07/07/10

Problematische Kohlengewinnung im Departement Antioquia

07.07.2010 | Stephan Suhner

Antioquia ist ein Departement, das ebenfalls reich an Kohle ist. Es gibt dort bisher keinen Tagbau, sondern Abbau in Stollen. Nebst einigen relativ grossen, legalen Minen, gibt es viele kleine, illegale Minen. Das Zentrum liegt im Flussbecken des Sinifaná und umfasst die Gemeinden Fredonia, Amagá, Angelópolis, Titiribí, Heliconia und Venecia. Amagá geriet vor in 3 Wochen wegen eines schweren Grubenunglücks mit 73 Toten in die Schlagzeilen. Bei der Mine San Fernando handelte es sich um eine der „sichersten“ Minen. Die stille Tragödie des illegalen Bergbaus ist jedoch wenig bekannt.

Schlimme Zustände in den illegalen Minen

Am Sinifaná–Fluss¹ gibt es rund 250 illegale Kohlenminen, umgangssprachlich gurreras genannt. Diese Minen produzieren 70% der Kohle Antioquias, beschäftigen im Schnitt 25 Personen und graben Stollen bis zu 1000 m tief in die Erde. Insgesamt arbeiten in illegalen Minen über 5000 Personen, gegenüber nur 2000 in den legalen Minen. Die Arbeitsbedingungen in den illegalen Minen sind sehr schlecht. Wer das nötige Kapital und Know-how hat, verhandelt mit dem Grundbesitzer über eine Abfindung, stellt ein paar Leute an und beginnt Stollen auszuheben. Arbeitswillige gibt es mehr als genug, die bereit sind, ohne Unfallversicherung, ohne Alters- und Krankheitsvorsorge und ohne die minimalsten Gesundheits- und Sicherheitsstandards zu arbeiten. Es arbeiten auch viele Frauen sowie ältere Männer. In den legalen Minen werden sie nicht mehr beschäftigt, aber da sie keine Pension haben, schufften sie praktisch bis zu ihrem Tod in den illegalen Minen weiter. Zumindest ist es dank einer Sensibilisierungskampagne der Vereinigung der Minenbetreiber des Sinifaná Flusses ASOMICSI gelungen, die Kinderarbeit weitestgehend einzudämmen, so dass meist erst Jugendliche ab 17 Jahren in den Minen arbeiten. Je nach Länge der Schicht (normalerweise 8-10 Stunden) und der Anzahl Arbeitstage (kann mit dem Minenbesitzer frei ausgehandelt werden) erhalten die Arbeiter einen integralen Lohn von 100-300'000 Pesos pro Woche, aber eben ohne irgendwelche Sozialleistungen, Nachtarbeitszuschläge etc. Meist ist der Lohn an die geförderte Kohlenmenge geknüpft.

Die Arbeit in den engen, nur 1,5 m hohen Stollen ist streng, beschwerlich und gefährlich, mit über 40 Grad und Staub und giftigen Gasen. Die Arbeiter haben in der Regel nur einen Helm, aber keine Schutzkleider, keine festen Schuhe, keinen Atemschutz. Die Gase und der Staub verursachen Atemwegserkrankungen, Silikose, die gebückte Haltung Beschwerden im Bereich der Lenden. Die Stollen der illegalen Minen sind häufig ungenügend abgestützt, kaum einer hat eine Lüftung oder Pumpen, um das einlaufende Wasser abzusaugen, geschweige denn Messinstrumente und Warninstrumente bei zu hoher Gaskonzentration. Dementsprechend häufig kommt es zu Explosionen, Einstürzen und Umfällen. Viele Arbeiter sterben an arbeitsbedingten Krankheiten oder werden deshalb und wegen Unfällen arbeitsunfähig. Die Gewerkschaft Sintramineros schätzt, dass jährlich etwas 30 Minenarbeiter sterben, quasi tropfenweise. Stirbt ein Arbeiter, erhält die Witwe vom Minenbetreiber 3 bis 4 Mio. Pesos (ca. 2000 Franken), eine Rente oder ähnlich gibt es nicht. Im Vergleich dazu muss die Versicherung für Berufsrisiken ARP der legalen Mine San Fernando den Hinterbliebenen des Unglücks vom 16 Juni (73 Tote) etwa 10 Millionen Franken ausbezahlen.

Fadenscheinige Nutzniesser der Illegalität

Der Staat hat bisher wenig unternommen, um die illegalen Minen zu legalisieren und zu unterstützen. Da sie illegal sind, müssen sie keinerlei Auflagen erfüllen, bezahlen aber auch keine Steuern und Royalties. Damit entgehen den Standortgemeinden wichtige Einnahmen um die defizitäre Infrastruktur zu verbessern. Das Amt für Bergbau des Departements Antioquia wurde 2008 geschaffen und hat seither einige Investitionen in Sicherheitsausbildung und Bewusstseinsförderung getätigt. ASOMICSI, die 83 informelle Minenbetreiber vertritt, möchte die Minen legalisieren, aber die staatliche Unterstützung dafür genügt nicht: es müssten legale Bergbautitel ausgestellt werden, technische Unterstützung, günstiges Kapital, Werkzeuge und Maschinen bereitgestellt werden. ASOMICSI befürchtet, dass nach dem Unglück in der Mine San Fernando eher eine Repressionswelle auf die illegalen Minen zukommt, um sie zu schliessen und die grossen legalen Minen zu fördern. Das löst jedoch das Sicherheitsproblem für die Arbeiter nicht, wie der Fall der legalen Mine San Fernando ja vor Augen geführt hat.

Nebst staatlicher Unterstützung für die Legalisierung der Minen, die technische und sicherheitsmässige Aufrüstung und für die Versicherung der Arbeiter bräuchten die illegalen Minenbetreiber auch faire Preise für die Kohle. Kohle ist für die Industrie in Medellín immer noch der kostengünstigste Energieträger. Die illegalen Minenbetreiber können jedoch nicht direkt an die Industriebetriebe in Medellín verkaufen, sondern müssen zu schlechten Preisen an Zwischenhändler verkaufen. Zwischenhändler kaufen die Kohle besserer Qualität beispielsweise zu 80'000 Pesos die Tonne in der Mine, um sie in Medellín für 180'000 Pesos zu verkaufen. Auch die legalen Minen kaufen bei den Illegalen Kohle auf, wenn die eigene Produktion nicht genügt, um Lieferverträge zu erfüllen. Zu viele profitieren also von der billigen Kohle, so dass es nicht zu rechtfertigen ist, allein mit der Androhung der Schliessung auf dieses Problem zu reagieren. Gerade die tiefen Preise sind eine der wesentlichen Ursachen für die schlechten Arbeitsbedingungen und die mangelnden Umwelt- und Sicherheitsvorkehrungen. Die legalen Minen zeichnen sich aber zusätzlich zu den schlechten Arbeits- und Sicherheitsbedingungen auch nicht durch soziale Verantwortung aus: die wenigsten bezahlen Royalties, sie finanzieren keine Bildungsprogramme, unterstützen keine Infrastruktur- oder Sozialprojekte.

Da die Minen ein wichtiger Arbeitgeber sind und der Region wichtige Einkünfte abwerfen könnten, kämpfen die verantwortungsbewussten Minenbetreiber von ASOMICSI weiterhin für eine Legalisierung und technische Verbesserung ihrer Minen.

Legalität ist keine Garantie für verantwortungsvollen Bergbau

Die Mine San Fernando, wo sich am 16. Juni das schwere Grubenunglück ereignete, besteht seit 60 Jahren und seit drei Jahren ist eine neuer Abschnitt in Betrieb. Sie gilt „offiziell“ als eine moderne und sichere Mine, hatte aber in den letzte Jahren immer wieder Unfälle zu verzeichnen: so kamen am 11. November 2008 5 Arbeiter ums Leben und am 5. April 2009 kam es zu einem Brand, damals zum Glück ohne Todesopfer. Anscheinend haben Arbeiter der Minen in den Tagen vor dem Unglück auf mangelnde Belüftung, erhöhte Temperaturen und hohe Gaskonzentration hingewiesen und befürchtet, dass etwas Tragisches passieren könnte. Auch gab es eine Inspektion des Amts für Bergbau am 9. Juni, d.h. eine Woche vor dem Unglück, ohne dass etwas unternommen worden wäre. Ebenso scheint das paritätische Komitee nicht gut funktioniert zu haben. Der Nationale Bergbauminister erklärte zwar, am 9. Juni sei erkannt worden, dass keine Gasmessung erfolge und es keine Entlüftungsschächte gebe, was aber vom Bergbausekretär von Antioquia dementiert wurde. Dieser sagte, Gasmessung sei nicht gesetzlich vorgeschrieben, und die Mine verfüge über 15 Ventilatoren und Entlüftung. Der Zuständige der Gewerkschaft Sintramineros (ist in der Gegend aktiv, hat aber keine Mitglieder bei San Fernando) sagt, der Entlüftungsschacht sei seit Monaten wegen einer früheren Explosion verschüttet. Allein diese Widersprüche werfen ein schlechtes Licht auf den Sektor und die verantwortlichen Behörden. Wie die zuständigen Behörden dazu kommen, San Fernando als eine der modernsten und sichersten Minen zu bezeichnen, ist schleierhaft. Wie der Zustand in vielen anderen Minen ist, kann man sich also nur ausdenken.

Nicht umsonst stuft die Internationale Arbeitsorganisation den Kohlenbergbau unter Tag als Hochrisikotätigkeit an. Die ILO und internationale Gewerkschaften wie die ICEM führen deshalb Kampagnen durch, damit Länder wie Kolumbien ILO – Konvention zu Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz wie die Konvention 176 ratifizieren und in ihre Gesetzgebung übernehmen. Das würde mithelfen, die Sicherheit in den Minen zu verbessern und typische Arbeitskrankheiten endlich anzuerkennen, oder gäbe den Arbeitern und Gewerkschaften zumindest rechtliche Mittel in die Hand. Heute sind viele Erkrankungen von Minenarbeitern gar nicht als solche anerkannt, weshalb Betroffene auch keine Renten erhalten, wenn sie arbeitsunfähig werden. Nur 37% der Unfälle werden registriert und über eine Berufsunfallversicherung (ARP) abgewickelt. Zudem sind die Versicherungspläne und auch die Evakuations- und Notfallpläne völlig ungenügend.

Zudem sind die Arbeitsbedingungen für die 600 Direktangestellten bei der Mine San Fernando prekär, auch sie arbeiten unter hohen Temperaturen in Schichten von 12 bis 16 Stunden. Seit eine Nachbarmine (Industria Hullera) vor gut 2 Jahren geschlossen wurde, haben sich die Bedingungen verschlechtert, da San Fernando die Produktion stark ausdehnte, um die Lücke von Industria Hullera zu schliessen. Dabei verdienen sie nur den Mindestlohn und erhalten keinerlei Lohnzuschüsse für Transport, Verpflegung und Getränke. Es gibt keine Gewerkschaft und bis jetzt war es nicht möglich, einen Gesamtarbeitsvertrag mit besseren Arbeits- und Sicherheitsbedingungen für die Arbeiter auszuhandeln.

[1] Sonderbericht der Escuela Nacional Sindical: El oscuro drama de las gurreras. Informe especial tragedia de Amagá, Medellín, 1. Juli 2010.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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