02/12/09

Zeugenbericht von Jessica Hoyos

12.02.2009 | von Informationsabteilung der Nationalen Gewerkschaftsschule ENS

„Ich bin Jessica Hoyos Morales, Tochter von Jorge Dario Hoyos Franco, einem der 2‘694 straflos in Kolumbien ermordeten Gewerkschaftler.

Bis vor acht Jahren lebte ich zusammen mit meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Vater in Fusagasugá. Der Vater war ein Träumer, engagiert für die Gerechtigkeit. Ihn schmerzte die Unterdrückung und das Elend, weshalb er sich schon sehr jung für das Engagement in den Gewerkschaften entschied. Er begann in Landarbeitergewerkschaften und später arbeitete er in der Internationalen Vereinigung der Minenarbeiter.

In unserem Ort entwickelte mein Vater eine breite gewerkschaftliche Tätigkeit, arbeitete mit Studenten- und Frauenorganisationen zusammen und unterstützte sie bei der Einforderung ihrer Rechte. Durch diese Arbeit kam er zu Anerkennung und gewann sich die Zuneigung der Leute. Mein Vater war ein fröhlicher, grosszügiger Mensch, der uns seine Zärtlichkeit, seine Liebe und seine Solidarität mit den Menschen lehrte. Er lehrte mich auch die menschliche Verantwortung, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Von klein auf war ich Zeugin von Hausdurchsuchungen durch die Sicherheitskräfte und von Drohungen gegen meinen Vater. Wir bekamen Telefonanrufe mit Drohungen, Einladungen zur Beerdigung meines Vaters, Grabkränze und waren Ziel von Verfolgung. So lernte ich, dass die gewerkschaftliche Tätigkeit in Kolumbien gefährlich ist, und dass denken und protestieren das Leben in Gefahr bringt.

Trotzdem waren wir glücklich. Bis zur Nacht des 3. März 2001, als zwei gedungene Mörder, beide deklarierte Paramilitärs, mehrmals meinem Vater ins Gesicht schossen und ihn ermordeten. Meine Mutter und meine Schwester, die erst 14 Jahre alt war, fanden den Vater auf dem Boden liegend, überall Blut. Sein Lachen war erstorben, seine Träume ausgelöscht, sein Kuss und seine Umarmung für uns für immer vorbei.

Die Mörder erfüllten die Drohungen. Mein Vater erfüllte sein Wort, dass er das soziale Engagement nie aufgeben werde. Dies war der erste Tod meines Vaters, des Gewerkschaftsführers. Doch dann versuchten die Mörder ihn ein zweites Mal – jetzt definitiv – zu töten. In Kolumbien versuchen sie uns das Vergessen und die Straflosigkeit auf zu zwingen.

Bereits am Tag der Beerdigung nahm die Tragödie ein anderes Gesicht an. Es begannen die Drohungen, Feindseligkeiten, Verfolgungen gegen uns, damit wir keine Anklage einreichen und keine Ermittlung einfordern sollten. Die wirklichen Verantwortlichen sollten nicht ermittelt werden. So wurden wir zu Vertriebenen und mussten uns in Bogotá verstecken. Aber auch dort wurden wir immer wieder entdeckt, so dass wir fünf Mal den Wohnort wechseln mussten.

Wie bei den anderen 2‘694 Morden an GewerkschaftlerInnen, tauchte die Straflosigkeit schon in der selben Nacht des schrecklichen Verbrechens auf. Die materiellen Täter, zwei jugendliche Auftragsmörder, wurden verhaftet. Sofort nach ihrer Verhaftung besuchte sie ein Polizist, welcher ihnen einschärfte, was sie bei der Einvernahme sagen sollten. Die von den Behörden verfolgte Hypothese war, dass es sich um ein Beziehungsdelikt handle, weil mein Vater eine Beziehung mit der Frau eines anderen Mannes habe. Es ist eine typische Erklärung der kolumbianischen Behörden, um die Wahrheit zu verschleiern.

Treu dem Gedenken an meinen Vater und seines Kampfes für Wahrheit und Gerechtigkeit, begann ich mit 17 Jahren den gleichen Kampf wie Tausende von Jugendlichen, Witwen, Eltern und Geschwister auf der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Rechte der Opfer, die in Kolumbien verweigert werden. Daher gab ich eine Vollmacht an das Anwaltskollektiv José Alvear Restrepo, mich als Zivilklägerin im Prozess zu vertreten.

Im Jahr 2003 wurden die beiden bezahlten Mörder zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wegen vorsätzlichem Mord an einer geschützten Person, da mein Vater Gewerkschafter war. Doch diese Verurteilung bedeutete nicht das Ende der Straflosigkeit. Die Suche nach den Auftraggebern führte bloss zur Aufnahme von Ermittlungen gegen den Polizei-Unteroffizier Monroy. Dieser wurde nach dem Verbrechen – als weiterer Mechanismus der Straflosigkeit – rückwirkend auf Februar 2001 entlassen. So wurde versucht zu zeigen, dass er am 3. März 2001, als das Verbrechen verübt wurde, bereits nicht mehr diensttuender Polizist war. Im Strafprozess konnte jedoch aufgezeigt werden, dass der Mord an meinem Vater seit Dezember 2000 geplant worden war.

Der Polizist Monroy war stets flüchtig. Er wurde nie verhaftet. Im August 2007 wurde er zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wegen Mordes am Gewerkschafter Jorge Dario Hoyos Franco. Dieses Urteil wurde vom kolumbianischen Staat als grosser Erfolg der Justiz publiziert. Wer weiss, vielleicht hätte es ja ein Erfolg sein können, doch im Dezember 2008 entdeckte ich durch eine einfache Anfrage an die nationale Einwohnerbehörde, dass Monroy am 3. Mai 2006 gestorben war. Das heisst, man hatte einen Verstorbenen verurteilt, der nach wie vor von der Staatsanwaltschaft gesucht wird.

Trotz der beiden Verurteilungen, in denen die kolumbianischen Richter klar urteilten, dass mein Vater aufgrund seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit ermordet wurde, hielt die Staatsanwaltschaft bis 2008 an der Hypothese eines Beziehungsdeliktes fest, um so die Wahrheit zu verdecken. Internationaler Druck war notwendig, damit auch die Staatsanwaltschaft anerkannte, dass mein Vater wegen seines gewerkschaftlichen Engagements getötet worden war.

Ich habe den materiellen Tätern verziehen, doch fordern wir die Ermittlung der intellektuellen Täter. Die Morde an Gewerkschaftern sind in Kolumbien die Folge einer systematischen Politik des Staates. Wir wissen, dass es Beweise über weitere Verantwortliche gibt, welche den Tod meines Vaters geplant haben, darunter auch Mitglieder der Armee. Das Ermittlungsverfahren ist noch offen, doch werden die geforderten Beweise nicht eingeholt, ebenso wenig sind weitere Verantwortliche in das Verfahren einbezogen worden.

Immer noch suche ich zusammen mit den Söhnen und Töchtern für die Erinnerung und gegen die Straflosigkeit die Wahrheit auf diesem Weg gegen das Vergessen. In dieser Bewegung sind die Kinder jener Eltern vereint, welche Träume der Gerechtigkeit und Gleichheit hatten.“

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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

Foto: Christian Reichenbach

Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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