04/28/17

Die Gemeinschaften in der Guajira zwei Jahre nach dem Besuch mit dem Management von Glencore

28.04.2017 | Von Stephan Suhner
Campoalegre
Campoalegre
Kohlestaub auf den Blättern in Campoalegre
Abgebrochene Häuser im alten Las Casitas
Gemeinschaftsraum in Neu-Roche
Haus in Neu-Roche
Wasseraufbereitungsanlage in Tamaquito
Luftmessstation in Provincial

Ziemlich genau zwei Jahre nach dem Besuch der Mine Cerrejón zusammen mit dem Management von Glencore und zwei Bürgern aus dem zürcherischen Säuliamt besuchte ich während zweier Tage verschiedene Gemeinschaften im Einflussbereich der Kohlemine Cerrejón. Es waren dies Campoalegre, Casitas Viejo, Roche Nuevo, Provincial und Tamaquito. Mir fiel schnell auf, wie wenig Fortschritt in verschiedenen Themen gemacht wurde (kritische Situation in den neuen Siedlungen bezüglich Wasser, Einkommensschaffung und Zustand der Häuser) und wie Cerrejón immer wieder dieselben Fehler begeht (kein Land für die Tiere, viele Familie sind nicht umsiedlungsberechtigt etc.) oder dieselben schädlichen Praktiken anwendet, die zu Zwist und Spaltung in den Gemeinschaften führen. Der grosse Lichtblick bleibt Tamaquito, da die Gemeinschaft weiterhin geeint ist, eine sehr gute Führungsperson hat und klare Verhandlungsziele beharrlich verfolgt.

 

Ungewissheit und Armut in Campoalegre

Am ersten Tag meines Besuches fuhren wir frühmorgens in die indigene Gemeinschaft Campoalegre. Diese Gemeinschaft liegt etwa drei Kilometer südöstlich der Mine, etwas erhöht, mit direktem Blick auf die Mine. Dementsprechend ist die Siedlung auch der Verschmutzung des Kohleabbaus ausgesetzt. Die in den 1960er Jahren gegründete Gemeinschaft ist sehr arm, der Boden ist steinig und gibt wenig her. Der Dorfgründer und traditionelle Autorität erzählt, wie das Leben nach der Gründung der Siedlung einfach war, wie es genug regnete und sie gute Ernten erzielen konnten. Sie bauten Mais, Yuca und Kürbisse an, hielten Ziegen und Rinder. Heute bauen sie auch noch an, aber die Ernten sind schlechter geworden. Die Bewohner von Campoalegre führen dies auf die Verschmutzung durch die Kohlemine zurück und zeigen verschiedene Bäume, deren Blätter von einer dichten grau-schwarzen Staubschicht bedeckt sind. Wenn die Bäume blühen, fallen danach die Früchte wenn sie noch ganz klein sind zu Boden, oder vertrocknen. Die Gemeinschaft hat auch unter der Trockenheit der letzten Jahre gelitten und viele Tiere verloren.

Die Gemeinschaft fühlt sich sich selbst überlassen und beklagt, dass sie von niemandem Hilfe bekommt, weder von staatlichen Behörden und Institutionen, noch von den Bergbauunternehmen. Lediglich eine Schule hat der Staat gebaut, und Drummond baute eine Versammlungshalle, als sie in der Nähe nach Gas suchten. Cerrejón würde sie kaum unterstützen, so die einhelligen Aussagen der Bewohner, weder für die landwirtschaftliche Produktion, noch die Schulbildung der Kinder. Letzthin wurde wegen den gesunkenen Kohlepreisen sogar der Arztbesuch in einer mobilen Klinik gestrichen. Lediglich Wasser liefert Cerrejón seit der Dürre, 1000 Liter alle acht Tage pro Familie, was aber zum Kochen, Trinken und sich Waschen zu wenig ist.

Die Gemeinschaft wurde nie über die nahe Mine konsultiert und weiss nicht, was ihnen die Zukunft bringt. Sie leiden klar unter der Umweltbelastung, möchten aber mehrheitlich das Territorium nicht verlassen. Cerrejón hat ihnen gegenüber noch nie klar kommuniziert, was die Pläne des Unternehmens sind. Cerrejón betreibt in Campoalegre eine Messstation und sagt jeweils, es sei von der Verschmutzung her alles gut. Cerrejón überreicht die Messresultate oder allfällige Studien der Gemeinschaft aber nicht, liest sie lediglich an Versammlungen vor. Jairo Fuentes von Tamaquito empfiehlt der Gemeinschaft, sich auf keinen Fall umsiedeln zu lassen, die Erfahrung von Tamaquito habe gezeigt, dass diese Prozesse sehr schwierig seien und viele negative Folgen mit sich bringen. Viele schädliche Auswirkungen im kulturellen und spirituellen Bereich könnten kaum mehr wieder gut gemacht werden. Vielmehr müsse gefordert werden, dass Cerrejón umfassende Studien über Umwelt und Gesundheit mit Beteiligung der Gemeinschaften durchführen müsse und die Schäden wieder gutmachen müsse.

Schwierige Verhandlungen im alten Las Casitas

Nach einem Rundgang durch Campoalegre begaben wir uns zum alten Dorf Las Casitas, das in der Zwischenzeit fast vollständig umgesiedelt worden ist. In der Woche vor unserem Besuch im März 2015 hatte Cerrejón gerade die erste Familie im neuen Las Casitas angesiedelt. Am alten Ort sprachen wir mit zwei Brüdern der letzten Familie, die noch am verhandeln ist. Von den fünf Brüdern ist nur einer umsiedlungsberechtigt, und er ist die einzige Person, die noch im Dorf lebt. Rund herum sind alle wegezogen, viele Häuser wurden abgerissen. Seine Brüder kommen am Wochenende manchmal noch vorbei, aber das halb abgerissene Dorf ist praktisch verlassen, so dass sie dieses Jahr zum ersten Mal die Osterwoche nicht mehr in Las Casitas verbringen werden. Aurelio, der nicht umsiedlungsberechtigt ist, aber im Dorf noch ein Haus hat, erzählt wie er wegen der Ausbildung der Kinder nach Barrancas zog, aber die Ferien und die Wochenenden immer in Las Casitas verbrachte. Sein Bruder Eider, der noch in Las Casitas ausharrt, hat viel Vieh und könnte damit nicht ins neue Casitas ziehen, da er dort nur eine Hektare Land zur Verfügung hätte. Das Geld, dass Cerrejón ihm bisher offerierte, um Land für sein Vieh zu kaufen, reicht bei weitem nicht aus. Das Land wäre zudem nicht in der Nähe des neuen Las Casitas, sondern weiter entfernt. Er ist aber gezwungen, permanent im neuen Las Casitas zu leben, sonst würde er die Hilfen des Umsiedlungsprozesses verlieren. Das heisst, er müsste also jemanden anstellen, der zu seinem Vieh schaut. Er beklagt zudem, dass sich immer wieder Vieh auf Minengebiet verirrt, ihm in letzter Zeit aber der Zugang zum Minengebiet verwehrt ist, so dass er mehrere Stück Vieh verloren hat. Das ist ein bekanntes Problem, unter dem Tomás Ustate, der letzte Bewohner in Roche, über Jahre litt. Die Geschichte und die Fehler von Cerrejón wiederholen sich!

Die fünf Geschwister verhandeln seit Februar 2017 mit Cerrejón über eine bessere Lösung. Insbesondere wollen sie für ihre Kinder die Ausbildung sicherstellen. Die Verhandlungen sind schwierig, vor allem die Frage der Entschädigungszahlungen. In ihren Augen wendet Cerrejón viel zu technische und materialistische Kriterien an: so sind die zwei WC-/Badhäuschen aus Zement mehr wert als das ganze Haus aus Bahereque (typisches Ast-Lehm-Geflecht), in dem Aurelio und seine Familie jeweils wohnen wenn sie zu Besuch sind. Da Aurelio dieses Haus selbst gebaut hat, hat es auch einen emotionalen Wert. Die fünf Geschwister sehen auch, wie die anderen ehemaligen Bewohner am neuen Ort leben, wie viele Punkte von Cerrejón nicht erfüllt wurden, wie es schwierig ist, am neuen Ort Fuss zu fassen, ein kleines Geschäft oder eine landwirtschaftliche Produktion aufzubauen, was im alten Las Casitas viel einfacher war. Immer wieder wurde auch in Las Casitas im Verhandlungsprozess mit der Enteignung gedroht, was die Leute unter grossen Druck setzte, ist doch die Erinnerung an die gewaltsame Enteignung und Zerstörung von Tabaco immer noch wach. Aurelio und Eider beklagen auch verschiedene andere Verhandlungsstrategien und Vorschläge des Cerrejón als ungerecht. Viele Programme und Unterstützungszahlungen beginnen in dem Moment zu laufen, in dem die erste Familie unterschreibt. Bildungszuschüsse haben eine Laufzeit von 10 Jahren, d.h. wenn eine Familie lange verhandelt, verkürzt sich die Zeit, in der die Kinder von den Stipendien profitieren können. Auch sind die Kriterien, wer umsiedlungsberechtigt ist, sehr streng: verlangt wird ein dauerhaftes und im Moment der Erhebung auch aktuelles Wohnen im alten Las Casitas und einen wirtschaftliche Abhängigkeit vom Territorium; ebenso musste man im Moment der Erhebung eine eigenständige Familie sein, spätere Familiengründungen ergaben keinen Anspruch. Daher war von den fünf Brüdern nur Eider umsiedlungsberechtigt, obwohl sich die anderen regelmässig in Las Casitas aufhielten und dort Häuser hatten.

Ermutigendes Tamaquito

Tamaquito, das wir am 2. Tag besuchten, hat erfolgreiche Nachverhandlungen mit Cerrejón geführt und diese im Dezember 2016 abschliessen können. Die Gemeinschaft setzte viel Energie in ihre Eigenständigkeit und in den kollektiven, gemeinschaftlichen Charakter der Verhandlungsziele. So planten sie ein grosses landwirtschaftliches Projekt, unter anderem mit der Zucht von 2000 Chivos (Ziegen), dem Anbau von Futtergras und -getreide, dem Anbau von Lebensmitteln und Dauerkulturen, sowie der Haltung von Legehennen. Damit sollen auch Arbeitslätze geschaffen werden, damit niemand von Tamaquito in der Mine arbeiten muss. Für das landwirtschaftliche Projekt soll Flusswasser in zwei Reservoirs gepumpt werden, aber die Leitungen müssen neu geplant werden, da sich Neu-Roche weigerte, die Leitungen über ihr Land führen zu lassen. Das Trinkwasser ist das schwierigste Thema, der Termin im Juni 2016 konnte von Cerrejón nicht eingehalten werden, ebenso wenig der Termin im Dezember. Zum Zeitpunkt meines Besuches war die neue, konventionelle kolumbianische Wasseraufbereitungsanlage fast fertig gebaut und erste Problem lassen hoffen, dass die Wasserqualität gut sein wird. Tamaquito hat vier Brunnenmeister ausbilden lassen, die die Anlagen bedienen und warten werden. Tamaquito hatte mit Cerrejón vereinbart gehabt, dass Cerrejón bei Nichterfüllen von Fristen und Abmachungen der Gemeinschaft Bussgeld bezahlen werde. Tamaquito hat zweimal Bussgeld eingezogen, wollen das aber nicht mehr machen, da sie wollen, dass Cerrejón Abmachungen einhält, und nicht einfach Bussen bezahlt, die offensichtlich zu wenig schmerzen.

Ebenso noch nicht abgeschlossen ist die Bildung eines Resguardos. Verzögerungen gab es insbesondere, weil das Land falsch vermessen respektive falsch auf den Plänen eingetragen worden ist. Für Tamaquito ist die Anerkennung als Resguardo wichtig, da es ihnen grösstmögliche Autonomie sichert, in dem sie direkte finanzielle Zuwendungen erhalten und so nicht mehr von Cerrejón oder dem Bürgermeister abhängen und es ihnen auch rechtliche Sicherheit gewährleistet. Jairo Fuentes selbst, der Gouverneur von Tamaquito, erhält weiterhin Todesdrohungen. Diese haben in letzter Zeit zugenommen, weil Jairo seine Erfahrungen in den Verhandlungen nutzt, um andere Gemeinschaftsführer zu coachen.

Tristes Neu-Roche

Am Schluss gingen wir in Neu-Roche (Roche Nuevo) vorbei. Diese erste umgesiedelte Gemeinschaft macht einen ungepflegten, tristen Eindruck. Anscheinend ist das Gemeinschaftsleben nicht gut, es herrschen Misstrauen, Missgunst und Konflikte vor. Die soziale Lage der umgesiedelten Familien ist nach wie vor schlecht, die wenigsten Familien haben wirtschaftliche Unabhängigkeit erreicht. Viele produktive Projekte werfen zu wenig Ertrag ab, um davon leben zu können, oder funktionierten nur so lange, wie Cerrejón für (künstliche) Nachfrage sorgte. Immer wieder kommt es vor, dass Dienstleistungen, die Bewohner von Neu-Roche erbringen, von Cerrejón oder z.B. vom Bürgermeisteramt nicht nachgefragt werden, z.B. Transportaufträge, und die Leute dann auf einem Fahrzeug sitzen bleiben, mit dem sie kaum mehr Einkommen erzielen können. Die Häuser sind nach gut fünf Jahren in einem sehr schlechten Zustand, haben grosse Risse, die durch die ganze Mauer hindurch gehen. Es gibt Häuser, die den Eindruck erwecken, als wären sie konkret einsturzgefährdet. Auch die Schule, die Kirche und die Gemeinschaftsräume sind in schlechtem und ungepflegtem Zustand. Eine intakte, lebendige Gemeinschaft sieht anders aus und das bereits fünf Jahre nach der Umsiedlung.

 

Hinter der Siedlung liegen die Parzellen, eine Hektare pro Familie. Verschiedene Parzellen liegen brach, sind gar verbuscht. Andere waren frisch gepflügt und zur Aussaat bereit, ein paar wenige sind sehr gut organisiert mit verschiedenen saisonalen und Dauerkulturen wie Bananen, Yuca, etc. Diese Parzellen können nun auch bewässert werden, einer der wenigen sichtbaren Fortschritte. Auf einigen Parzellen gibt es kleine Hüttchen oder auch traditionelle Häuser, und es scheint dass einige Familien lieber auf ihrer Parzelle wohnen als in der Reihenhaussiedlung. 

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com