11/16/12

Soziale Altlasten Cerrejón durch unfreiwillige Umsiedlungen

16.11.2012 | von Stephan Suhner

Im Oktober 2012 war Felipe Ustate aus Manantial in England, um unter anderem auf die schwierige Lage mehrerer Dorfgemeinschaften aufmerksam zu machen, die z.T. vor über 20 Jahren für die Kohlenmine vertrieben wurden. Felipe trat u.a. auch an der Generalversammlung von BHP Billiton auf, und forderte dort das Management auf, sich gegenüber Cerrejón für verhandlungen mit fünf vor dem Jahr 2000 vertriebener Gemeinschaften einzusetzen. In Absprache mit diesen Gemeinschaften wandte sich die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien ask ebenfalls brieflich an Xstrata, um für die Gemeinschaften Verhandlungslösungen einzufordern.

Das Konzessionsgebiet von Cerrejón (Mine, Zugslinie und Hafen) umfasst knapp 69‘000 Ha, 3,5% der Fläche der Guajira und etwa die Grösse des Bodensees. Indigene, Afrokolumbianer und Campesinos hatten dadurch viel Land verloren und ihr Territorium ist zerschnitten. Viele Dorfgemeinschaften mussten der Mine schon weichen, keine ist bis heute zufriedenstellend umgesiedelt worden. 

Als erste kleinbäuerliche Dorfgemeinschaft wurde 1986 Manantial zerstört. In den ersten Jahren nach der Vertreibung kämpfte die Gemeinschaft für eine Neuansiedlung. Nach dem sich aber alle ehemaligen Bewohner zerstreut hatten, flaute ihr Kampf ab. 2008 nahmen sie den Kampf für eine ländliche Umsiedlung und Entschädigungszahlungen wieder auf, gründeten 2010 die Vereinigung der Vertriebenen von Manantial und wurden Mitglied von Fecodemigua, der Vereinigung der bergbaubetroffenen Gemeinschaften der Guajira. Nebst Manantial befinden sich Palmarito, El Descanso, Caracoli und Zarahita in derselben Situation. Die fünf Gemeinschaften verlangen Verhandlungen mit Cerrejón über ein umfassendes Umsiedlungsabkommen mit allen Garantien, genügend Land für Ackerbau und Kleinviehzucht, Vermarktungsmöglichkeiten etc. Als Verhandlungsführer haben sie Julio Gomez bestimmt, Gemeinschaftsführer aus El Descanso. Mitte September 2012  überreichten sie Cerrejón die Forderungen, das Unternehmen hatte bis am 15. Oktober eine Antwort über die Verhandlungsaufnahme versprochen.  Bis heute bekamen sie aber noch keine definitive Antwort, Cerrejón stellte lediglich Gespräche in Aussicht, ohne klaren Inhalt und v.a. ohne klare Daten.

Diese fünf vor dem Jahr 2000 vertriebenen Gemeinschaften fordern, von Cerrejón als Gesprächs- und Verhandlungspartner akzeptiert zu werden und verlangen ein Treffen mit dem neuen Präsidenten oder Vizepräsidenten von Cerrejón, Roberto Junguito respektive Juan Carlos Restrepo. Sie fordern den baldigen Beginn von ernsthaften Verhandlungen mit einer klaren Agenda, nicht Gespräche die nur der Verzögerung dienen.

Die betroffenen Gemeinschaften und deren legale Organisationsformen und gewählten Vertreter beklagen ganz aktuell ein weiterhin schlechtes Vorgehen von El Cerrejón. Die Funktionäre des Departements für Soziale Belange unter Jairo Vergara arbeiten weiterhin auf die Spaltung der Gemeinschaften hin, in dem sie Verhandlungen nur mit einigen wenigen ausgewählten Familien führen, diesen gewisse wirtschaftliche Vorteile gewähren, aber nicht über die Forderungen der legalen Repräsentanten verhandeln. Aktuell geschieht dies mit der Gemeinschaft El Descanso, wo die Organisation Asociacion de Negros Cimarrones de El Descanso "ASONECIDES" damit umgangen und als Vertretung der Gemeinschaft nicht anerkannt wird. Auch verschiedene andere Gemeinschaften sind durch das Vorgehen von Cerrejón gespalten worden, so Chancleta und Roche.     

Chancleta und Roche gehören zusammen mit Patilla und Las Casitas zu einer Gruppe von vier Gemeinschaften von Afrokolumbianern und Kleinbauern, die sich aktuell in Umsiedlungsprozessen mit Cerrejón befinden. Wie auch die fünf vor dem Jahr 2000 vertriebenen Gemeinschaften fordern sie in der grossen Mehrheit eine ländliche Umsiedlung mit genügend Land für Landwirtschaft und Viehzucht. Tatsächlich werden diese völlig ländlichen Gemeinschaften in sterile semi-urbane Siedlungen gepfercht, wo sie ihre traditionelle Lebensweise nicht weiterführen können. Die Gemeinschaften erwarten von Cerrejón, dass sie ernst genommen und angehört werden, dass ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit nicht als Entwicklungsfeindlichkeit verstanden wird.

Die Situation von Roche ist speziell: ein Grossteil der umzusiedelnden Familien sind Anfang 2011 in die neue Siedlung gezogen, nachdem sie z.T. durch grössere Geldzahlungen im Dezember 2010 „motiviert“ worden waren. Viele sind nun in der neuen Siedlung aber nicht zufrieden und äussern bereits den Wunsch, an den alten Ort zurück zu kehren. 8 Familien haben sich bis heute geweigert, umzuziehen, denn sie sind die Gründungsfamilien des alten Roche und besitzen recht viel Vieh, weshalb sie mehr Land und auch bessere Entschädigungszahlungen fordern. Seit einigen Monaten betreibt Cerrejón die Enteignung  dieser 8 Familien, was diese unter grossen Druck setzt. Seit etwa 2 Monaten laufen keine Verhandlungen mehr, während der Enteignungsprozess weiter läuft. Die acht Familien im alten Roche befürchten ein Schicksal wie dasjenige von Tabaco und befinden sich in einer sehr verletzlichen Lage. Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien forderte Xstrata deshalb auf, sich gegenüber Cerrejón einzusetzen, dass auf die Enteignung verzichtet wird und wieder Verhandlungen aufgenommen werden. Eine Enteignung wäre ein denkbar schlechtes Signal an die anderen Gemeinschaften.  

Vor dem Hintergrund der z.T. schon sehr lange „Geschichten“ dieser Gemeinschaften wäre eine Enteignung nicht verständlich. Einige der nun umzusiedelnden Gemeinschaften  beherbergen heute Leute, die schon aus Tabaco vertrieben wurden. Der Prozess mit Roche begann 1998, vor bald 15 Jahren. Am Anfang versuchte Cerrejón v.a. den Leuten Haus und Land billig abzukaufen, drohte mit Enteignung, um die Leute gefügig zu machen. Seit etwa 2007 wurde mit den restlichen 25 Familien des einstmals grossen Dorfes über eine Umsiedlung verhandelt. Dabei wurden aber nie wirkliche Konsensentscheide gefällt, die Junta de Acción Comunal mit dem gewählten Vorsitzenden Yoe Arregoces wurde immer wieder übergangen. Cerrejón baute die neue Siedlung ohne das Einverständnis der Junta, ohne eine Einigung über die Art der Häuser und ihrer Anordnung auf dem Terrain. Bis heute gibt es nicht genügend Land und die produktiven Projekte funktionieren nicht gut.        

Aus Sicht der ask war es auch ein Fehler, dass jeder Umsiedlungsprozess anders verlief, mit einer anderen Abfolge der zu verhandelnden Themen und anderen Zeitplänen. Ebenso gab es keine transparente Information über die Grundsätze der Umsiedlung, des Anspruchs auf Land, der Kriterien für die Entschädigungszahlungen etc. Gemeinsam mit den betroffenen Gemeinschaften forderten wir ab 2007 Cerrejón wiederholt auf, einen gemeinsamen Verhandlungstisch einzurichten, um mit den 4 Gemeinschaften gemeinsam die Grundlagen und Konzepte der Umsiedlung auszuhandeln. Cerrejón verweigerte dies immer, mit dem Resultat, dass die Gemeinschaften dem Prozess und der Firma misstrauten. Die einen befürchteten, kein Land zu erhalten, weil mit ihnen über Entschädigungszahlungen verhandelt wurde, die anderen befürchteten, keine Entschädigungszahlungen zu erhalten, weil Cerrejón mit ihnen über Land verhandelte, und niemand das Gesamtkonzept kannte. Bis heute konnten diese schlecht gestarteten Prozesse nicht wirklich korrigiert werden, konnte bis heute kein Vertrauen aufgebaut werden, nicht zuletzt deshalb weil z.T. seit über zehn Jahren dieselben Leute von Cerrejón mit denselben Gemeinschaften am Verhandeln sind.

Wir sind deshalb überzeugt, dass alle diese Prozesse einer tiefgreifenden externen Evaluation unterzogen werden sollten und dass Verhandlungen mit allen Gemeinschaften über die zu treffenden Korrekturen notwendig sind. Druckmittel wie Enteignungsdrohungen, Spaltung der Gemeinschaften durch Aberkennen gewählter Führungspersonen und Bevorzugung ausgewählter Familien sind zu unterlassen. Wir bitten Xstrata, sich gegenüber Cerrejón dafür einzusetzen.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com