19.01.2011

Gemeinschaften des Curvaradó wieder in Bedrängnis

19.01.2011 | von Sylvia Meyer

„Das Incoder hat ein Recht auf Ferien“, bekamen die Gemeinschaften des Curvaradó zu hören, die im vergangenen Dezember eine illegale Besetzung meldeten. Mehr als Hundert Unbekannte aus Urabá, Córdoba, aber auch weiteren Gemeinden des Chocó hatten am 13. Dezember verschiedene Gebäude im Gebiet des Consejo Mayor de la Cuenca del Curvaradó besetzt. Trotz der Verfügung des Obersten Verfassungsgerichts die Gemeinschaften des Curvarado zu schützen und obwohl die Regierung den Fall zur Priorität bei den Landrückgaben in Kolumbien deklarierte, bemüht sich das INCODER nicht um eine schnelle Lösung. Die Gemeinschaften fürchten, dass die erneute Invasion mit der für Mitte 2011 angesetzten Bevölkerungszählung im Einzugsgebiet des Curvaradó zusammenhängt.

Nach Schätzungen der Gemeinschaften sind ungefähr 300 Hektaren von Fremden besetzt. Diese hätten zudem auch in zwei als Biosphären-Reservat deklarierten Gebieten bereits Baumassnahmen durchgeführt, Bäume gefällt und Felder angelegt, heisst es in einem Communique vom 22. Dezember.
Weitere Recherchen von verdadabierta.com ergaben, dass den Menschen in der Region anscheinend gesagt worden sei, dass in dem Weiler Camelias Land parzelliert und verteilt würde. Sie müssten nur dorthin gehen und die Erde für den Anbau bereit machen. Für diese Arbeiten gäbe es auch Geld. Weitere Stimmen behaupten, dass der Paramilitär „El Llanta“ Weihnachtsgrundstücke versprochen hätte: Wer Land wolle, solle es sich nehmen. Die ersten drei Monate würden die Arbeiten auf dem Feld und das Saatgut gezahlt. Danach wären den Arbeitern Titel für das Land sicher. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz hatten die Invasoren Unterstützung von Militär und von einer Bananenfirma.

Nicht zuständig

In dieser Situation suchten die Gemeinschaften Unterstützung bei verschiedenen Institutionen. Zunächst erfolglos. Die betreffende Person sei nicht anwesend, der Anwesende nicht zuständig, der Zeitpunkt sei ungünstig, hätten die Gemeinschaftsvertreter zu hören bekommen, meint die Organisation Justicia y Paz. Zunächst wandten sich die Gemeinschaftsvertreter, wie es im Falle der Besetzung von Privatbesitz Pflicht ist, an die zuständige Inspektorin der Polizei: Doch weder diese noch ihre Assistentin waren vor Ort. Der Kommandant der Polizei nahm schliesslich die Beschwerde entgegen, fügte aber hinzu, dass es nicht seine Kompetenz sei, sondern dass er die Beschwerde nur an die Inspektorin weiterleiten könne. Ohne ihre Anweisung könne er nichts unternehmen. Er verwies, heisst es im Communiqué, an die Behörden in Quibdó. Wenn die Gemeinschaft den Eifer hätte, könne sie es dort versuchen.

Wenn man bedenkt, dass den Gemeinschaftsvertretern aus der Verwaltung der Polizei einige Tage darauf gesagt wurde, dass kein Geld für den Transport ins zwei Stunden entfernte Las Camelias da sei, stutzt man: Wie sollen dann die Gemeinschaften das Geld aufbringen, um mit ihrer Beschwerde bis nach Quibdó zu gelangen? Die Gemeinschaftsvertreter versuchten es zunächst auch in Belén de Bajirá, wo man ihre Beschwerde ebenfalls entgegennahm – mit dem Verweis, dass niemand dort zuständig sei. Am 19. Dezember führten die Gemeinschaftsvertreter noch einmal eine Begehung der besetzten Gebiete durch und fanden heraus, dass neben den neuen Siedlern auch ein Direktorat zur Landverteilung vor Ort war: Der Chef der Aguilas Negras von Brisas war dabei.

Daraufhin baten die Gemeinschaften Leutnant Ungría der 17. Brigade, sie zu begleiten, damit er die Vorkommnisse verifizieren möge. Er lehnte dies aufgrund der Kurzfristigkeit ab. Und vertröstete auf den 21. Dezember. Dann solle eine Begehung zusammen mit der zuständigen Inspektorin von Cármen del Darién, der Polizei, dem Geheimdienst DAS sowie dem Heeer stattfinden. Dies geschah jedoch nicht, heisst es von Seiten von Justicia y Paz.

Normalerweise dauert es drei Tage, bis bei einer illegalen Besetzung Privatbesitz geräumt wird. Die Gemeinschaften des Curvaradó warten nun bereits mehr als einen Monat, ohne dass irgendetwas geschehen wäre. Auf Nachfrage von verdadabierta.com behauptete die zuständige Inspektorin der Polizei, dass die Bewohner bei ihr im Dezember nur eine Information durchgegeben und keine Beschwerde eingereicht hätten. Derzeit ist der Zustand der illegalen Besetzung von der Inspektorin anerkannt, sie hat aber noch keinen Befehl zur Räumung erteilt, da laut ihrer Aussage die Besetzer bereits freiwillig gehen würden.

Die Besetzer ihrerseits behaupten, geglaubt zu haben, dass es sich um baldios, also Staatsland handle.

Letztendlich äusserte sich das INCODER zu den Vorfällen: Es liess verlauten, dass die Besetzung illegal sei. Die Gemeinschaften ihrerseits fürchten, dass die Besetzung mit der vom Verfassungsgericht angeordneten Zählung der Gemeinschaftsmitglieder zusammenhängt.

Es bleibt zu hoffen, dass der Fall bald geklärt wird.

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