01/29/16

Rücktritt des obersten Ombudsmannes für Menschenrechte

29.01.2016

Eine Anzeige wegen sexueller Nötigung am Arbeitsplatz ist zurzeit in allen kolumbianischen Medien. Angeklagt ist der höchste Beamte für Menschenrechte, der Direktor der Defensoría del Pueblo, Jorge Armando Otálora. Entgegen seiner anfänglichen Aussagen musste er bald zurücktreten. Die Berichterstattung über den Fall in den kolumbianischen Medien zeigt einen befremdlichen Fokus auf Schönheit, Alter und Karriere. Die strukturelle Geschlechtergewalt dahinter wird grösstenteils ignoriert.

An die Öffentlichkeit gelangte der Fall in der sonntäglichen Kolumne von Daniel Coronell in Semana[1]. Zusammengefasst geht es dabei darum, dass die persönliche Mitarbeiterin des Defensors del Pueblo, Astrid Helena Cristancho, gekündigt hatte, weil er sie am Arbeitsplatz verbal angegriffen und sexuell belästigt hatte. Belegt wird dieser Tatbestand mit dem Kündigungsschreiben, Fotos und gespeicherten Chats. Otálora sah sich gezwungen, Stellung zu beziehen: Es habe sich um eine seriöse Liebesbeziehung gehandelt, die privat sei und keinen Anlass zum Rücktritt gäbe. Als schliessen sich Liebesbeziehung, Privatleben und sexueller Übergriff per se aus. Schliesslich wurde der Druck zu gross und veranlasste Otálora doch zum Rücktritt.

Die Berichterstattung in den kolumbianischen Medien
Beeindruckend an den Vorfällen war, was die kolumbianischen Medien und die KolumbianerInnen in Social Medias schrieben und kommentierten. Besonders in den Zeitungsartikeln und den Kommentaren dazu ging es darum, wie jung und hübsch Astrid Helena Cristancho sei. Eine ehemalige Schönheitskönigin, da könne es ihr nur um Geld und Karriere gehen, überhaupt zu jung, um die beruflichen Qualifikationen als Anwältin mitzubringen, unglaubwürdig, weil sie zwei Jahre mit der Anzeige gewartet habe. Und er, alt, hässlich und zu klein, sei sowieso ein Indigener. Der Fokus fällt bei beiden auf Aussehen, Alter, Geld und Herkunft. Davon abgeleitet wird, wie viel Glauben ihnen geschenkt wird. Selbstverständlich gilt vorerst die Unschuldsvermutung, wie diese aber mit genannten Faktoren in Zusammenhang steht, sei dahingestellt.

Fast gänzlich unerwähnt bleibt in der ganzen Berichterstattung die strukturelle Geschlechter- und Machtdimension, welche der Fall aufzeigt. Einzig in einem Kommentar steht: „El acoso laboral y sexual es tan colombiano como la bandeja paisa“ und spielt damit, nicht gerade differenziert, auf die systematische und omnipräsente Geschlechtergewalt an. Tatsächlich hat die nationale Polizei Ende letzten Jahres Zahlen präsentiert, denen zufolge sexuelle Gewalt gegenüber Frauen innerhalb eines Jahres um 206% zugenommen haben, jene der innerfamiliären Gewalt um 120%. Claudia Mejía, Direktorin der Frauenrechtsorganisation Sisma Mujer, deutet dies einerseits als Bestätigung, dass in Kolumbien nach wie vor eine sehr asymmetrische Beziehung zwischen Frauen und Männer herrsche, aber auch, dass sich die Frauen zunehmend ihrer Rechte bewusst seien und sexuelle Gewalt nicht länger hinnehmen und schweigen würden[2]. Tatsächlich ist das Positive der ganzen Berichterstattung, dass der Fall auch eine Debatte über die Häufigkeit von Übergriffen am Arbeitsplatz, sexueller oder anderer Art, auszulösen beginnt.

Die Glaubwürdigkeit der Institution
Viel zu wenig Einzug in die Medien finden auch die Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Institution. Die Defensoría del Pueblo sollte eine konstitutionelle und eigenständige Einrichtung sein, wie es die Verfassung von 1991, auf welcher ihre Gründung zurückgeht, ausführt. Es sei „die zuständige Institution des kolumbianischen Staates, um die Menschenrechte aller BewohnerInnen auf nationalem Boden sowie der KolumbianerInnen im Ausland, im Rahmen des demokratischen, partizipativen und pluralistischen Sozialstaates, umzusetzen. Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Institution, die sich selber um  Menschenrechte kümmert, führen zu einem ernsthaften Reputationsschaden. Der Direktor der Defensoría del Pueblo ist nicht einfach ein Beamter, sondern hat auch eine moralische Referenz. 

Besonders für die kolumbianische Frauenrechtsbewegung war deshalb von Anfang an klar, dass der Rücktritt die einzige Option ist und sie diesen erreichen werden[3]. Deshalb haben sich zwölf Frauenrechtsorganisationen zusammengeschlossen und öffentlich für den Rücktritt plädiert, politischen Druck auf die öffentliche Verwaltung (Procuraduría), der die Defensoría unterstellt ist, ausgeübt und die strafrechtliche Anzeige unterstützt. Sie stünden alle hinter Astrid Cristancho und werden diesen Weg mit ihr gehen, denn es gäbe noch viele weitere Opfer von sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz. Nach nur drei Tagen haben sie ihr Ziel erreicht. Es war der einzige Weg, womit die Defensoría del Pueblo ihren Slogan, „Seien Sie sich Ihrer Rechte bewusst – fordern Sie sie ein“[4] vielleicht bald wieder glaubwürdig vertreten kann. Vorausgesetzt, die Medien berichten über mehr als das Aussehen der Person, welche die Institution als nächstes leiten wird.

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[1] Semana, 23.01.16, El acoso no era solo laboral, también sexualhttp://www.semana.com/opinion/articulo/daniel-coronell-el-acoso-no-era-solo-laboral-tambien-sexual/457672-3

[2] Contagioradio, 27.01.16, Caso Astrid Helena Cristancho una radiografía de la violencia sexual en Colombiahttp://www.contagioradio.com/caso-de-astrid-helena-cristancho-una-radiografia-de-la-violencia-sexual-en-colombia-articulo-19723/

[3] La Silla vacía, 25.01.16, Solo las mujeres pueden tumbar al Defensorhttp://lasillavacia.com/node/52869

[4] Defensoría del Pueblo, http://www.defensoria.gov.co/

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08.12.2016


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26.10.2016

Dezalé - Café de origen

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Im Hochland von Inzá (Cauca) produzieren kleine Familienbetriebe in ökologisch wertvollen Mischkulturen ein sortenreinen Spezialitätenkaffee. "Dezalé - Café de origen". Dieser wird ohne Zwischenhandel, direkt und exklusiv an acht ausgewählte Röstereien in der Schweiz exportiert. Der stolze Bauer erhält dadurch ca. 150 -170 % des aktuellen Marktpreises. Fairer als Fairtrade! "Dezalé" wurde als Kooperative im Jahr 2001 von Hansruedi Auer-Lopéz gegründet. Heute sind 45 Familienbetriebe am sozialen Projekt beteiligt.

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