04/03/12

Frauen organisieren die Kleinbauern im Kampf um die Landrückgabe

03.04.2012 | von Stephan Suhner

Gilma Benitez war auf Einladung von Brot für alle und Fastenopfer vom 16. März bis 1. April im Rahmen der diesjährigen Fastenkampagne "Mehr Gleichberechtigung heisst weniger Hunger" in der Schweiz. Sie ist Koordinatorin der nationalen ländlichen Frauenbewegung in Kolumbien und Direktorin der Kampagne für die Würde der ländlichen Bevölkerung. Die ASK konnte am 21. März in Bern ein Gespräch mit der langjährigen Kleinbauernleaderin führen. Gilma engagierte sich von 1987 bis 2007 in der historischen Kleinbauernbewegung ANUC UR. 2007 kam es zu einer schweren internen Krise. Ein Problem für die Krise der ANUC UR und anderer Bauernbewegungen sieht Gilma im Kongress von 1987 der eine durch politische Kräfte bestimmte Einheit aufzwang, die so nicht existierte. Danach gab es verschiedene Krisen, Spaltungen und auch die Vertreibungen trugen das Ihre dazu bei, dass die Kleinbauernbewegung massiv geschwächt wurde.

Gilma bedauert, dass es in der Kleinbauernbewegung immer noch zu wenig Einheit und Zusammenarbeit gibt. Viele Kleinbauernführer seien leider Bürokraten geworden, die am Tropf der Regierung hangen und v.a. an Reisen und Annehmlichkeiten interessiert seien. Leider sei das auch mit einigen ihrer ehemaligen Weggefährten von der ANUC UR passiert. Viele Organisationen machen heute in der Mesa de Unidad Agraria mit, die ein sehr unklares Profil hat und z.T. dem umstrittenen Agrarminister Andrés Felipe Arias nahestand. Auch der aktuelle Landwirtschaftsminister Restrepo hat es geschafft, viele Anhänger unter den Campesinos um sich zu scharen. Gilma ist gegenüber der Politik der Regierung Santos in Bezug auf die Campesinos sehr skeptisch und bedauert, dass z.B. die Convergencia Indigena, Afro y Campesina del Caribe die Regierungspolitik unterstützt und ausende von Kleinbauern für politische Events mobilisiert.  Gilma sieht das Rezept für eine erfolgreiche Organisation in einer konkreten Basisarbeit in den Regionen. Ziel der CNC ist eine rotierende Führung in Bogotá, da es im politischen Zentrum eine Präsenz braucht. Die Führungspersonen sollen aber nach ein paar Monaten wieder in die Region zurückkehren, damit sich keine bürokratische Elite herausbildet.

Ein Teil der ANUC UR-Leute gründeten Ende 2010 die neue Organisation Coordinadora Nacional Campesina, in der viele historische Führungspersonen aus den 70er Jahren mitmachen. Es  handelt sich um eine Kleinbauernbewegung mit klaren Zielen, die offen und nicht vertikal organisiert ist. Die Kleinbauernbewegung in ihrer Gesamtheit  ist sehr vielseitig, und alle Strömungen sollen darin Platz haben. Für Gilma ist der Entstehungsprozess der Coordinadora Nacional Campesina ein wichtiger Organisations- und Wiederaufbauprozess, der eine grosse Herausforderung darstellt, damit nicht dieselben Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Eine Gründungsversammlung hatte 2010 den Namen der neuen Organisation beschlossen, momentan widmen sie sich der strategischen Planung für 3 Jahre. Gilma ist stolz darauf, dass sie kein Instrument für irgendeine politische Kraft seien. Es bestehe zwar eine gewisse Nähe zum Polo Democrático, aber sie seien keine BefehlsempfängerInnen. Die CNC will politische Subjekte schaffen, nicht politische Anweisungen erhalten und umsetzen.

Schneller Organisationsprozess

Die Coordinadora Nacional Campesina ist eine basisnahe Organisation, die in verschiedenen Regionen noch im Aufbau begriffen ist. In der Guajira sind beispielsweise zehn Basisorganisationen angeschlossen. Da es aber viele Vertreibungen gab, sind die Organisationsprozesse geschwächt und es fehlen auch Führungspersonen. Die CNC plant deshalb eine Rückkehr von Vertriebenen, v.a. in die Region von Dibulla. Diese Region ist von neuen Hafeninstallationen betroffen, die von der brasilianischen Bergbaufirma MPX zur Verschiffung von Kohle gebaut werden.

In Cesar, einem Gebiet mit historischen Landbesetzungen durch die ANUC, arbeiten sie insbesondere zum bekannten Fall der Hacienda Bellacruz in der Gemeinde Pelaya. 70 Familien, die seit ihrer Vertreibung in der Region ausharren, versuchen die Restitution des Landes zu erreichen. Dabei werden sie vom Parlamentarier und MOVICE-Vorsitzenden Ivan Cepeda ebenso unterstützt wie vom Solidaritätskomitee mit den politischen Gefangenen CSPP. Bellacruz bildet zusammen mit Las Pavas und El Garzal ein Packet prioritärer Restitutionsprozesse, die von einer breiten NGO-Koalition unterstützt werden, darunter auch vom Schweizer Friedensförderungsprogramm SUIPPCOL und von der ASK. Die Hacienda Bellacruz gehörte der einflussreichen Familie Marulanda, welche durch widerrechtliche Einverleibung von Staatsland ihren Besitz stetig vergrösserte. Einer der Brüder Marulanda, Carlos Arturo, war Botschafter Kolumbiens bei der EU in Brüssel. Im Februar 1996 wurden rund 250 Kleinbauernfamilien durch 40 schwerbewaffnete Paramilitärs massiv bedroht und aufgefordert, das durch sie besetzte umstrittene Staatsland zu verlassen. Ein Teil der Vertriebenen wurden später auf der Hacienda La Miel im Tolima angesiedelt. Mehrere Führungspersonen der ANUC UR und von Bellacruz fanden in Belgien Asyl, u.a. Belén Torres.

Freddy Corrales ist heute der Anführer der 70 Familien von Bellacruz, die die Restitution des Landes fordern. Auch er erhielt mehrfach Drohungen, das vorerst letzte Mal am 10. Februar 2012. Er stammt aus einer Familie, die sich seit langem für die Rechte der Campesinos einsetzt: seine Mutter und seine Tante kämpften schon in den 50er Jahren gegen die Marulandas und für ihr Recht auf Land. Für die Restitution der Ländereien in Bellacruz ist nach Ansicht von Gilma besonders viel Solidarität - auch international - notwendig. Es handelt sich um einen sehr komplexen Fall. Das Land wurde vom mächtigen Unternehmer Germán Efremovich gekauft, der behauptet, er habe für alles Land legale Titel. Die CNC nahm deshalb mit Campesino-Vertretern von Bellacruz an den durch Movice organisierten Märschen am 6. März teil und erreichte, dass sie an den Verhandlungstisch über die Restitution zugelassen werden. Ein Problem in Bellacruz ist die Ölpalme, die grossflächig angebaut wurde. Der Landwirtschaftsminister möchte die Palmen trotz der Restitution erhalten, die Campesinos wollen aber eine kleinbäuerliche Produktion ohne Palme aufnehmen.

Die Coordinadora Nacional Campesina hat es erstaunlich schnell geschafft, in verschiedenen Regionen Fuss zu fassen. In den Departementen Atlantico und Magdalena vereint die CNC rund 1600 Familien, viele davon sind in kleinen Stiftungen organisiert, wobei sich v.a. die Frauen mit hervorragenden Führungsqualitäten hervortun, wie Gilma unterstreicht. Auch in diesen beiden Departementen sind viele Landrückgewinnungen geplant. Auch in den Montes de Maria, einer weiteren gewaltgeprägten Zone mit grossen Vertreibungen wollen sich kleinbäuerliche Führungspersonen der CNC anschliessen. In Sucre bauen sie v.a. auf Kleinbäuerinnen und sind schon in 11 Gemeinden präsent, Anfragen erhielten sie auch aus Córdoba. Im Mittleren Magdalena arbeiten sie in Simití und Santa Rosa mit handwerklichen Bergmännern zusammen, um sie vor der Vertreibung durch multinationale Goldkonzerne zu bewahren.

Auch im Süden des Landes konnte die neue Organisation Fuss fassen, und ist beispielsweise in Caldas in Anserma und Riosucio präsent, in Pradera im Valle del Cauca, in Piendamo, El Tambo, Timbio und Popayán im Cauca, in Nariño mit der Federación de Mujeres Campesinas de Nariño. Gilma ist selber aus Nariño und ist sehr stolz auf die soliden Organisationsprozesse in Nariño und Cauca.

Stärkung und Anerkennung der kleinbäuerlichen Kultur und Wirtschaft

Die Coordinadora Nacional Campesina arbeitet zu 4 Themen: 1) Menschenrechte und die Verteidigung des Lebens; 2) Land und Territorium; 3) Ernährungssouveränität und kleinbäuerliche Wirtschaft; 4) Kulturelle Identität und würdiges Leben für die Kleinbauern. 

Im Bereich Land und Territorium geht es in den Worten von Gilma vor allem darum, diejenigen zu stärken, die noch Land haben, und die kleinbäuerliche Produktion zu bestätigen. Wo es die Umstände zulassen, fördert die CNC Landbesetzungen, Landrückgewinnung und die Restitution. Wichtig ist auch die Legalisierung vor Parzellen, bei denen der Landreformprozess nicht abgeschlossen ist und die Nutzniesser keine Landtitel erhalten haben. Weitere wichtige Themen sind die Ausarbeitung von planes de vida campesina, alternative Entwicklungspläne der Campesinos, die Förderung von Kleinbauernmärkten und der Saatguttausch.

Die letzten Regierungen setzten eine Politik um, die zum Ziel hatte, die Kleinbauern als wirtschaftliche Akteure auszurotten. Dieser Politik antwortet die Coordinadora Nacional Campesina mit der Kampagne für die Würde  der Kleinbauern (dignificación campesina). Gilma ist es ein grosses Anliegen, dass die Frauen und Jugendlichen ihre eigenen Entfaltungsräume in der Organisation haben, damit das Kleinbauerntum eine Zukunft hat. Die Frauen haben in der Organisation grosse Anerkennung und Leadership erreicht. Obwohl die Frauen den wichtigsten Part in der Organisation haben, hätten auch die Männer ihren Platz und sei der Umgang respektvoll, schmunzelt Gilma. Mit dem Consejo de Sabias y Sabios wird auch die Erfahrung der Älteren abgerufen und genutzt.

Herausragende  Rolle der Frauen

Ein wichtiger Teil des Organisationsprozesses der Coordinadora Nacional Campesina ist die Marcha Nacional de Mujeres Campesinas. Es ist ein Prozess der schon 2 Jahre dauert, und dem sich nun zusätzlich Frauen aus Caquetá, den beiden Santander, Cundinamarca und Bogotá anschlossen. Zurzeit werden Kontakte in den Putumayo, in den Catatumbo und nach Antioquia gesucht. Der Prozess des Nationalen Kleinbäuerinnenmarsches startete am 25. November 2010, ist heute aber viel mehr als ein Marsch und wurde zu einem eigentlichen Organisations- und Mobilisierungsprozess. So nahmen die Frauen der Marcha am Volkskongress in Cali ebenso Teil wie am Nationalen Landkongress in Barrancabermeja. Die CNC ist auch Teil von COMOSOCOL, der Coordinadora de Movimientos Sociales de Colombia. Diese Koordination der Sozialbewegungen spielte eine wichtige Rolle bei den Mobilisierungen gegen den Staudamm am Magdalenafluss in El Quimbo oder gegen das Bergbauprojekt in Santurban. 

Bei der Kampagne für die Würde der Kleinbauern suchen sie die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Universitäten, damit Studenten in derCampesinoorganisation Praktika machen oder ihre Masterarbeiten über für die Campesinos wichtige Themen verfassen. Bis jetzt beteiligen sich unter anderen die Nationaluniversität, die Universidad Libre, die Pädagogische Universität und die Universidad Cooperativa. Mit diesen Forschungsarbeiten soll den weitverbreiteten neuen Konzepten über den ländlichen Raum (concepto de ruralidad) entgegengewirkt werdem, welche die Campesinos per se ausschliessen. Längerfristiges Ziel ist, so Gilma, mit Hilfe der Universitäten und Studenten ein kleinbäuerliches Studienzentrum, ein Centro de Estudios Campesinos zu eröffnen. Noch fehlt aber auch die Finanzierung dazu. In dieselbe Richtung zielt die Escuela Nacional de Lideres y Liderezas, wo die Fähigkeiten der Führungspersonen der neuen Organisation gezielt gefördert werden. Das Augenmerk liegt dabei insbesondere auf der Stärkung der Fahigkeit der Kleinbauern, Vorschläge erarbeiten zu können und nicht nur Klagen vorzutragen.

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