28.06.2019

Die Umwelt im Departement Tolima zwischen Schutz und Rohstoffausbeutung

28.06.2019 | von Stephan Suhner

Mit einem historischen Urteil hat das Verwaltungsgericht des Tolima die definitive Beendigung von Bergbauaktivitäten in den Einzugsgebieten der Flüsse Combeima, Cocora und Coello angeordnet und die drei Flüsse als individuelle Entitäten und Rechtssubjekte anerkannt, mit Anspruch auf Schutz, Bewahrung und Renaturierung. Zudem empfahl das Gericht die Einrichtung eines Nationalparks oder Schutzgebiets um die drei Flüsse zu schützen.

Das Verwaltungsgericht hatte über eine Volksklage (Acción Popular) von 2011 zu urteilen, die gegen das Umweltministerium, Ingeominas, Anglo Gold Ashanti und Continental Gold sowie weitere kleine Minenbetriebe und Personen, die Konzessionen besitzen, gerichtet war. Das Gericht kam zum Schluss, dass kollektive Rechte auf den Genuss eines öffentlichen Raumes ohne Verschmutzung, eine gesunde Umwelt und auch das Vorbeugen von technisch vorhersehbaren Katastrophen sowie die öffentliche Sicherheit und Hygiene der Gemeinschaften, die die drei Flussgebiete bewohnen, verletzt werden. Daher ordnete das Gericht die sofortige Beendigung von Exploration und Abbau in den Minen an. Die Flüsse wurden als Rechtssubjekte anerkannt und dem Staat und den Gemeinschaften die Verantwortung für deren Schutz, Bewahrung und Wiederherstellung übertragen. Das Gericht bestimmte zudem, dass die beklagten Behörden, Unternehmen und Personen solidarisch für alle Schäden und Nachteile haften, die durch die Nutzung der 23 Minenkonzessionen entstanden sind. Zudem müssen sie eine integrale Studie der Universität des Tolima über die Folgen der Bergbauaktivitäten für Umwelt und Gesundheit finanzieren. Diese Studie soll auch aufzeigen, welche Fläche nötig sein wird, um die Wasserressourcen zu schützen und was für weitere Schutzmassnahmen nötig sein werden. Cortolima wird diese Massnahmen innerhalb von zwölf Monaten erfüllen müssen. Das Gericht ordnete die zuständigen Behörden auch an, keine weiteren Konzessionen für Exploration oder Abbau zu bewilligen in den Einzugsgebieten der drei Flüsse sowie im regionalen Schutzgebiet, das seltene und fragile Ökosysteme enthält und aus dem das Wasser für die Versorgung der Region stammt.

Das Umwelt- und das Gesundheitsministerium müssen zusammen mit der regionalen Umweltbehörde Cortolima innerhalb von drei Monaten eine epidemiologische und toxikologische Studie der drei Flüsse beginnen und diese in maximal neun Monaten abschliessen. Verschiedene Behörden (Innen-, Landwirtschaftsministerium, Planungsdepartement, Gouverneursamt des Tolima und Bürgermeisteramt von Ibagué) müssen innerhalb von sechs Monaten einen Plan erarbeiten und umsetzen, mit dem die traditionellen Formen der Subsistenz und der Ernährung im Rahmen des Konzepts der Entwicklung der ethnischen Gemeinschaften wiedererlangt werden können. Dieser Plan soll auch die Rechte der Gemeinschaften die in den Einzugsgebieten der drei Flüsse leben wieder herstellen. Zudem sollen die notwendigen finanziellen Mittel zum Schutz und zur Wiederherstellung dieser drei Flusssysteme und für die Schaffung eines Nationalparks oder Naturreservats bereitgestellt werden. Sandbänke, die durch die von den Minen verursachte Erosion entstanden sind, müssen beseitigt und von den Minen beeinträchtigte Zonen wieder aufgeforstet werden.[1]

Im Tolima ist auch noch ein weiteres wichtiges Ökosystem bedroht: der Bosque de Galilea, ein zusammenhängender andiner Nebelwald von 33‘000 Hektaren und damit einer der letzten Feuchtwälder der Anden. Dieser an Biodiversität und Erdöl reiche Wald war lange Zeit durch den Konflikt mit den FARC vor Ausbeutung und Zerstörung geschützt. Nun droht dem Wald aber Gefahr durch Erdölunternehmen, denen in den letzten Jahren Umweltlizenzen für konventionelle Förderung und für Fracking erteilt wurden. In einem Wettlauf gegen die Uhr und gegen die mächtigen Wirtschaftsinteressen der Erdölindustrie versucht die regionale Umweltbehörde Cortolima den Wald zu einem regionalen Naturreservat zu erklären und lässt dazu verschiedene Studien anfertigen, um die ökologische Wichtigkeit dieses Nebelwaldes zu belegen. Denn Galilea ist nicht nur eine landschaftliche Schönheit, sondern hat auch einen hohen Umweltwert, z.B. für die Wasserversorgung. Der Wald gewinnt Wasser aus dem Nebel und den Wolken an seinen Hängen und alimentiert so mehrere Flüsse wie Cunday, Prado und Negro, und letzten Endes auch der Magdalenafluss. Über einen ökologischen Korridor ist der Bosque de Galilea auch mit dem Páramo von Sumapaz verbunden und gehört zu seiner Schutzzone.

Cortolima beklagt die mangelnde Koordination zwischen den Behörden, wenn in Bogotá an einem Schreibtisch Blöcke für die Erdölsuche vergeben werden, ohne sich darum zu kümmern, dass lokale Behörden ein Gebiet wegen dessen ökologischer Wichtigkeit schützen wollen. Die Konzessionen hätten auch ohne dass ein Regionalpark geplant ist nicht vergeben werden dürfen, weil der Wald grundsätzlich eine Schutzfunktion hat und für die Wasserversorgung der Region fundamental ist. Cortolima möchte 33‘000 Hektaren Wald in Höhen von 1200 bis 2800 Metern unter Schutz stellen.[2]

Trotz der Präsenz der FARC wurden ab dem Jahr 2000 seismologische Explorationen durchgeführt und 2004 hat die kanadische Nexen Energy vom damaligen Umweltministerium die Bewilligung erhalten, Explorationsbohrungen zu machen. Nexen hat dieses Recht an Petrobras PERENCO OIL verkauft, diese wiederum an Petrobras Valores Internacionales de España. Die Agentur für Umweltlizenzen ANLA hat die Bewilligung am 5. Juni 2018 bestätigt. Das Unternehmen hat es aber bis 2018 unterlassen, über seine geplanten Aktivitäten in der Region zu informieren. Mitte 2018 tauchte auch eine Armeeeinheit auf und sperrte das Gebiet von Petrobras ab. Es wurden ein Camp, Plattformen und Zufahrtsstrassen gebaut und dafür 30 Hektaren abgeholzt, ohne das Wissen der Umweltbehörde Cortolima und der lokalen Gemeinschaften. Als Cortolima zusammen mit lokalen Gemeinschaften diese Arbeiten und die Schäden besichtigen wollte, wurde ihnen von der Armee der Zutritt verweigert. Die Armee liess verlauten, sie habe mit Petrobras ein Sicherheitsabkommen, man habe die Bevölkerung nicht auf das Bohrgelände gelassen um Vandalenakte zu verhindern. Ohne Erlaubnis von Petrobras gebe es keinen Zutritt. Das Konzessionsgebiet von Petrobras beträgt insgesamt 12‘628 Hektaren. Das Unternehmen CANACOL Energy beantragte 2013 eine Lizenz für unkonventionelle Exploration und will später Erdöl mittels Fracking fördern. 2014 wurde die Lizenz durch ANLA erteilt. Weiter Blöcke wurden an Ecopetrol, YPF und Exxon vergeben.

Bis zum heutigen Zeitpunkt ist noch nicht entschieden, ob der Bosque de Galilea unter Schutz gestellt wird oder nicht. Cortolima, die Universität des Tolima, UmweltschützerInnen und BewohnerInnen der umliegenden Dörfer kämpfen aber weiter dafür, auch mit Unterstützung von Kongressabgeordneten des Tolima. Diese wollen die Leitungspersonen des Umweltministeriums, des Bergbau- und Energieministeriums und der Behörde für Umweltlizenzen ANLA zu einer politischen Kontrolldebatte über die Lizenzerteilung an Erdölunternehmen einberufen. Cortolima und die Universität des Tolima organisierten Anfang April 2019 eine viertägige Expedition mit 19 NaturwissenschaftlerInnen, um die Fauna und Flora des Nebelwaldes besser zu erforschen und weitere Argumente für die Einrichtung eines regionalen Naturparks zu sammeln. Dabei wurde bewusst, wie wenig bisher über dieses Ökosystem bekannt ist und wie viele seltene und eventuell sogar bisher unbekannte Arten in diesem Wald vorhanden sein könnten.[3] Tatsächlich läuft aber den Gemeinschaften, die um den Bosque de Galilea leben, Cortolima und den UmweltschützerInnen die Zeit davon, um diesen so wertvollen Nebelwald vor dem Zugriff der Erdölindustrie zu schützen.

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[1] Sostenibilidad Semana, Fallo histórico reconoce a tres ríos del Tolima como sujetos de derechos, 6. Juni 2019, in: https://sostenibilidad.semana.com/medio-ambiente/articulo/ordenan-el-cese-definitivo-de-actividades-mineras-en-las-cuencas-de-los-rios-combeima-cocora-y-coello/44493

[2] Sostenibilidad Semana, Industria petrolera pone en peligro el último relicto de bosque de niebla del Tolima, 6. September 2018, in: https://sostenibilidad.semana.com/medio-ambiente/articulo/industria-petrolera-pone-en-peligro-el-ultimo-relicto-de-bosque-de-niebla-del-tolima/41535 

[3] RCN Radio, Ambientalistas buscan declarar como área protegida un bosque del Tolima, 21. Mai 2019, in: https://www.rcnradio.com/colombia/region-central/ambientalistas-buscan-declarar-como-area-protegida-un-bosque-del-tolima; Humberto Leyton, Bosque de Galilea: un paraíso del Tolima amenazado por Petrobras, 6. April 2019, in: https://www.elcronista.co/cronicas/bosque-de-galilea-un-paraiso-del-tolima-amenazado-por-petrobras

 

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