08/22/17

Bodenverteilung: steigende Ungleichheit in Kolumbien

22.08.2017 | Von Fabian Dreher
Intensive Landwirtschaft im Kaffeeanbaugebiet
Extensive Viehwirtschaftschaft auf landwirtschaftlich fruchtbaren Böden

Die hohe Ungleichheit der Landverteilung ist eine der wichtigsten Ursachen der bewaffneten Konflikte in Kolumbien. OXFAM analysiert in einem Bericht die Zunahme der Landkonzentration zwischen 1960 und 2014 und zeigt auf, dass sich die Situation zunehmend verschärft. Eine Lösung der Landfrage rückt damit in immer weitere Ferne.

 

In ihrem Bericht „Radiografía de la desigualdad“[1] zeigt die britische Entwicklungshilfeorganisation OXFAM anhand der Zahlen der Landwirtschaftszählung (censo agropecuario) 2014 in Kolumbien auf, dass die Ungleichheit der Bodenverteilung in Kolumbien weiter steigt. Ungleiche Bodenverteilung sowie Vertreibungen sind Ursachen aller bewaffneten Konflikte in Kolumbien, entsprechend wichtig ist dieses Thema für den aktuellen Friedensprozess. Die Bedeutung der Landfrage lässt sich auch daran erkennen, dass eine Landreform an erster Stelle des Friedensabkommens mit den FARC steht.


In einem ersten Abschnitt stellt der Bericht fest, dass die Ungleichheit der Bodenverteilung in Kolumbien zugenommen hat. Der Gini-Koeffizient[2] der Bodenverteilung hat dabei von 1984 bis 2014 vom 0,84 auf 0,9 zugenommen (wobei 1 für absolute Ungleichheit steht und 0 für absolute Gleichheit). Ein statistischer Vergleich zeigt dabei, welche Ausmasse die Landkonzentration in Kolumbien erreicht hat: während die kleinsten 70,5% der Betriebe (UPAs=unidades de producción agropecuaria) über gerade mal 2,7% der landwirtschaftlichen Fläche Kolumbiens verfügen, besitzen die grössten 0,5% der Betriebe über 68% der Landwirtschaftsfläche. Die Kategorie der kleinsten Betriebe besitzt dabei weniger als 5 Hektaren Land pro Betrieb, die grössten jedoch mindestens 500 Hektaren, wobei der Durchschnitt in dieser Kategorie von 1000 Hektaren (1960) auf über 5000 Hektaren (2014) gestiegen ist.


Der Gini-Koeffizient ist weltweit als Massstab der Ungleichheit anerkannt, entsprechend lässt sich die ungleiche Landverteilung in Kolumbien damit auch sehr gut international vergleichen. Kolumbien weist dabei die ungleichste Landverteilung von Lateinamerika auf: das Prozent der grössten Betriebe besitzt 81% des Landwirtschaftslandes, den übrigen 99% bleiben gerade mal 19 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes.

 

Wenn wir nun die grössten und kleinsten Betriebe anschauen, so zeichnet sich ein noch extremeres Bild. Auf der einen Seite stehen die 81% der Betriebe mit weniger als 10 Hektaren: im Durchschnitt besitzen sie gerade mal 2 Hektaren. Gemeinsam bewirtschaften diese Betriebe nicht einmal 5 Prozent der Landwirtschaftsfläche Kolumbiens. Auf der anderen Seite besitzen die grössten 0,1% der Betriebe (alle über 2000 Hektaren) im Durchschnitt 17‘000 Hektaren Land und bewirtschaften beinahe 60% des landwirtschaftlichen Landes von Kolumbien. Die 704 grössten Betriebe mit durchschnittlich 50‘000 Hektaren bewirtschaften beinahe die Hälfte des nutzbaren Landes. Insbesondere bei den grössten Betrieben (über 2000 Hektaren) sind die Besitzverhältnisse des Bodens oft unklar: über 40 Prozent davon geben an, dass sie nicht wissen, inwiefern ihnen das genutzte Land gehört.

 

Von den in der Landwirtschaftszählung erfassten 111,5 Millionen Hektaren werden 43 Millionen landwirtschaftlich genutzt, die übrigen Flächen bestehen zum grössten Teil aus Wäldern. Von diesen 43 Millionen Hektaren werden 34,4 Millionen Hektaren (also ca. 80 Prozent) für die Viehwirtschaft verwendet und nur gerade 8,5 Millionen Hektaren für Ackerbau. Dabei werden grosse Flächen, die sich eigentlich für Ackerbau eignen mit einigen wenigen Kühen unternutzt. Von den 8,5 Millionen Hektaren Ackerbaufläche werden beinahe 35% für die Agroindustrie genutzt (hauptsächlich Kaffee, afrikanische Ölpalme, Zuckerrohr). Dabei zeigt sich eine klassische Verteilung nach Betriebsgrössen. Die kleinen Betriebe (unter 10 Hektaren) nutzen mindestens 60% ihres Landes für die Produktion von Nahrungsmitteln, die grossen Betriebe produzieren entweder agroindustrielle Produkte oder betreiben Viehwirtschaft, meistens für den Export.

 

Wie die Untersuchung von OXFAM zeigt, ist die Ungleichheit bei der Verteilung des landwirtschaftlichen Bodens heute massiv höher als in den 1960er Jahren. Alle Versuche, die zunehmende Landkonzentration zu bekämpfen oder zumindest abzumildern, müssen als gescheitert angesehen werden. Dabei ist eine gerechtere Landverteilung nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern, wie OXFAM sehr schön zeigt, auch eine Frage der Produktionseffizienz. Kolumbien könnte seine Bevölkerung viel besser ernähren, wenn mehr Kleinbauern Land für Ackerbau zur Verfügung hätten anstelle von Grossbetrieben, die extensive Viehwirtschaft betreiben. Grosse Probleme bleiben dabei die ungenaue und ungenügende Datenbasis sowie der mangelnde politische Wille, die Ursachen der ungerechten Landverteilung anzugehen. Grossgrundbesitzer haben politisch viel mehr Einfluss als KleinbäuerInnen.

 

Dabei unterschätzt die Landwirtschaftszählung das Ausmass der Landkonzentration noch. Denn einerseits wird die Anzahl der bäuerlichen Betriebe (unidad de producción agropecuaria) gezählt, und nicht die Anzahl Haushalte oder Personen. Es muss vermutet werden, dass einzelne reiche Familien direkt oder via Firmenkonstrukte mehrere Grossbetriebe halten. Zudem wurden die landlosen KleinbäuerInnen nicht erfasst. Auch wurde nicht zwischen öffentlichem und privatem Land unterschieden, sondern nur, durch wen das Land genutzt wird. Dadurch wird leider auch nicht klar, wieviel Land im Rahmen einer Landreform gegebenenfalls an KleinbäuerInnen verteilt werden könnte. Tatsache bleibt, dass ein dauerhafter Frieden in Kolumbien bedingt, dass der landwirtschaftlich nutzbare Boden gerechter verteilt wird. Wie dies realisiert werden kann, wird die kolumbianische Politik auch in den kommenden Jahren weiter beschäftigen.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

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www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com