02.11.2018

Zunahme des Kokaanbaus in Kolumbien

02.11.2018 | Von Fabian Dreher

2017 hat die Anbaufläche von Koka in Kolumbien um 17 Prozent und die Menge des produzierten Kokains um 31 Prozent zugenommen. Die auf Druck der USA von Kolumbien umgesetzte Drogenpolitik ist gescheitert, Gesellschaft und Politik tun sich jedoch schwer mit der Suche nach Alternativen. Damit halten sie weiterhin eine tödliche Maschinerie am Leben und versorgen sie mit Milliardenbeträgen. Leidtragende sind KleinbäuerInnen und KonsumentInnen.

 

Gemäss dem jährlichen Monitoringbericht des UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) stieg die Anbaufläche von Koka in Kolumbien zwischen 2016 und 2017 um 17 Prozent von ca. 146‘000 auf 171‘000 Hektaren. Auf dieser Fläche können ca. 930‘900 Tonnen Kokablätter produziert werden, aus denen ungefähr 1379 Tonnen Kokain produziert werden was einer Zunahme um 31 Prozent gegenüber 2016 entspricht. Davon wurden im Laufe des Jahres 435,4 Tonnen Kokain beschlagnahmt, was zwar einer Zunahme um 20 Prozent entspricht, aber nicht mal einen Drittel des produzierten Kokains ausmacht. Kolumbien belieferte 2017 also den Weltmarkt mit schätzungsweise 944 Tonnen Kokain[1]. Die Handelspreise des Kokains sind zwar etwas gesunken, das Kilo Rohkokain kann jedoch immer noch für gut 1500 US$ verkauft werden.

 

Zugenommen hat der Kokaanbau 2017 in allen Regionen ausser in der Region Meta-Guaviare (-15 Prozent) sowie in der Sierra Nevada de Santa Marta, wo nur noch auf wenigen Hektaren Koka angebaut wird. Am meisten Koka wird weiterhin im Departement Nariño angebaut, obwohl hier 2017 ein Schwerpunkt sowohl des Programms zur freiwilligen Substitution illegaler Pflanzungen sowie auch von Zwangsausrottungen lag[2]. Entgegen den Hoffnungen führt der Friedensprozess in Kolumbien bis heute nicht zu einem Rückgang des Kokaanbaus oder der Kokainproduktion. Illegale bewaffnete Organisationen finanzieren sich weiterhin zu grossen Teilen über die Kontrolle des Kokaanbaus und Drogenhandelsrouten. Derweil drängen die Vereinigten Staaten die Regierung Kolumbiens zur Wiederaufnahme von Besprühungen mit dem krebserregenden Pestizid Glyphosat aus der Luft. Die Regierung des ehemaligen Präsidenten Santos hatte diese umstrittene Bekämpfungsmassnahme im Rahmen der Friedensverhandlungen mit den FARC ausgesetzt.

 

Die Kokaanbaufläche ist damit 2017 grösser als je zuvor. Dies ist vor allem dem Abzug der FARC zuzuschreiben. Diese regulierten und beschränkten in den von ihnen kontrollierten Gebieten den Anbau und Handel. Mit der Zunahme der bewaffneten Akteure in diesen Gebieten nehmen auch Kokaanbau und Drogenhandel zu, möchten doch alle diese Organisationen, ob Guerilla, Paramilitärs oder Drogenkartelle, profitieren. Kleinbauern werden unter Druck gesetzt, nicht an Substitutionsprogrammen teilzunehmen und mehr Koka anzubauen. Soziale Führungspersonen, die sich für eine Abkehr vom Kokaanbau aussprechen, werden ermordet. Ein Vergleich der Kokaregionen Nariño und Meta-Guaviare zeigt, dass insbesondere Machtkämpfe verschiedener bewaffneter Akteure gefährlich für soziale Führungspersonen sind. Im Nariño, wo mindestens vier ehemalige FARC-Fronten, das ELN und mehrere paramilitärische Organisationen um die territoriale Kontrolle und ein Stück des Drogenkuchens kämpfen wurden deutlich mehr Führungspersonen ermordet als in der Region Meta-Caquetá-Guaviare, wo nur eine Gruppe ehemaliger FARC-KämpferInnen das Gebiet und den Drogenhandel kontrolliert[3].

 

Der Monitoringbericht des UNODC schätzt die Kokainexporte aus Kolumbien auf einen Wert von 2,7 Milliarden US$, mehr als die Kaffeeexporte 2017 mit gut 2,5 Milliarden einbrachten. Auch wenn man die Verluste durch Beschlagnahmungen, etc. wegrechnet wird klar, dass der Kokaanbau und Drogenhandel 2017 über 1,5 Milliarden US$ in die Kassen der illegalen bewaffneten Organisationen gespült haben. Weitere lukrative Finanzierungsquellen wie der illegale Bergbau sowie Zwangsabgaben noch nicht eingerechnet. Entsprechend ist auch 2018 und in den kommenden Jahren nicht mit einem Rückgang der Gewalt in den Kokaanbaugebieten Kolumbiens zu rechnen. Zu lukrativ ist das Geschäft für illegale Akteure, die vor keiner Gewalt zurückschrecken.

 

Laut dem Bericht leben heute in Kolumbien 119‘500 Familien vom Kokaanbau. Die im Rahmen des Friedensvertrags mit den FARC vereinbarte freiwillige Substitution krankt an verschiedenen Problemen. Erstens setzt die Regierung viel zu wenig Geld ein für die freiwillige Substitution, während für Zwangsausrottungen durch Polizei und Armee laufend mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. Zweitens verletzt die Regierung mit kleinbäuerlichen Gemeinschaften abgeschlossene Substitutionsvereinbarungen und lässt die Felder mittels Gewalt ausrotten. Und drittens gibt es für viele KleinbäuerInnen heute schlichtweg keine Alternative zum Kokaanbau, die auch nur annähernd ihren Lebensunterhalt finanzieren könnte. Die Marktpreise für alternative Produkte sind zu tief.

 

Angetrieben wird die Zunahme des Kokaanbaus und der Kokainproduktion hauptsächlich von der Zunahme der internationalen Nachfrage. Weltweit wird immer mehr Kokain konsumiert und nachgefragt. In Europa und Nordamerika nimmt der Kokainkonsum zu, jedoch weniger schnell als z.B. in Afrika und Asien[4]. Früher hauptsächlich Transitregionen, weisen viele Länder in Afrika und Asien heute deutlich höhere Wachstumsraten als Europa und Nordamerika auf. Heute sind Europa und Nordamerika gemeinsam für noch etwa 55 Prozent der Nachfrage nach Kokain verantwortlich[5]. Auch an Kolumbien geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei. Wurde das produzierte Kokain früher vor allem Richtung Norden exportiert, wird heute schätzungsweise ein Drittel des Drogenhandels über Brasilien abgewickelt. Dies stärkt insbesondere illegale Netzwerke, die Gebiete in der Grenzregion zu diesem Land kontrollieren.

 

Ein weiteres Problem für Kolumbien ist die starke Zunahme des Kokainkonsums im Land selbst. Auf Grund zunehmender Beschlagnahmungen und Schwierigkeiten beim Schmuggel scheint die Kokainmafia zunehmend auf den Binnenkonsum in Kolumbien zu setzen. Der Markt wurde in den letzten Jahren mit billigem basuco geflutet, für die Feinverteilung werden dabei oft Jugendliche rekrutiert, die mit kleinen Handelsmengen keine Gefängnisstrafen riskieren, wenn sie erwischt werden. Die kolumbianische Politik reagiert bisher nur schleppend und hautsächlich mit Repression auf die Problematik.

 

Beide Berichte des UNODC zeigen heute klar auf, dass sowohl die internationale wie auch die kolumbianische Politik zur Bekämpfung von Anbau, Handel und Konsum von Kokain (und anderen Drogen) gescheitert sind. Eine Abkehr des von den USA über die UNO angetriebenen „Kriegs gegen Drogen“ ist dringend notwendig. Drogen verursachen heute viel Leid, aber der Krieg gegen die Drogen verursacht heute weltweit deutlich mehr Tote als der Drogenkonsum. Ein weltweites Umdenken ist dringend notwendig. Aufgeschreckt durch das Elend der offenen Drogenszene ging die Schweiz in den 1990er Jahren mit der Abgabe und Verschreibung von Heroin einen mutigen Schritt in Richtung einer vernünftigen Drogenpolitik. Leider blieb sie dabei auf halbem Weg stehen. Es wäre an der Zeit, weitere Schritte hin zu einer Regulierung der unbegrenzten Drogenmärkte in Angriff zu nehmen. Gerade auch im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit[6].

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