03/01/12

Selbstauferlegte Zensur

01.03.2012 | von Ann-Seline Fankhauser

Anfang Februar stellte die Stiftung für Pressefreiheit FLIP (Fundación para la libertad de prensa) ihren jährlichen Bericht[1] über die Situation der Pressefreiheit in Kolumbien vor. Die FLIP zeigt sich besorgt über die weitverbreitet Angst unter den Journalisten in den Regionen, welche sich immer öfters in einem selbstauferlegten Schweigen der lokalen Medien zu gesellschaftsrelevanten Themen äussert.

Ein düsteres Panorama für die Pressefreiheit

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen findet sich Kolumbien auf dem 143. Rang von insgesamt 179 Ländern.[2] Dieses schlechte Resultat wird durch den Jahresbericht der FLIP nur noch bestätigt. Auch wenn die Ermordung von Journalisten während den letzten 10 Jahren zurückgegangen ist (2001: 9 Morde, 2011: 1 Mord), so hat sich doch die Gesamtsituation zur Ausübung des Berufes keineswegs verbessert. Durch Drohungen und Einschüchterungen werden die Journalisten an der freien Ausübung ihres Berufes gehindert, dadurch wird sowohl das Recht auf freie Meinungsäusserung sowie auch das Recht auf Information der Bevölkerung massiv eingeschränkt.

Die FLIP dokumentierte für das Jahr 2011 insgesamt 131 Angriffe auf die Pressefreiheit in Kolumbien. Insgesamt wurden 94 Drohungen gegen Journalisten ausgesprochen - die höchste Zahl der letzten 6 Jahre -, in 9 Fällen wurden Journalisten davon abgehalten ihre Arbeit auszuführen und in 18 Fällen kam es zu psychischer oder physischer Gewaltanwendung. Weiter wurden 2 Attentate auf Medien verübt, 2 Journalisten wurden gezwungen ins Exil zu gehen und in Urabá wurde Luis Eduardo Gómez aufgrund seiner Tätigkeit als Journalist ermordet. Auch die öffentliche Stigmatisierung (2 Fälle) von Journalisten oder die illegale Inhaftierung (2 Fälle) schränken die Arbeit der kolumbianischen Journalisten ein.

Bei einem Grossteil der Fälle bleiben die Aggressoren anonym (28%). Auffällig ist, dass für 18% der Fälle im 2011 Politiker verantwortlich sind. Diese sehr hohe Ziffer lässt sich wohl dadurch erklären, dass das 2011 ein Wahljahr war und somit noch mehr politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel waren als normalerweise. Drohungen und Gewalt gegen Journalisten durch illegale kriminelle Banden (bacrim) haben sich seit 2010 (9 Fälle) praktisch verdoppelt (2011: 17 Fälle). 2011 konnten für 15% aller durch die FLIP registrierten Fälle diese neuen paramilitärischen Gruppen verantwortlich gemacht werden. Die FLIP befürchtet, dass gerade die Bedrohung durch die bacrim im 2012 weiter zunehmen wird, da von einer weiteren Ausbreitung und Konsolidierung dieser Gruppen auszugehen ist.

Selbstauferlegte Zensur in den Regionen

Der Stiftung zu Folge lässt sich in den Regionen ein Phänomen beobachten, das mit "selbstauferlegter Zensur" bezeichnet werden kann. Vor allem in vom bewaffneten Konflikt stark betroffenen Regionen meiden Journalisten die Bearbeitung gewisser Themen, um sich selbst und ihre Familien nicht in Gefahr zu bringen. Vor allem Themen wie Korruption, Parapolitik, Drogenhandel und aussergerichtliche Hinrichtungen werden von den Journalisten praktisch komplett gemieden.

Doch nicht nur die Gewalt und die damit einhergehende Angst und Autozensur der Journalisten schränkt die Pressefreiheit massiv ein. Die in Kolumbien vorherrschende Straflosigkeit trägt das Ihre zur selbstauferlegten Einschränkung der Berufsausübung bei. Die Untätigkeit der Justiz spiegelt sich in den nachfolgenden Zahlen wider: Seit 1977 wurden 139 Morde an Journalisten begangen, doch nur gerade in 17 Fällen kam es zu einem Strafurteil. 57 Fälle sind unterdessen verjährt, deren 8 alleine im 2011.

Zudem wird die Justiz auch immer wieder dazu missbraucht, journalistische Nachforschungen zu behindern oder gar zu verhindern und so den Journalisten Maulkörbe zu verpassen. So wurde 2011 der Journalist Luís Agustín González zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt, für einen angeblich beleidigenden und verleumdenden Artikel aus dem Jahre 2008 über eine Lokalpolitikerin.

Aufgrund der weitverbreiteten Angst unter den Journalisten vor Gewalt und Repression in den Regionen, werden somit verschiedene gesellschaftspolitisch relevante Themen in den Lokalmedien nicht abgedeckt. Die von dieser Autozensur am stärksten betroffenen Departemente sind Antioquia, Cauca, Cesar und Magdalena. Jene Departemente also, die auch eine weitverbreitete Präsenz illegaler bewaffneter Gruppierungen aufweisen.

Die Pressefreiheit und das Recht der Bevölkerung auf Information werden dabei nicht nur durch das selbstauferlegte Schweigen der Journalisten eingeschränkt. Auch die durch die Medienbesitzer, die oftmals mit der Lokalpolitik verbandelt sind, vorgegebenen Richtlinien für die Medienarbeit verunmöglichen die frei Meinungsäusserung und somit einen unabhängigen Journalismus. Hier kommt also ein weiteres Moment der Zensur hinzu. Korruptionsfälle in den Institutionen und Administrationen der Regionen werden dadurch so gut wie nie thematisiert.

Kritischer, unabhängiger Journalismus in den Regionen ist zu einer Utopie geworden und wird seit Jahrzehnten mit Morddrohungen und Gewalt beantwortet. Direkte Leidtragende der Selbstzensur der Journalisten, ist die Bevölkerung. Die Desinformation der Bevölkerung birgt, der FLIP zur Folge, eine eigentliche Gefahr für die Demokratie und stellt eine Menschenrechtsverletzung dar, nämlich des Rechts auf Meinungs- und Informationsfreiheit. Kommen die Medien, im Sinne einer "vierten Gewalt", ihrem Informationsauftrag nicht mehr nach, so wird die freie politische Meinungs- und Willensbildung der Bürger verunmöglicht. Eine unabhängige und kritische Informierung durch die Medien bildet die eigentliche Basis der Demokratie. Dieser Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft kommen die Journalisten in den Regionen nicht mehr nach. Durch die Autozensur sind sie ungewollt zu Komplizen der Zensoren geworden.

Herausforderungen 2012

Vor allem in Zusammenhang mit den geplanten Landrückgaben im Rahmen des Opfergesetzes sieht die FLIP grosse Herausforderungen für den kolumbianischen Journalismus. Einerseits sind die Opfer auf die Presse angewiesen, um über allfällige Entscheide und Vorgänge der insgesamt acht Institutionen, die in den Rückgabeprozess involviert sind, informiert zu sein, und so auch die für die Einforderung ihrer Rechte nötigen Schritte unternehmen zu können. Andererseits befürchtet die FLIP eine Zunahme der Drohungen und der Gewaltanwendung gegenüber einzelnen Journalisten, die die Landrückgabeprozesse in ihrer Berichterstattung abdecken. Dass die Landrückgabeabsichten der Regierung Santos viele Feinde hat, hat sich schon im Verlaufe des Jahres 2011 gezeigt. Insgesamt 15 Anführer von Opferbewegungen, die ihr Land zurückforderten, wurden ermordet und viele mehr bedroht. 

Bezüglich des Schutzes bedrohter Journalisten durch die Regierung muss sich erst zeigen, ob die Gründung des neuen Schutzprogramms (Unidad nacional de protección, UNP), Besserung bringen wird.

Möglichkeiten die Zensur zu umgehen und auch politisch heikle Themen aufzugreifen, sieht die FLIP im digitalen Journalismus. Die finanzielle und ideelle Unabhängigkeit, welche diese Form des Journalismus ermöglicht, könnten eine neue Themenfreiheit bringen, welche das Wiedererlangen der Meinungs- und Informationsfreiheit  ermöglichte.

DOWNLOAD PDF


[1] Fundación para la libertad de prensa (FLIP), ¿La censura en las regiones llegó para quedarse?, Informe sobre el estado de la libertad de prensa en Colombia 2011, http://www.flip.org.co/resources/documents/2b6d51e2c5bbb78c3f17db0f34491ada.pdf

[2] http://www.reporter-ohne-grenzen.de/ranglisten/rangliste-2011/?no_cache=1

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

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www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com