09/08/11

Die Kohlenmine hat unsere Lebensgrundlagen zerstört

08.09.2011 | Interview mit Jaime Enrique Soto Uriana, Gobernador des Resguardo Provincial

Jaime Enrique Soto Uriana, Angehöriger der grössten indigenen Gruppe Kolumbiens, der Wayuu, spricht über die Auswirkungen der Kohlemine El Cerrejón auf seine Gemeinschaft und die Umwelt. El Cerrejón ist teilweise im Besitz der Firma Xstrata mit Sitz in Zug. Jaime Enrique Soto Uriana ist seit Januar 2011 Gouverneur des Reservats Provincial in der Gemeinde Barrancas, Guajira. Er setzt sich insbesondere dafür ein, dass Cerrejón für die Schäden, die Provincial erlitten hat, aufkommt und die Gemeinschaft angemessen entschädigt und in Zukunft anhört und ernst nimmt.

Auch in Voice erschienen, Publikation der Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz.

Kannst du uns zu Beginn mal die Gegend und euer Reservat beschreiben?

Wir befinden uns hier in der Gemeinde Barrancas im fruchtbaren Süden des Departements Guajira. Unser Reservat Provincial (Resguardo) wurde offiziell 1987 gegründet, wir leben aber seit 80 Jahren hier in dieser Gegend. In unmittelbarer Nähe von unserem Reservat gibt es weitere Wayuu-Reservate wie Zahino, Trupio Gacho, San Francisco und Nuevo Espinal, sowie mehrere Bauerngemeinschaften, wie Roche und Chancleta. Unser Reservat umfasst 460 Hektaren. 110 Familien mit etwa 550 Personen leben hier. Unsere generellen Lebensumstände sind schlecht, die soziale Basisinfrastruktur ist ungenügend, es fehlt uns an Land und Arbeit, die Mine El Cerrejón hat unsere Lebensqualität massiv beeinträchtigt, wir leiden unter der Umweltverschmutzung.

Kannst du beschreiben, wie die Mine euer Leben verändert hat?

Bevor die Mine vor rund 30 Jahren in unser Territorium kam, hatten wir ein grosses Gebiet zur Verfügung. Wir hatten zwar keine formellen Landrechte, aber es gab Platz für alle. Es gab verschiedene landwirtschaftliche Grossbetriebe in der Gegend, die Arbeit boten, aber auch viel freies Land für Viehzucht und Ackerbau. Der Fluss war sauber, man konnte Fischen und in den Wäldern jagen, die Luft war sauber. Heute ist alles anders: die Mine hat die umliegenden Ländereien aufgekauft, alles ist nun ihr Privatbesitz. Wir haben heute zu wenig Platz für unsere Tiere, unser Land ist überweidet. Der Boden hier ist steinig, wenig fruchtbar, und es fehlt an Wasser. Der Zugang zum Fluss ist eingeschränkt. Jedes Mal wenn Vieh von uns in den Privatbesitz von Cerrejón eindringt, gibt es Probleme. Wenn wir beim Jagen erwischt werden, werden wir schikaniert, vorübergehend festgehalten.

Habt ihr versucht, diese Probleme mit Cerrejón zu besprechen?

Ja klar, seit langem versuchen wir, gute nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Wir haben ein Interesse daran, mit Cerrejón Abkommen schliessen zu können, dass wir z.B. unser Vieh auf Privatland von Cerrejon, das noch nicht für Bergbau verwendet wird, weiden lassen können, oder dass sie uns Land für den Anbau von Lebensmitteln verpachten. Cerrejón sagt uns aber, dass sie die Natur schützen wollen, dass der Wald bestehen bleiben muss, da er als Puffer zur Mine wirkt. Als ob wir das alles zerstören wollten!! Dann ist da das Problem mit der Sicherheit: Jedes Mal wenn Mitglieder unseres Reservats auf Privatbesitz der Mine gelangen, sei es um verlaufenes Vieh zu suchen, sei es um zu jagen oder Holz zu holen, werden wir von der Privatsicherheit des Unternehmens oder von der Armee festgehalten. Manchmal übergeben sie uns der Polizei, die uns vorübergehend festnimmt. Auch darüber haben wir keine Lösung gefunden. Dabei sind wir doch keine Kriminellen!

Du hast vorhin die Umweltverschmutzung angesprochen, die euch beeinträchtige. Cerrejón rühmt sich aber dafür, die Verschmutzung auf ein Minimum zu reduzieren, so dass es keine negativen Auswirkungen auf die Personen im Umfeld der Mine gebe.

Das ist doch glatte Lüge, wir kennen diese Geschichten von Cerrejón sehr genau, an allem sollen wir selber Schuld sein. Krank seien wir weil wir mit Holz kochen und unhygienisch leben, nicht wegen dem Kohlestaub. Ich kann dir aber versichern, es gibt hier heute Krankheiten, die wir vorher nicht kannten!! Unsere Kinder haben andauernd Grippesymptome, viele Leute haben Atemwegserkrankungen, Hautausschläge. Du siehst von hier aus die Abraumhalden, sie sind nur wenige Hundert Meter entfernt. Täglich gibt es Explosionen, um die Kohleschichten freizulegen. Der Lärm Tag und Nacht beeinträchtigt unsere Erholung, wir schlafen schlecht und sind gestresst. Niemand anerkennt aber diese Krankheiten, die Ärzte und das Spital sind von Cerrejón bezahlt und getrauen sich nicht, die Wahrheit zu sagen.

Wie ist denn die Auswirkung der Umweltbelastung auf die Natur, auf die Vegetation?

Sowohl die Fauna wie auch die Flora haben Schaden genommen. Verschiedene Tiere, die wir früher jagen konnten, sind verschwunden, so Hirsche und Kaninchen. Auch unser Vieh leidet und hat richtige Hustenanfälle, Tiere ersticken. Verschiedene Tiere kamen tot oder missgebildet zur Welt. Das Pflanzenwachstum ist eingeschränkt, die Fruchtbäume gedeihen nicht mehr wie früher. Es gab früher viel Mango hier, heute fallen die Früchte unreif und halb vertrocknet vom Baum. Der Fluss ist voll Schlamm und Kohle, du kannst nicht mehr Waschen und Baden, du bist nach dem Bade schmutziger als vorher.

Als Indigene Gemeinschaft habt ihr das Recht, bei solchen grossen Projekten vorher um eure Meinung gefragt zu werden, ihr müsstet euer Einverständnis oder auch eure Ablehnung kundtun können. Wurdet ihr bisher über diese grossen Minen konsultiert?

Nein, bis vor kurzem hat uns niemand nach unserer Meinung gefragt, weder uns noch die umliegenden Gemeinschaften. Seit diesem Jahr gibt es sogenannte vorgängige Konsultationen. Wir verstehen diese Prozesse aber nicht, trauen den Absichten dahinter nicht. Bei uns führen drei Firmen gleichzeitig irgendwelche Gespräche mit den Bewohnern, jeder auf seine Weise. Das verwirrt die Gemeinschaftsmitglieder zutiefst, so dass sie manchmal nicht einmal mehr wissen, welche Firma im Moment mit ihnen spricht. Gleichzeitig sind aber die Informationen, die uns vermittelt werden, ungenügend. Cerrejón will den Fluss umleiten, und kommt mit Studien daher, wie das alles ohne bleibende Schäden geschehen soll. Wenn wir aber schauen, wie die Natur bisher schon gelitten hat, wie das Wasser knapper wird, wie sich das lokale Klima aufgeheizt hat, können wir nicht glauben, dass die Umleitung des Flusses auf 26 Kilometer Länge keine Folgen für uns hat.

Wer sind denn die drei Unternehmen?

Also nebst Cerrejón ist es die brasilianische MPX, die weiter im Süden eine grosse Kohlenmine im Tagebau in Betrieb nehmen will, und die kanadische Pacific Rubiales sucht wahrscheinlich Öl- und Gasvorkommen. MPX könnte unser Resguardo und weitere Gemeinschaften massiv beeinträchtigen. Einerseits umfasst die Mine wahrscheinlich Zehntausende Hektaren Land, weiter durchschneidet ihre Zugslinie verschiedene Reservate, und der Neubau eines Kohlehafens in Dibulla verschlingt ebenfalls wertvolles Land. Unsere Brüder der Sierra Nevada de Santa Marta sind in ihrem traditionellen Territorium sehr stark betroffen. Wir selber haben noch keine genauen Informationen erhalten, wir vermuten, dass die Zugslinie unser Reservat berührt, wissen aber nicht genau wo. Es macht uns Sorgen, dass MPX ab nächstem Jahr schon Kohle abbauen will, dabei hat sie noch nicht mal die Umweltlizenz, geschweige denn hat sie mit dem Bau beginnen können. Da kommt unheimlicher Druck auf uns zu. Wir haben deshalb beschlossen, die Konsultationsprozesse bis auf weiteres zu unterbrechen, da wir mit dem Vorgehen nicht einverstanden sind. Wir wollen keine Expansion des Cerrejón, auch keine Eisenbahnlinie durch unser Territorium. Wir müssen uns aber noch weiter informieren und intern stärken, deshalb haben wie die Gespräche mindestens bis im November unterbrochen.

Wie ist denn euer Widerstand gegen diese Megaprojekte organisiert?

Historisch gesehen fehlt eine Organisationsstruktur, die alle Wayuus umfassen würde, wie es sie in vielen Departementen gibt, wie der Regionale Indigenenrat CRIC im Cauca. Wir Wayuus orientierten uns bisher mehr am den Clans. Im Süden haben wir aber die Vereinigung der Indigenen Räte des Südens der Guajira (Asociación de Cabildos Indígenas del Sur de la Guajira, AACIWASUG) gegründet. Einige indigene Frauen haben ihrerseits das Movimiento Fuerza de Mujeres Wayuu gegründet. Eine der Leaderinnen stammt z.B. aus dem benachbarten Resguardo Zahino, und die FMW unterstützt uns mit Workshops über unsere Rechte, was zum Beispiel die frei, informierte und vorgängige Zustimmung betrifft. Zudem wurde vor kurzem, am 8. August, das COMITÉ CIVICO DE LA GUAJIRA FRENTE A LA GRAN MINERIA TRASNACIONAL gegründet. Sowohl die Indigenen Räte des Südens der Guajira wie auch die Frauenorganisation der Wayuu, FMW, sind Teil dieses Komitees, ebenso verschiedene andere betroffene Kleinbauerngemeinden und die Gewerkschaft SINTRACRABON. Dieses neu gegründete Komitee will gemeinsam alle betroffenen Gemeinschaften verteidigen, unser Territorium und unsere Umwelt erhalten, für die Zukunft der Guajira und für eine gerechte Verteilung und Verwendung der Royalties kämpfen.

Jaime, ich danke dir für dieses Gespräch!

Die Wayuus und El Cerrejón

Die Ethnie der Wayuu ist die grösste indigene Ethnie Kolumbiens, der Norden der Guajira ist Mehrheitlich von Indigenen bewohnt. Ihr Territorium ist bisher v.a. durch die Kohlemine im Tagebau El Cerrejón betroffen, sowie durch die zur Mine gehörden Eisenbahnlinie und den Hafen.

1976 begannen die Arbeiten an Cerrejón, damals ein Joint Venture zwischen der staatlichen Carbocol und der Exxon Mobile Tochter Intercor. Nach mehreren Besitzwechseln ist Cerrejón heute im Besitze eines Konsortiums aus Anglo American, BHP Billiton und Xstrata Plc. Bis 2006 hatte Glencore einen 33% Anteil an Cerrejón, hat diesen Anteil aber an Xstrata weiterverkauft. Sowohl Glencore wie Xstrata haben ihren Sitz im Schweizer Kanton Zug. Schweizer Energiekonzerne wie Repower aus Graubünden planen in Deutschland neue Kohlekraftwerke, genau wie auch viele Deutsche Stromkonzerne. Ein Grossteil der deutschen Kraftwerkskohle stammt aus der Mine El Cerrejón.

Die Konzessionsfläche von El Cerrejón beträgt 69‘000 Hektaren, knapp 12‘000 Hektaren werden aktuell vom Bergbau genutzt. Zu Cerrejón gehört ausserdem eine 150 km lange Eisenbahnlinie und ein eigener Hafen mit einem Verladeterminal in Puerto Bolivar. Die aktuelle Jahresproduktion liegt bei rund 31 Mio. Tonnen, mit dem Expansionsprojekt wird eine Jahresproduktion von 40 Mio. Tonnen angestrebt.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

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www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com