04/29/14

Zunahme der Säureangriffe in Kolumbien

29.04.2014 | Von Regula Fahrländer

21 Säureangriffe, das ist die Bilanz der ersten Monate im Jahr 2014. Dass in Kolumbien Frauen und Männer vermehrt Opfer von Säureattacken werden, war bis anhin ein in der Öffentlichkeit selten diskutiertes Gesellschaftsproblem, und dennoch weit verbreitet. Nachdem Familie und Bekannte des Opfers einer Säureattacke am vergangenen 28. März eine Medienoffensive übers Internet lanciert haben, fällt plötzlich Aufmerksamkeit auf ein dunkles Kapitel der kolumbianischen Gesellschaft.

Am 28. März wurde im Norden von Bogotá Natalia Ponce de León mit Säure attackiert. Dabei erlitt sie Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf 37% ihres Körpers. Familie und Freunde haben daraufhin eine mediale Kampagne lanciert, und viel Bekanntheit erlangt. Innerhalb von zwei Wochen hat die Facebook-Seite „Todos con Natalia Ponce“ fast 40‘000 likes erreicht, in mehreren Städte des Landes fanden Proteste auf der Strasse statt, eine Internetpetition von Avaaz sammelt Unterschriften für eine striktere Gesetzgebung[1] und die Medien in aller Welt berichten. Es scheint, als habe dieser Fall das Fass zum Überlaufen gebracht.

Dieses Fass ist in Kolumbien seit langem bis zum Rande gefüllt. Der Gerichtsmedizin zufolge kam es 2013 in Bogotá zu 36 Säureangriffe, in 24 Fällen waren die Opfer weiblich, bei 12 männlich[2]. Andere Quellen berichten von einem Fall pro Woche in Bogotá[3]. Nach Angaben des Internetportals Feminicidio.net ist Kolumbien gar das Land mit den meisten Säureattacken pro EinwohnerInnenzahl[4], Zahlen die etwas gar hoch scheinen. Sicher ist, dass es seit dem Angriff auf Natalia Ponce de León bereits zu weiteren Fällen kam. In Medellín ging ein Fall tödlich aus: Der 22-jährige Alejandro Correa verstarb wenige Stunden nachdem er am 9. April mitten auf der Strasse mit Säure angegriffen wurde.

Säure-Attacken Gesetzesentwurf wartet auf Implementierung
Aufgrund des Medienechos und der sozialen Proteste sieht sich die Regierung Kolumbiens nun gezwungen, ernsthafte Massnahmen zur Bekämpfung von Säure-Attacken zu versprechen. Bereits gibt es eine Hotline für Opfer und nun soll der Verkauf von Säure strikter gehandhabt werden. Eine Erhöhung der Strafe wird verhandelt. Im Parlament wurde das Thema besprochen, und auch Präsident Juan Manuel Santos hat sich zu den Säureangriffen gemeldet. Er forderte die Polizei dazu auf, schlagkräftig gegen die TäterInnen vorzugehen und versprach eine Belohnung von 75 Millionen kolumbianischen Pesos (35‘000 sFr.) für Information die zur Identifikation und Festnahme von Verantwortlichen führt.[5] Einzig der Generalstaatsanwalt Alejandro Ordoñez hat eine andere Meinung. Er glaubt nicht, dass eine striktere Gesetzesgrundlage gegen die Verantwortlichen eine Änderung bewirken wird. Seiner Meinung nach müssen familiäre Werte gestärkt werden.

Bereits 2013 wurde in Kolumbien ein Gesetzesentwurf gegen Säureattacken erarbeitet, das Gesetz 1639. Vorgesehen ist an erster Stelle eine Verlängerung der Strafe für TäterInnen auf sechs bis zehn Jahre. Wenn die Attacke auf Gesicht oder Hals verübt wird, soll die Strafe zwischen minimal acht und maximal fünfzehn Jahren liegen. Der Gesetztesentwurf enthält zudem Angaben über medizinische, psychologische und rechtliche Dienstleistungen für die Opfer, inklusive kostenloser Operationen zur Widerherstellung der Physionomie und Funktionalität der betroffenen Körperstellen. Schlussendlich soll der Verkauf von Säure stark reglementiert werden.

Bis anhin ist die Rechtslage in Kolumbien so, dass Säureangriffe in die Kategorie von persönlichen Angriffe fallen, wie etwa Schläge, und nicht als Attentat auf das Leben gelten. Die Strafen für diese Kategorie sind im Verhältnis zu den physischen und emotionalen Schäden inadäquat. Dazu kommt die Straflosigkeit. Von den 926 registrierten Säureangriffe in den letzten 10 Jahren, kam es nur zu drei Verurteilungen.[6]

Der neue Gesetzesentwurf wäre ein enormer Fortschritt zur aktuellen Lage, würde er dann endlich implementiert. Zwar wurde er im Juli 2013 entworfen, doch zur Umsetzung fehlt anscheinend der politische Wille. Noch immer ist die Reglementierung zweier Artikel seitens der Regierung ausstehend. Der erste betrifft die Kontrolle beim Verkauf, bei der das nationale Institut für Medikamenten- und Nahrungskontrolle INVIMA ein Register einführen muss. Zweitens muss ein Aktionsplan zur Betreuung der Opfer vorgelegt werden[7].

Gründe und Statistiken zu Säureangriffe
Laut der Organisation „Acid Survivors Foundation[8] werden durch Säureangriffe Geschlechterungleichheiten und –Diskriminierung sichtbar. Oftmals werden Frauen angegriffen, weil sie gesellschaftliche Normen ignorieren und aus einer unterordneten Position ausbrechen. In vielen asiatischen Länder ist dies beispielsweise der Fall, wenn eine Frau einen Heiratsantrag ablehnt. Über viele Jahre hinweg waren die Opfer in 99% weiblich, und die Täter männlich, so die Stiftung. Weltweit kann gesagt werden, dass sich Opfer und TäterInnen in den meisten Fällen kennen oder gar familiäre Bindungen aufweisen. In den letzten Jahren wurden aber auch vermehrt Angriffe von Männer auf Männer, etwa wegen Landkonflikten, Familienstreitigkeiten, Eifersuchtsdramen und geschäftlicher Rivalität, oder von Frauen auf Frauen wegen Konkurrenz im Schönheitswettbewerb und anderen Bereichen gemeldet. Zudem sind ein Viertel aller Opfer Kinder.

In Kolumbien werden die Säureangriffe oftmals mit dem weitverbreiteten Machismus in Verbindung gebracht. In dieser Logik geht es um gekränkten Männerstolz, Besitz, Rache und Strafe. Indem den Frauen eine soziale Markierung auferlegt wird, die sie ein Leben lang mit sich herumtragen, sollen sie auch mit keinem anderen Mann glücklich werden.

Doch diese Analyse ist mit Vorsicht zu geniessen und muss genauer untersucht werden. Denn was auf den ersten Blick eine Genderproblematik scheint, muss nicht nur das sein. In 456 der 926 berichteten Fälle sind die Opfer männlich. Ferner ist die Tatsache zu betrachten, dass in 126 der registrierten Fälle der mutmassliche Täter ein Militär-, Polizei oder Gefängnisangestellter ist. In 99 dieser Fälle ist auch das Opfer männlich[9]. Es geht also auch um Männer, die anderen Männern schaden wollen.

Bedacht werden muss auch, dass in Kolumbien die Säureattacke in vielen Fällen für wenige Pesos in Auftrag gegeben werden. Dies führt dazu, dass es eine materielle (oftmals unbekannten) Urheberschaft und eine Intellektuelle dahinter gibt. Nicht immer ist also das Geschlecht des Angreifers klar ersichtlich. Ferner beinhaltet das Formular bei der Anzeige einer Säureattacke keine Angaben zum Geschlecht der mutmasslichen Täterschaft. Diese als ausschliesslich männlich zu sehen, ist also auch heikel.

Die Säure auf der Seele bleibt
Klar ist, dass die körperlichen Folgen irreversibel sind. Das Ziel der AttentäterInnen ist in den meisten Fällen das Gesicht – das Symbol weiblicher Schönheit und der Identität generell. Aber auch Hals, Brust, Schultern, Rücken und manchmal der Genitalbereich sind betroffen. Die Therapien sind langwierig und mässig erfolgreich, sie beinhalten durchschnittlich gegen zwanzig Operationen. Ein betroffenes Gesicht ist für immer gekennzeichnet. María Victoria Uribe, Anthropologieprofessorin an der Universität Rosario, sagt, es handle sich bei Säureangriffe um zwei Delikte und zwei Folterungen die sich zu einem vereinen: Das Leben eines Menschen wird zerstört, ohne Notwendigkeit eines Tötungsdeliktes[10].

Die psychischen Folgen lassen sich nicht in Fakten fassen. Was dies für die betroffenen Frauen und Männer bedeutet, wissen nur sie selber wirklich. Nebst dem körperlichen und physischen Schmerz, bleiben auch wirtschaftliche Folgen. Wenn es um die berufliche Wiederintegration von Betroffenen geht, will niemand Verantwortung übernehmen. Die wenigsten Opfer mit einem entstellten Gesicht finden jemals wieder eine Anstellung, und wenn doch, dann in einem dunklen Archiv oder ähnlichem. Die Gesellschaft schaut weg und auch der Staat kümmert sich bis anhin nur wenig. Auch weggeschaut wird zudem bei der Frage, was es über eine Gesellschaft aussagen, wenn deren Mitglieder Säure verwenden um auf zwischenmenschliche Uneinigkeiten zu reagieren.


[1] Avaaz, Protección para las mujeres en Colombia / Ley contra la violencia de género YA!  https://secure.avaaz.org/es/petition/Proteccion_para_las_mujeres/

[2] Procuraduría, 31.03.2014, Procuraduría General de la Nación constituyó agencia especial para intervenir en la investigación por el ataque con ácido que sufrió una mujer en Bogotá  http://www.procuraduria.gov.co/portal/Procuraduria-General_de_la_Nacion_constituy__agencia_especial_para_intervenir_en_la_investigaci_n_por_el_ataque_con_acido_que_sufri__una_mujer_en_Bogot__.news

[3] Cablenoticiastv, 02.04.2014, https://www.youtube.com/watch?v=0tM0toc1zHA

[4] Spiegel, 18.08.2013, Säureattacken in Kolumbien: Feige Rache gekränkter Männerhttp://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegen-frauen-in-kolumbien-nimmt-die-zahl-der-saeureattacken-zu-a-917102.html#ref=rsshttp://www.spiegel.de/panorama/justiz/gewalt-gegen-frauen-in-kolumbien-nimmt-die-zahl-der-saeureattacken-zu-a-917102.html#ref=rss

[5] BBC,  04.04.2014, Alarma y repudio en Colombia por ataques con ácidohttp://www.bbc.co.uk/mundo/noticias/2014/04/140404_colombia_ataques_acido_wbm.shtml

[6] El Espectador, 07.04.2014, A revisión 936 casos de ataques con ácidohttp://www.elespectador.com/noticias/bogota/revision-936-casos-de-ataques-acido-articulo-485545

[7] El Tiempo, 07.04.2014, Decreto que reglamenta ley por ataques con ácido estará en una semanahttp://www.eltiempo.com/justicia/ley-que-castiga-ataques-con-acido_13798576-4

[8] Acid Survivors Fundation, http://www.acidsurvivors.org

[9] Las 2 Orillas, 10.04.2014, Hay 456 hombres en Colombia que también son Natalia Poncehttp://www.las2orillas.co/hay-456-hombres-en-colombia-que-tambien-son-natalia-ponce/

[10] Razón pública, 13.04.2014, Ataques con ácido: ¿a qué nos estamos enfrentando?http://www.razonpublica.com/index.php/econom-y-sociedad-temas-29/7555-ataques-con-%C3%A1cido-%C2%BFa-qu%C3%A9-nos-estamos-enfrentando.html

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

Es sind 8 Röstereien in der Schweiz, die exklusiv den Dezalé-Kaffee rösten und verkaufen:

www.diamantkaffee.ch

www.hosennen-kaffee.ch

www.kuengkaffee.ch

www.kaffee-knubel.ch

www.cafedumonde.ch

www.lacolumbiana.ch

www.spielhofkaffee.ch

www.oetterlikaffee.ch

Weitere Informationen direkt bei: dezalecafe@remove-this.yahoo.com