09/01/12

Cerrejón: Massiver Widerstand gegen Flussumleitung

01.09.2012 | von Stephan Suhner

In den vergangenen zwei Monaten fanden mehrere Aktivitäten gegen die geplante Umleitung des Flusses Rancheria und die Expansion des Kohleabbaus statt. Am 22. Juli 2012 verabschiedeten das indigene Volk der Wayuu und die Afrokolumbianer der Guajira eine Grundsatzerklärung gegen die geplanten Projekte, am 1. August fanden Protestmärsche im Rahmen eines kontinentalen Aktionstages gegen den Bergbau statt und vom 16. bis 20. August führten mehrere Organisationen eine Expedition zur Verteidigung des Flusses Ranchería durch. Das Unternehmen Cerrejón verwickelte sich dabei in immer mehr Widersprüche und betont heute, das Expansionsprojekt und die Flussumleitung seien nur eine Idee.

Am 22. Juli trafen sich Vertreter des Volkes der Wayuu und der Afrokolumbianer in Riohacha, um über die Charakteristiken ihrer Völker, ihrer Kultur und ihres Territoriums sowie über die Folgen der Megaprojekte zu debattieren. Darin erklärten sie das Unternehmen Cerrejón zur unerwünschten „Person“; forderten den kolumbianischen Staat auf, die Abbaugenehmigung für Cerrejón nicht auszudehnen; verlangten Entschädigung für die Schäden am Territorium und Wiedergutmachung für die vertriebenen und zerstörten Gemeinschaften; erklärten die Umleitung des heiligen Flusses Ranchería als nicht verhandelbar; verlangten die sofortige Suspendierung der Konsultationsprozesse; forderten einen Stopp des Bergbaus auf dem traditionellen Territorium der Wayuu sowie ein Stopp jeglicher weiterer Konzessionen für Exploration und Förderung; lehnten den Bau neuer Eisenbahnstrecken ab und forderten die sofortige Anerkennung ihres Rechts auf das Territorium und die Autonomie ein.[1]

Am 1. August fand ein nationaler Aktionstag gegen die „Bergbau – Lokomotive“ der Regierung Santos statt, mit Märschen und Volksfesten in Bogotá sowie in den Departementen Cesar, Córdoba, Antioquia, Santander, Chocó, Boyacá, Cundinamarca, Caldas, Tolima und Huila. In Riohacha, der Hauptstadt der Guajira, organisierte das Zivilgesellschaftliche Komitee zur Verteidigung des Flusses Ranchería eine grosse Kundgebung. Verschiedene Redner von Gewerkschaften und Parteien sowie indigene und afrokolumbianische Führungspersonen lehnten die Umleitung des Flusses Ranchería ab und hinterfragten die Strategie des Cerrejón, die angesichts des wachsenden Wiederstandes zurückkrebst und betont, die Umleitung des Flusses sei weder beschlossen noch beantragt.                 

Vom 16. bis 20. August organisierten die Vereinigung der Autoritäten und indigenen Räte des Südens der Guajira AACIWASUG, die Fuerza de Mujeres Wayuu, das Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo sowie das Komitee zur Verteidigung des Flusses Ranchería und des Quellgebietes Cañaverales eine Expedition entlang des Flusses Ranchería, um den Fluss vor dem Bergbauprojekt zu verteidigen, für den Respekt der indigenen Völker und ihrer autonomen Entscheidungen zu kämpfen, die Biodiversität und die ökologische und soziokulturelle Bedeutung des Ranchería hervorzuheben, sowie Möglichkeiten der Wasserreinigung und ökologischen Aufwertung des Flusses zu prüfen. Der Aufruf wurde damit begründet, dass in den bisher 30 Jahren des Kohleabbaus die lokale Bevölkerung die gravierenden Folgen des Bergbaus habe erdulden müssen, darunter die Verschmutzung der Luft, der Böden und des Wassers, Verlust an Land und Gesundheitsschäden. Vor der Inbetriebnahme des Cerrejón habe die Gegend v.a. von Landwirtschaft und Handel gelebt, die 60‘000 Arbeitsplätze schufen. Die Mine offeriere nur einen Bruchteil an Arbeitsplätzen, insbesondere werde die lokale Bevölkerung zu wenig berücksichtigt. Die Organisatoren der Expedition beklagen, dass trotz den hohen Gewinnen die die Mine macht 64% der Bevölkerung der Guajira immer noch in Armut lebt.

Das Gebiet, auf dem Cerrejón den Fluss Ranchería umleiten will, wird von indigenen und afrokolumbianischen Gemeinschaften bewohnt. Diese müssen vor Projektbeginn konsultiert werden. Die betroffenen Gemeinschaften denunzieren seitens des Unternehmens Carbones del Cerrejón und der Behörden verschiedene Widersprüche und gesetzeswidriges Vorgehen: Obwohl Cerrejón sagt, dass sie erst Vorstudien über die Gangbarkeit des Projektes durchführen würden, fanden seit 2011 Konsultationsprozesse mit den betroffenen Gemeinschaften statt. Mit Begleitung es Innenministeriums wurden unzählige Vor-Abkommen protokolliert, gleichzeitig den Gemeinschaften Boote, landwirtschaftliche Werkzeuge, Vieh etc. verteilt und weitere Vorteile versprochen. Verschiedene Gemeinschaften beklagten sich, dass man sie mir solchen Geschenken kaufen wollte. Cerrejón verneint jedoch, dass sie bei den Konsultationen irgendwelche Geschenke oder wirtschaftliche Versprechen gemacht hätten.

Die Organisatoren der Expedition betonen die Undurchführbarkeit des Projektes und lehnen es klar ab. Ebenso lehnen sie die betrügerischen Konsultationsrunden ab und verlangen die Unterbrechung der Vorkonsultationen und Konsultationen, bis dass diese den internationalen und verfassungsmässigen Prinzipien genügen und dies Prinzipien garantiert werden, und dass sämtliche Aktivitäten, die auf die Umleitung des Flusses hinarbeiten gestoppt werden.[2] An der Expedition nehmen gegen 150 Personen aus Kolumbien, Deutschland, den USA und weiteren Ländern teil, Vertreter von NGOs, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen.

2011 präsentierte Cerrejón seinen Stakeholdern einen Bericht mit dem Namen Liwo’uyaa, in dem er das Expansionsprojekt als einen Schlüssel für das zukünftige Wachstum bezeichnete, da es den Abbau von Kohle ermöglichen werde, die heute unzugänglich unter dem Fluss Ranchería liegt. Dieser Bericht stellt als in jeder Hinsicht beste Lösung die Umleitung des Flusses auf zwei Teilstücken von zusammen 26 km Länge vor. Im April 2011 lud Cerrejón rund ein Dutzend Nichtregierungsorganisationen – darunter die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien – zu einem Stakeholder-Meeting nach London ein, wo dieses Projekt und die dazugehörigen Konsultationsprozesse vorgestellt wurden. Die Planung schien damals weit fortgeschritten und das Projekt von grosser Dringlichkeit. In der Woche der Expedition entlang des Flusses Ranchería gab der Präsident des Cerrejón einer Lokalzeitung jedoch bekannt, dass sie „kein Projekt präsentiert haben, das besagt, dass der Fluss Ranchería umgeleitet werden soll, deswegen hat es keinen Wert, über dieses Thema eine grosse Polemik zu veranstalten“. Ebenso hielt Roberto Junguito fest, dass Cerrejón kein Projekt durchführen würde, das die Nachhaltigkeit des Flusses gefährden würde. Es würden verschiedene Alternativen studiert und es sei nicht sicher, ob das Expansionsprojekt durchgeführt werde.[3]

In einem Interview mit Radio Caracol sagte Julián González, Vizepräsident von Cerrejón für Nachhaltigkeit und soziale Unternehmensverantwortung, dass die Umleitung des Ranchería eines von verschiedenen Projekten sei, die als Möglichkeiten geprüft würden, und dass eine Umleitung auf jeden Fall keine indigenen Gemeinschaften negativ betreffen würde, da alles innerhalb des Minenareals gemacht würde. Zudem gehe es im Moment um eine Vor-Konsultation (pre consulta), um Vorabklärungen, nicht um eine eigentliche vorgängige Anhörung (consulta previa). Das Internetportal „La Silla vacía“ hatte jedoch Einblick in eine offizielle Regierungsantwort, wonach Cerrejón am 29. November und 7. Dezember 2010 um den formellen Start eines Konsultationsprozesses über das Projektes ersucht hätten.[4] Die verschiedenen unklaren Konzepte und Aussagen bezüglich der vorgängigen Anhörung (pre consulta, consulta previa) sowie die verharmlosenden Aussagen über den Planungsstand des Projektes lassen aufhorchen. Es ist zu vermuten, dass Cerrejón dem Widerstand Wind aus den Segeln nehmen will, um dann leichter das Projekt durchdrücken zu können.   

Zwischen dem 4. und dem 9. August führte das Marketingunternehmen Mediciones y Servicios de Marketing Ltda. in den Gemeinden San Juan del Cesar, Fonseca, Barrancas, Albania, Maicao und Riohacha bei 299 Personen eine telefonische Befragung über die Flussumleitung durch. 92,3% der befragten Personen lehnte die Umleitung des Ranchería ab, v.a. weil sie grössere Umweltschäden befürchten (47,8% der Befragten), weil sie glauben, dass die Royalties nicht der Guajira zugutekommen (25,7%) oder weil sie denken, es würden keine guten Arbeitsplätze für die Einheimischen geschaffen.[5]

Auch die meisten politischen Parteien und Organisationen lehnen eine Umleitung des Flusses Rancheria ab. An einem Treffen in Riohacha vom 19. Juli 2012 hielten sie fest, dass der Ranchería die wichtigste oberflächliche Süsswasserquelle und eine wichtige Barriere gegen das Vordringen der Wüste sei. Der Fluss sei deshalb unter wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und Umweltaspekten von ausserordentlicher Bedeutung und jegliche Veränderung seines Verlaufes würde die Bevölkerung schwer betreffen. 80% der Guajira sei halbtrocken mit hoher Tendenz zur Wüstenbildung, was zusammen mit dem Klimawandel schwerwiegende Konsequenzen haben werde, u.a. ein Temperaturanstieg von bis zu 5 Grad in den nächsten 40 Jahren und ein stark verändertes Niederschlagsregime. Die unterzeichnenden Parteien erklärten deshalb die Umleitung des Ranchería als inopportun und schädlich für die Guajira und ihre Menschen und riefen alle Guajiros auf, zusammen zu stehen und geeint und friedlich gegen die Umleitung zu kämpfen. Die Erklärung wurde von der Grünen Partei, dem Polo Democrático, der liberalen und der konservativen Partei, der rechten PIN, dem Partido de la U sowie verschiedenen indigenen politischen Bewegungen unterzeichnet.[6]   

Am 10. August 2012 hatten auch die Wayúu von Media Luna in friedlicher Absicht die Eisenbahnzufahrt zum Hafen blockiert, um einen Stopp der Bauarbeiten am neuen Verladeterminal des Hafens zu verlangen. Die Hafenanlagen liegen im Resguardo der Wayuus der Alta Guajira. Die Bauarbeiten begannen ohne vorherige Konsultation. Ebenso hätten die Umweltbehörden die Bewilligung für den Ausbau widerrufen, und trotzdem sei mit dem Bau fortgefahren worden. In der Nacht vom 10. auf den 11. August 2012 wurde der friedliche Protest durch die Sonderpolizei ESMAD mit Tränengas und Einsatz von Schlagstöcken aufgelöst und die Eisenbahnlinie deblockiert. Dabei wurden Frauen und Kinder geschlagen und eine Person festgenommen. Die Gemeinschaft von Media Luna denunziert, dass der Bürgermeister die Aktion des ESMAD nicht bewilligt habe, seine Zuständigkeit also ignoriert wurde.[7]

Download als pdf

Video Cerrejón la muerte negra

Einladung an die Expedition

Erklärung des Volks der Wayuu und der Afrokolumbianer 

Expansionsprojekt für Stakeholder Spanisch

Expansionsprojekt für Stakeholder Englisch

[1] DECLARACION Y MANDATO DE LA NACION INDIGENA WAYUU Y LAS COMUNIDADES NEGRAS DESPOJADAS DE SU TERRITORIO EN EL DEPARTAMENTO DE  LA GUAJIRA, Riohacha, 22. Juli 2012.

[2] CAJAR, FMW und AACIWASUG, Convocatoria Expedicion por el Rio Ranchería, 3. August 2012.  

[3] El Heraldo, No haremos ningún proyecto que afecte el río Ranchería: Junguito, 21. August 2012. http://www.elheraldo.co/region/no-haremos-ningun-proyecto-que-afecte-el-rio-rancheria-junguito-78710

[4] Natalia Orduz, La Silla vacía, Desviación de río Ranchería, si o no?, 20. August 2012. http://www.lasillavacia.com/historia/desviacion-del-rio-rancheria-si-o-no-35572

[5] El Heraldo, Se inicia expedición en la Guajira en defensa del río Ranchería, 16. August 2012. http://www.elheraldo.co/region/se-inicia-expedicion-en-la-guajira-en-defensa-del-rio-rancheria-78641

[6] Communiqué der politischen Parteien der Guajira über die Umleitung des Ranchería, 19. Juli 2012.

[7] Communiqué der Wayuu Gemeinschaft von Media Luna, 11. August 2012

Aktuell

08.12.2016


Spenden an die ask!

Wir leisten unsere Arbeit für die kolumbianische Zivilgesellschaft mit viel Herzblut. Um unsere Kosten zu decken, sind wir auf Spenden angewiesen.

Wir freuen uns entsprechend über eine Spende auf:
PC-Konto 60-186321-2
(
IBAN CH33 0900 0000 6018 6321 2)

26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com