07.08.2018

Viele offene Fragen um das Wasserkraftprojekt Hidroituango

07.08.2018 | von Stephan Suhner

Rund drei Monaten sind seit der Katastrophe beim Staudammprojekt Hidroituango vergangen. Dank der trockenen Jahreszeit konnte die akute Gefahrensituation überwunden werden, viele Probleme bestehen aber weiter. So gibt es weiterhin Erdrutsche und Instabilität im Fels und es besteht die Gefahr, dass die Verstopfung in einem der beiden Umleitungstunnel sich spontan löst und zu neuen Überschwemmungen führt. Auch ist noch nicht klar, wie schwer die Schäden im überfluteten Maschinenhaus sind. Trotzdem geben sich die Stadtwerke Medellín EPM optimistisch, dass das Stauwerk fertig gestellt und Anfang 2019 den Betrieb aufnehmen kann. Ríos Vivos kämpft dagegen und die Gewalt in der Region hat weiterhin ein erschreckendes Ausmass.

Der beste Alliierte des havarierten Stauwerks Hidroituango war die Trockenzeit mit geringen Niederschlägen, die das Niveau des Caucaflusses sinken liess und vorerst die Gefahr weiterer Überschwemmung bannte. Die Stadtwerke Medellín EPM und die mit dem Bau beauftragen Unternehmen behaupten weiterhin, alles richtig gemacht zu haben und dass an der Katastrophe nur Mutter Natur Schuld sei. EPM präsentierte Ende Juli 2018 Pläne, wie Hidroituango gerettet und die Probleme überwunden werden sollen. Dabei weiss man bis heute noch nicht genau, was die Ursache der Katstrophe war und was im Detail passierte respektive was für Schäden dabei entstanden sind. EPM liess verlauten, dass die Arbeiten für die Sicherheit des Staudammes und der Umleitungstunnels gut vorankommen. So wird mit Spezialbeton die Staumauer abgedichtet und nach Lösung gesucht, um die Tunnels definitiv zu schliessen. Das grösste Risiko ist momentan, dass der verstopfte Tunnel aufbricht und es zu einer erneuten Überschwemmung flussabwärts kommt. Die Arbeiten zur Abdichtung der Staumauer finden zwischen August und Oktober statt, danach soll die Staumauer bis auf eine Höhe von 435 Meter fertig gebaut werden.[1] Auf einer Höhe von 290 bis 330 m.ü.M. soll ein neuer Entlastungstunnel gebaut werden, um in Zukunft bei Bedarf den Wasserstand des Stausees senken zu können. Das Maschinenhaus steht nach wie vor unter Wasser und die Schäden sind noch nicht abschätzbar. EPM gibt sich optimistisch, dass das meiste gerettet werden kann und bald die Turbinen installiert werden können.

Die öffentliche Meinung und lokale Politiker sind unzufrieden damit, dass an der Katastrophe niemand schuld sein soll, weder EPM noch die Baufirmen noch die Ingenieure die Studien und Berechnungen machten. So weiss man z.B. schon lange um die schlechte Qualität der Felsen. Fragen werden auch bezüglich des Baukonsortiums CCC gestellt, das am günstigsten offerierte, nun aber schon 50% Mehrkosten verursachte.

Lange nicht öffentlich bekannt wurde, dass die Behörde für Umweltlizenzen ANLA Anfang Juni EPM befahl, sämtliche Bauarbeiten, die nicht unmittelbar der Bewältigung der Notlage dienen, zu stoppen, bis durch unabhängige Experten eine Machbarkeitsstudie über die Fertigstellung des Stauwerks erstellt wurde. Diese Studie muss wissenschaftlich fundiert die sicherheitsmässige Zukunft der Anlage darlegen und auch Auskunft über allfällige Umweltfolgen des Stauwerks geben. Die Studien werden von internationalen Consultingfirmen aus Chile und Spanien durchgeführt[2]. Die ANLA wurde kritisiert, weil sie dem Treiben viel zu lange zuschaute, und auch jetzt gibt es Kritik, dass die Bauarbeiten nur unterbrochen, nicht aber die Umweltlizenz endgültig widerrufen wurde. Viele der Bauarbeiten, die EPM weiterführen kann, dienen gleichzeitig der Bewältigung der Katastrophe wie auch der Fertigstellung des Stauwerkes. EPM hat denn auch während der ganzen Notstandssituation nie in Zweifel gezogen, dass sie das Werk retten, fertig stellen und in Betrieb nehmen wollen. Dabei hatten sie die volle Unterstützung des Gouverneurs von Antioquia, des Bürgermeisters von Medellín und des neu gewählten Präsidenten Iván Duque, der bei einem Besuch vor Ort die Wichtigkeit des Projekts betone, dass bei einer aktuell installierten Leistung von 16‘600 Megawatt 2300 Megawatt zusätzliche Energie liefere. Für die Stadt Medellín ist der Betrieb von Hidroituango auch finanziell wichtig, da die Katastrophe bei Hidroituango ein enormes Loch von 1,2 Milliarden Pesos in die Stadtfinanzen für 2019 reisst. EPM wird angehalten, Beteiligungen insbesondere im Ausland abzustossen, um das Budgetloch zu stopfen.[3]

Ríos Vivos hat das Vorgehen der ANLA und die Verfügung zwar als notwendig betitelt, gleichzeitig aber den Inhalt und das Vorgehen massiv kritisiert. Die Verfügung 820 der ANLA datiert vom 1. Juni 2018, wurde aber erst am 28. Juni im Staatsanzeiger veröffentlicht, kurz vor dem Wochenende, ein Tag nachdem die kolumbianische Nationalmannschaft eine Fussballspiel an der WM gewonnen hatte und nach der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl, wo der Gewinner Iván Duque schon klar gemacht hatte, dass Hidroituango machbar sei. Dadurch gewann EPM wertvolle Zeit um die Krise nach eigenem Gutdünken zu meistern und Bauarbeiten weiter zu führen. Zudem klärt ANLA nicht eindeutig, was für den Unterhalt und zur Verhinderung neuer Unfälle notwendige Arbeiten sind. Fragwürdig sei auch, dass EPM mit einer unfertigen Staumauer die Umleitungstunnels schliessen und den Stausee damit fluten dürfe. Zudem zweifelt Ríos Vivos, dass EPM wirklich eine unabhängige Studie in Auftrag geben könne und wolle. Ríos Vivos fordert deshalb den sofortigen Stopp jeglicher weiterer Bauarbeiten zur Fertigstellung des Stauwerkes und die Suspension der Umweltlizenz, bis die Gangbarkeit von Hidroituango nicht nur technisch, sondern auch in Bezug auf die Umwelt und die Sozialverträglichkeit erwiesen ist.[4]         

Viele der obdachlos gewordenen und geflüchteten Personen sind noch in provisorischen Unterkünften und niemand kann sagen, wann die Betroffenen in ihre Häuser zurückkehren können. Insbesondere die Zukunft der 7‘477 Einwohner von Puerto Valdivia, die (noch) nicht in ihre Häuser zurückkönnen und in Notunterkünften leben, ist unsicher. Flussaufwärts vom Stauwerk gibt es viele Anwohner, die noch nie Hilfe erhalten haben, und viele befinden sich im Dorfkern von Ituango. Zudem denunzieren die Anwohner das Auftreten von neuen Rissen in den Bergflanken, ohne dass dies ernst genommen würde. Die ganze Situation wird verschlimmert durch eine Verschlechterung der öffentlichen Ordnung. So wurde Mitte Juli der Polizeikommandant von Puerto Valdivia und sein Stellvertreter ermordet, und Ríos Vivos denunziert, das der Clan del Golfo eine unsichtbare Grenze zog und zu verhindern sucht, dass sich Betroffene der Notsituation in Tarazá in Sicherheit bringen können. Eine Dissidenz der Front 36 der FARC hat zudem EPM bedroht und einen Bus mit Arbeitern von Hidroituango beschossen. Die Morde an Führungsleuten von Ríos Vivos sind auch noch nicht aufgeklärt und die Drohungen gegen diese soziale Bewegung halten an.[5]

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[1] El Colombiano, Los riesgos que siguen latentes en el proyecto Hidroituango, 19. Juli 2018, in: http://www.elcolombiano.com/antioquia/los-riesgos-que-siguen-latentes-en-el-proyecto-hidroituango-CX9022884

[2] El Colombiano, Firma chilena y perito español investigarán que causo crisis en Hidroituango, 2. August 2018, in: http://www.elcolombiano.com/antioquia/firma-chilena-y-un-espanol-diran-que-causo-crisis-en-hidroituango-XG9091660

[3] Semana, Que pasará con Hidroituango tras la suspensión ordenada por la ANLA?, 1. Juli 2018, in: https://www.semana.com/nacion/articulo/suspension-de-obras-en-hidroituango-una-decision-ambigua/573774

[4] Ríos Vivos Antioquia, Comunicado: Dos meses después de la tragedia ordenen un peritaje sobre la contingencia provocada por EPM y lo contratarían ellos mismos?, 3. Juli 2018, in: https://defensaterritorios.wordpress.com/2018/07/03/dos-meses-despues-de-la-tragedia-ordenan-un-peritaje-sobre-la-contingencia-provocada-por-empresas-publicas-de-medellin-epm-y-lo-contratarian-ellos-mismos/

[5] Semana, Hidroituango: las preguntas que aún siguen en el aire. 23. Juli 2018, in: https://www.semana.com/nacion/articulo/hidroituango-sigue-la-espera/576362

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