03/31/14

Interview mit Francisco Javier Cortés Guangua, Vertreter des Indigenen Volkes der Awá

31.03.2014 | Von Stephan Suhner

Francisco ist Mitglied der indigenen Organisation UNIPA (Indigenen Einheit des Volkes der Awá) im Departement Nariño, war Gouverneur eines Resguardos und ist in verschiedenen Instanzen für die Rechte des Volkes der Awá tätig. Die Grosse Familie der Awá, die vier Organisationen aus Kolumbien und Ecuador umfasst, hat Francisco auf eine Informations- und Lobbyreise nach Europa geschickt, um auf die äusserst schwierige Lage der Awá aufmerksam zu machen. Die Arbeitsgruppe Schweiz Kolumbien traf Francisco am 11. Und 12. März in Bern.

ASK: Francisco, wir begrüssen dich zu diesem Gespräch. Kannst du uns einleitend kurz den Hintergrund deiner Reise schildern?
Francisco: Unser Volk leidet seit Jahren unter einer schwerwiegenden humanitären Krise, verursacht durch den bewaffneten Konflikt, Menschenrechtsverletzungen, wirtschaftlichen Interessen und staatlicher Vernachlässigung. Der Staat missachtet seit Jahren seine verfassungsmässigen Pflichten, das Volk der Awá zu schützen. In dieser schwierigen Lage beschloss die Grosse Familie der Awá, mich als ihren Vertreter nach Europa zu schicken, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und internationale Unterstützung zu suchen. Die Reise wurde vom Observatorium für die Autonomie und die Rechte der Indigenen Völker Kolumbiens (Observatorio ADPI) ermöglicht und führt mit nach Belgien, Deutschland, Spanien, die Schweiz und weitere Länder.             

ASK: Kannst du uns erklären, wo das Volk der Awá lebt?
Francisco: Die Grosse Familie der Awá lebt im Südosten Kolumbiens und im Nordosten Ecuadors, im sogenannten biogeographischen Chocó, einer der an Biodiversität reichsten Gegenden der Welt. Die Grosse Familie der Awá umfasst vier Organisationen, darunter die UNIPA, der ich angehöre. Drei Organisationen sind aus Kolumbien, eine vertritt die Interessen der Awá in Ecuador.
Das Territorium der Awá umfasst 552‘650 Hektaren, der grösste Teil davon liegt in Kolumbien. Unser traditionelles Wohngebiet ist noch weitgehend tropischer Regenwald. Unser Volk umfasst im Moment 42‘060 Personen. Wir leben sehr verstreut, einzelne Familien leben 2, 3 Tagesmärsche von der nächsten Siedlung entfernt.

ASK: Du hast eingangs die humanitäre Krise und die Menschenrechtsverletzungen erwähnt. Was sind eure grössten Probleme?
Francisco: Unsere grössten Probleme und Menschenrechtsverletzungen lassen sich wie folgt zusammenfassen: wir sind vom internen bewaffneten Konflikt betroffen, von staatlicher Vernachlässigung von der lokalen bis zur nationale Ebene, von der Nicht-Anerkennung unserer Autonomie und indigener Rechtsprechung, unsere wirtschaftlichen und sozialen Rechte werden verletzt, unsere Bewegungsfreiheit vor allem in der Grenzregion ist eingeschränkt.
Im Jahr 2009 kam es zu zwei schweren Massakern, am 4. Februar 2009 im Resguardo Turtugaña Telembi, in der Gemeinde Barbacoas, wo 19 Awá ermordet wurden, auch Kinder. Das zweite Massaker fand am 26. August 2009 im Resguardo Gran Rosario in Tumaco statt, wo 13 Awá umgebracht wurden. Eines der Massaker wurde von den FARC verübt. Daneben gibt es sehr viele Ermordungen, allein die UNIPA verzeichnete in ihren Resguardos 2010 und 2011 über zwanzig Morde, 2013 waren es immer noch 17.
Die Awá sind auch stark durch gewaltsame Vertreibungen betroffen, sei dies direkt durch Massaker und Morde, durch die Auswirkungen von kriegerischen Handlungen und der Militarisierung des Territoriums, auf Grund von ökonomischen und strategischen Interessen wie Bergbau und Drogenhandel,  oder wegen der sozialen Not und humanitären Krise. Ein grosses Problem sind die Antipersonenminen, die die Bewegungsfreiheit massiv einschränken. Von 1993 bis 2013 wurden 151 Awás Opfer von Personenminen. Ebenso gibt es viele Fälle von Zwangsrekrutierungen, auch von Minderjährigen. Unsere Führungspersonen werden diffamiert, ungerechtfertigt beschuldigt, es kommt zu unrechtmässigen Festnahmen durch die Sicherheitskräfte.

ASK: Du hast wirtschaftliche und strategische Interessen angesprochen. Worum geht es da?
Francisco: Unser angestammtes Territorium Katsa Su leidet ebenfalls. So wird viel Holz geschlagen, durch illegalen Drogenanbau und Besprühungen geht ebenfalls viel Wald verloren, zudem kommt es dadurch zu Umweltverschmutzung. Unsere Ernährungssicherheit und –Souveränität ist durch die Drogenbekämpfung bedroht. Entlang der Transandinen Ölpipeline kommt es immer wieder zu Anschlägen und Rohrbrüchen, viel Rohöl gelangt in die Umwelt und verschmutzt Land und Gewässer. Nun sind wir auch durch Bergbau stark betroffen, v.a. durch illegalen Goldabbau, aber auch multinationale Konzerne haben grosse Konzessionen erworben oder beantragt. Zudem dringen Palmölfirmen mit ihren Plantagen immer weiter in unser Territorium ein, was zu weiterer Abholzung führt. Zur Durchsetzung dieser Interessen werden unsere Gemeinschaften unter Druck gesetzt, bedroht, bestochen, gespalten, mit schwerwiegenden Konsequenzen für unsere Kultur und den sozialen Zusammenhalt. Ebenso erleidet unser Territorium gravierende Umweltschäden, was unsere Ernährung gefährdet und zu Krankheiten führt, die wir früher nicht kannten. Unser Territorium ist also massiv bedroht, und damit unsere indigenen Kultur und Lebensweise und damit unser kulturelles und physisches Leben. Der Staat unternimmt nichts, um uns und unser Territorium zu schützen, er straft uns mit Vernachlässigung. Es gibt kaum Unterstützung im sozialen Bereich, in der Gesundheitsversorgung und der Bildung. Ein wesentlicher Teil unseres Territoriums ist noch nicht legalisiert oder wurde anderen Bevölkerungsgruppen zugesprochen. All dies führt dazu, dass wir eines der 34 Völker sind, die vom Aussterben bedroht sind, und vermutlich sind wir eines der gefährdetsten Völker.

ASK: Was könnt ihr angesichts dieser dramatischen Situation tun?
Francisco: Die Grosse Familie der Awá setzt sich deshalb für die Einheit des Volkes der Awá ein, für unsere Autonomie, für die Stärkung unserer Organisationsstrukturen und für den Erhalt unseres Territoriums und unserer Kultur. Wir fordern primär die Einhaltung der verfassungsmässigen Rechte und unserer Autonomie ein, z.B. den Respekt unserer Planes de vida

ASK: Der Staat vernachlässigt euch, versagt euch den notwendigen Schutz. Aber das Verfassungsgericht setzt sich stark für das Volk der Awá ein. Kannst du das näher ausführen?
Francisco: Tatsächlich hat das Verfassungsgericht in mehreren Beschlüssen den Staat aufgefordert, effektive Massnahmen zu unserem Schutz zu erlassen. Der kolumbianische Staat hat bisher keine der vom Verfassungsgericht verlangten Schutzmassnahmen wirklich umgesetzt, all die Verhandlungstische zwischen uns und der Regierung sind bisher mehrheitlich ergebnislos geblieben oder die Beschlüsse wurden danach nicht umgesetzt. Mit dem Auto 004 von 2009 (Beschluss 004) hielt das Verfassungsgericht fest, dass es 34 indigene Völker gibt, die vom Aussterben bedroht sind. Eines davon sind wir, die Awá. Basierend auf diesem Auto wurde der Plan Salvaguarda Etnico Awá erarbeitet, und der Verhandlungs- und Einigungstisch eingerichtet. Zwei Jahre später doppelte das kolumbianische Verfassungsgericht mit dem Auto 174 nach, da sich die verfassungswidrige Situation für das Volk der Awá verschärfte. Dieses Auto bezog sich exklusiv auf die Awá, was die Dramatik unserer Lage wiederspiegelt. Darauf basierend entstand der Plan de Prevención, Urgencia, Reacción y Contingencia del Pueblo Awá. Am 9. September 2013 führte das Verfassungsgericht eine Anhörung zum Stand der Umsetzung der angeordneten Massnahmen durch, und angesichts der Nichterfüllung der staatlichen Pflichten wurden wir zum Volk mit dem grössten Risiko der physischen und kulturellen Ausrottung erklärt.

ASK: Was sind konkret die Ziele dieser Reise?
Francisco: Wie schon eingangs erwähnt, versuchen wir mit dieser Informations- und Lobbyrundreise  solidarische Netzwerke  und Allianzen aufzubauen, um unsere humanitäre Krise international bekannt machen zu können. Insbesondere wollen wir die andauernde Nichterfüllung der staatlichen Pflichten aus den Autos 004 und 174 vor internationalen Instanzen anprangern. Ganz besonders am Herzen liegt uns der dritte Vorschlag, nämlich der Aufbau einer internationalen permanenten Beobachtungsmission (Veeduría internacional) , v.a. aus europäischen Organisationen und Persönlichkeiten, um ein Follow-up der verschiedenen Verpflichtungen zu machen, wie dem Nationalen Rettungsplan der Awá, den Ergebnissen des Einigungstisches mit der Regierung usw. Es ist uns wichtig, diese Internationale Präsenz garantieren zu können. Das Observatorio ADPI hat sich bereit erklärt, eine Art Sekretariat für diese Veeduría

ASK: Noch eine letzte Frage: Wie ist dein Besuch in der Schweiz verlaufen, was nimmst du von hier an Eindrücken mit?
Francisco: Ich bin beeindruckt von der Gastfreundschaft und der Solidarität der Personen, die ich hier getroffen habe. Was mich besonders berührte war, hier Freunde meines Volkes zu treffen, die z.T. schon vor mehr als 15 Jahren in Nariño arbeiteten und sich für mein Volk einsetzten, v.a. Leute der Betlehem Mission Immensee. Ich konnte wichtige Kontakte zu solidarischen Menschen und Organisationen knüpfen. Ganz wichtig waren auch die Kontakte in Genf, wir konnten unseren Bericht verschiedenen Instanzen wie dem Büro des UN Sonderberichterstatters für indigene Völker, dem UNO Hochkommissariat für Menschenrechte sowie den zuständigen Organen in der Internationalen Arbeitsorganisation ILO überreichen. An dieser Stelle möchte ich nebst der ASK auch Incomindios und RIDH für ihre Mithilfe herzlich danken!

ASK: Francisco, wir wünschen dir für deine weitere Reise weiterhin viel Erfolg und alles Gute!          

Weitere Informationen zur Rundreise und zur erwähnten Studie auf:

http://www.observatorioadpi.org/  

S.O.S. A LA ONU Y LA CORTE PENAL INTERNACIONAL SOBRE EL EXTERMINIO DEL PUEBLO AWÁ DE COLOMBIA

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com