09.12.2010

Communique der Diözese Tumaco

09.12.2010 | übersetzt von Stephan Suhner

Wenn Mitarbeiter der Diözese Gemeinschaften an der Pazifikküste Nariños besuchen, treffen sie oft auf Angst, Depression und Müdigkeit aufgrund von Leid, Ungewissheit und Verzweiflung. Und dann fragen sich die Pastoralarbeiter, was sie noch tun und sagen können, damit sich diese tragische Situation ändert. Früher war es wegen der schlechten Wirtschaftssituation und mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten
üblich, dass Jugendliche die Region vorübergehend verliessen – die Familien blieben. Heute werden jedoch ganze Familien entwurzelt, da sie keine Zukunft in ihrer Heimat sehen, weil sie bedroht und erpresst werden, weil ihnen die Besprühungen das letzte Brot wegnehmen, weil sie verleumdet und ermordet werden, weil ihre Kinder zwangsrekrutiert werden, weil es weder Arbeit noch Ruhe gibt. Viele Gemeinschaften zerbrechen, die Pazifikküste Nariños verblutet. Und es ist nicht, weil die Bewohner feige wären, aber die Übergriffe sind zu zahlreich.

In diesem Jahr 2010 geschah unter anderem Folgendes:

  • Bis Ende Oktober ereigneten sich in Tumaco 203 Morde, ein leichter Rückgang gegenüber 2009. In anderen Gemeinden der Küste hat sich die Gewalt hingegen verschärft: in El Charco mit nur gerade 26‘000 Einwohnern wurden zwischen September und November mindestens 14 Personen ermordet. In Barbacoas ereigneten sich im Oktober 3 Massaker mit 18 Opfern.
  • Verschiedene illegale bewaffnete Gruppen führten Bombenanschläge in Barbacoas, Roberto Payán, El Charco, Tumaco und Llorente durch, v.a. mit zivilen Opfern.
  • In den Vierteln der Gemeinden vervielfachten sich die Anzahl an bewaffneten Gruppen und Banden. Sie setzen sich überwiegend durch Jugendliche zusammen, diegewaltsam rekrutiert wurden.
  • Von den 15 gewaltsamen Vertreibungen im Departement Nariño ereigneten sich 14 in Gemeinschaften der Pazifikküste.
  • 73 Personen wandten sich an eine der Pfarreien der Diözese, weil sie wegen Drohungen Tumaco verlassen mussten - darunter viele Lehrer, Gewerkschafter und Gemeinschaftsführer. Viel mehr flüchten aber zudem, ohne etwas zu sagen, da sie durch die Bedrohungen zu stark eingeschüchtert sind. Wo soll man Schutz finden, wenn die Behörden in die Verbrechen involviert sind, wie der Fall von sechs Marinesoldaten zeigt, die im Oktober wegen der Zusammenarbeit mit Paramilitärs festgenommen wurden.
  • Der Bestand der Sicherheitskräfte wurde in Nariño von 6000 auf 14'000 Mann erhöht. Trotzdem gibt es kaum einen Fluss, kaum eine Gemeinschaft, die nicht einen illegalen, bewaffneten „Besitzer“ hätte, der alles überwacht, kontrolliert und sein Gesetz durchsetzt.
  • In den vergangenen Monaten wurde das ländliche Gebiet der Diözese Tumaco mehrfach mit Chemikalien besprüht, mit schweren Folgen für die menschliche Gesundheit und das Ökosystem. Seit Oktober 2009 bis März 2010 reichten die Gemeinschaften 2'200 Klagen wegen Verlust der Nahrungspflanzungen ein, mehr als drei Mal so viel wie in der gleichen Zeitspanne im Jahr 2008.

 

Diese eben präsentierte Liste ist unvollständig und gibt nur einen Teil der Realität wieder. Die offiziellen Daten sind wenig vertrauenswürdig und es gibt eine grosse Dunkelziffer. Die staatlichen Zahlen versuchen die Situation zu beschönigen, besonders aufgrund der wirtschaftlichen
und touristischen Interessen in Tumaco.

Bei dem düsteren Panorama, trotz all dem Leid, das der bewaffnete und soziale Konflikt, den die Region seit zehn Jahren erleidet, mit sich bringt, erstaunt immer wieder, wie viele Kinder,Frauen und Männer, Indigene und Afrokolumbianer, gegen die Kultur des Todes und gegen die Verachtung der menschlichen Würde Widerstand leisten und in den Flussgebietenüberleben. Sie beginnen immer wieder von vorne, kämpfen dafür, ihre Familien durchzubringenund suchen nach Alternativen, um Leben und Fröhlichkeit aufzubauen. Darin zeigt sichauch die Stärke einer Bevölkerung, die über eine Jahrhunderte alte Erfahrung im Überlebenverfügt. Immer wieder durchbrechen Gemeinschaften die Angst und die aufgezwungeneStille und gehen auf die Strasse, um das Recht auf Leben zu verteidigen. Die PazifikküsteNariños ist eingeschüchtert und deprimiert, aber sie gibt nicht auf und weigert sich, in dieser Gewalt zu leben, auch wenn ihre Proteste in Bogotá meistens nicht gehört werden.

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