30.11.2018

El Cairo – Naturschutz, Agroproduktion und starke Gemeinschaften in Kolumbiens Kaffeezone

30.11.2018 | Juanita Olano-Marin und Christian Escher

Nach El Cairo kommt man nicht per Zufall – abseits der bekannten Touristenrouten, mehr als vier Autostunden nördlich von Cali, liegt das kleine Örtchen in der westlichen Andenkette Kolumbiens. Auch wir kamen nicht zufällig nach El Cairo. Wir waren auf der Suche nach einem Mann, der nicht gefunden werden wollte. Nach stundenlanger Fahrt in einer Chiva (Chivas sind die für die Kaffeezone typischen bunten, offenen Busse, die vor allem abgelegene Orte und schlecht unterhaltene Strassen als öffentliches Verkehrsmittel befahren) durch die wunderschöne UNESCO-Kaffeekulturlandschaft, erreichten wir unser Ziel, El Cairo. Wir waren die einzigen Touristen, die mit der Chiva kamen, und so konnten wir die gelassene Atmosphäre des Dorflebens geniessen. El Cairo ist im Kolonialstil gebaut, die kleinen Gassen sind gesäumt mit gut erhaltenen, farbenfrohen Lehmhäusern. Auf den Plätzen trocknen weit ausgebreitet die frisch geernteten Kaffeebohnen, hier und da gibt ein Campesino eine kleine Dressureinlage auf seinem Pferd zum Besten.

 

Die Sorge vor dem grossen Tourismus

Der Mann, den wir suchten, ist César A. Franco Laverde, Gründer und Leiter von Serraniagua, einer Organisation von Anwohnern, Kleinbauern, Frauengruppen, Umweltaktivisten und indigenen Gemeinschaften von El Cairo und Umgebung, die sich seit 20 Jahren um den Schutz der Region und die Agroproduktion kümmert. Über mehrere Wochen hatten wir versucht, César zu kontaktieren, mit dem Ziel, die Initiative und ihre Arbeit kennen zu lernen. Es war gar nicht so einfach – César machte sich rar. Am Ende hatte er – etwas widerwillig – akzeptiert, uns in El Cairo zu treffen. Gleich am Hauptplatz fanden wir das Café und Büro von Serraniagua, ein schönes altes Haus im Kolonialstil. Nach kurzer Zeit sassen wir an einem Tisch mit César. Und wieso das Versteckspiel zuvor? Ganz einfach – César ist gar nicht scharf auf grosse Touristenströme, im Gegenteil: Er hat Sorge, dass ein unkontrollierter Tourismus seine Anstrengungen, diese Region zu schützen, in kurzer Zeit vernichten könnte. Vor etwa 25 Jahren kehrte César aus Cali zurück, wo er seinen Job als Ingenieur aufgab um in seinem Heimatdorf El Cairo einen Beitrag zum Schutz dieser besonderen Region zu leisten.

 

Die Anden zwischen Naturschutz und Landnutzung

El Cairo befindet sich mitten in einem Biodiversitätshotspot zwischen zwei biogeographischen Regionen: dem regenreichen Tiefland des Chocó an der Pazifikküste und den westlichen Andenketten Kolumbiens mit der produktiven Kaffeezone des Caucatals (Valle del Cauca). Trotz der hohen biologischen Bedeutung der Region sind viele Gebiete nicht staatlich geschützt. Das wäre auch gar nicht ohne weiteres möglich: Einerseits wäre die staatliche Kontrolle der riesigen, von unzugänglichen Bergen zerklüfteten Naturflächen eine schier unlösbare Aufgabe; ausserdem ist die Landwirtschaft und der Anbau von Nutzpflanzen für die lokale Bevölkerung viel zu wichtig für eine Naturschutzpolitik, die sie ausschliesst. Genau diesen scheinbaren Widerspruch zu vereinen, ist der Antrieb von César und Serraniagua. Die Organisation hat es in langjähriger Arbeit meisterhaft geschafft, eine harmonische Mischung zwischen Naturschutz und Agrarproduktion zu gestalten. Private und staatliche Naturreservate in der Region werden durch produktive Korridore mit Mischkulturen von Kaffee, Kakao, Kochbananen, Früchten, etc. verbunden. Die Bauern lernen hier, die Auswirkungen auf die Natur zu minimieren, möglichst "bio" zu produzieren, und zusammen mit wilden Tieren wie Brillenbär und dr Puma zu leben. Serraniagua bietet regelmässige Ausbildungprogramme für die Bauern an. Die Kleinbauern und die lokale Bevölkerung haben erkannt, wie wichtig der Erhalt der natürlichen Ressourcen für ihre Produktion ist und haben faire Kanäle für die Vermarktung ihrer Produkte entwickelt. Dass Serraniagua als Gemeinschaftsorganisation eine wichtige Stimme bei der Formulierung der offiziellen Landnutzungspläne der Region hat, ist ein Beweis ihres Erfolgs.

 

Die Müllhalde, die zur Freilichtschule wurde

Während unseres Besuchs im Café von Serraniagua konnten wir durch César und andere leidenschaftliche Mitarbeiter mehr über die Organisation und ihre Aktivitäten erfahren. Wir tranken Kaffee und Schokolade, die direkt von lokalen Bauernhöfen kommt und im Haus verarbeitet wurde. Wir erfuhren von der dortigen Permakultur und von Projekten mit mikrobieller Bodenbearbeitung und wurden zum nächsten Bauernmarkt eingeladen, wo die Bauern der Region sich einmal pro Monat treffen und ihre Produkte tauschen und verkaufen. Wir besuchten auch Césars erstes Projekt in El Cairo: ein kleines renaturiertes Stück Wald mitten im Dorf, das nach einem Erdbeben viele Jahre lang ein Schuttplatz und eine Müllhalde war, und jetzt als Freilichtschule für die Dorfkinder dient. 

Leider hatten wir nicht genug Zeit, um die Reservate der Organisation ausserhalb von El Cairo zu besuchen (wir werden sicher wiederkommen, um Vögel zu suchen, denn hier kann man viele interessante Arten aus dem Chocó und den westlichen Anden finden). César möchte zwar lieber keinen grossen Tourismus in seiner Region, doch ist ihm klar, dass er darüber letztlich keine Kontrolle hat. Ausserdem sieht er auch die ökonomischen Chancen, die ein verantwortungsbewusster Tourismus für die Region haben könnte, und das Potential für eine Zusammenarbeit zwischen Serraniagua und Akteuren ausserhalb der Region. Césars Ängste sind sicherlich begründet; es gibt genügend Beispiele von ökologisch sensiblen Regionen, die schnell wachsenden Tourismus nicht verkraftet haben, auch in Kolumbien. Dennoch: Die langjährige Erfahrung von Serraniagua und der starke soziale Zusammenhalt der regionalen Gemeinschaften sind die besten Voraussetzungen, um neue Herausforderungen bewusst und erfolgreich anzupacken! 

Mehr zu Serraniagua unter: https://www.serraniagua.org/inicio

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