03/01/16

El Niño 2015: Kolumbien und der Klimawandel

01.03.2016 | von Stephan Suhner
Bildquelle: www.razonpublica.com

Hervorgerufen durch einen starken El Niño-Effekt leiden grosse Gebiete Kolumbiens aktuell unter extremer Trockenheit. Es sind häufig dieselben Gebiete, die unter dem La Niña[1] – Effekt 2010 litten, als weite Gebiete überschwemmt wurden. Sowohl La Niña 2010 wie auch El Niño 2015/2016 gehören zu den stärksten Klimaphänomenen der letzten Jahrzehnte und geben einen Vorgeschmack darauf, was für viele Regionen Kolumbiens Alltag werden könnte. Sie zeigen auch, dass Kolumbien auf den Klimawandel noch nicht vorbereitet ist und die in Paris gemachten Klimaversprechen in Widerspruch zu Entwicklungsprioritäten des Entwicklungsplanes stehen.

Dominierten 2010 über die Ufer getretene Flüsse, Gemeinden unter Wasser, Erdrutsche und verlorene Ernten, passiert heute das Gegenteil: rissige, ausgetrocknete Erde; Flüsse, die so wenig Wasser führen, dass man sie zu Fuss durchqueren kann und verdurstetes Vieh. Bei La Niña 2010 wurden 6‘000 Häuser durch die Wassermassen ganz oder teilweise zerstört, es gab gut 3 Millionen Geschädigte (7% der Bevölkerung), enorme Schäden an der Infrastruktur (Strassen, Wasserversorgung etc.) und verursachte Kosten von 2% des BIP Kolumbiens. El Niño führt jetzt dazu, dass in 25 von 32 Departementen die rote Alarmstufe wegen Waldbrandgefahr herrscht, 318 Gemeinden leiden unter Wasserknappheit, in 120 ist die Lage kritisch, und die Lebensmittelpreise steigen stark. El Niño wird sicher noch bis Juni 2016 andauern, Prognosen des US-Wetterdienstes des Instituts für Ozeane und Atmosphäre gehen davon aus, dass er noch bis ins Frühjahr 2017 hinein wirksam sein könnte. Die Hinweise verdichten sich, dass der generelle Klimawandel die Ausprägungen von El Niño und La Niña verschärfen. Der gegenwärtige El Niño - Zyklus ist der zweitstärkste seit es Aufzeichnungen gibt, und seit den 70er Jahren haben die Klimakatastrophen jedes Jahrzehnt um 50% bis 100% zugenommen: 1971-80: 743; 1981-90: 1534; 1991-2000: 2386; 2001 bis 2010: 3496 Klimakatastrophen.[2]

 Download PDF

Bildquelle: www.razonpublica.com

Ungenügende und widersprüchliche Politiken Kolumbiens
Die Klimakonferenz COP21 von Paris im Dezember 2015 hat sich zum Ziel gesetzt, die Erwärmung der Erde auf 2 Grad Celsius zu beschränken. Die Staaten verpflichteten sich, Programme umzusetzen, um die Resilienz[3] gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Kolumbien hat sich in Paris verpflichtet, seine CO2-Emissionen bis 2030 um 20% zu reduzieren und zehn spezifische Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel umzusetzen.[4] Dazu gehört ein nationaler Plan zum Klimawandel und Indikatoren, um die Anpassungsresultate messen zu können, die Abgrenzung und der Schutz von 36 Páramos sowie die Ausdehnung der Naturschutzgebiete um den Faktor 2,5, u.a. durch die Bildung von sechs neuen Nationalparks. Die wichtigsten Wirtschaftssektoren sollten innovative Anpassungsmassnahmen entwickeln, um von einer CO2-intensiven Produktion wegzukommen. Die grössten CO2-Emittenten Kolumbiens sind Landwirtschaft und Viehzucht sowie Abholzung. So nahm die Abholzung 2015 um 16% zu, und dies insbesondere in Regionen, wo der Bergbau intensiviert werden soll, so Guaviare und Meta, Caquetá, Putumayo und der Nordosten Antioquias. Die Regierungen von England und Norwegen haben Kolumbien bis zu 100 Mio. USD für den Schutz der Amazonaswälder versprochen.
Die Politik der Regierung Santos ist insgesamt widersprüchlich: den Versprechungen, CO2-Emissionen und Abholzung zu reduzieren, stehen eine Ausdehnung des Bergbaus und der Erdölförderung in abgelegenen Gebieten mit empfindlichen Ökosystemen sowie ein mangelhafter Einsatz gegen den illegalen Bergbau gegenüber. Unter anderem ist dabei auch der Einsatz von Fracking nicht ausgeschlossen. Aber auch bei den grossen Städten stellen sich enorme Herausforderungen. So geht der amtierende Bürgermeister Bogotás, Enrique Peñalosa, davon aus, dass sich die Fläche Bogotás in den nächsten 40 Jahren verdreifachen werde, mit schweren Folgen für umliegende Ökosysteme und Landwirtschaftsgebiete in Stadtnähe. Städte wie Bogotá stehen vor grossen Herausforderungen, Grünzonen zu bewahren, den zunehmenden Verkehr und die Abfallprobleme zu bewältigen und den Umweltschutz zu stärken.[5] So war Bogotá Anfang Februar 2016 auch von schweren Waldbränden in den Cerros Orientales geplagt, die sich durch die grosse Trockenheit und hohen Temperaturen nur schwer kontrollieren liessen. Starker Wind trieb den Rauch über weitere Teile des Stadtzentrums und des Südens von Bogotá und führte dazu, dass Universitäten, Schulen und Geschäfte geschlossen wurden, um gesundheitlichen Beeinträchtigungen vorzubeugen.[6]

Klimapolitik ist Friedenspolitik
Der Klimawandel und die Anpassung daran haben aber auch Auswirkungen auf den Friedensprozess und den Post-Konflikt[7]. So geht das UN-Entwicklungsprogramm PNUD davon aus, dass die Herausforderungen des Post-Konfliktes eng mit einem guten Umweltmanagement der Regionen verbunden sind. Ein Raumplanungsprozess, der einen nachhaltigen Frieden garantiert, muss zwischen der Regierung, den Gemeinschaften und der Wirtschaft ausgehandelt werden. Der ländliche Raum sollte auch nicht nur unter dem Aspekt der Landwirtschaft betrachtet werden, sondern es sollten lokale Modelle für eine nachhaltige Nutzung der Biodiversität und der Umweltdienstleistungen entwickelt werden. Extraktivismus und Bergbau müssen überdacht werden und mit einer sinnvollen Landpolitik die angepasstere Nutzung des Bodens erreicht werden. Wenn nicht energisch Gegensteuer gegeben wird, wird sich Kolumbien bald mit Umwelt- oder Klimavertriebenen befassen müssen, da verschiedene Territorien wie z.B. die Guajira unbewohnbar werden, Konflikte um Wasser und dessen Nutzung (Landwirtschaft, menschlicher Konsum, Bergbau etc.) zunehmen werden und die Ernährungssicherheit kritischer wird. Kolumbien sollte nicht nur die Symptome (z.B. mittels milliardenschwerer Hochwasserschutzmassnahmen), sondern stärker auch die Ursachen bekämpfen (Bodendegradierung, Abholzung, falsche Raumplanung). Das Nationale Umweltsystem und das Nationale System für Risikomanagement haben es (noch) nicht geschafft, dass die Entwicklung des Landes in Harmonie mit den Ökosystemen voranschreitet, und der Entwicklungsplan 2014-2018 setzt falsche Prioritäten: die Projekte von nationalem strategischem Interesse PINES sind v.a. Bergbauprojekte, nicht Projekte für Klimaschutz und Stärkung der Resilienz gegenüber dem Klimawandel.[8]

 

 


[1] El Niño ist ein Phänomen der Pazifikströmungen vor Peru, bei dem durch veränderte Passatwinde der kalte Humboldtstrom zurück gedrängt wird und wärmeres Wasser vor die Küste Perus fliesst. La Niña ist das gegenteilige Phänomen, bei dem stärkere Passatwinde das warme Wasser nach Südostasien verdrängen und das kalte Tiefenwasser sich stärker ausbreitet. Beide Phänomene führen in verschiedenen Regionen zu je unterschiedlichen Wetterextremen, Dürre oder eben Überschwemmungen. 

[2] Manuel Guzmán Hennessey, Los desafíos ambientales y climáticos de 2016, 11. Januar 2016, in: http://www.razonpublica.com/index.php/economia-y-sociedad/9135-los-desaf%C3%ADos-ambientales-y-clim%C3%A1ticos-de-2016

[3] Widerstandsfähigkeit eines Ökosystems gegenüber ökologischen Störungen oder Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften.

[4] Carolina García Arbeláez, Colombia: entre El Niño y La Niña, 22. Februar 2016, in: http://www.razonpublica.com/index.php/economia-y-sociedad/9230-colombia-entre-el-nino-y-la-nina

[5] Weitere Informationen speziell zum Klimaschutz und Anpassungsmassnahmen in Bogota gibt es in folgendem Artikel: Ernesto Guhl Nanetti, Bogotá, Colombia y el cambio climático, 5. April 2015, in: http://www.razonpublica.com/index.php/regiones-temas-31/8370-bogot%C3%A1,-colombia-y-el-cambio-clim%C3%A1tico  

[6] Emergencia en Bogotá por incendios forestales, 3. Februar 2016, in: http://libreprensa.com/k/mesa-ambiental-de-los-cerros-de-bogota/8111102#s/9820285 

[7] Der Begriff Post-Konflikt wird hier aus dem Ursprungstext übernommen. Die ask!  

[8] Gustavo Wilches.Chaux, El Niño 2015: una muestra de lo que puede ser nuestro futuro climático, 12. Oktober 2015, in: http://www.razonpublica.com/index.php/economia-y-sociedad/8892-el-nino-2015-una-muestra-de-lo-que-puede-ser-nuestro-futuro-climatico

Aktuell

08.12.2016


Spenden an die ask!

Wir leisten unsere Arbeit für die kolumbianische Zivilgesellschaft mit viel Herzblut. Um unsere Kosten zu decken, sind wir auf Spenden angewiesen.

Wir freuen uns entsprechend über eine Spende auf:
PC-Konto 60-186321-2
(
IBAN CH33 0900 0000 6018 6321 2)

26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com