09/30/15

Die möglichen Gründe für die Zunahme der Coca-Anbaufläche

30.09.2015 | Von Stephan Suhner

Der hier auf Deutsch zusammengefasste Artikel „Las razones del aumento de la Coca[1] untersucht fünf Hypothesen für die Zunahme der Cocaanbaufläche. Die jüngste Erfassung der illegalen Drogenpflanzungen Kolumbiens[2] weist eine Zunahme zwischen 2013 und 2014 von 44% aus, was die Rückgangtendenz seit 2008 unterbrechen würde. Dieser Bericht des UNO Büros gegen Drogen und Verbrechen UNODC weist nebst der Zunahme der Fläche auch eine Zunahme der Produktionskapazität von 290 auf 442 Tonnen aus, eine Zunahme um 52%.

Hypothese 1: Die FARC stiften die Kleinbauern an, Coca anzubauen.

Es gibt eine hohe Übereinstimmung zwischen den Departementen mit starker Zunahme des Cocaanbaus und aktiver Präsenz der FARC. Dies allein ist aber nichts Neues. Die neue Hypothese besagt, dass die FARC ländliche Gemeinschaften zum vermehrten Cocaanbau anstiften, damit diese danach von den Substitutionsprogrammen nach einem allfälligen Friedensabkommen profitieren können. Tatsächlich bestätigen viele Quellen aus den Regionen, dass BewohnerInnen von den FARC derartige “Ratschläge” bekommen haben. Es handelt sich um Gemeinschaften, die staatliche Institutionen kommen und gehen sahen, die bewaffnete Gruppen vorrücken und sich zurück ziehen sahen, und es ist auch nicht das erste Mal, dass ihnen versprochen wird, dass sie für die Cocasubstitution finanzielle Mittel des Staates bekommen würden. Die BewohnerInnen dieser Regionen haben aber gegenüber dem Staat und seinen Institutionen ein sehr geringes Vertrauen, weshalb zweifelhaft ist, ob sie solchen Versprechen Glauben schenken und dies die Zunahme rechtfertigen kann.  

Hypothese 2: Die Reduktion der Besprühungen aus der Luft und der manuellen Bekämpfung der Coca haben zu einer Zunahme der Anbaufläche geführt.

Wie in der nachfolgenden Grafik zu sehen ist, haben sich die Besprühungen aus der Luft zwischen 2000 und 2006 intensiviert, und seither gingen sie kontinuierlich zurück bis 2014, Jahr in dem sie wieder um 18% zunahmen gegenüber 2013. Auch die manuelle Ausrottung nahm von 2000 bis 2008 zu, geht aber seither wieder Jahr für Jahr zurück.

2013 gingen die Besprühungen aus der Luft um über 50% zurück, und auch die manuelle Bekämpfung nahm deutlich ab; trotzdem stieg die Anzahl der mit Coca bepflanzten Hektaren nicht an.

Für 2014 zeigt sich, dass in vier von sechs Departementen, in denen die Cocafläche anstieg, auch die Besprühungen aus der Luft intensiviert wurden. Hingegen nahm die manuelle Ausrottung nur in einem der sechs Departemente zu. Es gibt also keinen direkten Zusammenhang zwischen der Anzahl besprühter oder manuell ausgerotteter Hektaren und der Anbaufläche von Coca.

Hypothese 3: Der Preiszerfall bei Gold verleitete viele Familien dazu, wieder Coca anzubauen

Ein weiterer Erklärungsversuch besagt, dass der Preiszerfall bei Gold zu einer Verlagerung von Arbeitskräften vom informellen Bergbau hin zu den Cocafeldern geführt hat. 2012, als die Cocafläche zurückging, wurde als möglicher Grund der Anstieg des Goldpreises genannt, da Goldschürfen lukrativer als Coca anbauen wurde. Allgemein gesagt gibt es eine starke Korrelation zwischen dem Goldpreis und der mit Coca bepflanzten Fläche, wie untenstehende Grafik zeigt. Man könnte daher von einem Kompensationseffekt zwischen den beiden illegalen Ökonomien ausgehen.

Tatsächlich ist diese Beziehung aber nicht immer gleich: in Antioquia und Sur de Bolivar gibt es Gemeinden, die stark von Goldabbau betroffen sind und wo die Cocafläche ebenfalls anstieg. An der Pazifikküste gibt es Regionen, wo die Coca zunahm, während sich die Bergbautätigkeit stabilisierte, und andere Zonen wo der Goldabbau sich intensivierte und es trotzdem zu einem leichten Anstieg der Cocafläche kam. Das würde bedeuten, dass Gold nicht ein Substitut, sondern eine Ergänzung zum Drogenanbau ist. Diese Tendenz scheint sich 2015 zu bestätigen mit der Herausbildung von Bergbau-Coca-Zonen, wo illegale Akteure versuchen, beide kriminellen Wirtschaftsaktivitäten zu kontrollieren. Das heisst, dass die Substitution von Gold durch Coca ein Faktor für den Anstieg der Cocafläche 2014 war, dass sich aber immer stärker eine Komplementarität der beiden Aktivitäten herausschält.    

Hypothese 4: Die Zunahme des Konsums in Kolumbien selbst stimuliert die Ausdehnung des Anbaus.

Diese Hypothese ist schwer zu belegen. Zwar trifft es zu, dass der Kokainkonsum in Kolumbien angestiegen ist, wie die Nationale Studie über den Konsum von Psychoaktiven Substanzen[3] zeigt. Der einmalige Konsum von Kokain im Leben einer Person nahm von 2,5% auf 3,2% der Bevölkerung zu, der innerhalb des letzten Jahres erfolgte Konsum blieb bei 0,7% der Bevölkerung stabil. Genügt dieser Konsumanstieg, um den Ausbau der Anbaufläche zu begründen? Das kolumbianische Justizministerium geht davon aus, dass für die geschätzten 288’000 KonsumentInnen 19 Tonnen Kokain pro Jahr notwendig sind. Die Nationale Studie über den Konsum geht von 162‘000 KonsumentInnen aus, die 12 Tonnen pro Jahr verbrauchen würden, d.h. 2% der Gesamtproduktion von 2014 von 442 Tonnen. Um den lokalen Konsumbedarf zu decken, braucht es höchstens 11‘000 Hektaren Coca, womit der kolumbianische Kokainkonsum ein zu vernachlässigender Faktor zur Erklärung der Zunahme des Anbaus ist.   

Hypothese 5: Die Zunahme der Cocapflanzungen erfolgt in Zonen, wo eine integrale Intervention schwierig ist.

Es trifft zwar zu, dass sich die Cocaflächen 2014 in Zonen konzentrierten, wo eine integrale Intervention schwierig ist. Das ist aber weder eine neue Tatsache noch eine Erklärung für die Zunahme. Trotzdem führt diese Hypothese zu einer wichtigen Grundsatzfrage, nämlich zur Nachhaltigkeit der staatlichen Drogenbekämpfung, die einen starken Akzent auf die Repression setzt, während die Fähigkeit, illegale Pflanzungen zu ersetzen sehr beschränkt ist. Anders gesagt; ohne das die Verletzlichkeit in diesen Zonen reduziert wird, wird keine Cocareduktion nachhaltig sein. Die Zunahme de Cocafläche 2014 zeigt also einmal mehr auf, wie die Drogenpolitik, die auf die Eliminierung der Cocapflanzungen setzt, ohne durch eine effektive staatliche Präsenz begleitet zu sein, die legale Alternativen und eine nachhaltige ländliche Entwicklung anstossen kam, an ihre Grenzen stösst.

Es gibt gute Gründe, die aktuelle Anti-Drogenpolitik zu ändern, nicht nur wegen der Verlängerung des bewaffneten Konfliktes und des Einflusses auf kriminelle Organisationen, sondern auch wegen der Trägheit eines Ansatzes, dessen Resultate zeitlich begrenzt und nicht nachhaltig sind.

Download als pdf


[1] Juan Carlos Garzón und Julián Wilches, Las razones del aumento de la coca, 13. Juli 2015, in: http://www.razonpublica.com/index.php/conflicto-drogas-y-paz-temas-30/8588-las-razones-del-aumento-en-la-producci%C3%B3n-de-coca.html

[2] Siehe http://www.odc.gov.co/Portals/1/publicaciones/pdf/CO032052015-informe-monitoreo-cultivos-coca-2014.pdf

[3] https://www.unodc.org/documents/colombia/2014/Julio/Estudio_de_Consumo_UNODC.pdf

Aktuell

08.12.2016


Spenden an die ask!

Wir leisten unsere Arbeit für die kolumbianische Zivilgesellschaft mit viel Herzblut. Um unsere Kosten zu decken, sind wir auf Spenden angewiesen.

Wir freuen uns entsprechend über eine Spende auf:
PC-Konto 60-186321-2
(
IBAN CH33 0900 0000 6018 6321 2)

26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com