26.02.2019

Nach El Hatillo kehre ich nie mehr zurück

26.02.2019 | von Stephan Suhner

Diana Fonseca ist eine der Führungspersonen von El Hatillo, die im Verhandlungskomitee der Gemeinschaft mit den drei Bergbauunternehmen und dem Operator den Umsiedlungsaktionsplan ausgearbeitet hat. Diana war im April 2015 in der Schweiz, als die ask! zusammen mit Pensamiento y Acción Social PAS den Schattenbericht zu Glencore/Prodecos Nachhaltigkeit veröffentlichte. Diana hat sich letztes Jahr vom Verhandlungstisch zurückgezogen und ist aus El Hatillo weggezogen. In diesem Interview vom 24. Januar 2019 erklärt sie die Gründe dafür und wie es ihr seither geht.

Diana Fonseca, Du hast uns im Frühling 2015 von den Gesundheitsproblemen berichtet, unter welchen Du und Deine Familie leiden – vor allem von den Atemwegsbeschwerden. Wie geht es Euch heute?

Ich bin seit acht Monaten von El Hatillo weg. Am Anfang hatte ich noch Allergien und benutzte wegen Atemproblemen zusätzlichen Sauerstoff. Mein Sohn Sebastian hat immer noch starke Allergien, geschwollene Augen und Hautausschläge, sowie Atemnot und ein Gefühl der Enge in der Brust. Die Allergie sei häufig vererbt, meinte der Arzt. Aber wenn die Eltern diese Allergie nicht haben, sei es möglich, dass es wegen der Umwelt sei. Er fragte mich wo wir wohnten. Als ich im sagte in El Hatillo, La Loma, Cesar, meinte er, dann müsste man viele Untersuchungen machen. Ich gehe mit meinem Sohn von einem Gesundheitsdienstleister (EPS) zum anderen, und wir sind noch nicht durch das Sozialversicherungssystem SISBEN versichert. Wie gesagt, ich brachte meinen Sohn zum Notarzt, nun sollte er aber zu weiteren Untersuchungen zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. In El Hatillo bin ich nur noch selten. Die Leute dort sind krank, die Gesundheitssituation der Bewohner hat sich verschlechtert. Der Sohn einer Kollegin zum Beispiel hat ebenfalls starke Ausschläge. Kein Arzt getraut sich jedoch, klar und deutlich zu sagen, was die Ursache ist.

Du warst eine der VertreterInnen der Gemeinde und hast mit den Bergbauunternehmen verhandelt. Nun bist Du aus El Hatillo weggezogen. Warum?

Ich war bis zu den abschliessenden Verhandlungstischen dabei, praktisch bis der Umsiedlungsplan PAR fertig ausgehandelt worden war. Die Verhältnisse waren für uns aber sehr schwierig. Insbesondere mein Sohn hatte psychische Probleme, wegen den Drohungen gegen mich und dem Stress der auf mir lastete. Er war sehr nervös, er hatte immer Angst, dass seine Mutter in jedem Moment getötet werden könnte. Seit Dezember 2017 wollte ich wegen dem Kind weg. Ich sprach dann mit meinem Mann, der ja in einer der Minen arbeitet, aber das Geld reichte nicht. Eine NGO half uns dann, so konnten wir am 28. Mai 2018 aus El Hatillo wegziehen. Nun leben wir in Santa Marta zur Miete. Mein Kind war ein paar Mal in psychotherapeutischer Behandlung, ich konnte fünf oder sechs Behandlungen bezahlen, danach wurde es mir zu teuer. Er hat Angstzustände und Phobien, es wurde nun aber etwas besser. Die Psychotherapeutin gab mir viele Tipps für den Umgang mit meinem Sohn. Wenn es aber nicht definitiv besser wird, müsste er eventuell zu einem Psychiater und bekäme Medikamente.

Die Verhandlungen der Gemeinschaft mit den Unternehmen liefen derweil weiter, im November konnte endlich der Umsiedlungsprozess unterzeichnet werden. Kann El Hatillo nun zufrieden sein?

Wir hofften, dass die Bevölkerung aufbegehrt und die Unterschrift unter den Umsiedlungsplan verweigert. Wir sind nicht zufrieden, wir denken, dass wir mehr hätten rausholen müssen, z.B. sind die Entschädigungszahlungen lächerlich gering und entschädigen in keiner Weise die erlittenen Schäden und Probleme. Ein Grossteil der Bevölkerung scheint sich jedoch mit dem Resultat abgefunden zu haben. Die Mehrheit der Führungspersonen ist insofern zufrieden, als dass wir in der letzten Verhandlungsphase nochmals viel arbeiteten und noch einiges erreichen konnten. Wir, die wir uns mehr erhofften, waren in der Minderheit und wurden immer weniger. Mit der Erkrankung von Alfonso zogen sich er und seine Frau Marina vom Verhandlungsprozess zurück, so auch Yolima, meine Schwester. Am Schluss waren fast nur noch Orlando und ich, die für Verbesserungen kämpften, so wurde es sehr schwierig. Die letzte Verhandlung, an der ich noch aktiv teilnahm, war am 21. Dezember 2017, danach nahm ich nur noch wenig und nicht mehr sehr aktiv teil.

Wenn Du auf die insgesamt acht Jahre dauernden Verhandlungen zurückblickst, an welchen Du bis zu deinem Wegzug teilgenommen hast: Was ist Deine Bilanz?

Ich war acht Jahre lang Mitglied des Verhandlungskomitees. Es war meist eine sehr schwierige Zeit, alles dauerte zu lange, und ich bin mir heute nicht sicher, ob es ein fruchtbarer Prozess war, ob sich das ganze gelohnt hat. Auch die Familien in El Hatillo sind erschöpft, der ganze Prozess hat uns alle stark belastet.

Was bedeutet die nun kommende Umsiedlung für die Gemeinschaft? Werden dannzumal die Umgesiedelten in neuen Häusern auf gesundem Boden das Leben so führen können, wie sie es sich wünschen?

Bei der Umsiedlung gibt es beispielsweise gute Häuser am neuen Ort, das ist ein positiver Punkt. Problematisch ist die Landfläche pro Familie: für kleinbäuerliche Familien ist es zu wenig Land, um landwirtschaftliche Projekte umzusetzen. Das für die Umsiedlung ausgewählte Landstück ist gut, es ist gutes Landwirtschaftsland und ein guter Ort um ein neues Hatillo aufzubauen. Aber pro Familie gibt es nur zwei respektive 3,5 Hektaren Land, je nachdem ob man als einkommensgenerierendes Projekt eher Handel/Dienstleistungen oder Landwirtschaft wählte. Ich selber werde mit meiner Familie nicht an der kollektiven Umsiedlung teilnehmen, wir wählten eine individuelle Lösung in Santa Marta, wo uns Socya und die Unternehmen unterstützen.

Wirst Du allenfalls später zurückkehren und in das neue El Hatillo ziehen?

Ich werde nicht zurückkehren. Von der Familie ist nur Yolima weiterhin in El Hatillo. Marina hat in Santa Marta mit der Versicherungssumme, die sie nach dem Tod ihres Mannes Alfonso erhalten hatte, ein Haus gekauft. Ich bin mit meinem Mann und den Kindern noch zur Miete, habe mich aber für eine individuelle Umsiedlung entscheiden und am 7. Dezember 2018 den Umsiedlungsvertrag (contrato de transacción) abgeschlossen. Der Operator Socya unterstützt uns dabei. Ich habe ein Haus ausgewählt, das wir genau heute zusammen mit Socya anschauen gehen, um zu schauen ob es den Kriterien der Umsiedlung entspricht. Mit Socya muss ich auch ein einkommensgenerierendes Projekt ausarbeiten. Ich dachte zuerst an ein Einkommen aus der Vermietung von drei Wohnungen, aber dafür reicht die Summe, die ich zur Investition in das Projekt erhalte nicht, es sind 75 Millionen Pesos (25‘000 Franken). Socya insistiert nun in einen Coiffeursalon, das machte ich schon in El Hatillo. Dort brachte das Geschäft etwa 700‘000 Pesos im Monat ein, aber in Santa Marta wäre es schwieriger, in einer grossen Stadt gibt es mehr Konkurrenz. Das heisst dieser Punkt ist noch offen. Insgesamt bin ich aber für unsere Zukunft in Santa Marta optimistisch.

Diana, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir und Deiner Familien für die Zukunft alles Gute. 

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