03.06.2012

Steht Kolumbien vor einer internen Sicherheitskrise?

03.06.2012 | von Annette Wallimann

Kolumbien befindet sich bezüglich der internen Sicherheit einmal mehr an einem Scheideweg, ähnlich wie in den Jahren 1993 und 1994, schrieb die Zeitung El Colombiano am 27. Mai 2012. Während verschiedene Beobachter von einer Zunahme der Gewaltanschläge und der Konfrontationen zwischen Guerillas und staatlichen Sicherheitskräfte sprechen, hält die Regierung die vermehrten terroristischen Aktionen für ein Zeichen dafür, dass Letztere sich länger je mehr in die Enge getrieben sieht.

Wenn nicht ein Dialog-basierter Ausweg aus dem Konflikt gesucht wird, besteht die Gefahr, dass das Land erneut in eine Periode der Gewalt abrutscht. Zu diesem Schluss kommt die Forschungskörperschaft Nuevo Arco Iris laut einem Artikel des El Colombiano. Gemäss León Valencia, dem Direktor der Körperschaft, muss, aufgrund der Betrachtung der Anschläge der FARC im ersten Trimester des 2012, von einer deutlichen Zunahme derselben gesprochen werden. Dies insbesondere entlang der Grenze zu Venezuela, wo 138 der bisher 638 Aktionen der FARC im 2012 zu verorten sind. Anders als vor 2008 agierten die Guerilla-Gruppierungen nicht mehr nur aus ihren zurückgezogenen Camps heraus, sondern seien wieder in kleinere Gruppen ausgeschwärmt, so Valencia. Gleichzeitig habe auch die Wiederbelebung der Paramilitärs in Form der Bacrims (Kriminelle Banden) stattgefunden, was die Gewaltzunahme ebenfalls vorantreibe. So sei es im Jahr 2010 zu 2‘300, und von Anfang 2011 bis heute zu weiteren 5‘200 Verlusten auf Seiten der staatlichen Sicherheitskräfte gekommen.

Insbesondere die Ölindustrie ist von den zunehmenden Aktionen der Guerilla betroffen

Auch Alfredo Rangel, Direktor der kolumbianischen Stiftung Seguridad y Democracia, bestätigt, dass die Guerilla verschiedene Gebiete zurückerobere, aus denen sie sich zurückgezogen hatte. Der Direktor vermutet unter anderem die Entmutigung der Armee aufgrund der juristischen Unsicherheit der Soldaten als ein Grund für die erneute Ausbreitung der Guerillas, deren Gewaltaktionen laut ihm bereits seit einiger Zeit wieder zunehmen. Vor allem die Gewalt gegen die nationale Infrastruktur habe im bisherigen Vergleich zum Vorjahr um 57 Prozent zugenommen, dies sei die höchste Rate in den letzten fünf Jahren. Von dieser Zunahme sei insbesondere die Ölindustrie betroffen. Ebenfalls in diesem Jahr deutlich zugenommen haben laut Rangel die illegalen Strassensperren. Ähnlich zeigt laut dem Artikel es El Colombiano ein Bericht der Forschungsunternehmung Terra Consultores, eine Zunahme der registrierten „terroristischen Anschläge“ im Vergleich zum ersten Trimester des Vorjahres um 66 Prozent. Diese können allerdings nicht direkt auf eine Stärkung der Guerilla zurückgeführt werden.

Regierung und Polizei dementieren eine institutionelle Stärkung der Guerilla

Die sich abzeichnende Vermehrung der Anschläge durch Mitglieder der Guerillas ist laut Jairo Delgado, Polizeichef und Direktor des Instituts für Politikwissenschaft Hernán Echavarría Ológaza, kein Zeichen für eine Ausdehnung derer territorialen Kontrolle. Hätten sich doch die meisten Konfrontationen auf die traditionellen Rückzugsgebiete der FARC sowie der ELN konzentriert, in die die staatlichen Sicherheitskräfte jüngst vorgedrungen seien. Der Polizeichef sieht in den häufigeren Terroranschlägen und Hinterhalten eher den Versuch, ein Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung auszulösen, als eine nachhaltige Kampfkraft der Guerilla. Sowohl Carlos Andrés Prieto, Forscher der Stiftung Ideas para la Paz, als auch der Militäranalytiker John Marulanda sind der Meinung, die Regierung müsse nun auf diese vermehrten Anschläge reagieren, um eine Stärkung der Guerilla und eine erneute Periode intensiver interner Konfrontationen zu unterbinden.

Ein Kurzinterview mit dem Verteidigungsminister Juán Carlos Pinzón zeigt währenddessen, dass das Ministerium nicht von einer generelle Stärkung der Guerilla sprechen will. Der verstärkte Rückgriff der FARC auf terroristische Aktionen sei vor allem darauf zurückzuführen, dass dafür nur geringe Ressourcen notwendig sind. Pinzón betont ebenfalls, dass sich die Anschläge auf 10 Regionen und 20 Gemeinden beschränkten, in die die Guerilla durch die langfristige Strategie der staatlichen Seite zurückgedrängt wurden. Auch er interpretiert er die Häufung der Anschläge als Ausdruck davon, dass sich die Guerilla durch die staatliche Offensive in die Enge getrieben sieht. Auch habe man die Bedrohung der Ölproduktion durch die Verstärkung verschiedener Einheiten wieder in den Griff bekommen. Lediglich in den Regionen Catatumbo, Nariño, Arauca und neuerdings Guajira gesteht der Minister Schwierigkeiten der Armee ein. Die neue Strategie Espada de Honor („Schwert der Ehre“), mit dem Ziel die Guerilla in ihren Rückzugsgebieten zu bekämpfen und ihre Strukturen zu schwächen, habe dagegen in diesem Jahr bereits eine Erhöhung der Verhaftungen um 72 Prozent und der Tötungen um 40 Prozent gebracht. Laut dem Verteidigungsminister ist man also trotz der häufigen Anschläge der Guerilla im ersten Trimester des 2012, weit von einer Sicherheitskrise entfernt. Im Gegenteil, er spricht sogar von einem Vordringen der staatlichen Akteure in für die Guerilla finanziell wichtige Regionen, wie beispielswiese der Catatumbo.

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