06/24/11

Korruptionsskandal bei der Bergbaubehörde INGEOMINAS

24.06.2011

In den letzten Jahren geschah bei INGEOMINAS unglaubliches: Tausende von Titeln wurden ohne Kontrolle vergeben, an Privatpersonen ohne Vorkenntnisse, an illegale bewaffnete Gruppen; Titel  wurden in Nationalparks und Paramos genauso vergeben wie in Spezialzonen von Indigenen und Afros. Die Korruption blühte und in ausgelagerten Sonderbüros der Behörde erhielt man Titel innert Wochen, während es offiziell bis zu zwei Jahren dauerte. Tausende von Bergbautitel werden nun nachkontrolliert, gegen 25 ehemalige Beamte wird schon ermittelt.


Genau in dem Moment, wo der Bergbau zur Wachstumslokomotive werden sollte und Kolumbien 40 Milliarden Dollar an neuen Investitionen im Sektor erwartet, konnte der Korruptionsskandal nicht mehr länger unter der Decke gehalten werden. Der neue Direktor von INGEOMINAS, Oscar Paredes, muss sich ans Aufräumen machen. Momentan laufen gegen 25 Beamte Disziplinarverfahren, weitere dürften hinzukommen. Die Staatsanwaltschaft, der Rechnungsprüfungshof und die Aufsichtsbehörde Procuraduria haben Untersuchungen eingeleitet. In den letzten Jahren wurden 9‘000 Bergbautitel vergeben (umfassen 4% der Landesfläche), 19‘700 Gesuche sind hängig (20% der Landesfläche). Wegen der Korruption und dem administrativen Chaos wurde die Titelvergabe am 2. Februar 2011 für sechs Monate suspendiert, mit der Möglichkeit für Verlängerung.


Wegen der grenzenlosen Korruption kam es zu wirklich kuriosen Fällen: aus minentechnischer Sicht völlig sinnlose Titel wurden zu hohen Preisen verkauft. Insgesamt wurden 114 Titel von weniger als 0,5 Hektaren vergeben, die gar nicht wirtschaftliche genutzt werden können, aber grössere Projekte blockieren. Dazu zwei besonders krasse Beispiele: Für 9 Millionen Dollar wurde ein Titel von 19 Meter Breite und 19 km (!!) Länge vergeben. Dieser Titel liegt genau zwischen zwei grossen Kohlengesellschaften und hat ganz offensichtlich nur spekulative Zwecke. Für Goldabbau wurde eine Konzession vergeben, die 31 cm breit und 835 m lang ist, auf der sich nicht mal eine Person bewegen kann. Diese Konzession liegt bei California, wo Greystar das Projekt Santurban verfolgte. Derartige Titel werden dann zu horrenden Preisen an grosse Minenunternehmen verkauft, die diese Konzessionen für einen effizienten Betrieb ihrer Minen fast zwingend kaufen müssen. Personen nutzen Beziehungen zu Beamten und politischen Einfluss, um Informationen über reichhaltige Vorkommen oder geplante grosse Projekte zu erhalten, um dann mit derartigen unsinnigen Konzessionsanträgen zu spekulieren und diese teuer zu verkaufen. Ebenso wurden an eine einzelne Privatperson 264 Titel vergeben. Das Ehepaar Héctor Alfonso Acevedo und Yolanda Castro Jimenez haben in den letzten Jahren Hunderte von Titel beantragt und Dutzende erhalten und an Multis und nationale Bergbaufirmen weiter verkauft. Verschiedene Titel wurden auch an illegale bewaffnete Gruppen vergeben. Der Paramilitär Carlos Mario Jimenez alias Macaco ist oder war Besitzer der Sociedad Minera Grifos S.A., Pedro Oliverio Guerrero alias Cuchillo war Inhaber von Explotación Minera del Llano. Die Brüder Rodriguez des Cali-Kartells besassen Industria Minera y Pecuaria S.A. Niemand kontrollierte die Identität und die finanziellen und technischen Voraussetzungen der Antragsteller.
Sind einige dieser Titelvergaben fast schon belustigend, haben andere schwerwiegende Konsequenzen. So wurden Dutzende von Konzessionen in geschützten Gebieten und Landschaften vergeben, namentlich in Nationalparks, geschützten Wäldern und Paramo-Hochmooren. Bis jetzt wurde eruiert, dass 37 Titel in Nationalparks vergeben wurden. Auch dazu ein besonders stossender Fall: Am 29. Oktober 2009 hat das Umweltministerium die Region Yasigoje Apaporis im Departement Vaupés zu einem Naturpark erklärt. INGEOMINAS hat am selben Tag, obwohl es vom Umweltministerium informiert worden war, einen Bergbautitel über 2000 Hektaren vergeben. Am 9. Februar 2010 trat das neue Bergbaugesetz (ley 1382) in Kraft, das u.a. Bergbau in Paramos verbietet. Trotzdem hat INGEOMINAS danach noch 10 Titel in Paramos vergeben. Und wenige Tage vor dem Inkrafttreten des Gesetzes erhielt Anglo Gold Ashanti (AGA) noch 19 Titel in Paramos zugesprochen, die meisten im Paramo Santurban. Es ist kaum ohne Korruption zu erklären, dass AGA diese Titel noch zwischen dem 28. Januar und dem 2. Februar 2010 zugesprochen erhielt, obwohl sie schon zwischen 2005 und 2008 beantragt worden waren.


Nebst behördlichem Schlendrian, politischer Einflussnahme (INGEOMINAS war „Privatbesitz“ der Konservativen Partei) und Korruption erklärt aber auch ein technisches Problem einen Teil dieses Chaos: der Kolumbianische Bergbaukataster. Kürzlich sagte ein Experte, das sei kein Kataster, sondern eine Katastrophe. Der neue Kataster (Catastro Minero Colombiano CMC) hätte ab 2004 zu einer Technologieplattform werden sollen, hatte aber von Anbeginn kaum zu lösende technische Probleme. Während Techniker und Informatiker weitere Millionen in diesen Kataster steckten, arbeitete INGEOMINAS mit einem alten Parallelsystem, das 2009 zusammenbrach. Der CMC bleibt eine Baustelle, die kaum vernünftiges Arbeiten zulässt. Es ist nicht möglich, Statistiken zu erarbeiten, es gibt keine Kontrollfunktionen, das System generiert automatisch falsche, im Gesetz nicht vorgesehene Fristen, erfasst geschützte Zonen nicht korrekt und verschiebt die Dezimalstellen der Konzessionsflächen.


Die Korruption und die damit verbundenen Extrakosten und die Rechtsunsicherheit könnten – so befürchten Analysten – den Bergbauboom bremsen. Das ist jedoch nur ein Teilaspekt, schlimmer ist aus Sicht der ASK, dass Titel in geschützten Landschaften und Spezialzonen für handwerklichen Bergbau (Familienbetriebe, Bergbau durch indigene und afrokolumbianische Gemeinschaften) vergeben werden, und viele Konzessionen die staatlichen Abgaben nicht entrichten und dem Staat so wichtige Einnahmen verlustig gehen. Verschiedene Experten fordern die Schaffung einer Nationalen Bergbauagentur, die einerseits an Stelle von INGEOMINAS die Konzessionen vergeben soll, andererseits aber auch Polizeiaufgaben bei der Bekämpfung des illegalen Bergbaus übernehmen sollte. Ob die Schaffung einer neuen zentralen Agentur die Probleme wirklich löst, ist fraglich. Die Nationale Erdölagentur (Agencia Nacional de Hidrocarburos) vergibt auch riesige Explorationskonzessionen, ohne sich darum zu kümmern, ob im betreffenden Gebiet Naturschutzgebiete oder beispielsweise indigene Reservate vorkommen. Gut ausstaffierte und kompetente Behörden ist das eine, politischer Wille auf höchster Staatsebene das andere, was Not tut. Derweil prüft INGEOMINAS gegen 20‘000 Gesuche einzeln von Hand auf ihre Legalität, und von bisher 3600 geprüften Anträgen wurden 90% abgelehnt.

Stephan Suhner, 24. Juni 2011

Quellen:

Procuraduría adelanta 25 investigaciones por corrupción en títulos mineros, Radio Caracol, 30. Mai 2011, http://www.caracol.com.co/nota.aspx?id=1480915

La piñata de los títulos mineros, El Espectador.com, 31. Mai 2001, eingesehen unter: http://justiciaypazcolombia.com/La-pinata-de-los-titulos-mineros

La olla podrida de Ingeominas, Semana.com, 4. Juni 2011, http://www.semana.com/nacion/olla-podrida-ingeominas/157933-3.aspx
 
Así opera el tráfico de permisos mineros en Ingeominas, basierend auf kolumbianischen Zeitungsartikeln aus El Tiempo und El Espectador, eingesehen unter:  http://www.noalamina.org/mineria-latinoamerica/mineria-colombia/asi-opera-el-trafico-de-permisos-mineros-en-ingeominas

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

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www.kuengkaffee.ch

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www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com