08/15/10

Die Kokapflanze in Lerma: Fluch oder Segen?

15.08.2010 | von Corinne Moser, Dominique Rothen, Stephan Suhner

In einer typischen Kokaanbau-Region im ‚Macizo Colombiano’ besuchten wir auf der diesjährigen Kolumbienreise das Dorf Lerma. In diesem Monatsbericht sollen einerseits die Geschichte des Dorfes und die Auswirkungen des Koka-Booms, aber auch heutige Herausforderungen für die Bevölkerung thematisiert werden. Der illegale Anbau der Koka bringt in der Region massive soziale Probleme mit sich. Gleichzeitig gibt es aber Bestrebungen, die positiven Seiten der Pflanze hervorzuheben und so auf eine Entkriminalisierung hinzuwirken – ein spannendes Experiment.

Paramo im Macizo Colombiano

Besuch in Lerma

Unsere Reise in Kolumbien führte uns auch in das Departement Cauca ins Macizo Colombiano. Dieses Gebiet, wo sich die Andenketten in Kolumbien treffen, erstreckt sich über die Departemente Cauca, Huila und Nariño. Es wird auch als Wasserschloss bezeichnet, in ihm entspringen Flüsse wie der Magdalena, der Patía, der Cauca, der Putumayo und der Caquetá.

Gut drei Fahrstunden südlich von Popayán (Hauptstadt des Departements Cauca), mitten im Macizo Colombiano, befindet sich das Dorf Lerma am Fuss des ‚Cerro de Lerma’, einem eigenartig geformten, die Region dominierenden Berggipfel. Dieser Berg gilt als Wahrzeichen der Region.

Zwei Tage sollten wir in diesem Dorf verbringen, um einerseits seine Geschichte, aber auch seine gegenwärtigen Herausforderungen kennenzulernen. Dies geschah einerseits in Sitzungen mit verschiedenen Gremien und Gruppen des Dorfes, aber auch durch die Begehung von zwei Fincas im Gebiet des Dorfes. Begleitet werden wir von Mitarbeitenden des CIMA (Comité Integral del Macizo Colombiano), der das Dorf mit verschiedenen Projekten unterstützt.

El Cerro de Lerma

Lerma: ein Blick zurück

Bis in die 1970er Jahre soll das Leben beschaulich gewesen sein, geprägt von Armut, aber die Leute hätten mehr zu essen gehabt als heute, vor allem gab es aber auch einen Gemeinschaftssinn. Es wurde vor allem Mais, Bohnen, Yuca (Maniok), Kaffee und Zuckerrohr produziert. In den 70er Jahren kam der Kokaboom, die traditionellen Pflanzungen wurden zu einem grossen Teil ausgerissen und durch Koka ersetzt. Die sogenannten Cuerpos de Paz (US Peace Corps) brachten den Leuten in Lerma bei, wie man aus Kokablättern Kokapaste produziert. Das schnelle Geld brachte nebst Reichtum aber auch soziale Probleme. Die Leute konnte sich plötzlich Luxusgüter aber auch Waffen und Fahrzeuge leisten, es gab aber keine infrastrukturelle Entwicklung: So wurden Kühlschränke gekauft, im Dorf gab es aber keine Elektrizität. Als der Kokapreis zu sinken begann, kam eine Welle der Gewalt. Raub und Mord waren quasi an der Tagesordnung: Von den 400 Einwohnern Lermas kamen zwischen 1983 und 1985 einhundert Personen ums Leben. Daraufhin wurde ein sogenannter ‚proceso de autogestión comunitario’ eingeleitet, dessen Ziel es war, gegen die Gewalt vorzugehen. Es wurden verschiedenste Vorschläge diskutiert, darunter beispielsweise die Idee, eine Militärbasis zu verlangen. Schliesslich wurde aber eine Schule gebaut, die noch heute wesentliche Funktionen im sozialen Zusammenhalt übernimmt. Zusätzlich setzten die Frauen durch, die Bars zu schliessen, und somit den Alkoholkonsum im Dorf drastisch zu senken. Durch diese prohibitionistische Strategie senkte sich das Gewaltniveau massiv. Diese Gemeindeentwicklung hat dem Dorf 1991 den Nationalen Friedenspreis eingebracht. Seit 1991 hat die Bevölkerung von Lerma und des ganzen macizo colombiano verschiedene Proteste gemacht und der Regierung Forderungskataloge präsentiert, die bis heute zum allergrössten Teil nicht erfüllt wurden. Stattdessen wurden eine Menge staatlicher Programme eingeführt, welche die Bedürfnisse und Vorschläge der Bevölkerung nicht ernst nehmen, ihnen stattdessen Almosen geben und somit zu Apathie bei der Bevölkerung führt; eine ernste Bedrohung der sozialen Bewegungen.

Für die Jugendlichen bieten sich in Lerma wenige Zukunftsperspektiven. Zwar bringt die Schule viele technische Schulabgängerinnen und -abgänger hervor, es gibt in der Region aber kaum Arbeitsplätze, wo sie ihre Fähigkeiten einsetzen könnten. Die Polizei und die Armee sind die grössten Arbeitgeber, und viele Jugendliche werden von ihnen angeworben. Es gibt sogar Jugendliche aus Lerma, welche bei der Bereitschaftspolizei ESMAD (Escuadrón Móvil Antidisturbios, eine Spezialeinheit der Polizei zur Aufstandsbekämpfung) sind. Bei zukünftigen Protesten oder Strassensperren an der Panamericana könnten sie plötzlichen ihren Eltern und Geschwistern gegenüberstehen.

Eine traditionelle Zuckerrohrpresse

Herausforderungen für Kleinbäuerinnen und –bauern in Lerma

Das bebaubare Land in Lerma ist knapp, das Gelände ist meist steil und hügelig. Das fruchtbarere, ebene Land des Patia-Tals gehört mehrheitlich Grossgrundbesitzern. Durch das Bevölkerungswachstum erhöhte sich der Druck auf das Land und heute teilen sich teilweise mehrere Generationen einer Familien eine Hektare Land. Ideal wären aber mindestens zwei bis drei Hektaren Land pro Familie.

Der CIMA unterhält in Lerma sogenannte ‚Escuelas agroambientales’ (Agroökologische Schulen), worin je 10 Familien teilnehmen. In diesen ‚escuelas’ wird Wissen über Landwirtschaft, Kultivierung von verschiedenen Pflanzen, Verarbeitung und Vermarktung von Produkten, Massnahmen bei Erosion, Wasserknappheit und so weiter von Familie zu Familie weitergegeben. Die daraus herangebildeten Agrosembradores und -sembradoras arbeiten dann auf sogenannten Modell-Fincas (fincas representativas). Auf unserem Besuch in Lerma machten wir einen Rundgang auf zwei dieser Fincas.

Dazu stiegen wir zuerst zum Dorfbach hinunter und überquerten ihn. Der Hang neben dem Bach ist mit Abfall übersäht, das ganze Dorf scheint hier seinen Müll abzulagern. Problematisch ist, dass der Dorfbach einerseits als öffentliche Dusche (zum Teil gibt es kein Wasser im Dorf) und andererseits zur Bewässerung genutzt wird und somit giftige Stoffe in die Nahrungsmittel gelangen könnten.

Zusätzlich stehen die Kleinbäuerinnen und –bauern von Lerma vor anderen Herausforderungen. Das Klima in Lerma ist trocken und in der Trockenzeit gibt es kaum Wasser, entsprechend müssen Pflanzen ausgesucht werden, welche lange Trockenperioden überstehen. Das Ziel ist es, immer Nahrung produzieren zu können, weil selbst die illegale Kokaproduktion mittlerweilen zuwenig Gewinn abwirft, damit eine Familie alleine davon leben könnte. Ein Kleinbauer vor Ort, der uns seine Finca zeigt, experimentiert mit verschiedenen Pflanzen aus anderen Regionen Kolumbiens oder Südamerikas, welche Pflanzen in welchen Böden und unter welchen klimatischen Bedingungen (z. B. in Trockenzonen, die nicht bewässert werden können) optimal wachsen. Die Treffen, bei denen Saatgut ausgetauscht werden, sind heute in Kolumbien allerdings illegal. Das Gesetz 970 des ICA (Instituto Colombiano de Agricultura, Landwirtschaftsinstitut) verbietet es, Saatgut aufzubewahren und auszutauschen, was einerseits den Traditionen der Bäuerinnen und Bauern widerspricht und deren Eigenständigkeit einschränkt, aber natürlich auch die pflanzliche Vielfalt beschneidet.

Auf den Modell-Fincas wachsen verschiedene Sorten Früchte wild durcheinander.

Nebst Yuca, Ananas, Bohnen, Hirse, Zuckerrohr, Orangen, Maracuyá (Passionsfrucht) baut der Kleinbauer auf seiner Finca auch Färbemittel, Kräuter für Tee sowie andere Heilkräuter an. Die Vermarktung der Produkte ist allerdings alles andere als einfach, weshalb sich die Ernte zum Teil kaum lohnt (z. B. von Maracuyá) und die Leute eingeladen werden, sich selbst gratis zu bedienen. Eine andere Strategie ist es, die Produkte weiterzuverarbeiten:

Auf unserem weiteren Rundgang sehen wir eine Familie, die in einer traditionellen (durch eine Pferdestärke betriebenen) Presse Zuckerrohr presst und den Saft zu panela verarbeitet. ‚Panela’ wird durch das Verkochen des Zuckerrohrsafts produziert und ist viel mineral- und näherstoffhaltiger als raffinierter Zucker. Im ‚Macizo Colombiano’ wird panela bevorzugt als Süssungsmittel eingesetzt.

Unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen erstaunt es eigentlich nicht, dass viele Kleinbauern und –bäuerinnen der Region nach wie vor illegal Koka anbauen. Im Rahmen des ‚Plan Colombia’ waren sie dadurch schon mehrfach Besprühungen durch Glyphosat ausgeliefert. Besprühungen gab es 2005 und die letzte im November 2009. Die Kokafelder sind relativ klein (bedingt allein schon durch die hügelige und bergige Region), und oftmals wachsen Kokastauden zusammen in Felder mit anderen Nahrungsmitteln. Es ist unmöglich, diese aus der Luft mit Flugzeugen zielgenau mit Herbiziden zu besprühen. So wurden bei den Besprühungen jeweils auch Zuckerrohr, Yuca, verschiedene Früchte etc. der Bauernfamilien vergiftet, die Früchte verfaulten, ohne reif zu werden. Verschiedenste Bemühungen, neue Pflanzungen zu kultivieren (z.B. die kleine Kochbanane ‚guineo rusio’) wurden dadurch ebenfalls zunichte gemacht.

Auch auf der Finca, die wir besuchen, finden sich Kokapflanzen, Sträucher mit hellgrünen Blättern und unscheinbaren, weissen Blüten. Der ansässige Kleinbauer setzt sich –zusammen mit anderen Bauern und Bäuerinnen des CIMA - allerdings stark für die alternative, legale Nutzung der Koka ein. Er sagt, es habe in der Region immer schon Koka gegeben, die als Heil- oder Nahrungsmittel genutzt wurde. Als die Koka aber vermehrt zur Kokainproduktion genutzt wurde, wurde der Anbau illegalisiert und kriminalisiert. Somit wurde auch die ursprüngliche Nutzung der Koka stigmatisiert. Gleichzeitig muss beachtet werden, dass der Anbau der Koka als Heilmittelpflanze wesentlich länger dauert, als wenn sie für die Drogenproduktion verkauft wird. Für die Drogenproduktion werden die Blätter bereits nach 2-3 Monaten abgelesen, während sie für die Nahrungsmittelproduktion mindestens 6 Monate wachsen muss.

Hier wird Koka getrocknet.

Die Koka hat aber Heilwirkung und kann in Form von Tees, Salben oder Mehl gegen verschiedenste Beschwerden und Leiden eingesetzt werden, z. B. Magen- und Verdauungsbeschwerden, Stress, beissende Mückenstiche usw. Nach einer schweren Mahlzeit kann beispielsweise ein Kokatee helfen, die Verdauung wieder in Gang zu bringen. Die ganze Familie des Kleinbauers, auch die kleinen Kinder konsumieren regelmässig Produkte aus Koka. Die Koka ist auch sehr nährstoffreich und aus Kokamehl, vermischt mit ‚panela’ ergeben sich nährstoffreiche Mahlzeiten für lange Märsche. Der Kleinbauer stellt zudem Kokarum und Kokawein her und bastelt aus den Kokablättern Kunstgegenstände. Dadurch, dass er mit Koka arbeitet, sind seine Stände an den regionalen Märkten jeweils bei den Leuten sehr populär, leider aber auch bei den Behörden: bei einer Kontrolle haben die Polizisten seinen gesamten Kokarum weggetrunken.

Für die meisten Produkte wird Kokamehl verwendet. Dazu werden Kokablätter in speziellen Behältern an der Sonne getrocknet und gemahlen. Von dessen Schmackhaftigkeit konnten wir uns selbst überzeugen: Auf der Finca wurden wir eingeladen, frische Limonade aus Kokamehl, Piñuela (eine Frucht mit säuerlich-süssem Fruchtfleisch), Zitronen, und Panela zu probieren.

Mit der alternativen Nutzung bewegt sich der Kleinbauer aber in einer Grauzone. Bis jetzt wurde ihm trotz zahlreicher Kontrollen nie etwas zu Lasten gelegt. Im Gegenteil, das Interesse der Leute – inklusive Polizei und Militär ist gross – mehr über diese Pflanze und die alternative Nutzung zu erfahren.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com