06/22/10

Die Campesinos von El Prado und das INCODER

22.06.2010 | von Stephan Suhner

Die Kleinbauernfamilien von El Prado befinden sich nach Vertreibungen von 1995 zum wiederholten Mal in einer humanitären Notlage. Wie auch schon im jüngst dokumentierten Fall Las Pavas zeichnet sich als Konfliktakteur immer stärker die staatliche Landreformbehörde aus. Während die Familien keinen Zugang zu Wasser mehr haben, wäscht die Behörde ihre Hände in Unschuld.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1995: 50 Kleinbauerfamilien müssen eine Hacienda an der Grenze zu Venezuela verlassen. Ihr daraufhin erfolgender mehrtägiger Protest am Hauptplatz von La Jagua de Ibirico zeigt zunächst Erfolg. Die Familien erwirkten ein gemeinsames Abkommen zwischen dem damaligen Institut für Agrarreform, INCORA, dem Bürgermeister von La Jagua und dem Gouverneursamt von Cesar. Die Behörde kauft die 1225 Hektaren grosse Hacienda El Prado und parzelliert sie für 50 Kleinbauernfamilien. Auf der benachbarten Hacienda Mechoacan leben bereits Agrarreformbegünstigte. Kurz darauf stellt sich heraus, dass die Hacienda im Herzen eines grossen Kohlevorkommens liegt. Das INCORA übergibt den Familien daher nie die bereits ausgestellten Besitztitel. Im Jahr 1999 oder 2002, die Quellen stimmen hier nicht überein, massakrieren Paramilitärs unter "Jorge 40" und "El Samario" 18 Menschen. Zwölf der Opfer hatten von dem INCORA eine Parzelle auf EL Prado erhalten hatten. Die übrigen Bewohner müssen wieder einmal fliehen. Als ein Teil der Familien nach der Demobilisierung der Paramilitärs ab 2003 zurückkehrt, sind einige Parzellen von Angehörigen der Paramilitärs besetzt. Diese verkaufen im Jahr 2008 die Meliorationen auf den Parzellen an Prodeco, eine Tochterfirma von Glencore. Zusätzlich ziehen weitere Menschen aus anderen Regionen zu und siedeln auf dem Land. Auch das kolumbianische Umweltministerium ist an diesen Prozessen beteiligt. Der Rio Calenturitas soll nach Planungen aus dem Jahr 2008 auf neun Kilometern Länge umgeleitet werden. Diese Pläne stossen bei der Bevölkerung, Gewerkschaften und selbst beim Gouverneur von Cesar auf grossen Widerstand. Und obwohl der Umweltminister andere Versprechungen gegeben hat, erteilt das Ministerium mit der Resolution 462 von 2009 die nötige Umweltlizenz für dieses Vorhaben.

Das gleiche Ministerium hatte auch den Kauf der Hacienda El Prado durch Prodeco forciert. Von der Umleitung sind auch einige parceleros betroffen, da ihr Land im Gebiet des geplanten Flussverlaufes liegt. Sowohl Prodeco als auch das INCODER, Nachfolgebehörde des INCORA, kommen jedoch zu Gesprächen mit den Betroffenen zusammen. Wieder kann man das Ergebnis als kleinen Erfolg für die Kleinbauernfamilien werten: Prodeco und auch das INCODER versprechen stattliche Entschädigungssummen. Prodeco kommt seiner Pflicht nach, fristgerecht am 24.10.2008 erhalten die Campesinos die versprochenen Gelder für die Meliorationen und Gebäude,
die sie auf den Parzellen errichtet hatten.

Leere Worte

Das INCODER verpflichtete sich damals, den Bauern Subventionen zu zahlen, damit sie andernorts Land kaufen und bewirtschaften könnten. Diese Versprechungen löste die Behörde bis heute nicht ein. Weil ihnen keine Alternative blieb, kehrten die Familien schliesslich nach EL Prado zurück. Dort waren Häuser, die Schule und Pflanzungen zerstört. Prodeco forderte die Familien mehrfach auf, das Land zu verlassen, doch für diese gibt es keine Ausweichmöglichkeiten mehr.

Der Druck, dem die Familien ausgesetzt sind, steigt seit März 2010 massiv an. Die Polizei von La Loma schüchtert die Familien nicht nur ein, sondern verletzte gemäss Aussagen der Betroffenen auch sechs Menschen bei einem gewalttätigen Übergriff am 16. März. Auch Prodeco soll an den Einschüchterungen beteiligt sein. Sicherheitspersonal habe die parceleros beleidigt, mit Waffen bedroht und Fotos von Anwesenden gemacht, so die Aussagen. Die 35 noch ausharrenden Familien haben kaum Nahrung und Wasser, geschweige denn Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und Schulen für die Kinder. Eine Lösung zeichnet sich in diesem Konflikt bis heute nicht ab. Komplizierter wird die Situation aufgrund der Tatsachen, dass einerseits nur ein Teil der zwischen 1999 und 2002 vertriebenen Familien zurückkehrte und andererseits auch neue Siedler auf dem Gebiet leben. Es gibt derzeit also drei verschiedene Gruppen, die Anspruch auf Entschädigung für die Parzellen von El Prado erheben. Angesichts der humanitären Notlage ist die Meldung, dass im März 2010 die Paramilitärs "El Llanero“ und „Wicho" verhaftet werden konnten, die an der Vertreibung der Campesinos von El Prado beteiligt waren, ein schwacher Trost.

Was tut die ask?

Die ask! hat sich bei den lokalen und nationalen Behörden sowie bei Prodeco schriftlich für eine rasche Lösung des Problems eingesetzt. Bei unserer Arbeit bleiben wir unserem Akronym ask! treu. Die ask! prüft die Konfliktfälle und gibt sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden. Wir fragen nach und hören zu. Durch diese Aufklärungsarbeit trägt die ask! dazu bei, den Ursprung von Konflikten zu erkennen, um nach Lösungen zu suchen, die dem Problem und allen Beteiligten gerecht werden. Prodeco, Tochterfirma von Glencore, beteuert, sie sei im Rahmen der geplanten Flussumleitung vom Umweltministerium angewiesen worden, El Prado zu kaufen und die parceleros für die Meliorationen zu entschädigen. Sie habe im Gegensatz zum INCODER alle ihre Verpflichtungen in gutem Glauben erfüllt. Prodeco sagt, sie hätten verschiedene Male auch beim INCODER und weiteren Behörden und Regierungsstellen interveniert. Prodeco betont, dass es keinerlei Druck oder Übergriffe auf die parceleros gegeben habe, obwohl diese Übergriffe über ein lokales Radioprogramm denunziert worden waren. Bei einem geplanten Besuch des Büroteams in Kolumbien können wir, so das Angebot von Prodeco, den Briefwechsel mit dem INCODER einsehen. Der Bürgermeister von La Jagua bestätigte auf Anfrage der ask!, dass die vertriebenen Kleinbauern zwar auf El Prado angesiedelt wurden, dass diese Parzellen aber nie durch das INCORA legalisiert worden waren. Ebenso berichtetet er von gewalttätigen Übergriffen der Paramilitärs, Morden und Vertreibungen. Die ask! gelangte am 3. Juni 2010 auch an das INCODER, an das Umweltministerium und über die Botschaft der Republik Kolumbiens auch an die Regierung. In der Antwort betont das INCODER, dass es sich bei El Prado um ein bien fiscal handle, also ein Gut im exklusiven Besitz staatlicher Behörden. Im vorliegenden Fall gehöre es INCODER. Tatsächlich habe das INCORA das Gut El Prado 1997 an 51 aus Venezuela vertriebene Bauernfamilien parzelliert, diesen aber nie das Besitzrecht überschrieben. Diejenigen, die heute Besitzrechte über Parzellen auf Prado reklamieren, hätten also keinerlei legitimen Ansprüche, da sie zudem von 1997 bis 2003 freiwillig auf die Ausübung der Landnutzung verzichtet und die Meliorationen verkauft hätten. Gemäss Auskünften des INCODER seien verschiedene Meliorationen mehrfach weiter verkauft worden, zuletzt am 24. Oktober 2008 an Prodeco.

Das INCODER unternehme alle notwendigen Schritte, um die Probleme bei El Prado zu lösen. Welche das sein sollen, bleibt unklar. Insbesondere die Antwort des INCODER wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. So sagt sie nichts über die Zahlungen aus, die das Incoder nach übereinstimmenden Aussagen der Firma, des Bürgermeisters und weiterer Zeugen nicht geleistet hat. Wie im Fall Las Pavas sind das Besitzrecht und die verschiedenen Ansprüche widersprüchlich und unklar. Die Konflikte sind geprägt durch behördlichen Schlendrian, Korruption und die in der Gegend herrschende Gewalt. Die Kleinbauern sind diejenigen, die die Konsequenzen für diese Missstände zu tragen haben, während sich beispielsweise die grossen Unternehmen dank Einfluss und guten Anwälten wehren können. Auch für die gewalttätigen Übergriffe der Polizei und der privaten Sicherheitskräfte von Prodeco gibt es nur die Aussagen der Opfer und keine Bestätigungen, beispielsweise des Menschenrechtsbüros. Die ask! wird weitere Abklärungen treffen und sich für eine einvernehmliche Lösung einsetzen.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com