29.04.2019

SUCHTMITTELMÄRKTE: GEFRAGT SIND VIEL WISSEN UND NOCH MEHR MUT

29.04.2019

Mit der tiefen Regulierung und der hohen Kaufkraft bietet die Schweiz ideale Voraussetzungen, um Suchtmittel zu verkaufen oder zu konsumieren. Die Märkte sind komplex und funktionieren nach je eigenen Gesetzmässigkeiten. Es braucht viel Wissen, um sie zu verstehen und Mut, sie zu regulieren. Die Marktdynamik müsste die gesellschaftlichen Akteure aus Politik, Behörden und Gesundheit mehr interessieren. Sucht Schweiz schärft den Blick auf die Märkte.

Wie wirkt sich der Konsum von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen oder das Geldspiel auf die Gesellschaft aus? Wer sich dieser Frage annähern will, sollte die Funktionsweise der Suchtmittelmärkte berücksichtigen. Die Wechselwirkung zwischen Angebot und Nachfrage ist komplex, die Märkte sind vielschichtig. Grösse und Produktepalette, Legalstatus sowie Eigenschaften und Interessen der Akteure haben ihren Einfluss. Es braucht viel Wissen, um die Marktdynamik zu begreifen und Mut, suchtmittelbedingte Probleme anzugehen.

Wie illegale Drogenmärkte beschaffen sind, dafür hatte sich bislang kaum jemand interessiert. Für Gesundheitsfachleute stehen primär die Konsumierenden im Zentrum, für Justiz und Polizei die Fahndung. Mit einem dreiteiligen Projekt zu Heroin, Kokain und Cannabis wählte Sucht Schweiz mit Teams des Universitätsspitals und der Uni Lausanne einen neuen Ansatz. Das Ziel ist, mit mehr Wissen über die Funktionsweise der Märkte zu einer Versachlichung der oft emotional geführten drogenpolitischen Debatte beizutragen.

Und die legalen Produkte? Wie Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen, fliesst noch wenig in die gesundheitspolitische Diskussion ein. Das vorliegende Suchtpanorama regt die Debatte an, es schärft den Blick auf die suchtmittelbedingte Problemlast, skizziert die jüngsten Entwicklungen zu Konsum, Forschung sowie Politik und zeigt Lösungswege auf.

Substanzen: An jeder Ecke, jederzeit und günstig

Alkohol, Zigaretten und weitere Nikotinprodukte, Geldspiele oder illegale Drogen. Letztere sind in den Städten schnell und relativ problemlos zu beschaffen. Legale Produkte sind sowieso allgegenwärtig und billig zu haben. Fast an jeder Ecke, in Läden, Tankstellen, Automaten, Kiosken, in Casinos und im Internet können sie rund um die Uhr gekauft werden. Ein Geschäft mit Milliarden.

Alkohol: Ein konstant gutes Geschäft

4,6 Millionen Hektoliter Bier werden jährlich für den Schweizer Markt produziert, etwa so viel wie seit Beginn der 1980er-Jahre. Dazu kommen 2,7 Mio. Hektoliter Wein und 307‘000 Hektoliter Spirituosen, vor allem importierte. Die Menge der verkauften Spirituosen hat seit 1991 etwas zugenommen. Der Markt profitiert seit Jahrzehnten von einer besonders liberalen Regulierung. Dass der Alkoholverkauf an Autobahnraststätten wieder möglich ist, ist nur ein bescheidenes Beispiel.

Tabak – ein Markt im Umbruch

9,6 Milliarden Zigaretten wurden im 2017 verkauft; 2015 fiel die Anzahl erstmals unter die Marke von 10 Milliarden. Aktuell sind es immer noch 56 Päckchen pro Einwohner / Einwohnerin. Der Nikotinmarkt ist im Umbruch: Gefragt sind weniger schädliche Alternativen zum Rauchen, was die Entwicklung des E-Zigarettenmarkts erklärt. Derzeit mischt der Neuankömmling Juul – mit einer neuen Generation von Produkten – den Schweizer Nikotinmarkt mit noch unbekanntem Ausmass auf. Stark vermarktet werden auch Tabakprodukte zum Erhitzen und mit dem neuen Tabakproduktegesetz soll Snus (Lutschtabak) legal werden.

Illegale Drogen: Märkte mit je eigenen Strukturen

Die illegalen Drogenmärkte folgen je einer eigenen Logik. Im Stimulanzienmarkt macht Kokain den grössten Anteil aus. Das geschätzte jährliche Handelsvolumen hierzulande beträgt rund 5 Tonnen. Das Angebot ist gross, die Preise günstig. Flexible und solidarisch organisierte Händlernetze aus Westafrika verkaufen unter anderem die Ware, welche oft mit anderen Stoffen gestreckt ist. Gut 80% der Konsumierenden schnupfen Kokain nur gelegentlich an Wochenenden, wobei ihr geschätzter Anteil am Gesamtverbrauch nur etwa 20% beträgt.

Importiert, gestreckt, vertrieben und verkauft wird Heroin in der Schweiz überwiegend über Kanäle von ethnischen Albanern. Die auf dem Schweizer Markt im Umlauf befindliche Menge an gestrecktem Heroin wird auf jährlich 1,8 bis 2,5 Tonnen geschätzt. Der grösste Teil geht auf das Konto regelmässig Konsumierender. Die Preise sind viel tiefer als noch vor 20 Jahren. Anders als beim Kokain wird Heroin oftmals von den Konsumierenden erworben und weiterverkauft.

Cannabis, das nicht berauscht

Der Markt mit legalen CBD-Produkten (Cannabidiol) zeigte beispielhaft die Dynamik mit einer Vielzahl von Marktzutritten in der Anfangsphase. Eine kürzlich erschienene Studie von Sucht Schweiz verrät mehr über die Konsumierenden. Viele wollen gesundheitliche Beschwerden lindern oder sie suchen eine Alternative zum illegalen Cannabiskonsum. Noch ist offen, wo sich das Marktvolumen stabilisieren wird.

Geldspiel: Paradebeispiel für die Macht des Markts

Beim Glücksspiel geht es sprichwörtlich um sehr viel Geld, wobei Spieler und Spielerinnen die Verlierer sind. Die Bruttospielerträge und damit die Geldverluste der Spielenden belaufen sich auf 1,6 Milliarden Franken pro Jahr. Während gemäss den Lotteriegesellschaften die Geldverluste der Spielenden zwischen 2007 und 2017 insgesamt etwas zunahmen, haben diese in den Casinos abgenommen. Der Markt ist äusserst dynamisch und wartet mit immer neunen (Online)-Spielformen auf, die weitere Konsumentengruppen binden wollen. Das neue Geldspielgesetz öffnet den Markt nun auch für Online-Casinos.

Medikamente: Es geht um viel

Auch bei den Medikamenten geht es um Milliarden. Nur ein Indiz ist das Geld, das die Pharmaindustrie an Ärzte, Spitäler oder Universitäten zahlt. Im 2017 waren es laut der Statistik eines Wirtschaftsverbands 162,5 Millionen Franken. Auch wenn es bei den einzelnen Kategorien Schwankungen gab, hat sich die Summe der verkauften Medikamente, die zu einer Abhängigkeit führen können, zwischen 1996 und 2017 nicht stark verändert. Das vorliegende Panorama fokussiert auf den Medikamentenmissbrauch – eine öffentliche Debatte darüber tut Not, wobei die Kosten auch eine Rolle spielen dürfen.

Es braucht viel Wissen – aber auch Mut

Psychoaktive Substanzen und das Glücksspiel hängen jedes Jahr mit mehr als 11‘000 Todesfällen zusammen und mit sozialen Kosten, die 14 Milliarden Franken übersteigen. Die gesundheitspolitische Diskussion, wie denn mit Suchtmitteln umgegangen werden sollte, verläuft in alle Richtungen. Bei der Frage der Cannabisregulierung dreht sich die Debatte oft im Kreis. Bei den legalen Produkten Alkohol, Tabak oder Geldspiel lobbyieren die Anbieter im Parlament und beim Bundesrat und wehren sich erfolgreich gegen Markteinschränkungen. Gesundheitsfachleute kontern demgegenüber, dass wirksame Prävention nicht viel koste. Sie fordern mutige Massnahmen wie das Verbot von Billigstprodukten, weniger Werbung und weniger lange Öffnungszeiten.

Freier Markt birgt Risiken

Die Forschung zeigt: Ein freier Markt – ob legal oder illegal – vergrössert das Risiko von Suchtproblemen. Frankreich macht es beim Tabak vor: Erhöhung des Zigarettenpreises, Einheitspackung, Unterstützung bei der Rauchentwöhnung. Vieles deutet darauf hin, dass sich diese Politik für die Gesundheit auszahlt. Für Fachleute ist klar: Im Falle von Suchtmittelprodukten entstehen in wenig regulierten Märkten Probleme, die vermieden werden könnten und die von allen bezahlt werden.

 

Ab Seite 12 wird die Situation mit illegalen Drogen beschrieben. Der Bericht ist unter folgendem Link abrufbar:  https://www.suchtschweiz.ch/aktuell/medienmitteilungen/article/schweizer-suchtpanorama-2019-suchtmittelmaerkte-gefragt-sind-viel-wissen-und-noch-mehr-mut/?tx_ttnews%5BbackPid%5D=257&cHash=7847615a572a0d7d4030b6d794404b0d 

 

Weiter Infos unter folgenden Links:

https://zahlen-fakten.suchtschweiz.ch/

Abwasseranalysen und Drogen, europäische Studie: http://www.emcdda.europa.eu/topics/pods/waste-water-analysis_de  

Studie zum Waadtländer Kokainmarkt: www.suchtschweiz.ch/fileadmin/user_upload/DocUpload/Marstup_2_Stimulants_Rapport_final.pdf

Aktuell

21.12.2018

Ask!: Seit 31 Jahren im Dienst von Frieden und Menschenrechten

Seit 1987 setzt sich die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask! als Stimme der kolumbianischen Zivilgesellschaft für Frieden und Menschenrechte ein.

2018 organisierte sie dazu öffentliche Veranstaltungen zu den Wahlen in Kolumbien, zum Kokaanbau und dem Drogenkrieg, zu den Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzungen von Schweizer Konzernen in Kolumbien.

Sie organisierte Film- und Diskussionsabende, Pubquizze und ein Jass- und Tichuturnier und hielt anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags Predigten in katholischen und reformierten Kirchen.

Sie lobbyierte im Rahmen der Konzernverantwortungsinitiative für eine verbindliche Sorgfaltsprüfungspflicht für Unternehmen, verfasste und unterstützte verschiedene offene Briefe und Petitionen an die Regierungen der Schweiz und Kolumbiens. Elf Mal versandte die ask! 2018 einen umfassenden Newsletter mit Monatsbericht zur Lage der Menschenrechte in Kolumbien und aktuellen Entwicklungen.

Auch für 2019 haben wir wieder einiges geplant. Veranstaltungen zu Frieden und Menschenrechten, eine neue Kampagne und eine neue Webseite. Damit wir unsere Pläne realisieren können, sind wir auf unsere grosszügigen UnterstützerInnen angewiesen. Danke für Ihre Treue!

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