27.11.2017

Kohleabbau: eine Beobachtungsmission besucht den südlichen Teil der Guajira

27.11.2017 | Von Hans-Peter Schmutz
Krankes Mädchen mit ihrer Mutter
Verschmutzung des Rio Rancheria
Blockierter Wassertransport in Provincial
Risse in Hausmauern
Wayuu-Gemeinschaft in Bogotá

Ende September, anfangs Oktober 2017 besuchte die «Beobachtungsmission Gesundheit, Umwelt und Bergbau in der Guajira» mehrere Wayuu-Gemeinschaften im südlichen Teil des Departements Guajira. Es ging darum, sich ein Bild vor Ort zu machen, mit VertreterInnen der Dorfgemeinschaften und ausgewählter Institutionen zu sprechen sowie sich entsprechend zu dokumentieren. Im Vordergrund stand dabei das Recht auf Gesundheit, auf Zugang zu Trinkwasser sowie auf ein gesundes Lebensumfeld. Ich hatte die Möglichkeit, als Schweizer Vertreter an dieser Beobachtungsmission teilzunehmen.

Die vom Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo (CAJAR) und der Nichtregierungsorganisation Censat organisierte und vornehmlich aus kolumbianischen SpezialistInnen zusammengesetzte Guajira-Beobachtungsmission besuchte die Wayuu-Gemeinschaften Tamaquito II, Provincial und Lutamana, wo Gespräche mit Delegationen dieser Dörfer sowie mit VertreterInnen anderer Wayuu-Gemeinschaften (Paradero, La Vigía, Nuevo Espinal) stattfanden. Interessante Austausche gab es zudem in Barrancas mit dem Ombudsmann und VertreterInnen des Spitals sowie in Riohacha mit dem früheren Planungssekretär des Departements Guajira.

Tamaquito II – ein Vorbild für andere Gemeinschaften

Die Delegation besuchte als erstes das Dorf Tamaquito II, welches vor vier Jahren umgesiedelt wurde. Jairo Fuentes Epiayu, das Oberhaupt der Dorfgemeinschaft, auch Cabildo genannt, gab hier einen kurzen Überblick über die Entwicklung der letzten dreissig Jahre, bzw. über die Zeitspanne, in welcher der Kohleabbau in der Region ein Thema ist und den Wayuu-Gemeinschaften grosse Veränderungen und grosse Einschränkungen brachten. Die entsprechenden Stichwörter sind unter anderem: Gesundheitsprobleme, Wasserversorgung, Luftverschmutzung, Nahrungsmittelproduktion sowie das fehlende Verständnis des Cerrejón-Managements für die Kultur der Wayuu.

Viele Probleme sind gemäss den Ausführungen von Jairo auch nach der Umsiedlung nicht gelöst, erwähnt wurden unter anderem die hohe Luftverschmutzung, Gesundheitsprobleme sowie die fehlende Unterstützung des Staates bei ihren Anstrengungen für eine bessere Nahrungsmittelversorgung bzw. Anlegen von Gärten.

Ein weiterer Punkt sei, dass die Unternehmung Cerrejón versuche, die verschiedenen Dorfgemeinschaften in ihrem Einflussbereich zu spalten. Im Falle von Tamaquito II sei dies jedoch misslungen. Grundsätzliche Punkte des politischen Systems der Gemeinschaft sind breit diskutiert worden und die Entscheide innerhalb des Dorfes würden immer sehr überlegt getroffen. Vorteilhaft wäre es gemäss Jairo, wenn alle Wayuu-Gemeinschaften die gleiche Vision ihrer Zukunft erarbeiten könnten. Gerade diese Punkte interessierten einige der anwesenden Vertreter anderer Dorfgemeinschaften: So betonte ein Vertreter des Dorfes La Vigía, dass er sehr interessiert sei, sich mit Tamaquito II auszutauschen und von ihren Erfahrungen zu lernen. La Vigía ist zurzeit noch recht weit vom Einzugsgebiet der Mine Cerrejón entfernt, aber auch sie würden befürchten, dass das Thema Umsiedlung einmal aktuell werden könnte.

Provincial und Lutamana – ein Leben mit massiven Einschränkungen

Im Resguardo Provincial und in der Dorfgemeinschaft Lutamana wurde deutlich, dass die Lebensweise und der Aktionsradius der Leute durch die Präsenz der Bergbauunternehmung Cerrejón massiv beeinträchtigt werden: Da sich Cerrejón immer mehr ausdehnt, ist das Gebiet, welches die Wayuus früher für das Jagen und Sammeln und für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung hatten, praktisch nicht mehr vorhanden. Und somit sind diese herkömmlichen Tätigkeiten oft gar nicht mehr möglich. Diese Einschränkungen werden sichtbar anhand folgender Statements: «Die Wayuus gehen dorthin wo ihre Ziegen (Chivos) gehen» oder «Das Land ist unsere Identität. Der Beweis für das Landeigentum sind wir und unsere Vorfahren.»

Ein weiterer Punkt ist die Luftverschmutzung, welche durch die Belastung der Böden Einschränkungen bei der Nahrungsmittelversorgung bringt und massive Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Zahlreiche Personen, insbesondere Kinder sowie ältere Personen haben akute Atembeschwerden und/oder Probleme mit den Augen wie beispielsweise Sehbehinderungen sowie Probleme mit dem Gleichgewicht.

Für ein Kind kann dies bedeuten, dass es zu schwach ist um in der Schule im Sportunterricht mitzumachen oder wegen Krankheit längere Zeit der Schule fernbleiben muss. Die DorfbewohnerInnen schreiben die schlechte Luft dem Cerrejón zu. Ein Abbaugebiet ist im Falle von Provincial sehr nahe vom Dorf gelegen und hat aufgrund des generierten Feinstaubes einen grossen Einfluss auf die Luftqualität.

Ein weiteres grosses Thema ist die massive Verschmutzung des Flusses Ranchería. Die Leute aus Provincial konnten früher – in Zeiten, wo es noch keinen Kohleabbau gab – hier problemlos Wasser für den Konsum holen. Heute ist die Qualität des Flusswassers derart schlecht, dass einige Leute sich nicht einmal damit waschen. Zum Zeitpunkt des Besuches war die Zugangsstrasse durch die Unternehmung Cerrejón mit einem Erdwall versperrt.

Provincial hat eine Wasserversorgung, welche jedoch wegen des defekten Reservoirs nicht funktioniert. Es gibt ein aktuelles Gerichtsurteil, welches sagt, dass die Gemeinde Barrancas das Reservoir reparieren und in der Zwischenzeit das Wasser auf andere Weise liefern müsse. Die EinwohnerInnen von Provincial müssen jedoch in den letzten Monaten praktisch immer ohne Wasser auskommen, trotz Gerichtsurteil passiert nichts. Sie müssen das Wasser sonst wie beschaffen, bzw. einkaufen. Als unsere Delegation in Provincial war, ist zwar ein Camion mit Wasser ins Dorf gekommen. Er wurde jedoch, dank vehementem Einsatz der Dorfbevölkerung, zur Umkehr gezwungen, da das Wasser lediglich für einen im Dorf privilegierten Sektor bestimmt war.

In Provincial und Lutamana ist die Verschmutzung des Bodens, der Luft sowie des Wassers ein grosses Thema. Zudem ist gemäss Aussagen von DorfbewohnerInnen die medizinische Versorgung sehr schlecht. So sei es sehr schwierig, dass man an SpezialärztInnen verwiesen werde: «Die EPS (Krankenkasse) will uns nicht zum Spezialisten schicken. Es ist besser, zwei Ziegen zu verkaufen und zu einem Privattermin zu gehen.»

Aufgrund der schwierigen Situation befindet sich die Dorfbevölkerung von Provincial in einem Paro, im Streik. Insbesondere wird nicht mehr zugelassen, dass Funktionäre vom Cerrejón ihr Gebiet betreten. Sie protestieren damit dagegen, dass die Bergbaufirma versuche, ihre Gemeinschaft zu spalten sowie gegen die Intransparenz der Luftreinhaltemessungen von Cerrejón in ihrem Gebiet.

Bei einem Rundgang durch Provincial wurden der Delegation auch die Wohnhäuser gezeigt, viele weisen grössere Risse auf: Diese entstanden durch die täglich einmal stattfindende Sprengung in der Kohlenmine. Die Dorfbevölkerung erzählte uns, dass bei offiziellen Besuchen der Dorfgemeinschaft die Sprengungen ausgesetzt werden, dies war auch in unserem Fall so.

Auswirkungen des Kohleabbaus in Kolumbien: nehmen die Medien ihre Rolle wahr?

Ein wichtiges Anliegen der Beobachtungsmission war es, einen Beitrag bezüglich Sichtbarmachung der Probleme der Wayuu-Gemeinschaften, welche im Einzugsgebiet der Mine Cerrejón leben, zu leisten.

Die Beobachtungsmission hat am 20. November 2017 anlässlich einer öffentlichen Anhörung (Audiencia Pública) im Capitolio Nacional Kolumbiens auf Einladung des Abgeordneten Alirio Uribe Bericht erstattet. Am selben Tag konnte anlässlich eines Forums der Universidad Nacional in Bogotá über die prekäre Situation im Einzugsgebiet Cerrejóns berichtet werden.

Eine Delegation der Wayuu-Gemeinschaften, aus Espinal, Tamaquito, Lutamana und Provincial hat an den beiden Veranstaltungen ihre Sicht der Dinge persönlich dargestellt: ihre Probleme werden kaum wahrgenommen und von den meisten Medien viel zu wenig aufgegriffen. Dies ist Teil der strukturellen Gewalt, welche in Kolumbien gegen indigene Gemeinschaften ausgeübt wird. Dazu kommt, dass die Indigenen durch die seit über dreissig Jahre andauernde Invasion ihres angestammten Gebietes durch die Unternehmung Cerrejón massiv bedroht werden.

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