09/30/14

Las Casitas droht gewaltsame Enteignung

30.09.2014 | von Stephan Suhner

Am 11. September 2014 hat das Kohleunternehmen Cerrejón einmal mehr einer umzusiedelnden Gemeinschaft mit der Enteignung gedroht. Diesmal trifft es Las Casitas. Beim unserem Besuch in der Guajira Anfang August dieses Jahres konnte wir von BewohnerInnen von Las Casitas wie auch von den anderen schon umgesiedelten Gemeinschaften verschiedenste Klagen über die Probleme in den Umsiedlungsprozessen aufnehmen. Insbesondere ist bei Las Casitas überhaupt nicht klar geregelt, wer für die Umsiedlung anspruchsberechtig ist. Die anderen vier schon umgesiedelten Gemeinschaften klagen vor allem über Wassermangel, fehlende Einkommensmöglichkeiten und Verluste ihrer sozialen und kulturellen Gewohnheiten.. Und nun hat die Umweltgebietskörperschaft CORPOGUAJIRA vor kurzem öffentlich gemacht, dass die Luftverschmutzung an den neuen Orten z.T. noch höher ist als an den ursprünglichen Orten. Angesichts all der Unzulänglichkeiten der bisherigen Umsiedlungsprozesse ist es für die ask!

Erneut werden Erinnerungen an Tabaco wach    

Am 9. August 2001 wurde die afrokolumbianische Gemeinde Tabaco enteignet und gleichentags die Häuser mit Bulldozern plattgewalzt. Diese gewaltsame „Lösung“ ist den BewohnerInnen der Gemeinschaften im Einflussbereich von Cerrejón bis heute in lebhafter Erinnerung und ist ein wesentliches Element für das mangelnde Vertrauen gegenüber Cerrejón, zumal die damals Verantwortlichen von Cerrejón auch heute noch die Umsiedlungen umsetzen. Am 9. August 2014 wurde der 13. Jahrestag der Vertreibung Tabacos begangen, und noch immer ist eine endgültige Lösung für die Wiederherstellung der sozialen Netze der Gemeinschaft nicht in Sicht. 2012 wurde den letzten acht Familien von Roche mit der Enteignung gedroht, wenn sie nicht endlich auf eine Einigung einwilligen. Gemeinsamer internationaler Druck konnte damals die Enteignung verhindern und einer Verhandlungslösung den Weg bereiten. Trotzdem sind die Probleme dieser acht Familien noch nicht wirklich überwunden. Nun ist also Las Casitas an der Reihe!

Am Donnerstag, 11. September 2014 berief das Management von Cerrejón eine dringende Verhandlungen mit der Gemeinschaft von Las Casitas ein und drohte der Gemeinschaft nun, einen Enteignungsprozess anzustreben und notfalls auf die Armee zurück zu greifen, um die BewohnerInnen gewaltsam zum Verlassen ihrer Häuser zu zwingen. Las Casitas liegt im unmittelbaren Einflussbereich des Cerrejón-Tagebaus. Kürzlich veröffentlichte neue Studien zeigen nun aber auf, dass die Luftverschmutzung am neuen Ort höher ist, als die von der kolumbianischen Regierung festgelegten Grenzwerte für bewohnte Gebiete. Cerrejón hat trotzdem schon begonnen, die neue Siedlung für Las Casitas zu errichten, hat aber verschiedene Forderungen der Gemeinschaft noch nicht erfüllt. So beklagen sich verschiedene Führungspersonen der Gemeinschaft, dass die Kriterien, wer für die Umsiedlung anspruchsberechtigt ist, nicht geklärt sind, respektive sehr viele Familien nicht berücksichtigt wurden. Cerrejón sagt, dass die meisten der Personen, die sich darüber beklagen, seit langem gar nicht mehr in Las Casitas leben würden, und erst jetzt auftauchen, wo es „was zu holen gäbe“. Cerrejón habe aus der Vergangenheit gelernt und sei bei Las Casitas mit den Kriterien, wer Anspruch habe, wesentlich grosszügiger gewesen, und trotzdem gebe es nun fast noch mehr Klagen als in früheren Umsiedlungen. Die betroffenen Mitglieder der Gemeinschaft betonen jedoch, dass viele Familien ganz oder teilweise wegzogen, weil es keine Arbeit gab, weil es für die Kinder keine Schule mehr gab, etc.

Die Gemeinschaft Las Casitas und Cerrejón stehen schon seit 2009 in Verhandlungen, als Cerrejon damals ankündigte, dass die Gemeinschaft umgesiedelt werden müsste. Die Verhandlungen kamen nur schleppend voran und wurden immer wieder für mehrere Monate unterbrochen. Die Mine hatte aber bisher noch nie angekündigt gehabt, dass sie die Familien zwingen würde, ihr Land zu verlassen. Die Ankündigung vom 11. September war für die Gemeinschaft deshalb ein Schock. Cerrejón gibt der Gemeinschaft Las Casitas nun zwei Optionen: akzeptiert unsere Bedingungen oder ihr werdet mit Gewalt vertrieben. Die Familien, die noch keine  Einigung mit Cerrejón erzielt haben, stehen nun unter grossem Druck, Cerrejóns Umsiedlungsplan zu akzeptieren, da sie befürchten, dass die zwangsweise Umsiedlung gewalttätig sein könnte.

Gesundheitsschädigende Luftverschmutzung auch am neuen Ort

Cerrón begründet die nun angeordnete Massnahme damit, dass die BewohnerInnen wegziehen müssten, um sich vor der Umweltverschmutzung in ihrem Dorf zu schützen. Im Gegensatz zu den Umsiedlungen im Kohlerevier des Cesar hat in der Guajira aber nicht das Umweltministerium die Umsiedlungen angeordnet. Grundsätzlich mussten bis jetzt alle Gemeinschaften ausser Tamaquito weichen, weil ihr Land für den Kohleabbau gebraucht wurde. Tatsächlich wären die Umsiedlungen aber auch aus Umwelt- und Gesundheitsaspekten angezeigt. Die Umweltgebietskörperschaft CORPOGUAJIRA hat nun vor kurzem Studien und Zahlen veröffentlicht, die aufzeigen, dass der neue Ort, wo die BewohnerInnen von Las Casitas hinziehen sollten, höhere Luftverschmutzung aufweist als der ursprüngliche Ort. Seit Januar 2014 ist die Luftverschmutzung demnach sprunghaft angestiegen, weil Cerrejón es unterlassen habe, mit geeigneten Massnahmen v.a. auf die herrschende Trockenheit zu reagieren. Cerrejón verlangt also von diesen Familien, an einen Ort zu ziehen, wo sie einem noch grösseren Umwelt- und Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind als heute schon. Andere Gemeinschaften wie Roche oder Chancleta, die schon in diesen Teil der Gemeinde Barrancas umgesiedelt wurden, sind sehr besorgt über das tägliche Ausgesetzt sein gegenüber der Verschmutzung. Seit diese Gemeinschaften von ihren neuen Wohnorten Kenntnis hatten, machten sie geltend, dass die Verschmutzung an den neuen Orten noch schlimmer sei, was aber von Cerrejón immer bestritten wurde. Die neusten Zahlen von CORPOGUAJIRA geben ihnen nun Recht. Die kolumbianische Gesetzgebung hat einen jährlichen Grenzwert für Feinstaubbelastung von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter (μg/m3) festgelegt. Der Ort, wo das neue Las Casitas zu liegen kommt, wies in der ersten Hälfte 2014 einen Wert von 63 μg/m3 auf. Diese belastenden Werte stellen auch eine Gefahr für die BewohnerInnen der Stadt Barrancas sowie für die umgesiedelten Gemeinschaften von Roche, Chancleta, Patilla und Tamaquito II dar. Dieses Verschmutzungsniveau kann zu Atemwegserkrankungen, Krebs und vorzeitigem Tod führen. CORPOGUAJIRA hat Cerrejón empfohlen, seine Operationen zu suspendieren, bis dass die Mine die Verschmutzung der Zone besser unter Kontrolle bringt. Sollte die Verschmutzung bis Ende 2014 auf diesem Niveau bleiben, müssten die Behörden die Umsiedlung von Las Casitas an den neuen Ort untersagen.

Eine lange Kette von Fehlern setzt sich fort

Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien begleitet zusammen mit NGOs aus den USA, England und Deutschland seit 2005 die Gemeinschaften, die sich in einem unfreiwilligen Umsiedlungsprozess mit der Kohlenmine El Cerrejón befinden. Dabei haben wir Cerrejón immer wieder auf Probleme hingewiesen, vor zukünftigen Konflikten und Fehlern gewarnt. Dank diesem internationalen Druck hat Cerrejón 2007 begonnen, klarer strukturierte Umsiedlungsprozess durchzuführen, und nicht mehr nur den Bewohnern ihre Häuser zu entschädigen und sie zum Wegzug zu zwingen. Doch auch diese neuen Umsiedlungsprozesse weisen mannigfache Unzulänglichkeiten auf. So folgte jeder Verhandlungsprozess einer anderen Reihenfolge: verhandelte Cerrejón mit der Gemeinschaft A zuerst über Land, verhandelte die Mine mit der Gemeinschaft B zuerst über Entschädigungszahlungen. Klarheit über das Gesamtpacket herrschte lange Zeit nicht, weshalb die Gemeinschaften untereinander neidisch wurden und jede Angst hatte, sie bekäme weniger als die anderen. Leider konnten wir zusammen mit den Gemeinschaften nie durchsetzen, dass diese grundlegenden Kriterien der Umsiedlung an einem einzigen, gemeinsamen Verhandlungstisch definiert würden. Weiter hat Cerrejón zu wenig Rücksicht auf die kulturellen und sozialen Gegebenheiten dieser Gemeinschaften genommen, und keine wirklichen Einigungen und Konsens gesucht. Vielmehr hat Cerrejón seine Vorstellungen durchgedrückt, was sich exemplarisch am Bau des neuen Roche zeigte. Aus einer ländlichen, offenen Siedlung wurde eine urbane Vorstadtsiedlung mit kleinen Reihenhäusern. Als 2009 die Gemeinschaft Roche Cerrejón bat, nicht mit dem Bau zu beginnen, bis eine wirkliche Übereinkunft gefunden worden sei, ignorierte Cerrejón diese inständige Bitte. Heute fühlen sich die BewohnerInnen dieser sterilen Siedlungen unwohl, v.a. ältere BewohnerInnen möchten an den alten Ort zurückkehren. Die neue Siedlungsstruktur und die Nähe zur Stadt Barrancas haben die Kultur und das soziale Gefüge dieser Gemeinschaften nachhaltig verändert, ohne das Einverständnis der Betroffenen.

Das andere grosse Problem ist das fehlende Land und die fehlenden Einkommensmöglichkeiten. Die Gemeinschaften waren ursprünglich LandwirtInnen und Viehzüchter und ergänzten ihr Einkommen mit Fischfang und Jagd. Über die letzten gut 20 Jahre haben sich ihre Lebensumstände aber massiv verändert, so dass die landwirtschaftliche Produktionsweise stark zurückgegangen ist. Da war einerseits die Verlockung, in der Mine einfach viel Geld zu verdienen, was viele bewog, die Landwirtschaft aufzugeben. Hinzu kam, dass den Gemeinschaften immer weniger Land zur Verfügung stand, das Wasser knapp wurde, und die wirtschaftliche Öffnung und die fehlgeleitete Landwirtschaftspolitik das Leben als Campesino immer unattraktiver machte. Heute behauptet Cerrejón, die Gemeinschaften seien nie landwirtschaftlich geprägt gewesen und gibt am neuen Ort pro Familie eine Hektare Land. Da die BewohnerInnen an den früheren Orten keine formellen Landtitel besassen, kann Cerrejón sogar behaupten, die Gemeinschaften hätten nun mehr Land als früher. Cerrejón hat den Wunsch nach mehr Land und nach mehr Unterstützung zur Wiederaufnahme der landwirtschaftlichen Tätigkeiten konsequent ignoriert. Bis heute gibt es kaum ein einkommensgenerierendes Projekt, das nachhaltig wäre. In allen umgesiedelten Gemeinschaften hörten wir Anfangs August die Klage, dass die Kosten massiv gestiegen sind, während es kaum gelungen ist, neue Einkommensquellen zu schaffen. Am neuen Ort erhalten die umgesiedelten Familien während acht Monaten monatlich einen Mindestlohn als Subvention ausbezahlt, während insgesamt vier Jahren werden sie von Cerrejón „betreut“ und beraten. Roche ist seit bald 3 Jahren umgesiedelt und lebt immer noch unter prekärsten Bedingungen. Die Leute befürchten, dass Cerrejón wirkliche Lösungen hinauszögert, bis die vier Jahre abgelaufen sind und sich so aus der Verantwortung stiehlt.

Seit Januar 2014 stehen die 5 umgesiedelten Gemeinschaften mit Cerrejón erneut in Verhandlungen, um Lösungen für all die anstehenden Probleme zu finden. Bis August konnte nur für einen Punkt eine Vereinbarung erzielt werden, nämlich für die Ausbildung der Jugendlichen der Gemeinschaften. Die wirklich schwierigen Dossiers wie Land, Einkommensgenerierung etc. harren weiterhin einer Lösung, ein Abschluss bis November 2014 wie von den Gemeinschaften gefordert erscheint mehr als schwierig. Und mitten drin kommt nun die unselige Ankündigung Cerrejóns, gegen Las Casitas einen Enteignungsprozess zu starten. Bei einem Treffen mit dem Management von Cerrejón am 11. August 2014 hat die ask! all diese Kritikpunkte vorgebracht, und zumindest vom Präsidenten, Juan Carlos Restrepo, Verständnis für die Anliegen erhalten, verbunden mit der Zusicherung, weiter an vorteilhaften Lösungen für die Gemeinschaften zu arbeiten. Die nun erfolgte Ankündigung der Enteignung straft dieses Versprechen Lüge. Mehrere NGOs gemeinsam haben wir am 17. September 2014 einen Brief an Cerrejón geschickt, in dem wir das Unternehmen aufforderten, im Verhandlungstisch mit den Gemeinschaften Lösungen zu ermöglichen. Aus aktuellem Anlass nahmen wir auch auf die angedrohte Enteignung von Las Casitas Bezug, äusserten unser Missfallen und verlangten von Cerrejón dringende Erklärungen. Bis zum 30. September traf keinerlei Antwort von Cerrejón ein, weshalb auch keine Stellungnahmen von Cerrejón in diesem Artikel berücksichtigt werden können.

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Hintergrundbericht INDEPAZ

Studie Luftverschmutzung CORPOGUAJIRA

Überblick über die wichtigsten Rechtsverfahren im Fall Tabaco, zusammengestellt vom Cajar

Urteil zu Tabaco

Aktuell

08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com