05/30/11

Frauen in Kolumbien – unsichtbare Opfer des bewaffneten Konfliktes

30.05.2011

Die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen wird im bewaffneten Konflikt Kolumbiens systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Zu dieser Aussage gelangt eine Studie, die in Zusammenarbeit verschiedener Nichtregierungsorganisationen [1] entstand. Demnach wurden zwischen 2001 und 2009 489.687 Frauen direkte Opfer von sexueller Gewalt durch einen der diversen bewaffneten Akteure im Konflikt. 82,15% dieser Vergehen wurden von den Frauen nicht denunziert.

Ungleichheit und Diskriminierung
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Frauen in Kolumbien sozio-ökonomisch immer noch stark benachteiligt werden, patriarchale Strukturen in der Gesellschaft verwurzelt sind und allgemein ein erhebliches physisches und psychisches Gewaltpotenzial vorherrscht. 60 -70% aller Kolumbianerinnen wurden Schätzungen zu Folge schon mal Opfer von verbaler, psychischer, physischer oder sexueller Gewalt bei der der Täter aus dem weiteren Familienkreis stammte. Doch auch hier werden bis zu 90% aller Delikte nicht denunziert. Die Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit, welche aus der benachteiligten sozio-ökonomischen Situation hervorgehen sowie die vorherrschenden patriarchalen Strukturen verhindern eine vollumfängliche Emanzipation und Autonomie der Frauen. Der bewaffnete Konflikt hat die Situation der Frauen in Kolumbien noch zusätzlich und in dramatischer Weise verschärft.

Um ihre militärischen Ziele zu erreichen, werden die Frauen durch die verschiedenen Akteure im bewaffneten Konflikt instrumentalisiert. Die sexuelle Gewalt wird als Waffe systematisch eingesetzt. Verschiedenste Formen der sexuellen Gewalt, welche von Vergewaltigung bis hin zu sexueller und häuslicher Versklavung führt, werden zur Einschüchterung und Erniedrigung des Gegners eingesetzt. Aber auch Kontrolle und Regulierung des Soziallebens, Vergeltung oder Strafe für vermeintliche Unterstützung einer gegnerischen Gruppierung werden als Ziele sexueller Gewalt verfolgt.

Sexuelle Gewalt im kolumbianischen Konflikt tritt alsdann nicht sporadisch auf, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine generalisierte und systematische Praktik aus. Die sexuelle Gewalt muss somit als „normaler“ Aspekt der diversen Menschenrechtsverletzungen im bewaffneten Konflikt gedeutet werden. Durch die generalisierte und systematische Art der sexuellen Gewalt seitens aller Akteure im bewaffneten Konflikt einerseits, sowie durch deren Einsatz als Waffe als Teil einer breiteren Strategie Angst und Terror unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten andererseits, erfüllen diese Verbrechen die Kriterien um als Verbrechen gegen die Menschlichkeit deklariert zu werden.[2] 

Zweifache Opfer
Die Straflosigkeit, die diese Verbrechen umgibt macht die Frauen ein zweites Mal zu Opfern. Das Versagen der Behörden und des Justizapparates bei der Aufklärung der Verbrechen, sowie die Angst vor Vergeltungsmassnahmen sowie Scham- und Schuldgefühle und gefürchtete Stigmatisierung führen dazu, dass eine erschreckende Mehrheit dieser Verbrechen nicht denunziert wird. Institutionelle Schwäche, Unerfahrenheit im Umgang mit Sexualdelikten, das grosse Misstrauen gegenüber den Behörden sowie die soziale Akzeptanz dieser Gewaltform sind somit die Hauptgründe dafür, dass die Frauen keine Anzeige erstatten. Die Frauen, die die Verbrechen trotzdem denunzieren laufen Gefahr erneut zu Opfern zu werden, dieses Mal zu Opfern des Justizapparates, in welchem die Vorurteile gegenüber Sexualdelikten reproduziert werden. Diskriminierung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen enden nach dem eigentlichen sexuellen Übergriff oftmals nicht und können sich in Form von Abhängigkeiten, Drohungen, soziale Stigmatisierung, Verfolgung und Vertreibung fortsetzten.

Sexuelle Gewalt ist denn auch einer der Hauptgründe für die interne Vertreibung von Frauen. Doch gerade in ihrer Situation als Vertriebene befinden sich die Frauen erneut in einer risikoreichen und von Unsicherheit geprägten Situation, und laufen grosse Gefahr erneut Opfer sexueller Übergriffe zu werden. Die Straflosigkeit und Unsichtbarkeit dieser Verbrechen führen somit zu einer ständigen Perpetuierung, ein Teufelskreis. Ihrer Verpflichtung die Zivilbevölkerung zu schützen, kommt die kolumbianische Regierung demnach auch hinsichtlich dieser Opfergruppe nicht nach.
Ungleichheit und Diskriminierung der Frauen sind in der kolumbianischen Gesellschaft tief verwurzelt. Die zusätzlich Ausbeutung und sexuelle Gewalt im Kontext des bewaffneten Konfliktes führen zu unermesslichen psychischen, physischen und sozialen Folgen.

Menschenrechtsverteidigerinnen
Als Reaktion auf die Verletzung ihrer Rechte, die Diskriminierungen und die Gewalt haben die Frauen begonnen sich in Gruppen und Vereinigungen zu organisieren um die Wahrung ihrer Rechte einzufordern. Die Bewegung hat zur Sensibilisierung für das Problem beigetragen und die politischen Akteure dazu gezwungen Gesetze zum Schutz der Frauen auszuarbeiten (z.B. Beschluss 092 von 2008 durch das Verfassungsgericht). Zudem erbringen viele dieser Frauengruppen die notwendige, von staatlicher Seite nicht geleistete professionelle Unterstützungsarbeit für die Opfer von sexueller Gewalt (z.B. psychologische und juristische Beratung). Gerade durch diese Arbeit, setzten sich diese Frauen (wie auch alle anderen Menschenrechtsverteidiger in Kolumbien) erneut Drohungen, Beschuldigungen und Verfolgung aus.

Obwohl auf gesetzlicher Ebene hinsichtlich des legalen Schutzes der Rechte der Frau in den letzten Jahren einige Fortschritte erzielt wurden, ist der Schutz noch heute nicht vollständig und die praktische Umsetzung weit von der normativen Gesetzgebung entfernt. Auch werden gerade Sexualdelikte im Kontext des bewaffneten Konfliktes durch die Regierung immer noch als zweitrangiges Problem betrachtet. Nichtsdestotrotz wird die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen als systematische und weitverbreitet Praktik im Konflikt durch den Beschluss 092 von 2008 durch das Verfassungsgericht offiziell anerkannt. Dadurch wird die Regierung aufgefordert Massnahmen betreffend des Schutzes der Rechte der Frauen, vor allem auch der vertriebenen Frauen zu ergreifen. Dieser Beschluss wird denn auch durch verschiedene Menschenrechtsorganisationen als Meilenstein in der jüngsten Geschichte Kolumbiens gefeiert, da die Frau darin zum ersten Mal als rechtliches und politisches Subjekt anerkannt wird.

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[1] Oxfam, Casa de la Mujer, Sisma Mujer, Colectivo de Abogados José Alvear Restrepo

[2] www.oxfam.org/sites/www.oxfam.org/files/bp-sexual-violence-colombia-sp.pdf, S. 3.

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

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