05/02/13

Gemeinschaft von El Hatillo suspendiert Verhandlungen über die Umsiedlung

02.05.2013 | von Stephan Suhner

Seit 2010 steht die Gemeinschaft von El Hatillo in einem Umsiedlungsprozess, nachdem das Umweltministerium diese Massnahme wegen der starken Luftverschmutzung durch die Kohleminen angeordnet hatte. Die kolumbianische NGO Pensamiento y Acción Social (PAS) begleitet in Zusammenarbeit mit der ask! diese Gemeinschaft. El Hatillo hätte bis September 2012 umgesiedelt sein sollen. Ende 2012 war jedoch erst die Erfassung der umsiedlungsberechtigten Bevölkerung abgeschlossen, die Erarbeitung des eigentlichen Umsiedlungsplanes begann erst 2013.

Der Umsiedlungsprozess wird sicher noch gegen zwei Jahre in Anspruch nehmen. Der Verhandlungsprozess verläuft sehr schleppend und bei der Gemeinschaft zeigen sich immer grössere Ermüdungserscheinungen, weil keine konkreten Resultate und Fortschritte sichtbar sind. Zudem ist die soziale und wirtschaftliche Lage der Gemeinschaft prekär. Der notwendige Übergangsplan (), der sicherstellen soll, dass die Bewohner bis zum Termin des eigentlichen Umzugs an den neuen Ort würdig leben können, wurde erst vor kurzem vorgestellt, doch dessen Implementierung wurde schon wieder verzögert.

Sozialer Notstand
Im Januar 2013 erklärte die Gemeinschaft El Hatillo den sozialen Notstand wegen akutem Nahrungsmittelmangel. Die Bewohner haben kaum Land, um etwas anzubauen, die Trockenzeit dauerte sehr lange und kaum jemand im Dorf hat extern Arbeit. Verschiedene Minenunternehmen und Untervertragsfirmen haben Leute entlassen und auch die Kooperative im Dorf erhielt keine Aufträge mehr. Das führte dazu, dass zahlreiche Familien im Dorf nicht mehr genügend Nahrungsmittel beschaffen konnten, und das Fehlen eines Übergangsplanes war Teil des Problems. PAS hat zusammen mit anderen Organisationen in Kolumbien, unterstützt durch die verschiedenste Organisationen und Institutionen angeschrieben und um Nothilfe gebeten. Da es sich bei den Bewohnern um Kleinbauern und damit nicht um eine ethnische Minderheit und auch nicht um Gewaltvertriebene handelt, fühlte sich praktisch niemand zuständig. Erst die Sozialpastorale gewährte schlussendlich Nothilfe, sowie NGOs aus den USA und die ask!

Die Krise hatte jedoch den „Vorteil“, dass El Hatillo und der schleppende Umsiedlungsprozess sichtbarer wurden, woraufhin der Bürgermeister, das Gouverneursamt und Abordnungen von nationalen Behörden der Gemeinschaft ihre Aufwartung machten. Ebenso besuchte eine UNO-Delegation (UN Hochkommissariat für Menschenrechte OHCHR und Welternährungsprogramm  WFP) die Gemeinschaft sowie auch die Nachbargemeinschaften Plan Bonito und Boquerón, die ebenfalls in einem Umsiedlungsprozess stehen. Die UNO hat nun einen Bericht veröffentlicht, der am 26. April den Gemeinschaften in Anwesenheit des UNO Leiters Todd Howland vorgestellt wurde.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen des UNO-Berichtes:
Die drei untersuchten Gemeinschaften El Hatillo, Plan Bonito und Boquerón weisen Unsicherheit in ihrer Ernährungslage auf. Diese Ernährungsunsicherheit ist zurückzuführen auf: die veränderte Lebensbedingungen durch den Bergbau; den beschränkten Zugang zu Landwirtschaftsland, das privatisiert und konzessioniert wurde; die ungenügenden Weidemöglichkeiten für Viehhaltung; den erschwerten und gefährlichen Zugang zu den Flüssen für den Fischfang, da dazu Minengelände betreten werden muss, was eigentlich verboten ist und verfolgt wird. Es herrscht chronische und allgemeine Armut, wodurch die Gemeinschaften geschwächt wurden und es innerhalb der Gemeinschaften kaum mehr soziale Unterstützungsnetze gibt. Der Zugang zum Gesundheitssystem ist sehr beschränkt, einerseits weil in den Gemeinschaften keine geeignete Versorgung existiert, andererseits weil der Geldmangel vieler Familien den Transport zum nächsten Arzt verhindert. Generell sind die öffentlichen Dienstleistungen durch die hohe Zuwanderung an Minenarbeitern überfordert. Verschiedentlich wurden gegenüber der UNO-Mission auch Bedrohungen und Sicherheitsprobleme erwähnt, sei dies die Angst vor Verfolgung beim Fischfang auf dem Privatgelände der Minen, sei dies durch die Präsenz von Nachfolgeorganisationen der Paramilitärs, dies insbesondere in Boquerón. Ebenso stellte die UNO grosse Verzögerungen bei der Erfüllung der Auflagen bezüglich der Umsiedlung fest, sowie ein kaum vorhandenes Interesse der staatlichen Stellen, den Prozess kritisch zu begleiten.         

Trotz der Bergbauaktivität ist die Beschäftigungssituation in den Gemeinschaften prekär. Nur bei rund 10% der Familien hat zumindest eine Person Arbeit in den Minen, der Rest schlägt sich im informellen Sektor durch. 12% der Familien leben vom Fischfang, der aber, wie beschrieben, extrem schwierig und risikoreich geworden ist. 17% der Familien verfügen über gar keine Einkommensquelle. Die schlechte Ausbildung der Dorfbewohner behindert zwar ihren Eintritt in den Arbeitsmarkt, aber die Minen hätten unqualifizierte Arbeitsplätze zur Verfügung, diese werden aber kaum an die Bewohner der drei Gemeinschaften vergeben. Die Anzahl der in den Minen angestellten Personen hat sogar abgenommen. Von Arbeitslosigkeit und Armut besonders betroffen sind die Frauen, keine einzige Frau arbeitet in den Minen. Die Palmplantagen und die Ölmühle bieten saisonal einige Arbeitsplätze. Die Kooperative in El Hatillo erhält ab und zu Aufträge von den Minen, z.B. um Zäune instand zu setzen oder Bäume zu pflanzen, es handelt sich aber um kurze Arbeitseinsätze. Die durchschnittlichen Einkünfte der Familien in den drei Gemeinschaften beträgt nur 250‘000 Pesos, weniger als ein halber Mindestlohn. 78% der Einkünfte werden für Nahrungsmittel aufgewendet, ein weiterer grosser Posten sind Gesundheitskosten. Viele Familien haben für die Ernährung und die Gesundheitsversorgung Schulden gemacht. 95% der Familien geben an, dass sie schon Geldmangel für die Deckung der Grundbedürfnisse erlitten haben. Die Ernährung ist einseitig auf die Kalorienzufuhr ausgerichtet, wichtige Nährstoffe fehlen in der Diät. In der Regel können die Familien täglich nicht drei vollständige Mahlzeiten zu sich nehmen. Die Ernährungslage und die Gesundheitssituation werden denn auch als die grössten Probleme betitelt.

Leere Versprechungen und Verhandlungsabbruch
Verschiedene der Versprechen und Zusagen, sowohl des Umsiedlungsoperators und der Firmen, sowie der staatlichen Stellen, die in der Folge dieser sozialen Krise abgegeben wurden, wurden nicht eingehalten. So funktioniert die Trinkwasserversorgung nicht richtig, die Lehrer werden nicht oder nur unregelmässig bezahlt und es fehlt das zugesicherte Gesundheitspersonal. Der Übergangsplan steht nun zwar, und obwohl die Gemeinschaft einige Einwände bekundete, hat sie ihn als Gesamtes akzeptiert, bei der Umsetzung gibt es aber schon wieder unhaltbare Verzögerungen. 

Ende April hat sich die Situation nun dahingehend verschärft, dass sich die Gemeinschaft anlässlich der monatlichen Verhandlungsrunden am 25. April 2013 vom Verhandlungstisch erhoben hat und erst an den Verhandlungstisch zurückkehren wird, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind. Eines der aktuell grössten Probleme besteht darin, dass die Unternehmen ihren Verpflichtungen aus den Verfügungen des Umweltministeriums nicht nachkommen und dieses, respektive die neu geschaffene (ANLA) die Einhaltung nicht kontrolliert. Unter anderem hätten die Unternehmen gemeinsam ein Treuhandkonto () einrichten und je einen gewissen Betrag darauf einbezahlen sollen, damit die Umsiedlung finanziell abgesichert ist. So wie es scheint, wurde bis heute weder diese eingerichtet, geschweige denn das Geld darauf einbezahlt. Dies führt dazu, dass RePlan, das für die Umsiedlung beauftragte Unternehmen, nur bedingt handlungsfähig ist und davon abhängt, dass die Bergbaufirmen das Geld für jede einzelne Aktivität überweisen. Dies dürfte einer der Hauptgründe sein, warum RePlan immer wieder Zusagen bricht, respektive nicht erfüllt (nicht erfüllen kann). Die Gemeinschaft will nun erst weiter verhandeln, wenn sie eine Kopie des Vertrages über die erhalten hat und eine Bestätigung vorliegt, dass die Unternehmen die jeweiligen Beträge darauf einbezahlt haben. 

Verzögerung als Taktik
Weiter ist den Begleitorganisationen bekannt, dass die Unternehmen Boquerón nicht umsiedeln wollen, da es sich um die grösste der drei Gemeinschaften handelt und die Umsiedlung damit am teuersten kommen würde. Die Bergbaufirmen machen nun geltend, dass sie das Land auf dem Boquerón liegt, gar nicht brauchen. Zudem laufen anscheinend Verhandlungen mit der ANLA, um die Verfügungen 970 und 1525 generell zu modifizieren, um die Verantwortungen der einzelnen Unternehmen und die Fristen abzuändern. All dies erweckt den Eindruck, dass die Unternehmen die Gemeinschaften gar nicht umsiedeln wollen. Allenfalls spekulieren sie darauf, dass die Leute einfach weg ziehen wollen und nur über eine finanzielle Entschädigung verhandeln wollen, wie es bei Plan Bonito geschehen ist. Auf jeden Fall wird diesen Gemeinschaften damit schwerer Schaden zugefügt und ihre Menschenrechte werden verletzt. Dieses Verhalten steht den Verpflichtungen, die Glencore – Prodeco mit der Unterzeichnung der Absichtserklärung vom Februar 2012 und mit der Mitarbeit im Prozess eingegangen ist, entgegen. [1] beabsichtigt einen menschenrechtskonformen Umgang mit den Gemeinschaften im Einflussbereich der Unternehmen und verlangt die Durchführung von menschenrechtlichen Folgeabschätzungen.

Wir sind der Ansicht, dass die Verzögerungen im Umsiedlungsprozess die Menschenrechte dieser Gemeinschaften verletzen und vorhandene Konflikte weiter verschärfen. Glencore muss dringend Korrekturmassnahmen ergreifen. Die Ausrede von Glencore-Prodeco, dass sie alles zu Dritte machen müssten und Einigungen manchmal schwierig seien, oder dass die Verfügungen des kolumbianischen Staates oftmals widersprüchlich oder unsinnig sind, rechtfertigt das Verhalten der Minenunternehmen gegenüber den notleidenden Gemeinschaften in keiner Weise.

Bericht der UNO zu Ernährungskrise in Hatillo

Communiqué der Gemeinschaft zum Unterbruch der Verhandlungen

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[1]Guías Colombia ist eine freiwillige Initiative, die teilweise auf den basiert, aber breiter ist und auch Arbeitsrecht, Gemeinschaften und weitere Themen enthält. Die im Februar 2012 unterzeichnete Absichtserklärung beruft sich auf . Weitere Infos dazu: www.ideaspaz.org/index.php/guias-colombia

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

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www.oetterlikaffee.ch

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