29.04.2019

Die Gewalt kehrt nach Las Pavas zurück

29.04.2019 | von Stephan Suhner

Ein Urteil entlässt die Hauptverantwortlichen der Vertreibung der Kleinbauerngemeinschaft ASOCAB aus Las Pavas in die Freiheit. Seit diesem Gerichtsurteil beklagen die Kleinbauern das Abbrennen ihrer Hütten, die Zerstörung ihrer Lebensmittelpflanzungen und Anfeindungen, um sie erneut von ihrem Land zu vertreiben. Die ask! hat die Kleinbauern von Las Pavas seit 2009 begleitet und eine der Führungsfiguren von Las Pavas 2010 in der Schweiz zu Besuch gehabt. In den Folgejahren intervenierten wir bei verschiedenen Unternehmen, die Biopalmöl der Firma Daabon verarbeiteten. Ein Unternehmen das in den Landkonflikt von Las Pavas involviert war.[1]

Am 30. Januar 2019 wurden auf dem Land der Hacienda Las Pavas drei Hütten von Kleinbauern niedergebrannt, mit allen Gegenständen und Werkzeugen darin. Ebenso wurden die Zäune rund um die Felder der Kleinbauern zerstört und Vieh auf die Äcker getrieben, um die Ernten zu zerstören. Für die Kleinbauerngemeinschaft ist die Botschaft klar: sie sollen erneut von ihrem Land vertrieben werden, das sie seit über einem Jahrzehnt beim Staat beantragt haben und von dem sie schon dreimal vertrieben wurden.

Die Angst ist aber schon länger nach las Pavas zurückgekehrt. Am 5. Dezember 2018 hat die zweite Strafrichterin von Cartagena, Mercedes Estela Bueno, die zwei Hauptangeklagten der Vertreibung der Kleinbauerngemeinschaft von 2003 freigesprochen. Die Richterin kam zum Schluss, dass es damals zu keiner gewaltsamen Vertreibung gekommen sei und liess Gustavo Sierra und Mario Marmol frei. Die beiden waren wegen einer kriminellen Vereinigung zur Begehung einer Straftat und wegen gewaltsamer Vertreibung angeklagt und werden von ASOCAB als Verantwortliche der Vertreibung bezeichnet.

Die Vorfälle, wegen denen Sierra und Marmol nun freigesprochen wurden, fanden am 26. Oktober 2003 statt. Die 123 Familien der Asociación de Campesinos de Buenos Aires, ASOCAB, bewirtschafteten damals seit zehn Jahren das Land von Jesus Emilio Escobar, das dieser verlassen hatte. Escobar schickte seinen Stellvertreter Gustavo Sierra auf die Hacienda, um diese zurück zu gewinnen, da er sie verkaufen wollte. Sierra kontaktierte seinerseits Paramilitärs des Blocks Central Bolivar der AUC, und bei einem Treffen am 26. Oktober 2003 wurden die Kleinbauern durch die Paramilitärs in Anwesenheit von Sierra und Marmol mit dem Tod bedroht, falls sie das Land nicht verlassen. Die Kleinbauern verliessen darauf das von ihnen genutzte Land der Hacienda. Die Richterin befand, dass die Vorfälle vom 26. Oktober 2003 zwar tadelnswert seien, aber nicht als gewaltsame Vertreibung bezeichnet werden können, da das Grundstück nie von Escobar verlassen worden sei. Tatsächlich hatte zum damaligen Zeitpunkt Escobar aber kein Besitzrecht mehr, da er vor über zehn Jahren aufhörte, das Land zu bewirtschaften. Und falls Jesus Emilio Escobar noch der legitime Besitzer gewesen wäre, hätte er sich an die Behörden, und nicht an eine paramilitärische Gruppe wenden müssen, um seinen Besitzt zurückzuerlangen. Für Jhonny Mercado, Verteidiger von Mario Marmol, belegt dieses jüngste Urteil aber, dass alles eine Inszenierung der Kleinbauern der ASOCAB war und diese falsche Opfer sind, wie schon 2011 eine Staatsanwältin in Cartagena festhielt. Das Urteil wurde sowohl von der Verteidigung der Kleinbauern der ASOCAB wie auch von der Staatsanwaltschaft und der Kontrollbehörde Procuraduria angefochten.

Das Urteil vom Dezember 2018 hat aber in den Familien der ASOCAB die Angst wieder hochkommen lassen. In den letzten Jahren waren die Anfeindungen etwas zurückgegangen, aber seit diesem Urteil haben die Zwischenfälle wie Niederbrennen der Hütten und Zerstörung der Felder zugenommen, überdies befinde sich Mario Marmol wieder in der Gegend. Zudem hat dieses Urteil erneut die Hoffnung der Kleinbauern und das Vertrauen in die Institutionen zerstört.

Die Kleinbauern die als ASOCAB das Land der Hacienda Las Pavas für sich reklamieren und von der Landreformbehörde Titel verlangen, haben eine lange Gewalterfahrung. Nach der Vertreibung von 2003 kehrten die Bauern 2004/05 langsam zurück, nur um 2006 erneut von bewaffneten Männern vertrieben zu werden. Escobar verkaufte die Hacienda dann im Januar 2007 ans Konsortium El Labrador bestehen aus den Unternehmen C.I. Tequendama (Daabon) und Aportes San Isidro. Trotzdem kehrten die Kleinbauern erneut zurück, wurden 2009 aber von den staatlichen Sicherheitskräften im Auftrag des Konsortiums El Labrador „legal“ vertrieben. 2011 wurde dieser dritte Vorfall dann vom Verfassungsgericht für illegal erklärt. 2011 hat sich C.I. Tequendama aus dem Konsortium zurückgezogen und seither führt Aportes San Isidro den legalen und den gewalttätigen Kampf gegen ASOCAB alleine.

Was als Las Pavas bekannt ist, sind 14 Grundstücke, deren Besitz bis heute Aportes San Isidro für sich reklamiert und die 123 Familien der ASOCAB die Besitzüberschreibung im Rahmen der Agrarreform erwarten. Elf Grundstücke mit 1700 Hektaren sind immer in Staatsbesitz verblieben, die drei anderen drei, Peñaloza, Si Dios quiere und Las Pavas mit zusammen 1300 Hektaren gehörten Jesus Emilio Escobar. Auf Antrag von ASOCAB erklärte die Agrarreformbehörde INCODER die Erlöschung des Besitzrechts von Escobar, womit das Land an den Staat zurückfiel und nun den Kleinbauern übertragen werden könnte. Noch sind aber Rechtsmittel von Aportes San Isidro beim Staatsrat als letzter Instanz dagegen hängig.

Tito Alvear, dessen Hütte als erste niedergebrannt wurde, lebt heute vertrieben in El Banco, Magdalena, seine Familie in Regidor, Bolívar. In Las Pavas hat er nichts mehr und sieht keine Garantie, um dorthin zurück zu kehren. Die anderen Familien der ASOCAB die in Las Pavas leben, befürchten ein ähnliches Schicksal, wollen aber weiterkämpfen. „Wir werden weiterhin ansähen und das machen, was wir können: auf dem Land produzieren“, sagt einer der historischen Führungsfiguren, Misael Payares.

Kampagne zur Unterstützung von Las Pavas: Que callen los fusiles

Die Fundación Chasquis, die vor allem audiovisuelle Arbeiten mit Gemeinschaften realisiert, startete eine Kampagne, um auf die Situation der Campesinos aufmerksam zu machen und ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Die Paveros wurden durch ihren friedlichen Widerstand bekannt und wurden 2013 auch mit dem nationalen Friedenspreis ausgezeichnet. Bemerkenswert ist auch, dass sie ihren Widerstand vor allem mit Liedern zum Ausdruck bringen. Die Idee ist, dass Menschen in Kolumbien und weltweit das Lied "Que callen los fusiles" singen, das Etni Torres, Campesino aus Las Pavas, geschrieben und komponiert hat.

http://fundachasquis.org/canta-por-los-campesinos-de-las-pavas/

Es muss auch nicht das ganze Lied gesungen werden, ein Teil, eine Strophe oder der Refrain sind super. Dies einfach mit dem Handy aufnehmen und unter dem Hashtag #QueCallenLosFusiles bei Facebook und /oder Instagram hochladen oder an info@remove-this.fundachasquis.org schicken.

Fundación Chasquis teilt die Videos über ihre Social-Media-Kanäle und will am Ende auch ein Video des gesamten Liedes aus den vielen verschiedenen eingesandten Videos erstellen.

Es sind schon einige schöne Videos zusammen gekommen, hier ein paar Beispiele:

https://www.facebook.com/fundachasquis/videos/333229147540447/

https://www.facebook.com/fundachasquis/videos/423413048421592/

https://www.facebook.com/fundachasquis/videos/319449708753385/

Um den Text zu lernen, gibt es hier ein Video:

https://www.facebook.com/fundachasquis/videos/393299774800558/

El Espectador, La violencia volvió a las hacienda las Pavas, 24. März 2019, in: https://colombia2020.elespectador.com/territorio/la-violencia-volvio-la-hacienda-las-pavas

Aktuell

21.12.2018

Ask!: Seit 31 Jahren im Dienst von Frieden und Menschenrechten

Seit 1987 setzt sich die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien ask! als Stimme der kolumbianischen Zivilgesellschaft für Frieden und Menschenrechte ein.

2018 organisierte sie dazu öffentliche Veranstaltungen zu den Wahlen in Kolumbien, zum Kokaanbau und dem Drogenkrieg, zu den Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzungen von Schweizer Konzernen in Kolumbien.

Sie organisierte Film- und Diskussionsabende, Pubquizze und ein Jass- und Tichuturnier und hielt anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags Predigten in katholischen und reformierten Kirchen.

Sie lobbyierte im Rahmen der Konzernverantwortungsinitiative für eine verbindliche Sorgfaltsprüfungspflicht für Unternehmen, verfasste und unterstützte verschiedene offene Briefe und Petitionen an die Regierungen der Schweiz und Kolumbiens. Elf Mal versandte die ask! 2018 einen umfassenden Newsletter mit Monatsbericht zur Lage der Menschenrechte in Kolumbien und aktuellen Entwicklungen.

Auch für 2019 haben wir wieder einiges geplant. Veranstaltungen zu Frieden und Menschenrechten, eine neue Kampagne und eine neue Webseite. Damit wir unsere Pläne realisieren können, sind wir auf unsere grosszügigen UnterstützerInnen angewiesen. Danke für Ihre Treue!

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