09/03/13

Agrarstreik in Kolumbien spitzt sich zu, immer brutalere Repression

03.09.2013 | Von Stephan Suhner

Seit dem 19. August protestieren Zigtausende von Bauern in ganz Kolumbien, mit Schwerpunkten im Landessüden (Nariño, Cauca) und in Boyacá. Immer mehr Sektoren schliessen sich dem Zivilstreik an, so LastwagenfahrerInnen, StudentInnen, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen. Die Sicherheitskräfte gehen mit unglaublicher Härte gegen die Demonstrierenden vor, die von der Regierung z.T. einfach als Vandalen abqualifiziert werden.

Der momentan laufende Agrarstreik dürfte zu einer der schwersten Belastungsproben für die Regierung Santos werden, und sowohl auf die Friedensperspektive wie auch auf die Wiederwahl von Santos Auswirkungen haben. Dabei entstand der Nationale Agrarstreik alles andere als aus dem Nichts, sondern hat eine lange Vorgeschichte: in der ersten Jahreshälfte 2013 legte der Streik der Kaffeebauern und -bäuerinnen Teil des Landes lahm, im Juni gingen die Campesinos im Catatumbo auf die Strasse, um gegen die Zerstörung der Cocafelder, gegen die Kriminalisierung der Campesinos und gegen die fehlende Unterstützung für die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu protestieren. Praktisch gleichzeitig begann ein Streik der informellen Bergmänner und Minenarbeiterinnen, v.a. Goldschürfer, die gegen die Kriminalisierung ihrer Tätigkeit, für den Respekt ihrer Arbeit und Einkommensquelle und gegen die Vertreibung zu Gunsten von Bergbaukonzessionen an Multis demonstrieren. Der Agrarstreik hat auch nicht nur spezifische oder konjunkturell bedingte Forderungen, sondern ist Ausdruck der generellen Krise des ländlichen Raumes, der zunehmenden Marginalisierung und Verarmung der Landbevölkerung. Der Protest richtet sich gegen die anhaltende Bodenkonzentration, gegen die Freihandelsabkommen und deren Folgen für die Land- und Viehwirtschaft, gegen die Vertreibungen für Megaprojekte, für den Bergbau und die Agroindustrie.[1] V.a. die Kleinbauern und Indigene sowie AfrokolumbianerInnen leiden besonders unter verschiedenen neuen Gesetzen, die sie zunehmend aus ihren Marktnischen drängen. So wird die Verwendung von traditionellem Saatgut und Haustieren ebenso erschwert oder verboten wie die Vermarktung von Rohmilch und Rohzucker (Panela) und kaum erfüllbare Hygienevorschriften für kleine Schlachthöfe in den Dörfern. Auch wenn es sich teilweise um nachvollziehbare Hygienemassnahmen handelt, bringen sie viele kleinbäuerliche Familien um die wenigen Einnahmen, die sie nebst der Subsistenzlandwirtschaft erwirtschaften können, und verunmöglicht auch armen urbanen KonsumentInnen den Zugang zu preiswerten Lebensmitteln. 

Seit den frühen 90er Jahren

Viele Organisationsprozesse von Kleinbauern, Kleinbäuerinnen und ethnischen Minderheiten blicken schon auf eine lange Geschichte zurück. Viele Organisationsprozesse und Regionen, die nun am landesweiten Agrarstreik teilnehmen, haben seit den frühen 90er Jahren Proteste durchgeführt, und dann mit der Regierung jeweils Verhandlungen geführt. Kaum ein Abkommen wurde von den Regierungen je erfüllt, Abkommen über technische Unterstützung, Elektrifizierung, Erschliessungsstrassen und Hilfe bei der Vermarktung, aber auch Abkommen über Agrarreformmassnahmen, die Bildung von kleinbäuerlichen Sonderzonen (Zonas de Reserva Campesina) und regionale Entwicklungspläne. So gab es beispielsweise im Süden des Landes 1999 breite Verhandlungen, 1998 kam es zu einem kleinbäuerlichen Exodus des Magdalena Medio nach Barrancabermeja, der in einem modelhaften Abkommen gipfelte. Nichts davon wurde erfüllt, genau so wenig wie all die Abkommen über alternative Entwicklung und Entkriminalisierung der Coca-Anbauenden. Daher kam es 2002 zu Beginn der ersten Amtszeit von Alvaro Uribe zu landesweiten Bauernmärschen, um die Einhaltung früherer Abkommen einzufordern. Beispielhaft sind auch die hartnäckigen Proteste und Forderungen nach Verhandlungen der Indigenen des Cauca. Und nun, 2013, erheben sich die Ausgeschlossenen und Entrechteten des Landes erneut und fordern im Grunde, als Bürger des Landes anerkannt und ernst genommen zu werden.

Zusammen an einem Nationalen Verhandlungstisch

Das oberste Ziel des Nationalen Agrarstreiks mit der Mesa Nacional Agraria y Popular de Interlocución y Acuerdo (MIA) ist es, ein einziger  Nationaler Verhandlungstisch mit der Regierung zu eröffnen, in dem alle Regionen und Sektoren ihre Forderungen einbringen können, wo aber auch die historischen und strukturellen Probleme des ländlichen Raumes verhandelt werden. Der Paro Agrario wird denn auch in engem Zusammenhang mit anderen zivilgesellschaftlichen Friedensinitiativen wie der Congreso de los Pueblos, die Ruta social común oder die Marcha patriótica und deren jeweiligen politischen Plattformen und Mandaten gesehen. Ein Problem besteht darin, dass es abgesehen von einigen ganz grundlegenden gemeinsamen Forderungen verschiedene divergierende Forderungskataloge gibt. Ein fundamentaler Widerspruch besteht zwischen den Kleinproduzenten wie den Kartoffel-, Kaffee- oder Reisbauern, die v.a. Unterstützung für Produktion und Vermarktung wollen, und den Campesino-Organisationen wie dem Coordinador Nacional Agrario (CNA) oder der Fensuagro, die eine Landumverteilung wollen, von der wiederum die etablierten KleinproduzentInnen nichts wissen wollen.[2] Der CNA, der Teil des Congreso de los Pueblos ist, fordert u.a. Zugang zu Land und Territorium, die Rückgängigmachung des Land Grabbing, eine Überarbeitung der Freihandelsabkommen und vorübergehend Subventionen für bäuerliche Opfer des Freihandels, ein Ende der Kriminalisierung der Bauern und Bäuerinnen und Indigenen weil sie traditionelles Saatgut tauschen; dann wird eine Erdölpolitik für ein würdiges Leben und eine Bergbaupolitik für ein gutes Leben gefordert: die Regierung soll Garantien für die demokratische und partizipative Diskussion eines neuen Nationalen Erdölgesetzes geben sowie eine Nationale Versammlung zur Energiepolitik ermöglichen und die Treibstoffpreise um 50% senken; weiter fordert der CNA ein Bergbaumoratorium und ein Rückgängigmachen von Bergbaukonzessionen auf den Territorien der Campesinos und Indigenas, in Wald- und Wasserschutzgebieten und in Páramo-Hochmooren.[3] Der ausführlichste Forderungskatalog stammt von der Mesa Nacional Agropecuaria y Popular de Interlocución y Acuerdo­‐MIA NACIONAL.[4]

Massive Repression als Antwort

Die Regierung von Juan Manuel Santos reagiert mit Ablehnung und Repression auf die Proteste. Einerseits betonte die Regierung, dass sie unter Druck und mit blockierten Strassen nicht verhandle, andererseits setzte sie von Anfang an auf massive Repression. Dabei ist zu sagen, dass die Organisatoren des Agrarstreiks sehr umsichtig vorgingen, beispielsweise die Protestierenden entlang der Strassen aufstellen liessen, diese aber vorerst nicht blockierten, sondern Verhandlungen auf hoher Ebene forderten, und erst als keine Verhandlungen zustande kamen, punktuell Blockaden errichteten. Trotzdem schickte Santos Tausende von Sicherheitskräften aus, um die Proteste richtiggehend niederzuknüppeln, verstieg sich vor einer Woche aber andererseits zur Aussagen, „der so genannte Agrarstreik existiert nicht“. Zudem wurde der Protest deslegitimiert, in dem die Regierung andauernd betonte, die Guerilla stünde dahinter. Auch wenn die Guerillagruppen in einigen Regionen die Hände mit im Spiel haben mögen, sind die Gründe für den Protest legitim. Zudem ist es äusserst widersprüchlich seitens der Regierung, in Havanna mit den FARC zu verhandeln, um im Land jegliche Äusserung von Unmut oder Einforderung von Rechten als terroristisch inspiriert zu bekämpfen. In den letzten Tagen ging die Regierung dazu über, mit einzelnen Sektoren separate, sektorielle Verhandlungen zu beginnen, z.B. mit den Kartoffel- und Zwiebelproduzenten in Boyacá, um so die Protestbewegung zu spalten. Im Cauca gibt es ein Vorabkommen mit dem CNA, um Verhandlungen aufzunehmen, und Indigene in Nariño sind bereit zu verhandeln, aber beide halten an der Forderung nach einem einzigen Nationalen Verhandlungstisch fest, und machen davon das Weiterführen der regionalen Verhandlungen abhängig. Die Organisatoren des Nationalen Agrarstreiks sind denn auch entschlossen, die Protestaktionen weiter zu führen, und für die nächsten Tage sind Mobilisierungen in weiteren Regionen geplant, Cacerolazos – Proteste mit Pfannendeckel – in mehreren Städten, und Proteste der Gewerkschaften.

Derweil gehen die Sicherheitskräfte mit äusserster Härte und Boshaftigkeit gegen die Proteste vor. Hier eine unvollständige Aufzählung[5]: Am 26. August setzte der ESMAD Tränengas, Gummischrot und Schockgranaten gegen Demonstranten in Fusagasuga ein, wobei ein Toter zu beklagen war. Im Departement Nariño ganz im Landessüden kam es zu zahlreichen gewaltsamen Übergriffen und Infiltrationen durch Sondereinheiten, in Risaralda zu Übergriffen auf Jugendliche und Frauen. Immer wieder werden gefährliche Waffen und Scharfschützen eingesetzt, bei den Einsätzen der Sicherheitskräfte kommt es zu extrem vielen Verletzten, häufig im Kopfbereich. Die Regierung beschuldigt die Demonstranten, Vandalenakte zu begehen und Gewalt zu schüren. Es gibt jedoch viele Zeugenaussagen, Beobachtungen von Menschenrechtsorganisationen und Berichte von Lokalbehörden, wonach die Sicherheitskräfte provozieren, drohen und einschüchtern, so z.B. am 30. August in Vororten von Bogotá, wo es nach Provokationen der Polizei zu Auseinandersetzungen mit Jugendlichen kam, die mit 83 Festnahmen und unzähligen Verletzten endeten. Auch gibt es Zeugenaussagen, wonach infiltrierte Sondereinsatzkräfte auf Polizeikräfte schiessen, um eine gewaltsame Antwort letzterer zu erlauben. Nebst unzähligen Demonstranten wurde mit Huber Ballesteros auch einer der Köpfe des Agrarstreiks und Mitglied der Landarbeitergewerkschaft FENSUAGRO und der Marcha Patriotica festgenommen. Ballesteros wird beschuldigt der Rebellion und terroristischer Vergehen beschuldigt.[6] Gewisse Übergriffe der Sicherheitskräfte sind auch extrem demütigend, wie beispielsweise im Meta, wo  Sondereinsatzkräfte auf die Lebensmittel der Protestierenden urinierten[7].

Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, von der kolumbianischen Regierung Verhandlungsbereitschaft und die Anerkennung der berechtigten Anliegen der ländlichen Bevölkerung einzufordern und auf einen massvollen Umgang mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu drängen. Internationale NGOs und Plattformen wie OIDHACO gelangten mit Appellen an die kolumbianische Regierung und an die Europäische Union, und in vielen Ländern finden Solidaritätsaktionen statt, beispielswiese am 4. September in Bern und Zürich. 

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Weiterführende Information von Indepaz (auf Spanisch)

Comunicado von OIDHACO zum Agrarstreik (auf Spanisch)

 


[1] Siehe dazu die „Zehn gute Gründe für die kleinbäuerliche Mobilisierung“: http://congresodelospueblos.org/index.php/pueblo-en-lucha/opinion/378-10-justas-razones-de-la-lucha-campesina

[2] ALAI, Las complejidades del Paro Nacional Agrario, 16. August 2013, http://alainet.org/active/66493 

[3] Forderungskatalog des CNA: http://redcolombia.org/index.php/noticias-nuevas/2178-pliego-del-coordinador-nacional-agrario.html

[4] http://www.cut.org.co/index.php?option=com_content&view=article&id=5145:pliego-nacional-de-peticiones-agropecuarias-y-populares&catid=34:comunicados&Itemid=190

[5] Die Webseite des Congreso de los Pueblos veröffentlicht regelmässige Situationsberichte über die Menschenrechtslage: http://congresodelospueblos.org/index.php/pueblo-en-lucha/ultimas-noticias/49-ultimas-noticias/377-informe-dd-hh-paronacional-dia-28   Auch verschiedene Menschenrechtsorganisationen wie das Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo (http://www.colectivodeabogados.org/) oder die Bewegung der Opfer  von Menschenrechtsverletzungen MOVICE (http://www.movimientodevictimas.org/) veröffentlichen regelmässige Zeugenberichte. Es gibt auch einen Blog über den Agrarstreik: http://blog.yoparopor.com/

[6] http://www.wradio.com.co/noticias/judicial/voceros-de-marcha-patriotica-rechazan-captura-de-hubert-ballesteros/20130826/nota/1957813.aspx

[7] Comunicado No 4 de la MIA Nacional, Bogotá, 28. August 2013. 

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com