04/18/10

Schweres Massaker erschüttert den Cauca

18.04.2010 | Stephan Suhner

Am 7. April 2010 wurden in der Gemeinde Suarez im Nordwesten des Departements Cauca acht unabhängige Godschürfer, die mit einfachen Mitteln Gold gewannen, ermordet. Die Afrokolumbianer wurden gemäss Aussagen eines Überlebenden von Männern in Tarnuniformen erschossen. Der Ort des Geschehens liegt in einer Gegend, an der verschiedene Konzerne strategische Interessen haben – beispielsweise an Goldminen und Forstprojekten. Trotz unzähliger Urgent Actions von Nicht-Regierungsorganisationen und Treffen mit nationalen und internationalen Menschenrechtsinstitutionen hat es die kolumbianische Regierung bisher unterlassen, der Bevölkerung in der Region adäquaten Schutz zukommen zu lassen.

Das Massaker vom 7. April

Zeugen zufolge kamen die bewaffneten Männer in zwei Pick-Ups und einem Motorrad zum Ort des Vorfalles. Sie wandten sich an die Männer, die dort mit einfachen Geräten Gold schürften und sagten, dass die Goldsucher sich dort nicht aufhalten dürften, da es sich um Privatbesitz handle. Ohne weitere Vorwarnung eröffneten sie das Feuer und töteten acht Arbeiter, ein neunter wurde schwer verletzt. Das Massaker geschah am Oberlauf des Flusses Río Ovejas im Weiler Santa Martha der Gemeinde Suarez. Das fragliche Gebiet gehört zum Gemeinschaftsrat La Toma. Ein Grossteil der lokalen, afrokolumbianischen Bevölkerung lebt vom kleingewerblichen Goldabbau.

Die ganze Gegend ist stark militarisiert und wird durch zwei Hochgebirgsbataillone kontrolliert. Trotzdem gelangten die schwerbewaffneten Täter unbehelligt zum Ort des Verbrechens. Obwohl die lokale Bevölkerung seit längerer Zeit immer wieder Bedrohungen durch paramilitärische Gruppierungen denunziert, behauptet die Armee, es gäbe in der fraglichen Zone keine Paramilitärs. Die Regierung liess unmittelbar nach Bekanntwerden des Massakers verlauten, es habe sich um eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Goldgräbergruppen gehandelt. Die Armee versuchte sofort, den Tatort abzuriegeln und den Zugang für Familienangehörige der Opfer und Menschenrechtsorganisationen zu erschweren.

Die lokale Bevölkerung und die sie begleitenden Menschenrechtsorganisationen vermuten jedoch paramilitärische Gruppierungen hinter der Tat. Gestützt auf die Zeugenaussagen des schwerverletzten Überlebenden, wonach die Täter sagten, es handle sich um Privatbesitz, gehen sie davon aus, dass die Täter im Auftrag von Unternehmen handelten, die in der Region Konzessionen zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen besitzen oder beantragt haben. Die betroffenen Familien verlangen von der Regierung mit Nachdruck eine Erklärung für das Geschehene und endlich effiziente Schutzmassnahmen. Zudem fordern sie, dass keine weiteren Konzessionen an Privatunternehmen vergeben werden, ohne die Bestimmungen des Gesetztes Nr. 70 von 1993 und die freie, informierte und vorgängige Information und Zustimmung gemäss der ILO Konvention 169 einzuhalten. Im betreffenden Gebiet gibt es nämlich verschiedene kollektive Landtitel für Afrokolumbianische Gemeinschaften und indigene Resguardos.

Hintergrund

Die Gemeinden Suarez, Morales und Buenos Aires im Nordwesten des Caucas leiden ganz besonders unter dem sozialen und bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Es handelt sich um eine strategisch wichtige Zone, sowohl militärisch zur Kontrolle des Territoriums, als auch wirtschaftlich auf Grund des grossen Reichtums an natürlichen Ressourcen. Vor einigen Jahren wurde dort das Stauwerk Salvajinas errichtet, das heute vom spanischen Multi Unión Fenosa betrieben wird. 3000 Personen wurden durch den Stausee von ihrem Land vertrieben, andere verloren einen Grossteil ihrer Lebensgrundlage. Smurfit Kappa und Cartón de Colombia haben Interesse an den Forstressourcen und wollen weitere Pinien- und Eukalyptusplantagen errichten. Anglo Gold Ashanti und Cossigo Ressources erhielten unzählige Konzessionen für Goldminen. Die lokale afrokolumbianische Bevölkerung ergänzt ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft seit Generationen durch die kleingewerbliche Goldgewinnung mit kleinen Stollen und Goldwaschen in den Flüssen. Diese kleinen Minen müssten den Interessen des Goldabbaus im grossen Stile und im Tagbau weichen.

Menschenrechts- und soziale Organisationen wie Nomadesc, die Gewerkschaft CUT, der Proceso de Comunidades Negras PCN und die indigene Asociación de Comunidades Indígenas del Norte del Cauca setzten die andauernden Drohungen, Morde und Vertreibungen durch paramilitärische Gruppen wie die Aguilas Negras in Verbindung zu diesen Wirtschaftsinteressen. Die kolumbianische Verfassung und Gesetze wie das Gesetz Nr. 70 von 1993 über die Rechte der afrokolumbianischen Bevölkerung und internationale Abkommen wie die ILO Konventionen 169 verbieten die Vergabe von Land an Privatfirmen und die Durchführung von Wirtschaftsprojekten ohne die Einholung der vorgängigen, freien und informierten Zustimmung durch die lokale Bevölkerung, beispielsweise der lokalen afrokolumbianischen Gemeinschaftsräte und traditioneller indigener Autoritäten. Die NGOs denunzieren, dass aber alle diese Konzessionen für Wasserkraftwerke, Forstplantagen und Minen im Tagbau ohne die so genannte „consulta previa“ vergeben wurden.

Die lokale Bevölkerung ist gut organisiert und wehrt sich gegen die „neoliberale Gesetzgebung der Enteignung“, wie sie das Bergbaugesetz, das Forstgesetz und das Gesetz zur ländlichen Entwicklung nennen und haben Strategien entwickelt, um inmitten des Krieges in ihrem Territorium zu verbleiben und ihren kollektiven Landbesitz und damit ihren Lebensraum und ihre Kultur zu verteidigen. Dank der Begleitung durch Menschenrechtsorganisationen konnten sie ihre kritische Situation auch gegenüber der Interamerikanischen Menschenrechtskommission CIDH in Washington und gegenüber den UNO Organisation – beispielsweise der Sonderberichterstatterin für ethnische Minderheiten – denunzieren. Die kolumbianische Regierung hat beispielsweise bei einem Treffen vom 5. November 2009 vor der CIDH in Washington Schutzmassnahmen für die betroffene Bevölkerung versprochen, ohne dass diese Schutzmechanismen bis heute implementiert worden wären. Nach dem Massaker fordern sie deshalb einmal mehr mit Nachdruck die sofortige Umsetzung dieser Schutzmassnahmen, einen Stopp der Vergabe weiterer Konzessionen an Privatunternehmen sowie eine Offenlegung der bisher vergebenen Konzessionen. Zudem fordern sie ein dezidiertes Vorgehen gegen die illegalen bewaffneten Gruppen wie die Aguilas Negras in der Region. Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien unterstützt diese Forderungen und wird sich in diesem Fall an die kolumbianischen Behörden wenden.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com