09.08.2018

Wenn der Fluss rumort, führt er Steine mit sich

09.08.2018

Über das Recht auf Wasser und auf eine saubere Umwelt in der Bergbauzone der Guajira

Die NGO Indepaz hat im Juni 2018 eine umfangreiche Studie über die Umweltbelastung des Tagebaus Cerrejón insbesondere auf das Wasser und Luft veröffentlicht. Dabei analysierte die NGO einerseits die Wasser- und Luftqualitätsmessungen die Cerrejón selbst erhebt, und arbeitete andrerseits  mit anerkannten Labors zusammen die über mehrere Jahre hinweg Wasserproben aus Fliessgewässern, aus Brunnen, sowie Proben von Flusssedimenten und Tieren (Blut, Gewebe) entnahmen und analysiert haben. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie werden hier auf Deutsch zusammengefasst.

Das Departement Guajira ist der grösste Kohleproduzent und Exporteur Kolumbiens. Dieser Bergbauboom hat jedoch nicht zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Mehrheit der Bevölkerung beigetragen. In der Guajira lebt 55,8% der Bevölkerung in Armut während 65% ihre Grundbedürfnisse, wie ausreichender Zugang zu Wasser, Nahrung, Bildung und Behausung nicht abdecken können. Im Departement Guajira, mit seinen langen Trockenzeiten, wurde der Kohleabbau im Tagebau zu einem weiteren Faktor, der das Recht auf Wasser, auf Nahrung, auf eine saubere Umwelt und auf Gesundheit verletzt. 2015 hat eine Wayuu-Delegation Cerrejón vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof angezeigt, weil zwischen 2007 und 2015 rund 4‘770 Wayuu-Kindern wegen Mangel an Wasser und Nahrung starben. Die Wayuu führten an, dass Cerrejón das Oberflächenwasser des Flusses Rancheria und sein Grundwasser für den Kohleabbau nutzt und die Gemeinschaften so ohne Wasser lässt. Cerrejón selber weist in seinen Umweltberichten für 2015 einen täglichen Wasserverbrauch von 45 Millionen Liter aus, während der Bevölkerung der Guajira im Schnitt 0,7 Liter pro Tag zur Verfügung stehen. Zudem besetzt der Tagebau mit seinen weitflächigen 69.0000 ha Konzessionen, wovon ca. 15.000 ha aktuell geschürft werden, ausgerechnet die fruchtbarsten Ländereien des Departements. Um den weiteren Abbau der Steinkohle zu garantieren, hat Cerrejón verschiedene Fliessgewässer umgeleitet, welche den Rancheria Fluss v.a. in der Trockenzeit mit frischem Wasser versorgen.   

Der wichtigste Fluss des Departements, der Ranchería, versorgt ungefähr 450‘000 Menschen mit Wasser. Zusammen mit seinen Zuflüssen und dem Grundwasser stellt er die Lebensader der Guajira dar. Die unkontrollierte Wasserentnahme durch Unternehmen, die regelmässige Einleitung von Industrieabwasser und die fehlende Prüfkapazität der Umweltbehörden führen zu unzähligen Konflikten. Das Fehlen eines integralen Wassermanagements des Flusses Rancheria führt dazu, dass es nicht nur zu Dürren kommt, sondern auch zu wiederholter und schwerer Verschmutzung durch Unternehmen, unter anderem durch den Bergbau. Die Studie von Indepaz identifiziert die Verschmutzungsprozesse im Zusammenhang mit der Bergbauaktivität, die zur Qualitätseinschränkung der Oberflächengewässer mit Schwermetallen führen und dokumentiert, wie diese Verschmutzungsprozesse das Recht auf Wasser und auf eine saubere Umwelt beeinträchtigen. Als bergbaubezogene Verschmutzungsquellen konnten die Abwasserbecken für Industrieabwasser, die Abraumhalden, wo das Regenwasser die Abfälle auswäscht, und die bewilligten Industrieschlammdeponien identifiziert werden.

Cerrejón hat die Erlaubnis, über 15 Sedimentierungsbecken Industrieabwasser in den Fluss Rancheria und die Zuflüsse Bruno, Tabaco und Cerrejón abzulassen. Die eigenen Messungen des Unternehmens haben gezeigt, dass wiederholt Schwermetallkonzentrationen von Blei, Kadmium, Zink und Mangan weit über den Grenzwerten für den Erhalt einer gesunden Flora und Fauna vorkommen. Die Bergbauaktivität produziert auch feste Industrieabfälle: zwischen 2013 und 2015 wurden knapp 20‘000 Tonnen getrockneter Industrieschlamm auf eine bewilligte Abraumhalde gekippt. Wie die unternehmenseigenen Daten zeigen, enthalten die Schlämme Schwermetalle in zum Teil bedenklichen Konzentrationen. Beim Tagebau ist die Begrenzung der Luftschadstoffe nicht nur relevant für die Gesundheit der Personen die in unmittelbarer Umgebung leben, sondern auch weil sie zur Entstehung von saurem Regen beitragen, der wiederum die Auswaschung von Schwermetallen aus den Abraumhalden begünstigt. Die Abraumhalten liegen auf einem Abschnitt von fast 30km nur wenige Meter vom Rancheria Fluss entfernt und repräsentieren so ein Verschmutzungsfaktor, der bisher nur ungenügend geprüft wurde. Die Auswaschungen enthalten gemäss Cerrejón Schwermetalle wie Eisen, Mangan, Natrium, Kalk, Zink und Lithium. Genaue Angaben zu Konzentrationen macht das Unternehmen trotz Auflagen der Umweltbehörden jedoch seit Einführung der Umweltberichterstattung im Jahr 2006 nicht. Besorgniserregend ist in diesem Kontext, dass das Wasser des Rancheríaflusses nach der Durchquerung der Bergbauzone bei einigen Metallen wie Blei, Mangan, Eisen und Chrom eine viel höhere Konzentration an Schwermetallen aufweist als vor dem Eintritt in das Minengelände. Andere Metallkonzentrationen wurden auch vor der Durchquerung des Bergbaugeländes mit Werten über den gesetzlichen Grenzwert gemessen, was auf das Vorhandensein von weiteren Verschmutzungsfaktoren hinweist.

Die negativen Folgen des Bergbaus auf den Fluss Ranchería zeigen sich aber insgesamt durch das Vorhandensein von Schwermetallen wie Blei, Kadmium, Barium, Mangan, Eisen und Zink, die mehrfach die Grenzwerte überschritten haben, die zum Schutz von Fauna und Flora in Süssgewässern erlassen wurden. In der Trockenzeit sind die Werte höher als in der Regenzeit, und die grösste Belastung gibt es an Orten, wo Cerrejón mit Bewilligung Industrieabwasser einleitet. Die negativen Auswirkungen sind auch in den Flusssedimenten nachweisbar und haben negativen Einfluss auf die Biodiversität. Die einzigen Messpunkte bei den Flusssedimenten, die keine Belastung aufwiesen, waren diejenigen an Zuflüssen des Flusses Ranchería, bevor sie das Bergbaugebiet erreichen. In Bezug auf die Luftqualität und die Gesundheit kam es zu einem weiteren besonders besorgniserregenden Befund. Bei der Überprüfung der Feinstaubmessdaten PM10 weichen die Messwerte von Cerrejón und von der regionalen Umweltbehörde Corpoguajira, stark voneinander ab. Die Messdaten von 2016 ergaben für die Messstation Provincial bei Cerrejón eine Jahresdurchschnittsbelastung von 37 yg, bei Corpoguajira 71 yg; ähnlich ist die Lage für Las Casitas, wo Cerrejón 41 yg und Corpoguajira 91 yg messen. Solche Abweichungen gab es wiederholt beim Vergleichen der Messwerte., Während Cerrejón z.B. 2016 berichtete, es erfülle die Grenzwerte für Luftschadstoffe, zeigen die Daten von Corpoguajira, dass die Schadstoffwerte z.T. sogar gesundheitsschädigende Niveaus erreichten, was besonders für Kinder, Schwangere und Personen im Pensionsalter besorgniserregend ist.

Untersuchungen der Universität von Cartagena dokumentieren zudem auch negative Auswirkungen auf die Zellgewebe von Tieren im Einflussbereich der Mine. So sind z.B. Iguanas in Tamaquito II und in Provincial stark Schadstoffen ausgesetzt, so dass sich Schadstoffe z.B. in der Leber akkumulieren. Diese Schadstoffe gelangen vermutlich über die Atemwege in die Organe der Iguanas. Bei den Ziegen sind gewisse Organe entzündet, aber das Auftreten und die Heftigkeit der Symptome sind nicht so beträchtlich, woraus die Forscher schliessen, dass die Ziegen sich an die Belastung anpassen konnten.    

Aufgrund der erhobenen Daten kommt Indepaz in seiner Studie zum Schluss, dass das Recht auf Wasser v.a. in Bezug auf die Qualität als Trinkwasser für die Gemeinschaften Roche, Chancleta, Patilla, Las Casitas, Tamaquito II, Provincial, La Horqueta II und El Rocío verletzt wird. Keine der Gemeinschaften erhält dauerhaft Unterstützung der Behörden für die Trinkwasserversorgung. Cerrejón hat sich im Rahmen der Umsiedlung einiger Gemeinschaften vertraglich verpflichtet, Wasser in Trinkwasserqualität bereit zu stellen, aber die bereit gestellten Wasserquellen genügen den geltenden Hygienenormen nicht. Hervorzuheben sind die Resultate der Wasserqualität der Brunnen in der indigenen Gemeinschaft Provincial, die mit verschiedenen Schwermetallen wie Barium, Mangan und Arsen über den Grenzwerten für Trinkwasser verschmutzt ist. Das Wasser des Arroyo Bruno ist abgesehen von Bakterien gut, d.h. die Schwermetallbelastung liegt unter den Grenzwerten für Trinkwasser, verschlechtert sich jedoch massiv sobald der Bach das Minengelände erreicht.  

Die Daten über die Wasserqualität der Brunnen in den ethnischen Gemeinschaften erlauben es nicht, einen direkten Bezug zu der Bergbauschürfarbeiten herzustellen. Die Berichte von Cerrejón über die Wasserqualität der Brunnen und die Realität, wie sie Gemeinschaften beschreiben, liegen aber weit auseinander. Während Cerrejón sagt, dass die Gemeinschaften im Einflussbereich der Mine ihr Recht auf Wasser gewährleistet haben und die Qualität der kolumbianischen Norm entspreche, belegen die Messungen, dass einige Brunnen Schwermetallbelastungen über den Grenzwerten aufweisen. Beunruhigend ist die Diskrepanz zwischen den Daten des Cerrejón und den Daten die für die vorliegende Studie erhoben wurden; dies weist auf grosse Lücken und Probleme in den Zahlenreihen des Cerrejón hin, was die Wirklichkeit in den Gemeinschaften sehr verzerrt wieder gibt.

Die verschiedenen Studien und Messungen, die beigezogen wurden, lassen den Schluss zu, dass das Recht auf Wasser und auf eine saubere Umwelt der umliegenden Bevölkerung beträchtlich beinträchtig wird. Solange der Staat die Umweltlizenzen und den Umweltmanagementplan des Cerrejón nicht diesen Realitäten anpasst, wird es schwierig sein, dass die Bevölkerung in den vollen Genuss dieser Rechte kommt. Zudem zeigt sich auch, dass Cerrejón im Umweltbereich nicht wirklich eine umfassende Sorgfaltspflicht walten lässt und den Auflagen der Behörden nicht vollumfänglich nachkommt, z.B. bei der Messung der Feinstaubbelastung für PM 10 und PM 2,5.

Dementsprechend gibt die Studie zahlreiche Empfehlungen an die verschiedenen Behörden Kolumbiens und an Cerrejón ab. Das Wohnbau- und das Gesundheitsministerium werden aufgefordert, die Mittel bereit zu stellen, um Wasseraufbereitungsanlagen für die ethnischen Gemeinschaften zu installieren. Die Behörde für Umweltlizenzen, das Umweltministerium und Corpoguajira werden aufgefordert, die Verfügung die das Einleiten von Industrieabwasser in die Flüsse erlaubt, abzuändern und die Bewilligungen, Industrieabwasser in die Flüsse zu leiten zu widerrufen, bis Kläranlagen installiert wurden, die die giftigen Substanzen eliminieren können; Toxikologische Studien des Flusses Rancheria und seiner Zuflüsse durchzuführen und Studien über die Wasserqualität der Brunnen, aus denen Wasser für den menschlichen Konsum entnommen wird, durchzuführen; darauf hinwirken dass das Urteil T-154 von 2013 umgesetzt wird, das vom Umweltministerium verlangt, die Messungen für PM 10 und PM 2,5 an die Empfehlungen der WHO anzupassen. Ebenso soll der Umweltmanagementplan angepasst werden, v.a. bezüglich der Erlaubnis, Wasser aus Fliessgewässern und aus dem Grundwasser zu entnehmen und Gewässer umzuleiten. Die Sedimentationsbecken sollten mit Kläranlagen versehen werden und die Anzahl Punkte, wo Industrieabwasser in Fliessgewässer eingeleitet werden dürfen, sollten reduziert werden.  

Das Umwelt- und das Gesundheitsministerium sowie das Ombudsbüro für Menschenrechte werden aufgefordert, einen Multistakeholder Dialog zur Erarbeitung eines integralen Planes zur Verwaltung des Einzugsgebietes des Flusses Rancheria zu eröffnen, mit dem Ziel, dass der Fluss gesäubert und geschützt werden kann. Die Aufsichtsbehörde Procuraduria wird aufgefordert, Untersuchungen gegen die Beamten der Behörde für Umweltlizenzen und von Corpoguajira anzustrengen, die es dem Unternehmen erlaubt haben die Umweltmanagementpläne und Bewilligungen nicht einzuhalten. Zudem sollen diese Behörden Rechenschaft darüber ablegen, wie sie bisher ihre Kontrollfunktionen in Umweltbelangen wahrgenommen haben.  Cerrejón wird aufgefordert, gemäss dem Umweltmanagementplan die Qualität der Gewässer und der Luft sowie des in den Fluss zu leitenden Prozesswassers zu messen und transparent darüber zu berichten und v.a. detaillierte toxikologische Berichte über die Gewässer zu verbreiten. Zudem soll Cerrejón eine Beschränkung der Wasserentnahme akzeptieren und keine nicht wissenschaftlich erhärteten und auf Analysen beruhenden Informationen über die Qualität des Wassers für den menschlichen Konsum verbreiten.

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Zusammenfassung Spanisch

Weitere Informationen zur Studie (Webseite)

 

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29.07.2018

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