12/01/11

Erfolgreicher Streik bei kolumbianischer Glencore-Tochter Prodeco

01.12.2011 | von Stephan Suhner

Bei Prodeco, einer hundertprozentigen Tochterfirma von Glencore, haben die Arbeiter am 17. November 2011 einen Streik begonnen. 1200 Arbeiter in der Mine Calenturitas in La Jagua und im Hafen in Santa Marta haben ihre Arbeit niedergelegt, weil in direkten Verhandlungen mit dem Unternehmen keine Einigung gefunden werden konnte. Die Gewerkschaft Sintracarbón hatte Anfang Oktober einen Forderungskatalog eingereicht, um erstmals in der Mine Calenturitas einen Gesamtarbeitsvertrag abschliessen zu können. Die Firmenleitung forderte die Arbeiter und die Gewerkschaft aber auf, sich dem Kollektivpakt anzuschliessen, und auf einen Gesamtarbeitsvertrag zu verzichten. Eines der ungelösten Probleme sind die Zeit- und Leiharbeiter.

Seit Jahren versuchte Sintramienergetica, die Arbeiter bei Prodeco zu organisieren und bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Während es im Hafen von Prodeco eine relativ starke Sektion von Sintramienergetica gab, unternahm die Glencore-Tochter alles, um die gewerkschaftliche Organisation in der Mine zu verhindern. Zudem verzögert Prodeco seit mehreren Jahren die Lösung eines Arbeitskonfliktes im Hafen, respektive weigert sich, ein Schiedsgerichtsurteil umzusetzen. Verschiedene Arbeiter baten Sintracarbón, ihnen beim Aufbau einer Gewerkschaftssektion in der Mine zu helfen. Sintracarbón, die die Arbeiter bei Cerrejón organisiert hat, begann im Frühsommer die Arbeiter bei Prodeco zu organisieren, und konnte nun mit diesem Arbeitskampf einen ersten Erfolg verbuchen.

Am 21. September 2011 hat die Gewerkschaft Sintracarbón dem Unternehmen Prodeco in La Jagua einen Forderungskatalog überreicht, und am 3. Oktober begannen die Parteien mit den gesetzlich vorgeschriebenen Verhandlungen. Nachdem die 20-tägige Verhandlungsfrist am 22. Oktober jedoch beendet war, brach das Unternehmen einseitig den Dialog ab und erklärte, es werde eine Sammlung von früheren Regeln als Kollektivpakt mit fünf Jahren Gültigkeit anwenden.[1]Dieses einseitige Dokument enthält Normen und Vorschriften, die gemäss der Gewerkschaft unter den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen. Die internationale Chemie- und Metallarbeitergewerkschaft ICEM warf Glencore mangelnde Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft vor, v.a. auch da sie sich weigerte, die Verhandlungsfrist zu verlängern. Die hochrentable Mine wende nur skandalös tiefe 4,91% des Gewinnes für die Entlöhnung der Arbeiter auf.

Die Gewerkschaft Sintracarbón stellte die Arbeiter in einer Abstimmung in der Mine vor die Wahl, den Streik auszurufen oder den Arbeitskonflikt einem Schiedsgericht zu unterbreiten. Das Unternehmen versuchte mit verschiedenen Einschüchterungsmassnahmen die Abstimmung zu verhindern, trotzdem stimmten 97,4% der Arbeiter für den Streik, nur 2% stimmten für ein Schiedsgericht. Prodeco hatte eine ausgefeilte Propagandakampagne gemacht, um die Arbeiter davon zu überzeugen, dass der von der Gewerkschaft vorgeschlagene Gesamtarbeitsvertrag nicht legal sei und dass deshalb die Möglichkeit bestehe, dass die Arbeiter auch alle früheren Verhandlungsvorteile verlieren könnten. Damit wolle die Firma erreichen, dass sich die Arbeiter gegen die Gewerkschaft und gegen die Verhandlungen stellen.[2] Das Unternehmen übte an den Arbeitsplätzen über die Vorarbeiter massiv Druck aus und schwärzte die Gewerkschaft über die Firmeneigene Radiostation Radio EnergíaBecerril an. Sie warf der Gewerkschaft Manipulationen bei der Abstimmung, Druckausübung und gar Gewalt vor, um die Arbeiter zum Streik zu zwingen. Prodeco sagte, der illegale Streik werde für das Unternehmen zu wirtschaftlichen Problemen führen, ihre Rentabilität beeinträchtigen und die Arbeitsplätze gefährden, und appellierte an die Arbeiter, sich der Konsequenzen eines Streiks bewusst zu seine; eine verhaltene Entlassungsdrohung. Prodeco kündigte an, die Illegalerklärung des Streiks anzustreben, mit den juristischen Folgen für Gewerkschaft und am Streik beteiligte Arbeiter. Diese Drohungen, insbesondere wegen Rentabilitätsverlust, sind lächerlich, wenn man bedenkt, dass die Minen von Glencore hochrentabel sind. Die Produktionskosten gehören zu den weltweit tiefsten, vielleicht 10 bis 15 Dollar pro Tonne, und der Verkaufspreis der qualitativ hochwertigen Kohle liegt bei über 100 USD.

Die Arbeiter blieben trotz all dieser Provokationen des Unternehmens standhaft und nach 9 Tagen Streik konnte am 25. November 2011 ein neuer Gesamtarbeitsvertrag zwischen Sintracarbón und Prodeco unterzeichnet werden. Für Sintracarbón stellt dies nur wenige Monate nach Beginn der Aufbauarbeit einer neuen Gewerkschaftssektion ein grosser Erfolg dar, insbesondere da es der erste GAV in der Mine Calenturitas sei! Sintracarbón ist mit dem Inhalt des ersten GAV zufrieden, hofft aber auf neue Verbesserungen bei zukünftigen Verhandlungen. Ebenso hoffen sie, dass es den gewerkschaftlichen Organisationsprozess weiter stimuliert.[3] Mitverantwortlich für den Erfolg des Streiks war sicher auch die Unterstützung durch den kolumbianischen Gewerkschaftsdachverband CUT und die internationale Branchengewerkschaft ICEM. Auch Senator Robledo vom Polo Democrático erklärte sich in einem Communiqué mit den Arbeitern solidarisch und forderte die Regierung auf, im Hinblick auf eine rasche Lösung des Arbeitskonfliktes zu vermitteln.[4]

Dieser Erfolg von Sintracarbón soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tochterfirmen von Glencore weiterhin eine sehr gewerkschaftsfeindliche Politik betreiben, auch wenn das Unternehmen immer das Gegenteil beteuert. Sintramienergetica hat in den letzten Monaten verschiedene Vorfälle denunziert, wo Arbeiter, die sich der Gewerkschaft anschlossen, unter massiven Druck gesetzt wurden, von der Gewerkschaft wieder auszutreten. So wurde beispielweise ein Lokführer Mitte Juli aus dem Zug geholt und nach Barranquilla gebracht, wo er vor versammeltem Management zum Rücktritt gezwungen wurde.[5] Bei ConsorcioMinerosUnidos CMU, einer weiteren Glencore-Tochterfirma, wurde im August 2011 ein Gewerkschafter als Retorsionsmassnahme entlassen, obwohl er als Gewerkschafter Entlassungsschutz genoss.[6] Weitere Beispiele liessen sich aufzählen.

Am 24. November wurde bekannt, dass am 23. November 2011 etwa um 11 Uhr vormittags der nationale Präsident von Sintramienergetica, Raul Sosa, per Telefonanruf mit dem Tod bedroht wurde. Die Nachricht war „Sosa, Sosa, du bist auf der Liste, du wirst sterben“. Angesichts früherer Morde an Gewerkschaftsführern in der Gegend, wie 2001 Valmore Locarno, Victor Orcasita und Gustavo Soler, nimmt Sintramienergetica diese Drohungen sehr ernst und fordert den Staat auf, unverzüglich Untersuchungen einzuleiten und das Recht auf Gewerkschaftsfreiheit und die Sicherheit der Gewerkschaftsführer zu garantieren.[7]


[1]Colombia: Sintracarbón declara huelga en mina Calenturitas de Glencore, ICEM Communiqué,http://www.icem.org/es/78-ICEM-InBrief/4783-Colombia:-Sintracarbón-declara-huelga-en-mina-Calenturi (http://www.icem.org/es/78-ICEM-InBrief/4783-Colombia:-Sintracarbón-declara-huelga-en-mina-Calenturi)

[2]Sintracarbón lucha contra filial de Glencore en Colombia

[3]Sintracarbón, COMUNICADO A LA BASE Y A LA OPINIÓN PÚBLICA No. 26. NUEVA CONVENCIÓN COLECTIVA DE TRABAJO EN C.I. PRODECO S.A., La Jagua, 25. November 2011.

[4]El senador Robledo respalda a los trabajadores de Prodeco, filial de la trasnacional suiza Glencore, Bogotá, 15. November 2011,  www.reclamecolombia.org/index.php

[5]“Reprochable atentado contra el derecho de asociación sindical”. Brief von Sintramienergetica Sektion Santa Marta an Garry Nagle, Santa Marta, 25. Juli 2011.

[6]OTRO ATENTADO DE LA SUIZA GLENCORE CONTRA DERECHO DE ASOCIACION SINDICAL EN COLOMBIA. Communiqué von Sintramienergetica, Barranquilla, 22. August 2011.

 

[7]Pressecommuniqué von Sintramienergetica, GRAVE AMENAZAS CONTRA EL PRESIDENTE NACIONAL DE SINTRAMIENERGÉTICA, Barranquilla, 24. November 2011.

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