02/06/13

Nahrungsmittelkrise inmitten der Bergbauregion im Cesar

06.02.2013 | von Dominique Rothen

Die Wachstumslokomotive Bergbau dient laut kolumbianischer Regierung dazu, die nationale Wirtschaft voranzutreiben, regionale Entwicklung zu bringen und Arbeitsplätze zu schaffen. Es sind auch die Argumente, mit welchen meist transnationale Unternehmen für ihr Vorhaben werben und sich so den Zugang zu noch nicht exploriertem Gelände sichern. Die Gemeinschaft El Hatillo im Departement Cesar, welche umgeben ist von Kohleminen, spürt von dieser positiven Entwicklung jedoch nicht viel: zur Zeit ist ihre Ernährungssicherheit nicht mehr gewährleistet und sie ist auf Nahrungshilfe angewiesen; eine Hilfe, die jedoch niemand gewährleisten will.

Die Gemeinschaft El Hatillo, Departement Cesar, ist traditionell eine Bauerngemeinschaft, welche bis in die 90er Jahre von der Landwirtschaft gelebt hat. Dann wurde Kohle gefunden. Heute bauen drei transnationale Firmen in dieser Region Kohle ab: Drummond Ltd, Prodeco S.A. (gehört Glencore) und Sociedad Colombian Natural Resources S.A.S. (CNR). Bereits im 2007 sollte El Hatillo das erste Mal umgesiedelt werden, da die Konzession der Mine Teile von El Hatillo umfasste. Da die Mine den Besitzer wechselte, wurde dieser Prozess jedoch wieder gestoppt.

Im 2010 hat das Umweltministerium die damals noch vier Firmen beauftragt, drei Gemeinschaften, darunter El Hatillo, umzusiedeln, da die Staub- und Feinstaubbelastung zu hoch war und viele Leute an Lungen-, Haut- und Augenkrankheiten leiden. Es hat einige Probleme geben in der Umsetzung dieser Umsiedlung, der aktuelle Prozess ist seit Frühling 2012 im Gange. Wenn der Prozess nun wie vorgesehen durchgeführt werde kann, wird die Gemeinschaft in ungefähr zwei Jahren definitiv umziehen können.

Die Gemeinschaft lebt schon seit einiger Zeit in ziemlich prekären Verhältnissen: Die Nahrungsmittelproduktion nimmt ab (geringere Anbaufläche, weniger Ernte, Rückgang des Fischbestands), viele Leute sind krank, insbesondere chronische Erkrankungen der Atemwege sind häufig, es gibt kein Trinkwasser, die Häuser erfüllen die Minimalanforderungen an ein Haus nicht und die Arbeitslosenrate ist sehr hoch. In den letzten Wochen hat sich die Situation massiv zugespitzt.

Arbeitssituation der Gemeinschaft

Die Wirtschaftslokomotive verspricht Arbeitsplätze. Doch die Realität in El Hatillo sieht anders aus. Von den 130 Familien, welche in El Hatillo leben, haben nur Angehörige von 13 Familien einen Job, die anderen 117 Familien versuchen sich im informellen Bereich ein kleines Einkommen zu erarbeiten oder sind abhängig von der Solidarität ihrer Nachbarn oder Familien. Zwar ist die Arbeitssituation seit längerem ein Problem und hat verschiedene Ursachen, in den letzten Wochen hat sie sich jedoch bedenklich zugespitzt. So erhält die Kooperative der Gemeinschaft kaum mehr Aufträge, denn die meisten Aufträge werden an grössere, professionellere und vor allem externe Kooperativen vergeben. Wenn die lokale Kooperative einen Auftrag erhält, dann meist nur über eine kurze Zeitspanne. Der damit erarbeitete Lohn erlaubt es kaum, davon zu leben oder gar eine Familie zu ernähren.

In den letzten Wochen sind zudem viele Entlassungen zu beklagen, der gravierendste Fall ist die Mine „La Francia“ von CNR. Aufgrund nicht klarer Umstände hat die Mine offenbar ihre Arbeiten eingestellt und so wurden Ende Januar 600 Leute auf unbestimmte Zeit in die Ferien geschickt. Davon betroffen waren auch 10 Personen aus El Hatillo.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass scheinbar die Anforderungen an potentielle ArbeiterInnen erhöht werden, so wird nun nicht mehr nur Erfahrung und Qualifikation für den jeweiligen Job gefordert, sondern wird ein Mindestalter vorausgesetzt oder aber gefordert, dass die Schule abgeschlossen wurde (bachillerato), was früher nicht der Fall war. So werden heute Kandidaten und Kandidatinnen trotz Erfahrung nicht mehr akzeptiert. In El Hatillo haben viele Leute die Schule nicht abgeschlossen.

Umsiedlungsprozess

Da sich die Gemeinschaft in einem Umsiedlungsprozess befindet, werden seitens des Staates keine Investitionen mehr vorgenommen. Aufgrund der prekären Situation, in welcher sie leben, fordert sie seit langem einen Übergangsplan, welcher ein würdevolles Leben bis zum Moment des Umzuges garantieren soll. Dieser Übergangsplan wurde im September 2012 von den Firmen akzeptiert und beinhaltet Komponenten wie Gesundheit (wie werden Gesundheitsprobleme behandelt, welche auf die Umweltbelastung der Minen zurückzuführen sind?), produktive Projekte und Arbeit (wie können Ernährungssicherheit und Einkommen in der Übergangsfase garantiert werden?), Bildung (ermöglichen, dass der Schulabschluss gemacht werden kann), kulturelle Programme sowie psychosoziale Begleitung.

Bis heute zeigt dieser Übergangsplan sozusagen keine Resultate, insbesondere die produktiven Projekte stecken noch in den Kinderschuhen. So werden zur Zeit immer noch die Inhalte und die Gruppen, mit welchen die Projekte bearbeitet werden sollen definiert. Es wird also noch eine Weile dauern, bis sie umgesetzt werden können und dadurch die Ernährungssicherheit nachhaltig garantiert werden kann.

Ernährungskrise

Hauptsächlich aufgrund der prekären Arbeitssituation und der fehlenden produktiven Projekte, ist die Ernährungssituation der grossen Mehrheit der Gemeinschaft nicht mehr gewährleistet. Die seit Monaten anhaltende Trockenheit trägt das Übrige dazu bei und lässt die Ernteerträge noch mehr schwinden. In der Gemeinschaft herrscht zwar eine grosse Solidarität untereinander, doch inzwischen kommen auch diese Familien, welche andere Familien mit Nahrungsmitteln versorgen an ihre Grenzen, da es immer mehr Familien sind, die um ihre Unterstützung bitten.

Diese Krise hat dazu geführt, dass die Organisationen Pensamiento y Acción Social (PAS) und die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien (ask), welche El Hatillo im Umsiedlungsprozess begleiten, Ende Januar die zuständigen staatlichen Stellen, die Firmen und internationale Organisationen auf die kritische Situation der Gemeinschaft aufmerksam gemacht haben und fordern, vorübergehend eine Nahrungsmittelabgabe zu organisieren, um die Zeit zu überbrücken, bis die produktiven Projekte definiert und umgesetzt sind. Innerhalb von zehn Tagen sind keine positiven Antworten eingetroffen: die staatlichen Stellen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, die Firmen haben bis jetzt nicht reagiert und viele internationalen Organisationen können ebenfalls nicht aktiv werden. So scheint es ein Problem zu sein, dass es sich bei der Bevölkerung von El Hatillo nicht um intern Vertriebene, Opfer des bewaffneten Konfliktes oder einer Naturkatastrophe handelt, wofür durchaus ein Nothilfemechanismus bestehen würde. Internationale Organisationen wie die UNO, das Rote Kreuz oder NGOs können ebenfalls nicht agieren, da sie in der Region entweder nicht tätig sind oder aber nicht für diese Art von Bevölkerung zuständig sind. So ist bis heute unklar, wie diese Ernährungskrise überwunden werden soll.

Bergbau – Wirtschaftslokomotive für Entwicklung?!

Bergbau – die Lokomotive des Präsidenten Juan Manuel Santos, welche die Wirtschaft Kolumbiens vorwärts bringen soll, Entwicklung mit sich bringt sowie angeblich Arbeitsplätze schafft. Betrachtet man die Situation von El Hatillo, kann man sich wohl zu Recht die Frage stellen, ob diese Vorhaben mit dem Bergbau wirklich möglich sind, oder ob vielleicht wieder einmal nur ein paar Wenige vom Aufschwung profitieren und viele andere auf der Strecke bleiben?

Führt man sich die Propaganda vor Augen, welche für den Bergbau gemacht wird, wie internationale Firmen und Investoren nach Kolumbien eingeladen werden, um Geschäfte zu machen mit dem vermeintlichen Ziel, dass diese Investitionen schlussendlich der kolumbianischen Bevölkerung zu Gute kommen, so mutet es doch mindestens komisch an, dass ein Dorf in Mitten einer Bergbauregion so massiv von Arbeitslosigkeit betroffen ist und unter Hunger leiden muss.

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