eine Notlösung ist, denn sie wollen nicht auf Almosen angewiesen sein sondern ihre Arbeitskraft einsetzen können.

Bis heute ist dieser Plan jedoch von der Gemeinschaft nicht bewilligt, denn sie hatte bis am 21. Februar keine Kenntnisse davon, was der Plan beinhaltet, welcher den Firmen zur Bewilligung unterbreitet wurde. In den nächsten Tagen sollen deswegen weitere Verhandlungen durchgeführt werden, um schlussendlich mit der Implementierung beginnen zu können. Fraglich ist, ob bis in vier Monaten relevante Resultate erzeugt werden können, welche die Ernährungssicherheit verbessern können. So stellt sich bei der Umsetzung der Landwirtschaftsprojekte die Frage, ob auf diesem Land aufgrund der Verschmutzung der Erde und des Wassers überhaupt was angebaut werden kann. Es sind keine technischen Studien bekannt, die darüber Auskunft geben. Und die Firmen zeigen zur Zeit keinen Willen Leute anzustellen, weshalb der Beschäftigungsgrad der Dorfbevölkerung in diesen vier Monaten wohl kaum relevant gesteigert werden kann.

Fehlende Lösungsansätze, welche die strukturellen Probleme lösen
Auch wenn sich die Lage aufgrund der Abgabe von Nahrungsmitteln vorübergehend beruhigt hat, ist vor allem den Führungsleuten klar, dass sie nicht die Lösung ist. Auch wenn der Bürgermeister und die Firmen erste Reaktionen gezeigt haben, steht fest, dass die Krise noch lange nicht ausgestanden ist, denn mit punktuellen und einmaligen Aktionen lässt sich das strukturelle Problem nicht lösen.

Die Lobbyarbeit im Rahmen der Ernährungskrise hat auch die UNO auf den Plan gerufen. Trotz anfänglich abschlägigen Antworten reist diese Woche eine Delegation bestehend aus Welthungerhilfe, UNO-Nothilfekoordination und Hochkommisariat für Menschenrechte in die Region, um eine Evaluation der Ernährungssicherheit durchzuführen. Dabei evaluieren sie nicht nur die Situation in El Hatillo, sondern sie beziehen auch Plan Bonito und Boquerón in diese Untersuchung mit ein, die beiden anderen Dörfer, welche sich im Umsiedlungsprozess befinden. Es ist zu hoffen, dass diese Evaluation auch Hinweise enthalten wird, wie die Krise mittel- und langfristig bewältigt werden kann.

Download als pdf


[1]www.askonline.ch/fileadmin/user_upload/documents/Thema_Wirtschaft_und_Menschenrechte/Bergbau_Rohstoff/Glencore_Kolumbien/Nahrungsmittelkrise_el_Hatillo_Februar_2013_Dominique.pdf

[2] www.askonline.ch/themen/wirtschaft-und-menschenrechte/bergbau-und-rohstoffkonzerne/glencore-in-kolumbien/pressemitteilung-fian-ask/

[3] www.elespectador.com/noticias/nacional/articulo-406494-el-sueno-negro

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08.12.2016


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26.10.2016

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