02/29/12

Unter Präsident Santos hat sich die Situation für Gewerkschaften nicht gebessert

29.02.2012 | Stephan Suhner

Alvaro Vega, Präsident der Gewerkschaftsdachverbandes CUT (Central Unitaria de Trabajadores de Colombia) im Departement Valle, war Mitte Februar 2012 auf Einladung des Solifonds zu Besuch in der Schweiz. Diese CUT Sektion ist mit 38'000 Mitgliedern eine der wichtigsten Sektionen und liegt in einer wirtschaftlich bedeutenden, aber auch schwer von der Gewalt gebeutelten Region. Die ASK hatte die Gelegenheit, mit Alvaro in Bern ein Gespräch zu führen. 

ASK: Wie ist die Lage für die Arbeiter und die Gewerkschaften unter der Regierung Santos?

Trotz der verschiedenen Versprechen der Regierung Santos hat sich unsere Situation nicht gebessert. Die soziale Krise hält an, es gab viele Entlassungen gerade im Departement Valle, wir schätzen dass 2011 mehrere Tausend Arbeitsplätze verloren gingen. Ganze Unternehmen werden geschlossen und unter neuem Namen wieder eröffnet, um Kosten zu senken und Gewerkschaften zu zerschlagen. Wenn überhaupt neue Arbeitsplätze geschaffen werden, dann zu sehr prekären Bedingungen. Die Arbeitslosenzahlen, die die Regierung veröffentlicht, sind manipuliert. Santos sagt, er wolle das Jahr 2012 mit einer nur mehr einstelligen Arbeitslosenrate beenden. Wir glauben nicht daran, denn die Arbeitslosigkeit beträgt aktuell sicher 15% oder mehr. Die Krise ist auf der Strasse massiv spürbar, einerseits durch viele Überfälle und Diebstähle, andererseits aber auch durch die grosse Zahl von Menschen, die an einer Strassenampel ihr Auskommen suchen. Es gibt einen eigentlichen Krieg um die "Arbeitsplätze" an Kreuzungen und Ampeln, die Plätze sind belegt und werden notfalls mit Gewalt verteidigt!

ASK: Ist es denn immerhin nun weniger gefährlich, sich gewerkschaftlich zu organisieren, können Gewerkschaften leichter gegründet werden?

Nein, es ist immer noch sehr schwierig, neue Gewerkschaften zu gründen, respektive die bestehenden Mitglieder wie auch die Gesamtarbeitsverträge zu verteidigen. Obwohl wir einen ehemaligen Gewerkschafter und Arbeitsminister als Vizepräsidenten des Landes haben, können multinationale Konzerne weiterhin beinahe ungestraft die kolumbianische Gesetzgebung und internationale Arbeitsnormen verletzen. Vor allem die ILO-Konventionen 87 und 98 (Vereinigungsfreiheit, respektive Recht auf kollektive Verhandlungen) werden systematisch verletzt. Wir haben aber seitens der CUT grosse Anstrengungen unternommen, um auch bisher unorganisierte oder neue Sektoren zu organisieren. Und wir können einige Erfolge verzeichnen, so ist es uns in Cali gelungen, die Angestellten des Schnellbussystems zu organisieren, sie gründeten die Gewerkschaft SINTRAMASIVO (Sindicato Nacional de Trabajadores del Sistema de Transporte Masivo). Nun versuchen wir auch die Angestellten des Transmilenio in Bogotá zu organisieren. Ebenso ist es uns gelungen, Angestellte von Saludcoop zu organisieren, die eine schwere Krise durchmachen, das heisst, die Krise des Gesundheits- und Versicherungssystems schlägt sich direkt auf die Angestellten nieder. Diese neuen Gewerkschaften haben sich auch sehr schnell an den Protestaktionen von 2011 beteiligt und haben zum Beispiel die StudentInnenmärsche unterstützt.

Das ist die positive Seite, dass wir es immer noch schaffen, neue Gewerkschaften zu gründen. Die negative Seite ist der enorm hohe Preis, den wir dafür bezahlen! Nach der Gründung von SINTRAMASIVO im Dezember 2010, wurden die Gründungsmitglieder dieser neuen Gewerkschaft, aber auch wir Führungspersonen der CUT Valle, massiv bedroht. Diese Bedrohungssituation hält bis heute an, viele von uns können nicht mehr zuhause wohnen. Die Anzeigen, die wir machten, haben keine schnellen und effizienten Untersuchungen der Staatsanwaltschaft zur Folge gehabt, so dass wir bis heute nicht wissen, woher die Drohungen stammen. Diese Unsicherheit und Bedrohungslage machen einem schwer zu schaffen![1]

ASK: Du hast erwähnt, dass die Gewerkschaften sich auch stark zu Megaprojekten engagieren. Wie ist diesbezüglich die Situation im Valle?

Im Valle haben wir vorallem ein Megaprojekt. Es handelt sich um den Zuckerrohranbau für die Ethanolproduktion. Die letzten landwirtschaftlichen Flächen werden dafür herangezogen, Nahrungsmittelproduktion und eigenständige Campesinos gibt es praktisch nicht mehr. Die Zucker- und Ethanolfabriken kaufen heute das Land nicht mehr, sie pachten es. In den letzten Jahren haben sie so Pachtverträge über 240'000 Hektaren abgeschlossen und bezahlen den Kleinbauern die Produktion mehrerer Jahre im Voraus. Sie scheinen sich der Rentabilität der Biospritproduktion auf lange Frist sehr sicher zu sein!

ASK: Wie ist denn die aktuelle Lage im Agrotreibstoffbereich?

Durch den Zwangskonsum an Ethanol im Benzin ist die Rentabilität für die Ingenios (Zuckerfabriken) gesichert. Aktuell werden 1,3 Millionen Liter Ethanol pro Tag produziert. Ethanol für Fahrzeuge zu produzieren ist viel rentabler als Zucker herzustellen. Dafür importieren wir nun Zucker zum Beispiel aus Brasilien, der von den Zuckerfabriken im Valle dann neu abgepackt wird. Trotz tiefer Weltmarktpreise ist der importierte Zucker in Kolumbien dann im Verkauf  teurer als im Ausland. Für die Ethanolproduktion wird gentechnisch verändertes Zuckerrohr verwendet, welches ergiebiger ist. Die Zuckerrohrstengel sind auch schwerer als die der herkömmlichen Sorten, was die Arbeitsbelastung der Zuckerschneider erhöht, da sie immer noch dieselbe Fläche pro Tag ernten und dabei mehr Gewicht schleppen müssen, ohne mehr zu verdienen. Ihre Situation hat sich seit der Gründung der Gewerkschaft Sintracorteros und den langen Streiks 2009 nicht grundlegend verbessert.

ASK: Wie seht ihr im Valle die massive Ausdehnung des Bergbaus?

Es gibt in unserer Gegend ja noch kaum grosse Minen. Wir haben Compañeros der CUT in den grossen Kohlenminen in Nordkolumbien. Die dortigen Gewerkschaften sind sehr mutig und führen wichtige Kämpfe gegen die Leiharbeitsfirmen und gegen die Mutterkonzerne. Nach langen Arbeitskämpfen ist es gelungen, in einigen dieser Untervertrags- und Leiharbeitsfirmen Gewerkschaftssektionen zu gründen und Verhandlungen über Gesamtarbeitsverträge auszuhandeln. Die Firmen tun aber alles, um dies zu verhindern und viele Compañeros wurden entlassen! Wegen diesen schlechten Arbeitsbedingungen und der geringen Arbeitsplatzschaffung bei riesigen Produktionsvolumen stehen wir dieser Art von Bergbau skeptisch gegenüber. Die Kosten für die Allgemeinheit, für die Umwelt etc., sind enorm, wie unter anderem der Landverbrauch und die Verschmutzung der Gewässer. Darüber hinaus muss der Grossbergbau zu wenige Abgaben an den Staat bezahlen, die externen Kosten werden nie gedeckt. Wir haben zudem einige Untersuchungen machen können, respektive sind an Resultate von Studien herangekommen, die zeigen, dass häufig andere oder mehr Mineralien gesucht und abgebaut werden, als von den Firmen deklariert wird. In vielen Goldminen gibt es eine grosse Zahl seltener Metalle, und im Hochmoor Santurbán in Santander ist zum Beispiel in Wahrheit die Gewinnung von Coltan viel wichtiger als das Gold! Wegen all dieser Probleme haben wir grosse Bedenken gegenüber dem Bergbau. Im Valle beobachten wir vor allem den Goldabbau in kleinen Minen und Flüssen, zum Teil durch traditionelle afrokolumbianische Goldwäscher, immer mehr aber auch durch illegale Unternehmer. Der Cauca-Fluss ist u.a. durch die vielen Minen viel stärker sedimentiert und zusammen mit der Begradigung des Flusslaufes führt dies zu stärkeren Überschwemmungen. Die Rechte der traditionellen Bergbaugemeinschaften müssen geschützt werden. Der illegale, irrationale und zerstörerische Goldabbau hingegen muss gestoppt werden. 

ASK: Welche Entwicklungen erwartest du in der näheren Zukunft?

Auf die Regierung setzen wir keine grosse Hoffnung, die vergangenen eineinhalb Jahre haben uns ihren wahren Charakter gezeigt. Wir setzen auf die Kreativität des kolumbianischen Volkes bei Protesten und Mobilisierungen, wir hatten im 2011 erfolgreiche Massenbewegungen wie der Volkskongress in Cali und die Mobilisierungen der Studierenden. Darauf wollen wir für 2012 aufbauen! Die schon bestehenden Allianzen mit den Indigenen, mit Vertriebenen, StudentInnen usw. müssen wir unbedingt stärken und weitere Mobilisierungen organisieren! Des Weiteren ist es wichtig für uns, dass man im Ausland weiss, wie und durch wen unsere Rechte verletzt werden. Ich bin deshalb sehr froh, dass ich hier sein und den Schweizerinnen und Schweizern davon berichten kann. Ohne die internationale Solidarität wäre unser Kampf noch viel schwieriger. Gerade in der Schweiz spüren wir eine grosse Anteilnahme an unseren Kämpfen und erhalten wertvolle Unterstützung. Dank den Beiträgen des Solifonds konnten wir zum Beispiel mehrere Seminare durchführen, um neue Führungspersonen der Gewerkschaft auszubilden. Ganz besonders konnten wir dank dieser Unterstützung auch Frauen in unseren Gewerkschaften fördern. Das sind Beispiele dafür, weshalb wir trotz allem die Hoffnung nicht verlieren.

ASK: Alvaro, wir danken dir für dieses Gespräch und wünschen dir und deinen Mitkämpfern alles Gute und viel Kraft!

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[1] Wenige Tage nach diesem Interview wurde in Cali Efraín Amezquita, Mitglied von SINTRAMASIVO, ermordet. Bis Ende Februar 2012 wurden also im laufenden Jahr schon 5 Gewerkschafter allein im Valle ermordet.

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com